Dienstag, 20. Oktober 2020

Chios 2020 im Herbst - Politische Wolken über der Insel

September 2020 - Region Amani im Nordosten der Insel

 

Eigentlich ist der Herbst auf Chios meist sonnig und warm - wie auch in diesem September. Getrübt wurde diese 'Großwetterlage' jetzt durch den dissonanten Dreiklang: Türkei - Corona - Flüchtlinge. Dabei ist das angespannte Verhältnis zu dem nur acht Kilometer von der Insel entfernten Nachbarn derzeit für die Inselbewohner die größte Sorge - politisch und wirtschaftlich. "Der Fährverkehr nach Cesme ist, bis auf den Transport von Gütern, eingestellt worden", sagte unser Freund George Missetzis, der auf Chios alte Bauernhäuser an Touristen vermietet. Hauptgrund ist dabei die unklare Corona-Situation in der Türkei, denn genaue Zahlen über positiv Getestete veröffentlichte Ankara bisher nicht. Noch im vergangenen Jahr sah man überall im Hafen von Chios Gruppen türkischer Touristen, die zum Einkaufen oder für ein Wochenende die Insel besuchten. An einigen Läden hingen Schilder mit türkischsprachigen Speisekarten  - davon war diesmal nichts zu sehen. "Das liegt auch daran, dass die türkische Währung - Lira - so heftig an Wert verloren hat, dass sich ein Besuch in Euro-Griechenland nicht mehr lohnt", betont George.

den Halbmond Ankaras im Nacken...
Beunruhigt sind die Chioten vor allem durch den Versuch des türkischen Präsidenten Erdoghan, militärisch wie wirtschaftlich seine Macht in der Ägäis und dem Mittelmeer auszubauen. Türkische Forschungs- und Kriegsschiffe im Seegebiet vor Zypern und Kastelorizo, verbunden mit Manövern, schüren die Furcht und den Zorn der Griechen. Der Nationalismus wächst hüben wie drüben und das hilft Politikern wie Erdoghan und Mitsotakis von der wirtschaftliche Krise ihrer Länder abzulenken. Kürzlich verstieg sich ein türkischer Minister zu der Behauptung, die Inseln vor der türkischen Küste seien nach dem ersten Weltkrieg der Türkei abgezwungen worden - er nannte dabei auch Chios. Mitsotakis verkündete, das verschuldete und in einer Rezession taumelnde Griechenland werde für zehn Milliarden Euro zusätzliches Kriegsgerät kaufen.

 

Belastete Vergangenheit

Nachdem das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg untergegangen war, musste die Türkei viele Inseln vor seinem Festland abtreten. Sie kamen zu Griechenland, oder unter die Verwaltung Italiens und Großbritanniens. Dabei ist wichtig, dass die Bevölkerung dieser Inseln seit Jahrhunderten überwiegend Griechen gebildet hatten. Völlig Absurd ist der Verweis auf den Ersten Weltkrieg bei  Chios, denn die Insel war bereits 1912 nach dem Balkankrieg Teil Griechenlands geworden. Auf Chios lebten damals nur einige tausend muslimische Einwohner - vor allem in der Zitadelle der Hautpstadt - sie mussten 1923 die Insel verlassen. 

 

Bis heute sind die Massaker auf Chios, die 1822 osmanische Truppen und Plünderer vom Festland verübten, bei den Griechen unvergessen. Im Jahr 1821 hatten sich Griechen auf dem Peloponnes gegen die osmanische Herrschaft erhoben. Auch auf Chios landete ein Trupp Freischärler, der aber die Insel wieder verließ, als der Sultan in Konstantinopel (Istanbul erst ab 1930) Truppen schickten. Die über Monate dauernden Plünderung der Insel kostete  zehntausende Bewohner das Leben, viele wurden in die Sklaverie durch die Osmanen verkauft und manchen gelang die Flucht auf andere Inseln. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden 1923 die meisten Griechen vom türkischen Festland vertrieben, als der Versuch der Regierung in Athen gescheitert war, große Gebiete Kleinasiens zu erobern. Dabei war es dort auch zu Massakern griechischer Truppen an der muslimischen Bevölkerung gekommen. Aus Rache wurden von den Truppen Kemal Atatürks die griechische Bevölkerung Smyrnas - heute Izmir - vertrieben. Viele Flüchtlinge kamen zuerst in Chios an, manche Familien blieben und wurden dabei nicht immer freundlich von den Alteingesessenen aufgenommen. Eine Freundin: "Ihr glaubt es nicht. Viele Chioten bezeichnen deren Nachkommen heute noch abschätzig als 'türkischen Samen'." 

