Donnerstag, 2. April 2020

SWR 2020: Spätzlesender auf Speed



Entspanntes Team: Clemens Bratzler, Anke Mai, Kai Gniffke
Muss ein neues Management die Entscheidungen ihrer Vorgänger vertreten, kann das manchmal paradox wirken. Die Führungsriege steht dann für Produkte gerade, die sie nicht zu verantworten hat. Vor diesem Problem stand am 7.Februar in Stuttgart die neue Chefetage des Südwestrundfunks (SWR) auf der Programmpressekonferenz 2020. Regelmäßig werden zu Jahresbeginn die Highlights des Saison vorgestellt. Intendant, Kai Gniffke war sich der besonderen Situation bewusst und meinte zu Beginn selbstironisch, er schmücke sich hier ja eigentlich mit 'fremden Federn'. Das Programmangebot sei schließlich vom alten Management des Senders auf die Schiene gesetzt worden. Er und sein neues Team mit den Programmdirektoren, Anke Mai (Kultur) und Clemens Bratzler (Information) wollten diese Pressekonerenz deshalb vor allem dazu nutzen, ihre Vorstellung vom künftigen SWR zu skizzieren. So möchte man die oft abschätzig als 'Spätzlesender' geschmähte zweitgrößte ARD-Anstalt künftig als die Online-Adresse der Arbeitsgemeinschaft positionieren. Dementsprechend offensiv verkündete die Pressemitteilung: "Der SWR 2020: Innovativ, investigativ und lebensnah".

Die neue Führungsspitze will den oft behäbig wirkenden SWR künftig als 'Spätzlesender auf Speed' tunen. Intendant Gniffke betonte daher, das von ihm eingesetzte "Innovationslabor" in Baden-Baden werde bis zum Sommer neue Formate und Programmideen präsentieren. Dabei setze er nicht mehr primär auf lineares Fernsehen, sondern um Präsenz auf allen digitalen Plattformen. Demnach konnte die ARD-Mediathek, die der SWR verantwortet, eine Anstieg der Abrufe von 65 Millionen im Oktober 2019 auf 87 Millionen im Januar 2020 verzeichnen. Die Nummer Zwei im neuen SWR-Direktorium, Clemens Bratzler, geizte ebenfalls nicht mit anvisierten Superlativen. Er will mit großen Partnern außerhalb des SWR das Programmangebot ausbauen - dabei schwebt ihm als Ziel eine Art 'National Geographic' für jüngere Zuschauer vor. Mit dem im Juni 2019 auf Youtube gestartete SWR Doku-Channel, der aktuell auf 32.000 Abonnenten hat, sieht er den SWR auf dem richtigen Weg. Derzeit bietet der Online-Kanal 81 Dokumentationen per Abruf und wöchentlich kommen zwei neue hinzu. Der Intendant unterstütze Bratzlers Kurs und betonte, bei neuen Koproduktionen seien für ihn die Erstausstrahlungsrechte weniger wichtig. Da folgt er dem Modell der ARD, die "Berlin Babylon" gemeinsam mit dem Bezahlkanal Sky produzierte und erst ein Jahr nach Ausstrahlung im Pay TV im Ersten und ihrer Mediathek anbieten durfte.

Wie diese Innovationen, angesichts des seit Jahren laufenden Sparkurses beim SWR, umgesetzt werden und was das für die Arbeitsbelastung im SWR bedeutet, dazu gab sich die Führungsriege einsilbig. Bereits heute beklagen Journalisten wachsenden Arbeitsdruck durch Trimedialität (TV, Radio, Internet). Einen Tag vor der Pressekonferenz berichtete eine Tageszeitung, künftig werde die Produktion der Radionachrichten für alle Wellen in Baden-Baden erfolgen. Dies bestätigte die Landessenderdirektorin für Baden-Württemberg, Stefanie Schreiber, betonte aber, es werde keine Einheitsnews geben. Dem schloss
Stefanie Schreiber vertrat die Landessender
 sich auch Clemens Bratzler an, räumte dann aber ein, dass künftig ein Redakteur für die Nachrichtenauswahl der jeweiligen Wellen zuständig sein soll. Für den Intendanten ist diese Konzentration nur der Anfang, auch auf anderen 'Feldern' sei ähnliches geplant - was er damit meinte, behielt er für sich. Kurz und etwas farblos blieb der Auftritt der Programmdirektorin Kultur, Anke Mai.  Dies dürfte nicht nur daran gelegen haben, dass sie erst eine Woche zuvor den 'Dienst' angetreten hatte. Ihr Statement zum Hörfunk bezog sich alleine auf die anvisierten jüngeren Hörer. Sie stellte den TV-Stream der Pop-Welle SWR 3 und das Angebot des Online-Jugendkanals 'Funk' in ihren Focus. Keine Rolle spielte in der Präsentation das Kulturprogramm SWR 2, einst immer ein Thema auf den  Programmpräsentationen des SWR. Auf entsprechende Nachfrage zur Zukunft der anspruchsvollen Programme meinte der Intendant, er strebe eine verstärkte Zusammenarbeit der ARD-Kulturwellen an. Da dürften einigen in Baden-Baden - dem Stammsitz von SWR 2 - die Ohren geklungen haben. Immerhin investiert der SWR in sein Kulturprogramm den Großteil des Radiobudgets - bei überschaubaren Hörerzahlen. Ein harter Sparkurs per ARD-Kooperation könnte hier schnell zu Lasten der Programmvielfalt gehen...


Ein Novum dieser Pressekonferenz war, dass der Intendant und die Direktoren nach Ende der Veranstaltung für Einzelgespräche zur Verfügung standen. Hatte Gründungsintendant Peter Voss einst eher majestätische Audienzen abgehalten, war dies unter seinem Nachfolger Peter Boudgoust abgeschafft worden. Der Verwaltungsfachmann war immer freundlich aber auch verschlossen bis einsilbig zu den Medien. Das Gesprächsangebot der neuen Führungscrew dürfte ein Signal gewesen sein, mehr die Öffentlichkeit erreichen zu wollen - allerdings nutzte nur eine Handvoll der 25 anwesenden Journalisten die Möglichkeit. 

Die Kulturdirektorin Anke Mai, zuvor beim Bayerischen Rundfunk, räumte ein, es gebe beim SWR komplexere Strukturen als in München. So muss sie sich mit den zwei Landessenderdirektorinnen für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz absprechen, denn hier werden die regionalen Radiowellen SWR 1 und SWR 4 produziert. Direkten Zugriff hat die neue SWR-Kulturdirektorin eigentlich nur auf die in Baden-Baden für das gesamte Sendegebiet produzierten Programme SWR 2 und SWR 3. Anke Mai betonte daher, sie wolle sich um weniger kompliziert Strukturen zwischen Mainz, Stuttgart und Baden-Baden bemühen. Über digitale Verbreitungswege will sie neue Hörergruppen für das Kulturprogramm SWR 2 erschließen. Dabei setzt auch sie auf die verstärkte Kooperation mit anderen Kulturwellen der ARD-Anstalten.

Plusminus-Moderatorin Alev Seker leitet die Pressekonferenz
In Baden-Württemberg leben mehr als elf Millionen Menschen (Statistisches Landesamt 2017), über 3,3, Millionen mit einem  Migrationshintergrund. Während bei anderen ARD-Anstalten mittlerweile ModeratorInnen mit Migrationshintergrund aul ModeratorInnen selbstverständllich sind (NDR-WDR) gilt für den SWR: Fehlanzeige. Außerdem ist das im Programm vermittelte Bild des Bundeslandes immer noch stark Brauchtum und ländlicher Idylle orientiert - mit schwäbischem Schwerpunkt. Dessen ist sich Clemens Bratzler durchaus bewusst. Er will die Vielfalt künftig auch bei den Presentern auf dem Bildschirm fördern. Vielleicht wurde deshalb die SWR-Pressekonferenz durch die neue SWR-Moderatorin der Wirtschaftssendung Plusminus im Ersten, Alev Seker, geleitet. Aber ach Bratzler sthet vor dem Problem, sich beim Landesprogramm mit den beiden Landessendern in Mainz und Stuttgart verständigen zu müssen, denn hier werden die regionalen TV-Fenster im Südwestfernsehen verantwortet. Nicht besonders Innovationsfördernd scheint auch der Altersduchschnitt der Zuschauer zu sein - liegt er doch deutlich über 60 Jahren. Hinzu kommt, dass Baden-Württemberg immer noch stark ländlich und konservativ geprägt ist. Der neue TV-Chef ist aber in Stuttgart schon lange 'im Geschäft' und kennt die Widerständen. Mangelndes Selbstbewusstsein zeichnet Bratzler nicht aus, hatte er sich doch letztes Jahr ebenfalls um den Intendantenposten beworben.

Mittlerweile hat der SWR, wie andere öffentlich-rechtliche Anstalten mit journalistischen Nachwuchsproblemen zu kämpfen. Einst standen die Bewerber für ein Volontariat Schlange, das ist heute nicht mehr so, bestätigte der TV-Chef. Die Gründe sind für Bratzler klar, für viele Jüngere seien die Angebote von ARD und ZDF heute kaum noch Bestandteil ihres Medienalltags. Dem will er mit einem verstärkten Online-Engagement, wie dem Doku-Kanal auf Youtube, etwas entgegensetzen. Das das Angebot ankomme, zeige die Dokumentation zum zehnjährigen Gedenken an das Schulmassaker in Winnenden. Während der Film im Südwestfernsehen rund 100 000 Zuschauer erreicht habe, seien die Abrufe im SWR-Dokukanal um ein Vielfaches höher gewesen. Der Trend geht zur zeitunbhängigen TV-Nutzung über Mediatheken.

Kenner des SWR kritisieren seit seiner Gründung das komplexe Standort- und Gremiengeflecht des Senders. So gibt es zwei Landessender mit entsprechenden Direktionen (Stuttgart, Mainz), die Intendanz sitzt in Stuttgart, Kultur wird vor allem in Baden-Baden produziert, der Justiziar wurde in Mainz angesiedelt. Im SWR machte lange das Bonmot die Runde, die Direktoren würden mehr Zeit in der Bahn oder im Dienstwagen verbringen, als am Schreibtisch. Neben dem Rundfunkrat gibt es zwei Landesrundfukräte in den beiden Bundesländern. Dessen ist sich Kai Gniffke bewusst als er betonte, frühere Reibungen im Direktorium gehörten der Vergangenheit an, das Verhältnis sei mittlerweile sehr entspannt. Auf die Frage, welche Rolle der SWR künftig in der ARD spielen solle, verwies er auf den Schwerpunkt Online - schon heute sei man für die Mediathek des Senderverbundes zuständig. Gniffke will, dass der SWR künftig als innovativer, nonlinearer und schnell agierender Sender gesehen wird. Auf die aktuelle Entwicklung der Rundfunkabgabe angesprochen meinte er, die einst diskutierte Index-Lösung, also eine automatische Steigerung entlang der Preisentwicklung, sei 'tot'. Er setzt darauf, dass der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk den Bürgern vermitteln muss, wofür das System steht. Das erklärt wohl auch, warum er als einziger Intendant einen eigenen Blog hat.

Abwarten, ob 2021 die Stimmung auch noch so fröhlich sein wird.....

Abschließend kann man festhalten, das neue SWR-Führungspersonal wollte in Stuttgart ein Zeichen für einen Aufbruch geben. Ob und wie sich das im Programm niederschlägt, bleibt abzuwarten - in einem Jahr wissen wir mehr.....