Während des Zweiten Weltkrieges, in dem die Türkei kurz bis vor Kriegsende neutral geblieben war, konnten viele verfolgte Griechen dorthin Zuflucht finden. Sie wurden versorgt und viele Männer konnten sich in Ägypten den britischen Truppen anschließen. Trotzdem blieb das Verhältnis zwischen Griechen und Türken auch nach 1945 angespannt - bei gemeinsamer NATO Mitgliedschaft. In den 1950er Jahren gab es in der Türkei Pogrome gegen Griechen und nach der Eskalation in Zypern (1974) stand man kurz vor einem Krieg. Daher finden sich an den Küsten von Chios nicht nur alte Wachtürme, die einst vor Piraten warnen sollten. An vielen Buchten und auf Anhöhen stehen, mittlerweile verfallene und von Gestrüpp überwachsene Bunkeranlagen. Sie sollten Chios gegen eine türkische Invasion schützen. Einst kaufte ein Freund von uns bei Karfas an einem Hang ein Stück Land, um es zu bebauen - er stieß zuerst auf einen eingestürzten Bunker. Regelmäßig gibt es jedes Jahr auf Chios Manöver der griechischen Armee und Marine. Oft donnern tieffliegender Kampfjets über die Insel, dabei liefern sich türkische- und griechische Flugzeuge Scheingefechte (dogfights). 

...und die Flüchtlinge?

Auf Facebook fand ich bei der Rückkehr von Chios die Frage besorgter Touristen, ob man denn angesichts der Flüchtlinge auf Chios die Insel ungefährdet besuchen könne. Schon grotesk, denn Chios ist immer noch ein sehr sicherer Ort, mehr jedenfalls als so mancher Stadtteil einer europäischen oder deutschen Großstadt. Gefährlich ist das Leben  auf Chios, wenn schon, dann eher für Flüchtlinge. Die Aggression in den Lagern und von Chioten ist, wegend er unhaltbaren Zustände im Lager Vial gewachsen. Zustände wie auf Lesbos, die letztlich die Regierung in Athen mit Billigung der EU -  zur Abschreckung weiterer Flüchtlinge - dulden, ist Chios bisher erspart geblieben. 

Das erste Flüchtlingslager auf Chios war 2015 an der Ostküste bei Vrondados errichtet worden. Es war schon damals überbelegt und viele Menschen lebten in Zelten neben Containern hinter Stacheldraht. Manche mussten bei einem alten Friedhof in Zelten der UN leben. Schon damals schämten wir uns bei diesem Anblick für Europa. Als dann später immer mehr Flüchtlinge die Insel erreichten, wurden sie in den alten Festungsgraben der Zitadelle der Hauptstadt gepfercht. Die Zustände waren katastrophal, die Spannungen mit den Chioten nahmen zu, manche bewarfen die Zelte - in denen Männer, Frauen und Kinder leben mussten - mit Steinen und Brandsätzen. Es halfen aber auch viele Inselbewohner mit Lebensmitteln und Spenden. Heute leben die Flüchtlinge, abgeschottet und vom Militär bewacht, im Süden der Insel in einem alten Militärlager Vial. Bei vielen Chioten liegen jetzt die Nerven blank, denn nichts ändert sich und Athen lässt die Inselbevölkerung im Stich.

Zu heftigen Auseinandersetzung zwischen Inselbewohnern und Bereitschaftspolizei aus Athen kam es daher vor einigen Wochen. Die Regierung in Athen plant, auf dem kargen Plateau des Epos-Gebirges, nördlich der Inselhauptstadt, ein weiteres Lager. Die Polizeieinheiten mit Wasserwerfen sollten den Widerstand der Einwohner dagegen brechen. Die Staatsmacht führte sich wie ein Besatzungsregime auf und das hatte Folgen. Ein Freund erzählt: "Ich bin friedliebend und Staatstreu, aber das war zuviel. Das Hotel, in dem die Sonderpolizei in Karfas untergebracht war, wurde gestürmt und ihr gesamtes Gepäck auf die Straße geworfen." Die Polizisten revangierten sich bei der Abfahrt am Hafen bei Mesta mit Prügelattacken, wie in Handy-Videos bei facebook zu sehen. Pikantes Detail: Bei den Parlamentswahlen hatte die Regierungspartei Neo Dhemokratia einen der beiden Sitze der Insel gewonnen (Syriza den anderen). Der jetzt zuständige Minister für Flüchtlinge in Athen kommt von Chios. Nach den Auseinandersetzungen musste sein Büro auf der Insel geschlossen werden.