Sonntag, 22. März 2020

Wie die Polizei einen Polizisten fertigmacht


Caroline Wenzel  - Ernst Kappel
Es gibt bemerkenswerte Bücher und bemerkenswerte Veranstaltungen - so am 10. März 2020 im Hospitalhof in Stuttgart. An diesem Abend wurde das Buch: "System Polizei - Der Kommissar und der Amoklauf von Winnenden" (1) der Öffentlichkeit vorgestellt. Autoren sind die Fernsehjournalistin Caroline Wenzel und der Kriminaloberkommissar im Ruhestand Ernst Kappel. Sie lasen vor den rund 100 Besuchern im Evangelischen Bildungszentrum Hospitalhof in Stuttgart aus dem Buch, darauf folgte eine lebhafte Diskussion. 

Die Geschichte des Ernst Kappel ist die eines Beamten, der sich selber als "Vollblutbulle" bezeichnet. Seit seinem Einstieg bei der Polizei Mitte der 1980er Jahre war er bei vielen gefährlichen Einsätzen an 'vorderster Front' eingesetzt - und war stolz darauf. (PS: Wer weiß, ob wir uns am Bauzaun begegnet sind.....) Dann kam der 11. März 2009, der sein Leben völlig veränderte. An diesem Tag erschoss ein Amok laufender Jugendlicher in Winnenden bei Stuttgart insgesamt 15 Menschen und zum Schluss sich selbst. Ernst Kappel war damals sechzehn Stunden lang im Einsatz. Dazu gehörte am Ende des Tages die Leichenschau im Bosch-Krankenhaus in Stuttgart. Danach litt Kappel zunehmend unter psychischen und körperlichen Problemen, die aber von seinen Vorgesetzten und dem 'System Polizei' ignoriert wurden. Er musste jahrelang gegen seinen Dienstherren prozessieren, damit seine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) als Dienstunfall anerkannt wurde. Heute ist Ernst Kappel im Ruhestand und leidet an einem  heimtückischen Hirntumor im Endstadium. Er hat nie den Kampf um sein Recht aufgegeben - was der Abend im Hospitalhof zeigte.

Jürgen Röhr
Kappel hatte sich 2012 nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit seinem Dienstherren entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen - 'Der Spiegel' brachte einen großen Artikel, es folgten TV-Berichte bei Report-Mainz und im Regionalfernsehen des Südwestrundfunks (SWR). Danach sah man ihn in der Polizei als 'Nestbeschmutzer', es begann ein Kesseltreiben gegen Ernst Kappel. Das es sich nicht um einen Einzelfall handelt, verdeutlichte auf dem Podium Jürgen Röhr. Er war 2003 im Einsatz angeschossen worden und hatte monatelang in Koma gelegen. Im Jahr 2007 hatte er dann mit anderen Betroffenen eine Selbsthilfegruppe für im Dienst verletzte Polizisten gegründet. Sein Statement in Stuttgart zeigte, dass Ernst Kappel kein Einzelfall ist. Die Devise der Führung lautet: Vertuschen, Verschweigen, Druck ausüben - dabei hilft falsch verstandener Korpsgeist vieler Polizisten, gemischt mit Angst um die Karriere. 

Nach etwa einer Stunde Diskussion war im Publikum deutliche Fassungslosigkeit und Erschütterung spürbar. Kurz vor Schluss ergriff dann eine Frau das Wort und sofort war klar, hier sprach keine Einzelperson, sondern das "System Polizei". Schon ihre Wortwahl "wir" - die Polizei habe sich dem Problem angenommen, machte das deutlich. Demnach habe "man" überall 'Soziale Berater' in den Dienststellen - "man" kümmere sich. In seiner Antwort wies Jürgen Röhr, darauf hin, dass solche 'Berater' in den Dienststellen nach dem Motto rekrutiert würden, wer dafür Zeit habe. Laut den Autoren gibt es in den Revieren und Dienststellen in Baden-Württemberg 3 ausgebildete Psychologen. 

In ihrem Statement betonte die Unbekannte am Mikrophon, es gebe keinen Zusammenhang zwischen Frühverrentung betroffener Beamter und dem Ziel, über deren Planstellen zu verfügen. Im Expertenteil des Buches sagt Kappels Anwalt Oliver Leuze: "Es ist allgemein im Beamtenrecht so, dass Beamte, die nicht voll arbeiten können, eine Stellen besetzen und den Haushalt belasten. Und wenn sie zur Ruhe gesetzt würden, dann beträfe es einen anderen Haushalt. Und dann ist man sie los. Es ist ein anderer Geldtopf und man hat wieder Mittel für eine Stelle." Entsprechend äußerte sich Mitte März auf Nachfrage ein Sprecher des Finanzministeriums in Stuttgart: Die Rentenzahlungen der Landesbeamten im Ruhestand würden über den Etatplan 12 des Finanzministeriums zentral finanziert. Die Menge der Verrentungen in den Ressorts hätten dagegen keinen Einfluss auf deren Finanzausstattung und die Zahl der Planstellen. 

Wer war die Dame, die im Hospitalhof versuchte, mit argumentativen Nebelkerzen die Polizei reinzuwaschen? Erst später erfuhr ich, dass sich Dr. Stefanie Hinz, Landespolizeipräsidentin in Baden-Württemberg zu Wort gemeldet hatte - ihre Funktion hatte sie wohlweislich verschwiegen. Sonst hätte sie sicherlich dem Publikum Rede und Antwort stehen müssen, was sie wohl vermeiden wollte. Ein Zuhörer fragte danach, ob sich seitens der Polizei nie jemand bei Herrn Kappel entschuldigt habe - Frau Hinz schwieg und verließ nach Ende der Veranstaltung zügig den Saal. Die Courage, einige Worte mit Ernst Kappel zu wechseln, hatte sie nicht.   


Uwe Schill
Berührend war der Auftritt von Uwe Schill, er hatte seine Tochter bei dem Amoklauf in Winnenden verloren. Jahre später las er zufällig den Artikel über Ernst Kappel und nahm Kontakt zu ihm auf. Heute verbindet Schill und Kappel eine tiefe Freundschaft und man konnte sehen, wie schwer es Uwe Schill fiel, einen Auszug aus seinem Buchbeitrag vorlesen - der Tag nach der Lesung war der elfte Jahrestag von Winnenden......