Pelineo - höchster Berg der Insel

Corona - keine Panik aber Aufmerksamkeit

Und Corona?! Auf der Insel spürt man davon wenig, die Kontrollen auf dem Flughafen nach der Ankunft beschränkten sich darauf, meine Papier mit der Einreiseerlaubnis anzuschauen. Es gab einige Infektionsfälle, die bisher vor allem Griechen betreffen, die vom Festland aus Athen oder Thessaloniki gekommen sind.  

Aktualisierung 20. Oktober 2020 um 21 Uhr:  Die Tageszeitung "Die Welt" meldet, die veröffentlichten Zahlen Infizierter in Griechenland entspreche nicht der Realität. So seien in der ersten Phase der Corona-Epidemie im Frühjahr landesweit täglich nur etwa 800 Menschen getestet worden - vorwiegend Beschäftigte in Pflegeberufen und Bewohner sozialer Einrichtungen. Das erklärt die hohe Zahl an Todesfällen. Mittlerweile liegt die Testrate in Griechenland bei 26 000 Personen pro Tag. Auf Chios musste jetzt das Flüchtlingslager Vial geschlossen werden, da etwa 30 Personen mit dem Corona Virus infiziert sind, meldet die Zeitung weiter. Die Menschen dürfen das Lager nicht mehr verlassen, es wurde von der Außenwelt abgeriegelt.  

In der Inselhauptstadt tragen die Menschen Masken, vor allem beim Einkaufen. Die Bars und Lokale am Hafen wirkten leerer als sonst, die Jugend ist aber auch hier - wie wohl überall in Europa - etwas sorglos. In den Dörfern hält man gelassen Abstand, ich wurde beim Einkaufen mit meiner Maske etwas belächelt - aber die Verkäuferin im Minimarket trug selber eine. Mit Unverständnis reagierte man aber auf unsere Berichte von tausenden Demonstranten, die Corona in Deutschland leugnen. "Das machen bei uns nur ein paar Spinner oder ultraorthodoxe Christen und Popen, die nicht aufhören wollen, ihre Ikonen in der Kirche zu küssen", lästert ein Freund in Volissos. Für das Touristenzentrum im Süden bei Karfas ist die Situation natürlich schwer. Viele Hotels haben diese Saison gar nicht erst geöffnet und George Missetzis, der im Dorf Avghonima restaurierte Häuser an Touristen vermietet meinte: "Wir haben. verglichen mit 2019 jetzt nur 17% des Umsatzes gemacht - und dabei war schon das letzte Jahr eine  Katastrophe."  


Trotzdem: Man lässt sich nicht beirren, hofft auf bessere Zeiten und tüftelt an Ideen, wie sich Geld verdienen lässt. Viele haben den Sommer erstmals in Ruhe verbringen können - mangels Tourismus. George meinte: "So häufig wie in diesem Jahr, bin ich noch nie am Meer schwimmen gewesen" und wirklich, er sah so entspannt und erholt aus. 

Unsere Freunde verlieren jedenfalls nicht den Mut. Überall Natur, die an vielen Stellen immer noch unberührt ist und zum Wandern einlädt. Saubere Strände mit warmem Meer, in dem um uns beim baden kleine Fische neugierig herumschwimmen. Eine lebhafte Hauptstadt, von der man aus in ein paar Schritten die Ruhe der Altstadt in der Zitadelle - oder im nahegelegenen Stadtpark genießen kann. Ein Wetter - Sonne bis 30° - man konnte, bei kühlem Wind, angenehm Wandern. Einzige ernsthafte Gefahr: Die im Westen wegelagernden Kühe, vor ihren 'Straßensperren' musste man sich in Acht nehmen - in der Nacht dann vor Ziegenherden. Die Jagdsaison war zuende - auf den Straßen im Nordosten begegneten wir in der Dunkelheit herumhoppelnden Hasen - sie feierten wohl. Schön der Blick von der Terrasse des Mastix-Museums im Süden über die Mastiha. Die Fahrt beim Sonnenuntergang an der Westküste in den Inselnorden - wie im Märchen. 

Und am Abend genießen wir, gemeinsam mit Freuden und vielen Katzen, die Ruhe und den Sonnenuntergang bei Volissos.  



Wir freuen uns jetzt schon auf Chios 2021!   





Donnerstag, 17. September 2020

1870/71: Arte zeigt deutsche Dokus - TV-Serie 1970 nur bei youtube

Museumsführer Mitte 1970er 
Mit dem Datum 1. September verbinden die meisten Menschen nur den Beginn des 2.Weltkrieges. In Vergessenheit geraten ist dagegen, dass am 1. September 1870 in Sedan die entscheidende Schlacht des deutsch-französischen Krieges 1870/71 stattfand. Die Niederlage und Gefangennahme Napoleons III. bedeutet das Ende des Kaiserreichs, aber auch den Beginn der Republik und des Volkskrieges gegen die deutschen Invasoren. Die 'Erbfeindschaft' prägte bis 1945 das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen - und damit auch meine Familiengeschichte.

ZDF- und Radio Bremen bei Arte

Zur 150-jährigen Wiederkehr brachte der deutsch-französische Kulturkanal Arte eine vierteilige Dokumentation. Drei Folgen wurden dabei vom ZDF beigesteuert, Radio Bremen lieferte einen Film über die Erforschung der damals gemachten Fotografien. Bemerkenswert war, das auf Arte keine Produktion aus Frankreich gezeigt wurde. Die ZDF-Serie erzählte die Geschichte des Krieges anhand von drei Zeitzeugen: Einer Pariserin, eines britischer Journalisten und eines deutschen Stabsoffiziers. Dabei scheint man beim ZDF immer noch der 'Schule' Guido Knopps mit "ZDF-History" zu folgen - Personalisierte Geschichtserklärung. Der Titel des ZDF-Dreiteilers orientierte sich eher an der heutigen 'deutsch-französischen Freundschaft' als an der Wirklichkeit anno 1870. "Der Bruderkrieg - Deutsche und Franzosen" erweckt den Eindruck, erst nach dem Krieg sei es zur 'Erbfeindschaft' zwischen Deutschen und Franzosen gekommen. 

Die Wirklichkeit war wohl etwas anders, vor allem bei denjenigen, die Opfer der zwanzigjährigen Kriegszüge Napoleons I. bis 1815 gewesen waren. Nach der Besetzung Deutschlands durch seine Armeen, wurden die Einzelstaaten zu Vasallen des Korsen. Sie mussten tausende Soldaten für seine Feldzüge stellen - und die meisten kehrten nicht zurück. Auch die Bevölkerung litt unter der Besatzungszeit, sie wurde ausgeplündert. Nach der Niederlag Napoleons I. in Russland 1812: "gebar die deutsche Romantik Nationalismus und Völkerhass. Sie lehnte alles 'Welsche', alles Französische ab." (1) Der Dichter Ernst Moritz Arndt schrieb 1813: "Ich hasse alle Franzosen (...) Dieser Haß glühe als Religion des deutschen Volkes." (2) Die Einwohner Nordfrankreichs erinnerten sich ihrerseits daran, wie 1815 und danach vor allem preussische Soldaten dort gehaust hatten. (3) Eine Vorgeschichte, die in den TV-Filmen zum Krieg 1870/71 nicht vorkam.

Die ZDF-Serie belegte auch, wie vorsichtig man mit angeblich authentischen Fotografien umgehen sollte. Mit diesem Thema beschäftigte sich die Dokumentation von Radio Bremen. Im ZDF wurde mehrfach ein angebliches Bilddokument von 1870/71 gefallenen französische Soldaten gezeigt. Es handelt sich aber um gestellte Aufnahme, die Schlachtenmalern später als Vorlage dienen sollte. Dies enthüllte der Film von Radio Bremen, der einen Historiker bei der Erforschung der Fotografien des Krieges 1870/71 begleitete. Dabei hätte man schon als kritischer Beobachter erkennen können, dass das im ZDF mehrfach gezeigte Foto nicht echt sein konnte. Die Toten und ihre Uniformen waren unversehrt, sie wirkten wie Schlafende. Den Gesichtern fehlte die Leblosigkeit wirklicher Leichen. Diese zeigten die Fotografien aus dem Amerikanische Bürgerkrieg (1861-65), der erste umfassend durch Fotos dokumentierte Krieg der Neuzeit. Auf diesen Bildern sieht man die ungeschminkte Wahrheit des Krieges: Blut, Gefallene und Verweste. Anscheinend gibt es vom Krieg 1870/71 keine derartigen Bilddokumente. Auch der Historiker im RB-Film zeigte nur Tote, die in Paris nach der Niederschlagung der Kommune im Mai 1871 hingerichtet worden waren. Man hatte die Männer in Särgen aufgeschichtet und fotografiert, um sie später identifizieren zu können. 