Eine Sternstunde der 'Vierten Gewalt' - der Medien - wurde der Abend im Hospitalhof nicht. Dabei hätte man hier ein Lehrstück in Staatsbürgerkunde publizistisch aufarbeiten können. Niemand von den marktführenden Tageszeitungen in Stuttgart war  erschienen. die "Stuttgarter Zeitung" hatte in ihrem Kalender keinerlei Hinweis gebracht. Zwei andere Veranstaltungen an diesem Tag im Hospitalhof hatte man angekündigt. Wer die jahrelange Protektion von Stuttgart 21 durch die beiden Stuttgarter Tageszeitungen kennt, wundert sich nicht - man geriert sich Staatstragend und nicht der Öffentlichkeit verpflichtet. Aber auch die Kollegen vom 'Alternativen' Online-Wochenblatt "Kontext" glänzten am Abend durch Abwesenheit - damit ging ihnen der Auftritt von Frau Hinz durch die Lappen. Nun ja, es hatte zuvor schon einiger Bemühungen bedurft, dass die Redaktion das Thema aufgreift. Zumindest war auf die Veranstaltung hingewiesen und ein Buchauszug verlinkt worden. Löbliche publizistische Ausnahme: Der TV-Sender regio.tv aus dem Stuttgarter Umland hatte ein Team geschickt und sendete danach einen sehenswerten Bericht. 

Nach Ende der Veranstaltung  ließen sich viele Besucher das Buch von den beiden Autoren signieren.....



(1): Verlag Kloepfer und Narr, Tübingen 333 Seiten hardcover - 25 € 

https://www.regio-tv.de/mediathek/video/der-amoklauf-von-winnenden-polizist-berichtet-ueber-erfahrungen/ 
https://www.swrfernsehen.de/landesschau-bw/Amoklauf-Winnenden-Schicksal-Ernst-Kappel-Uwe-Schill,av-o1210966-100.html?fbclid=IwAR0e5Tl6C4wJPAUgbhKihv-O6cwWhExOkKhvGb5tI6VfFdOIeOIkhIQsFO4 

Sonntag, 2. Februar 2020

Babylon Berlin - Das Boot - TV- Erfolgsmodell?


Geht bei der dritten Staffel der Hut hoch?! 
Foto: Frédéric Batier/X Filme Creative Pool / 
ARD Degeto/ WDR/Sky/Beta Film 2019
Mit großem publizistischem Getrommel ist jetzt beim Pay-TV-Anbieter Sky die, gemeinsam mit der ARD produzierte, dritte Staffel von "Babylon Berlin" gestartet. Mich persönlich haben die 16 Folgen der ersten und zweiten Krimistaffel über das Berlin der 1920er Jahre nicht fesseln können. Ein Blick auf die Neuauflage von "Das Boot" (ZDF/Sky) bestärkt mich in meiner Skepsis, ob solche Kooperationen zwischen Öffentlich-Rechtlichen und Kommerziellen anspruchsvolles  Fernsehen bieten. Bei den als 'TV-Events' bezeichneten Serien geht es vor allem um hohe Zuschauerzahlen. Gerade die jüngeren Zielgruppen und Vielseher sollen mit umfangreichen Serienstaffeln angelockt werden. Bei ihnen ist oft das Phänomen des 'binge watching', auf deutsch: 'Komaglotzen' feststellbar. Sie schauen sich Serien aus Mediatheken oder von Streaming-Anbietern en bloc an. Um sie bei der Stange  zu halten, werden Dramaturgie und Inhalte zumeist eingängig konstruiert, der Zuschauer soll ja nicht das Interesse verlieren und 'aussteigen'. Die Drehbücher sind oft klischeereich, mit eindimensionalen Charakteren und die einzelnen Folgen sollen mit kurzen Spannungsbögen fesseln. Wirtschaftlich entscheidend für die großen und teuren Koproduktionen ist ihre internationale Vermarktung, daher werden 'Eventserien' oft in englischer Sprache gedreht. Die Produzenten von "Babylon Berlin" dürften mit dem Ergebnis zufrieden sein. die rund 40 Millionen Euro teuren Staffeln konnten bisher in 60 Länder verkauft werden.

"Das Boot" im Soap-Design... 
Foto ZDF, Nick Konietzsky/Stefan Rabold


DIe Qualitätsmängel zeigen sich für mich am besten an der Neuauflage von "Das Boot". Produziert wurde die Serie von Sky und Bavaria Fiction, einer gemeinsamen Tochter von ZDF-Enterprises und der ARD-Tochter Bavaria Film. Zuerst lief sie auf Sky, jetzt im ZDF-Hauptprogramm. Im Jahr 1981 hatte Wolfgang Petersen die Romanvorlage von Lothar-Günther Bucheim für die ARD verfilmt. Damals kostete die Produktion die ARD umgerechnet über 34 Millionen Euro - die Neuauflage wurde dagegen mit rund 25 Millionen Euro deutlich günstiger. Während Petersens Filmepos in verschiedenen Versionen heute noch im Fernsehen läuft und einst für mehrere Oscars nominiert war, bin ich mit der ZDF-Serie nicht warm geworden. Die Charaktere der Crew wirkten auf mich, wie aus einer daily soap - smart, hünsch und jugendlich. Es gelang ihnen kaum vielschichte Persönlichkeiten darzustellen - sie wirkten wie Vorabend-TV Abziehbilder. Anstatt das tägliche Elend des U-Bootkrieges zu zeigen, mühen sich die Darsteller im ZDF durch hölzerne Dialoge und einen Plot, der an billige Agentenfilme erinnert. Es gelingt der Serie nicht, die dunkle und oft dämonische Athmosphäre des Films von 1981 zu erzeugen. Während Petersen beim Zuschauer Atemlosigkeit erreichte - war das Produkt von Sky/ZDF dagegen einschläfernd.