Es stellt sich die Frage, weshalb die Redaktion von Arte die Zuverlässigkeit der ZDF-Fotos nicht geprüft hat, die vermeintlich spektakulären Fotos waren den Verantwortlichen beim ZDF und Arte wohl wichtiger. Leider habe ich solche historischen Ungenauigkeiten nicht zum ersten mal auf Arte sehen müssen. https://medienfresser.blogspot.com/2017/11/arte-arbeitet-der-kulturkanal-mit.html 

"Journal 1870/71" vom Süddeutschen Rundfunk (1970) nur bei youtube

Nicht gezeigt hat Arte einen Programmschatz aus den ARD-Archiven. Zur hundertjährigen Wiederkehr des Krieges hatte 1970 der damalige Süddeutsche Rundfunk (SDR) für das ARD-Fernsehen die siebenteilige Serie "Journal 1870/71" produziert. Was die Autoren damals beabsichtigten, schilderte Anfang der 2000er Jahre Rainer C. M. Wagner, einer der Serienautoren. Man habe versucht: "eine völlig neue Form zu finden. Helmuth Rompa, der 1965 zusammen mit Wilhelm Bittorf einen Dreiteiler über den „Amerikanischen Bürgerkrieg“ realisiert hatte, der junge Regisseur Achim Kurz und ich gebaren unter heftigen Gehirnstürmen die Idee, über das historische Ereignis so zu berichten, als habe es damals schon Fernsehen gegeben. Daraus wurde die Sendereihe JOURNAL 1870/71 – mit allen Mitteln der modernen Reportage, sämtlichen Fernseh-Formen und den damaligen TV-Größen im Bratenrock. Wir wollten die Identifizierung der Zuschauer mit bekannten Problemlagen bei gleichzeitigem historischen Abstand erreichen. Der dramaturgische Kniff dieser jeweils einstündigen schwarz-weiß Produktion, bestand in der Fiktion, es habe bereits während des Krieges gegeben." (4)

In den Folgen berichteten TV-Korrespondenten von den Schlachtfeldern und das war schon deshalb sehenswert, weil damals bekannte ARD-Journalisten vor der Kamera agierten, unter ihnen Gerd Ruge, Peter Scholl-Latour, Friedrich Nowottny, Rudolf Rohlinger Dagobert Lindlau, Georg Stefan Troller. Zusammen mit Schauspielern, die historische Personen darstellten, bot die Serie nicht nur bedrückend nachgestellte Bilder vom Krieg, sondern dazu auch Analysen der politischen Ursachen und Folgen des Konflikts. Mir blieb damals als Jugendlicher vor allem die Reportage Trollers aus Paris im Gedächtnis. Er beobachtete quasi 'live' vor Ort die Jagd auf die unterlegenen Kommunarden und die Erschießungen durch die enthemmten siegreichen Soldaten der Versailler Regierung.

Beim SDR-Projekt hat man sich 1970 an den damaligen Berichten über den Vietnam-Krieg in 'Tagesschau' und 'Weltspiegel' orientiert. Dazu dürfte das 1964 für die BBC produzierte 'Dokudrama' über die Schlacht bei "Culodden" von Peter Watkins die SDR-Macher inspiriert haben. Watkins Film war in einigen ARD-Dritten gezeigt worden, er hatte die letzte Schlacht auf britischem Boden (1746) zwischen der britischen Armee und Schotten nachstellen lassen. Die Akteure waren Laien, darunter viele Mitarbeiter der BBC und Watkins gelang damals eine schockierend realistische Darstellung des Gemetzels. 