Roaring 20ies simuliert. 
Foto: Frédéric Batier/X Filme Creative Pool / 
ARD Degeto/ WDR/Sky/Beta Film 2019
Ähnlich bemüht, ein jüngeres Publikum anzusprechen, scheinen die beiden ersten Staffeln von "Babylon Berlin", die zuerst bei Sky und ein Jahr später im Ersten der ARD ausgestrahlt wurden. Hoher  technischer Aufwand, aber eine mässig spannende Story. Bizarre Krönung: Ein Kesselwagen der Eisenbahn aus Gold sollte aus der Sowjetunion geschmuggelt werden. Die ARD nutzte alle ihre zur Verfügung stehenden Kanäle, um die Serie als das 'TV-Event' des Jahres zu bewerben. So drückte der Südwestrundfunk in seinem Pop-Radio für Ältere (SWR 1) den, textlich wie musikalisch, verquasten Soundtrack der Serie, "Zu Asche zu Staub" in seine Hitparade. Im Film durfte dann Bryan Ferry einen Kurzauftritt absolvieren. 

Keine Frage, das Casting für Babylon Berlin hatte die Schauspieler eingekauft, die im deutschsprachigen Fernsehen derzeit Top sind. Die Folgen hatten durchaus schnelle Momente und gute Dialoge, aber insgesamt wirkte die Dramaturgie insgesamt behäbig und langsam. Immerhin, "Babylon Berlin" befindet sich qualitativ Seemeilen vom ZDF-U-Boot entfernt. da war für mich nach drei Folgen Schluss. 
 
"...Quoten versenkt Kaleu?!"  
 Copyright:ZDF/Nick Konietzsky
Auf Nachfrage teilte die ARD in München mit, dass die beiden Staffeln von Berlin Babylon auf durchschnittlich 4,91 Millionen Zuschauer kamen (15,9% Marktanteil). Dabei seien die ersten drei Folgen im Ersten von 7,88 Millionen (24,4%), die letzten beiden von 3,64 Millionen (11,8%) gesehen worden. Dazu kamen noch etwa 11 Millionen Abrufe aus der ARD-Mediathek. Diese Abrufe der Serie über die Mediathek belegen aber nicht, wieviele Personen eine Folge gesehen haben - ebenso nicht, ob sie komplett angeschaut wurden. Auch ich habe mir Babylon Berlin wie das Boot online angesehen, was meinen TV-Konsum mittlerweile stärker prägt, als das lineare Programme. Die acht Folgen von "Das Boot" kamen im ZDF laut Branchendiensten auf 2,6 Millionen Zuschauer - eine Nachfrage beim ZDF blieb bisher leider ohne Antwort. Wie hoch die Seherzahl auf Sky war, das beide Serien schon ein Jahr zuvor im Pay-TV zeigen konnte, ist nicht bekannt.

Die Ausrichtung von Programmen an der Vermarktungsfähigkeit und massenorientierten Sehgewohnheiten prägt diese 'Event-Poduktionen'. Ob dies der Qualität der Produkte dient, ist für mich schon seit längerem fraglich. Das zeigte sich schon 2013 beim dreiteiligen ZDF-Drama: "Unsere Mütter unsere Väter". * Darin wurde das Schicksal fünf junger Deutscher im Zweiten Weltkrieg gezeigt. Realisiert wurde die Produktion für das ZDF von Nico Hofmann und seiner Produktionsfirma teamworx. Mittlerweile ist Hofmann Chef der Bertelsmann-Tochter UfA-Fiction.

Liegt das Problem also an der Kooperation mit Kommerziellen, die massentauglich sein soll? Ist nicht vielmehr die Behäbigkeit und mangelnde Risikofreude bei ARD und ZDF ausschlaggebend für die Trivialisierung solcher Stoffe? Arte zeigte Ende letzten Jahres die 5. Staffel der britischen Serie "Peaky Blinders - Gangs of Birmingham". Produziert von BBC 2 und Sky, die vom französischen Arte eingekauft worden war, fesselte mich vom der ersten Folge an. Der Plot dreht sich um einen kriminellen irischen Zigeuner-Clan, der im britischen Birmingham der 20er Jahre nach Oben will. Die Verquickung von Verbrechen und Politik reicht bis hinauf ins Unterhaus und zu Winston Churchill. Angefangen bei den Drehbüchern, der Dramaturige, den Dialogen, Kamera, Schnitt und Regie - Rasanz und Tiefe. Außerordentlich auch der Soundtrack, da wurde nicht versucht, Musik zum Teil der filmischen Darbietung zu machen (Babylon Berlin) oder Klaus Doldinger zu recyclen (Das Boot). Bei Peaky Blinders illustriert, kommentiert und konterkarriert die Musik den Plot. Der Titelsong ist von Nick Cave, auch Tom Waits oder Rock aus den 1970ern untermalt die Serie - und es passt!

https://www.youtube.com/watch?v=RrxePKps87k&list=PL3YrSRHtg5381EIWW0NwPGamy03A0IxtS 

Fazit: Vielleicht liegt mein Unbehagen an Babylon Berlin und Das Boot eher daran, dass ARD und ZDF wieder mal mutlos auf Gängiges gesetzt haben......