Aber warum gibt es das 'Journal 1870/71' in keiner ARD-Mediathek? Auf Nachfrage erklärte am 17.September 2020 eine ARD-Sprecherin in Köln, bei TV-Sendungen vor 1966 sei dies möglich, aber danach habe sich das Urheberrecht geändert: "Wenn wir (...) eine Dokumentation – zum Beispiel aus dem Jahr 1970 – online stellen wollen, müssen die Rechte aller urheberrechtlich Beteiligten nachgeklärt werden, d.h. die Beteiligten müssten überhaupt erst einmal ausfindig gemacht werden und sie müssten ihre Zustimmung erteilen. Der damit verbundene Aufwand ist enorm." Dem fügte am 18.September eine Sprecherin des Südwestrundfunks (SWR) in Baden-Baden kathegorisch hinzu: "Leider ist es uns aus rechtlichen Gründen nicht möglich, die Sendung in die Mediathek aufzunehmen."  Dabei handelte es sich beim "Journal 1870/71" um eine Eigenproduktion des damaligen SDR, der später mit dem Südwestfunk zum heutigen SWR fusionierte. Sicher, die Recherche der Rechte für damals in der Serie verwendete Lithografien und Fotos dürfte aufwendig sein. Für andere Programmschätze in den Archiven von ARD und ZDF verheißt das aber nichts gutes. Schon peinlich, denn das Journal "1870/71" ist nicht nur spannend, es setzte bekannten ARD-Journalisten ein Denkmal. 

 Wie es auch sei, noch können interessierter Zuschauer die Serie - nicht vollständig und in schlechter Qualität - bei youtube abrufen. Immer noch sehenswert!

2013 versuchte der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) die Völkerschlacht von Leipzig (1813) mit einem ähnlichen Format zu reanimieren. Einen Verweis auf das 'Vorbild' der SDR-Serie gab es nicht. https://medienfresser.blogspot.com/2013/08/mdr-projekt-volkerschlacht-alter-hut.html  

 

Familien-Erinnerungen

Mitte der 1970er Jahre besuchten mein Vater https://1913familienalbum.blogspot.com/2014/04/erinnerung-karl-heinz-ressing.htmlund ich meine französische Großmutter, die unweit der belgischen Grenze in einem nordfranzösischen Dorf lebte. Dabei führte uns der Weg von Weinheim über Saarbrücken und Metz Richtung Le-Cateau und Lille-Cambrai. https://1913familienalbum.blogspot.com/2014/04/verdun-eine-familiengeschichte.html Mein Vater, Jahrgang 1913, erinnerte sich an die Erzählungen seiner Eltern über den "Sedantag". Bis zum Ende des Kaiserreichs 1918 galt er als der nationale Feiertag des Kaiserreichs, die Weimarer Republik hatte ihn abgeschafft. Die Erinnerung an den Krieg 1870/71, war nach 100 Jahren ziemlich verblasst. Beim Besuch Saarbrückens fuhren wir auf die nahegelegenen Spicherer Höhen. Hier hatten die Truppen Napoleons III. am 6.August 1870 eine Niederlage erlitten. Mitte der 1970er Jahre kam man auf dem Weg zur 320 Meter hoch gelegenen Bergspitze auf halber Höhe zu einer Grenzstation mit Schlagbaum. Während nämlich der Hang zur Bundesrepbublik gehört, ist die Bergspitze französisches Staatsgebiet - heute fährt man einfach vorbei - damals konnte man noch kontrolliert werden. Wir aßen im typisch französischen Gasthaus Woll zu Mittag. An einer Wand hing eine Lithografie über den Kampf, denn das Gasthaus war 1897 direkt auf dem ehemaligen Schlachtfeld errichtet worden. 

Unser Weg führte uns weiter nach Sedan kurz vor Erreichen der Stadt kamen wir durch das Dorf Bazeille. Ein Schild zeigte den Weg zum "Musée de la dernière Cartouche" - dem Museum der letzten Patrone. Ein langgestreckter Bau abseits der Straße, der als Museum nur durch ein altes Schild am Eingang zu erkennen war. Heute ist alles renoviert, Mitte der 1970er Jahre wirkte es marode und vergessen. Ein alter Herr führte uns durch die Räume, in denen französische Marinesoldaten das Haus und damit Sedan gegen Angriffe bayerischer Truppen verteidigt hatten. Als ihnen die Munition ausgegangen war, mussten sich die Franzosen ergeben, ein Ölbild zeigt den Moment, als ein Offizier die letzte Patrone aus einem Fenster abfeuerte. In den Wänden der Zimmer im ersten Stockwerk sah man noch alte Einschusslöcher. Hier ging einst das Kaiserreich Napoleons III. unter - im 2. Weltkrieg kam mein Vater als Wehrmachtssoldat im Mai 1940 nach Frankreich. Der Durchbruch der Nazi-Wehrmacht bei Sedan im Sommer 1940 besiegelte damals die Niederlage Frankreichs. 