* siehe auch: https://medienfresser.blogspot.com/2013/03/unsere-mutter-unsere-vater-funf-freunde.html


Montag, 13. Januar 2020

Hamburg 2019 - Meine Hamburgensien Teil 7: 'Sehenswürdig'




Die Häuser der Hafenstrasse




https://1913familienalbum.blogspot.com/2020/01/hamburg-2019-meine-hamburgensien-teil-7.html

Sonntag, 24. November 2019

Chios Herbst 2019 - Feiern und Ernten




In Griechenland wird jedes Jahr am 28. Oktober der sogenannte "Oxi" Tag  als ein wichtiger Nationalfeiertag begangen. Oxi bedeutet auf Griechisch: "Nein" - ausgesprochen "Ochi". Am 28. Oktober 1941 hatte Italiens faschistischer Diktator Benito Mussolini den griechischen Ministerpräsident Ioannis Metaxas aufgefordert, italienische Truppen ins Land zu lassen. Faktisch hätte dies die Besetzung und das Ende des Staates Griechenland bedeutet. Metaxas lehnte das Ultimatum ab und es kam zum Krieg, der zuerst für Italien katastrophal verlief. Erst die Hilfe Nazi-Deutschlands und Bulgariens zwang die Griechen in die Knie. Heute ist der "Oxi" Tag für alle Griechen ein Symbol der Unabhängigkeit und Wehrhaftigkeit. Er wird überall im Land mit Paraden und Tanz gefeiert. 



Auf der Insel Chios gibt es noch einen zweiten 'nationalen' Feiertag, den 11.November. Im Jahr 1912 wurde die damals zum Osmanischen Reich gehörende Insel von griechischen Truppen befreit. Die Bevölkerungsmehrheit stellten seit Jahrhundert Griechen, egal wer die Insel politisch beherrschte (Ostrom, Genua, Venedig, Osmanen). Es kam während der Befreiung im Epos-Gebirge, sowie im Norden der Insel zu Gefechten. Daran waren 2500 griechischen Soldaten und örtliche Milizionären beteiligt, denen etwa 1500 Soldaten und Gendarmen der Hohen Pforte gegenübertanden. Die osmanischen Truppen mussten sich der Übermacht ergeben und die Insel verlassen. Nach dem Ende des ersten Balkankrieges im Jahr 1913, in dem Griechenland, Serbien und Bulgarien das Osmanische Reich besiegt hatten, wurde Chios Teil des griechischen Königreiches. In der Folge verließen die muslimischen Bewohner und viele Juden die Insel: Heute erinnert noch die restaurierte Moschee in der Inselhauptstadt als Museum an das osmanische Erbe.





Überall auf Chios werden der 28. Oktober und der 11. November groß gefeiert - mit martialischen Paraden und vielen Fahnen. An der Hafenmole der Inselhauptstadt fährt ein großer Kranwagen auf, daran wird dann eine mächtige griechische Fahne hochgezogen. Ein deutlicher 'Gruß' an die nur acht Kilometer entfernte Türkei. Auch in kleinen Orten, wie dem im Nordwesten von Chios gelegenen Volissos werden die beiden Nationaltage gebührend gefeiert - frühmorgens mit einem Gottesdienst - später paradieren die Schulkinder unter dem Beifall der Einwohner durch den Ort. 

Schnell aber löst sich die strenge Marschordnung in Fröhlichkeit auf, wenn die Kinder und Jugendlichen beginnen, traditionelle Tänze der Region auf dem Dorfplatz aufführen. Das freut vor allem die älteren Bewohner und die anwesenden Eltern udn Verwandten. Ich fragte eine Freundin, die hier lange als Lehrerin gearbeitet hatte, woher die Kinder kommen: "Sie sind aus der gesamten Region Amani, darunter auch viele Kinder aus albanischen Familien - das ist hier ganz selbstverständlich." Nach den heftig beklatschten Darbietungen zogen viele Zuschauer in die nahegelegenen Tavernen, um beim griechischen Kaffee zu plaudern.  

Das flüssige Gold der Oliven 

 

Die Tage im November waren aber auch noch aus einem anderen Grund für die Region wichtig, die Olivenernte hatte nämlich begonnen. Unser Freund George nahm uns mit zu seinem Hain, mit vielen wilden Olivenbäumen. Sie sind kleiner als die gezüchteten Exemplare und sehen eher wie große Büsche aus. Das aus ihnen gewonnene Öl ist sehr säurearm, fruchtig-grün und aromatisch. George zeigte uns, wie die Wild-Oliven geerntet werden - eine anstrengede udn zeitraubende Arbeit! Während Oliven der gezüchteten und beschnittenen Bäume zumeist durch Schütteln der Äste und Bäume zu Boden fallen, schneidet George bei die vielen kleinen Äste des wilden Baumes ab. Dannn werden sie auf Netze gelegt und bei jedem die Früchte mit einer Handharke abgestreift. Sie müssen dann sofort gesammelt und noch am gleichen Abend in einer großen Ölmühle des Ortes gepresst werden. Dazu lud uns George ein und wir fuhren in der Dunkelheit zur großen Halle, vor der schon einige Bauern mit ihren Pickups warteten.

Wilde Oliven
"Ich werden meine Oliven als letzter heute pressen lassen", sagte George und grinste, denn die alteingesessenen Dorfbewohner verfolgen sein Experiment mit wilden Oliven eher skeptisch. Immerhin ist George aus Athen zugewandert, stammt also nicht aus Chios. In der Mühle war es sehr laut, was an der hier stehenden großen Maschine lag. Im ersten Schritt werden die in Säcken angelieferten Oliven gewaschen und von Blättern und Stielen gereinigt. Danach kommen sie horizontale Drehwerke, in denen sie zermahlen werden, damit das Öl austreten kann. Ganz zum Schluss wird das fertige Öl, wie bei einer Tankstelle, aus einem Zapfhahn in große Behälter abgefüllt. 

So sah eine Mühle früher aus
Jede Ladung der Bauern wurden gewogen, denn aus dem Gewicht errechnete sich der Preis für die Pressung, die an den Mühlenbesitzer gezahlt werden muss. Die große Mühle sei ais Italien importiert worden, erzählte George. Sie soll einen sechsstelligen Euro-Betrag gekostet haben. Neben dieser Ölmühle gibt es auf Chios noch einen zweiten Großbetrieb. Außerdem stehen in vielen Dörfern weitere kleine Mühlen. Zur Erinnerung an frühre Zeiten, hat man neben der großen Halle eine alte Mühle aufgebaut. So wurde früher mit den zwei rotierenden Mahlsteinen der Olivebrei für die Pressung erzeugt. Als wir ankamen, stellte uns Georg den anderen Bauern als seine Nachbarn vor, wir bekamen selbstgebackene Kekse und ein Gläschen Feigenschnaps (Zouma) zur Begrüßung. Der Zouma von Chios ist berühmt, überall in den Dörfern stehen große Feigenbäume. Zouma darf aber auf Chios nur für den privaten Gebrauch gebrannt und konsumiert werden. Deshalb bekommt man ihn weder abgefüllt in Flaschen im Laden, noch offiziell in den Tavernen der Insel. Fragt man allerdings danach, bekommt man Zouma im Glas oder  in einer Karaffe für Ouzo... 


Es war spannend, am Abend den gesamten Prozess, von der Anlieferung der Oliven bis zur Abfüllung des Öls mitverfolgen zu können. Bei George wurden aus den etwa 130 Kilo Oliven rund 12 Liter bestes Öl gepresst. Wir waren stolz und dankbar, dass er uns danach ein Fläschchen geschenkt hat - wundervoll grün und voller Geschmack mit einer leicht scharfen Note und kaum Säure - so soll Olivenöl sein. Klar, dieses Öl benutzten wir nur für Salat oder einfach auf frisches Brot geträufelt. 
In Griechenland versuchen mittlerweile Großunternehmen unabhängige Mühlenbetriebe aufzukaufen. Diese Strategie zur Monopolisierung hatte auf Chios zumindest, glücklicherweise noch keinen Erfolg. Befinden sich die Ölmühlen in einer Hand, so dürfte das für die Qualität keine guten Folgen haben. Schon heute erlaubt die EU, qualitativ mangelhaftes Olivenöl durch Raffinierung 'aufzuhübschen' und dann als vermeintlich gehaltvolles Öl in den Handel zu bringen und an Restaurans zu verkaufen. Dieses sogenannte Lampant-Öl schmeckt eigentlich nach nichts, dürfte aber imemr nmoch besser sein, als gefälschtes Olivenöl. Es wird aus einem Mix aus billigem Pflanezenöl, Pfeffer für den Geschmack und Spinat für die grüne Farbe gemixt und als Olivenöl verkauft. (Zu Lampant-Öl siehe auch: https://www.artefakten.net/olivenoeltaeuschungen-sind-eher-norm-als-ausnahme-und-warum-gesetzliche-regelungen-das-beguenstigen-und-legalisieren/





Nach den Wahlen sind wieder die alten Eliten am Ruder


Nach den Kommunalwahlen, die gemeinsam mit den Parlamentswahlen auf Chios stattfanden, sind die Vertreter der alten Eliten wieder ans Ruder gekommen im Inselrathaus. Bei der Fahrt über die Insel bemerkten wir an vielen Stellen neue Straßenschilder und Fahrbahnmarkierungen. Oft wirkte das eher willkürlich als sinnvoll und ein Freund meinte  daraufhin angesprochen nur sarkastisch: "Der neue Inselchef will so seinen Wählern zeigen, dass er was tut." Ähnlich hätten schon seine konservativen Vorgänger agiert, das bezeugen im karg besiedelten Nordwesten der Insel überdimensionierte Kreuzungen. Sie sind heller erleuchtet als der Inselflughafen. Nun ja, sinnentleerte Symbolpolitik mit Beton gibt es ja bei uns in Deutschland auch genug - von Stuttgart 21 bis zum BER-Flughafen..... 

Seit Jahren bemüht sich unser Freund Georg Chalatsis um den Erhalt und die Freilegung alter Handels- und Wanderwege auf der Insel. Zusammen mit Freiwilligen reinigt er sie von Gestrüpp und bringt Wegweiser für Wanderer an. Ein mühseeliges Unterfangen, Georg ist angesichts der Ignoranz der politisch Verantwortlichen mittlerweile müde geworden. Diese würden gerne Fördermittel für Wanderwege einsacken, dann aber nichts tun. Er habe daher aus eigener Tasche neue Wegweiser finanzieren müssen, merkt er bitter an. Die Verantwortlichen in den Gemeinden kümmerten sich nicht dauerhaft um die Pflege der Wanderwege, alles würde an den Freiwilligen hängenbleiben - und hier nehme das Engagement leider auch ab. Gerade deshalb freuten wir uns, seine neuen Schilder in der Region Amani zu sehen. Bald soll es eine Wanderkarte geben - versprach uns Georg zum Abschied. 

Wir besuchen nach drei Jahren erneut das einstige Lepra-Dorf, das nördlich der Inselhauptstadt versteckt in einem Tal liegt. Es wurde 1958 aufgegeben und verfällt seitdem. Zumindest zwei Schilder sind an der Einfahrt angebracht worden, sonst hat sich leider nichts getan, um dieses Kulturdenkmal vor dem Vefall zu retten. Immer noch zeugen neue Graffitis an den Wänden, dass niemand etwas zum Schutz des Geländes unternimmt. "Das Gelände gehört der Kirche", meint ein Freund entschuldigend und gleichzeitig voller Zorn. Das kann man auch sehen, denn zwischen den Verfallenden Häusern vom Anfang des 20. Jahrhunderts steht die renovierte orthodoxe Kirche. Insgesamt ein Symbol der Gedankenlosigkeit und Ignoranz der Verantwortlichen. (siehe auch meinen Blogeintrag)
https://medienfresser.blogspot.com/2015/05/chios-einstige-lepra-kolonie-muss-als.html


Neue Heimatmuseen in Dörfern


Heimatmuseum Volissos
Erfreulich ist, dass das Interesse an der eigenen Lokalgeschichte anscheinend wächst. So haben vor einem Jahr Einwohner von Volissos, darunter der inselweit bekannte Sattelmacher, ein kleines Heimatmuseum eröffnet. Es befindet sich in einer alten Wohnung am zentralen Dorfplatz, gegenüber der Taverne "Giaouzaki". Im ersten Stock ist das kleine Museum in einer Wohnung eines Altbaus untergebracht, die durch ihre typisch hohen Räume beeindruckt. Dazu eräuterte die ehemalige Lehrerin Mairy Kotsanaros: "Zwischen den Deckenbrettern hat man früher getrockneten Tang vom nahegelegenen Strand gesteckt. Das wirkte isolierend gegen die Wärme und Kälte." Sie kümmert sich um das Museum, spricht
Französisch und Deutsch. In den drei Räumen sieht man einige Trachten, die noch in den 1950er Jahren getragen wurden. Alte Flinten und Fotos erinnern an den Wiederstand gegen die Osmanen. Werkzeug berichtet vom dörflichen Alltag, das Prachtstück ist die alte Aussteuertruhe einer  Chiotin. Im Boden des Deckels befindet sich das Bild eines Dampf-Seglers aus dem 19.Jahrhundert. Über dem Schiff weht die Halbmond-Fahne des Osmanischen Reiches, damit stammt die Truhe noch aus der Zeit vor der Befreiung der Insel. "Viele der alten Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände haben wir in verlassenen Häusern gefunden, deren Besitzer gestorben sind", sagt Mairy. In Volissos sind in den letzten Jahren Künstler zu Gast gewesen, auch und gerade aus

der Türkei. In einem Sommer haben eineige die alten Türen verlassener Geschäfte bemalt. Der international bekannte Künstler Selim Birsel, hatte im Dorfmuseum eine kleine Ausstellung seiner Grafiken. Die meisten Läden in den alten Gassen stehen heute leer und verfallen, umso mehr freute uns, dass hier jetzt ein Geschäft für Design und Grafik eröffnet hat - es wirkt in der Umgebung allerdings etwas, wie vom Himmel gefallen. 



Erinnerung an Bürgerkrieg und Militärdiktatur


Die 'große Geschichte' fand auch auf Chios statt, etwa die deutsche Besatzung zwischen 1941-44. (https://medienfresser.blogspot.com/2014/12/chios-vor-70-jahren-endete-die-deutsche.html) Der Bürgerkrieg in Griechenland (1946-49) mit seiner Brutalität und den Opfern, ist immer noch ein Tabu - gleiches gilt für die Zeit der Militärdiktatur (1976-74). Umso erfreulicher fanden wir es, dass jetzt eine Gedenktafel im Kambos-Viertel an Opfer des Bürgerkrieges auf Chios erinnert. Sie informiert in griechisch und englisch über die Kämpfe im Kambos und steht neben dem Eingang zum Zitrus-Museum. 

Leider fanden wir am Museum der Hinweis, dass dieses Kleinod - ein Muss für jeden Inselbesucher - den Winter über geschlossen ist. Wir hatten uns so gefreut, im Garten des Museumscafes bei leckerem Kuchen und zwischen wohlgenährten Katzen das Panorama der Zitrusbäume genießen zu können. Ein Freund erzälte uns später, das einst von einer Initiative gegründete Museum werde mittlerweile von einem reichen Finanzier beherrscht, der bestimme was läuft. 

Alexandros Panagoulis (2. von links)
Oft saßen wir in Volissos einige Stunden lang in der Taverne "Giaouzaki", um am zentralen Platz, um das Kommen und Gehen zu beobachten. Interessant ist die
Gruppe alter Männer, die hier täglich beim süßen griechischen Kaffee sitzen und Klatsch und Tratsch austauschen - das ist bei Griechen beileibe nicht ein Privileg der Frauen! Kurz vor unserer Abreise entdeckte ich ein Plakat am Fenster der Taverne, das meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Auf einem alten Foto aus den 1960er Jahren war ein Gefangener vor einem Richtertisch zu sehen. Ich versuchte den Text zu entziffern und stieß auf den Namen Alexandos Panagoulis - das klingelte es in meinem Kopf. Ich erinnerte mich an das Buch der italienischen Schrifstellerin Oriana Fallaci: Ein Mann". Sie hatte über Panagoulis 1980 diesen Bestseller geschrieben. Er hatte während der Diktatur vesrucht, Junta-Chef Papadopulos durch ein Attentat zu töten. Der Anschlag misslang. Panagoulis wurde festgenommen, gefoltert und eingesperrt. Nach Ende der Diktatur kam er zwar frei, wurde aber kurz danach Opfer eines nie geklärten Verkehrsunfalls. Jetzt erinnerte man auf Chios in mehreren Veranstaltungen an den mutigen Mann, eine fand in Volissos in der Schule statt - leider erst am Tag unserer Abreise. 


...und zum Abschied ein Tornado


Ja diese Tage auf Chios hatten es wirklich in sich. dreieinhalb Wochen sonniges Wetter mit milder Wärme, ideal für Wanderungen und sogar das eine oder andere Bad in der Ägäis war noch möglich. 
Sonnenuntergänge erster Güte, Ruhe und Natur satt - so lieben wir die Insel, die seit über zehn Jahren zur zweiten Heimat geworden ist - und das liegt nicht zuletzt an den griechischen Freunde. Hier merken wir, wie wichtig Stille und Ruhe sind - in der Nacht hört man die Käuzchen und streitende Katzen - mehr nicht.
 
In der letzten Nacht krachte es dann aber doch noch, Platzregen und sogar Hagel knallten auf das Dach. Am Morgen fürchteten wir, es nicht rechtzeitig durch die Epos-Berge zum Homeros-Flughafen zu schaffen. Auf dem Abstieg vom Epos in die Inselhauptstadt konnte man weit hinüber in die Türkei blicken - die Küste schimmerte in der Morgensonne, während Chios unter einer schwarzen Wolkendecke Blitz und Donner ausgeliefert war. Wenige Kilometer bevor wir den Flughafen erreichten, sahen wir dicht vor der Küste einen Tornado, der sich in Richtung Landebahn bewegte. Was für ein Naturschauspiel - Chios hat sich wieder mal alle Mühe gegeben, uns zu beeindrucken...