Heute pflegt man die Erinnerungen an den Krieg 1870/71 in Frankreich, wie etwa in der Festung Bitche an der Grenze Lothringens zu Rheinland-Pfalz. Die französische Besatzung der mächtigen Festung aus dem 17. Jahrhundert, hielt damals bis zum, Kriegsende im Februar 1871 der deutschen Belagerung stand. Viele Soldaten und Zivilisten, die in die Festung geflohen waren, kamen damals ums Leben. Heute kann man die Festung besichtigen, durch audiovisuelle Mittel wird versucht, dem Besucher einen Eindruck über das Leben unter Belagerung zu vermitteln. 

Der Turm der Hessen 1978

Die beiden Grenzorte zur Pfalz im Nordelsass: Wissembourg und Woerth waren im August 1870 Schauplätze erbitterter Kämpfe, in denen Napoleons Armee zum Rückzug gezwungen wurden - der Anfang vom Ende des Empire. Noch heute gibt es hier die Besonderheit, das alte deutsche und französische Denkmale daran die Schlacht erinnern. Das Elsass war 1871 nach dem verlorenen Krieg vom Kaiserreich annektiert worden. Danach wurde etwa der große Aussichtsturm gebaut, der an die hessischen Truppen erinnern sollte. Unweit davon stehen Denkmale für die französischen Soldaten der Schlacht. In beiden Städten gab es in den 1970ern kleine Museen, die an die blutigen Ereignisse erinnerten. Damals wirkte das aber alles vergangen und vergessen, dabei war es erst knapp 30 Jahre her, dass das Elsaß wieder zu Frankreich gehörte.


(1) Katalog zur Ausstellung der Befreiungskriege im militärhistorischen Museum Dresden, S. 20. 

(2) Ebenda S. 36 

(3) Die Befreiungskriege in Augenzeugenberichten - Eckart Kleßmann, Karl Rauch Verlag, 1966, S. 342.ff

(4) Rainer C.M. Wagner in Bundeszentrale für Politische Bildung: Tele-Visionen, Fernsehgeschichte Deutschlands zur Stuttgarter Dokumentarfilm-Studie. online-pdf


Montag, 1. Juni 2020

'Triumph des Willens' NS-Propaganda in der Sportschau?



Nun ist die fussballlose Zeit also vorbei, aber nicht nur in den menschenleeren Stadien läuft die Saison ziemlich holperig weiter. Anscheinend haben auch die Berichterstatter der ARD-Sportschau ihre Schwierigkeiten, den richtigen Tonfall zu finden. Gerade bei den Berichten über die Spiele der Bundesliga am Samstag wird oft 'mit der heißen Nadel' gearbeitet und die Berichterstatter aus den Stadien nutzen gerne knallige Parolen.

Es gibt aber Grenzen. So kommentierte der ARD-Reporter am 23. Mai das Spiel des SC Freiburg gegen Werder Bremen (0:1) mit dem Satz, bei Werder habe sich der "Triumph des Willens" durchgesetzt. Da stockte einem schon der Atem, denn "Triumph des Willens" lautet der Titel des NS-Propagandfilms über den Reichsparteitag der NSDAP, den Leni Riefenstahl im Jahr 1935 gedreht hatte. Der Sportschau-Reporter benutzte jetzt genau diese Metapher und es stellt sich die Frage, ob NS-Propagandasprache mittlerweile zum erlaubten Repertoire in der ARD gehört.

Auf eine schriftliche Anfrage teilte der Westdeutsche Rundfunk - der die Sportschau verantwortet - zwei Tage danach mit: "Die Formulierung ist dem Kommentator äußerst unangenehm. Sie war keinesfalls in diesem Zusammenhang gemeint, und er hat sie direkt zurückgezogen". Der Volksmund sagt: 'Das gesprochene Wort fängt niemand mehr ein' - und das gilt auch hier. Beim Südwestrundfunk (SWR), dessen Redakteur im Stadion die Berichterstattung über das Spiel zu verantworten hatte, hieß es auf Nachfrage am 27. Mai: "Der Reporter hat in der Live-Situation bewertet,dass der Sieg der Bremer Mannschaft auf deren starken Siegeswillen zurückzuführen war. eine Verbindung zu einem 85 Jahre alten FIlm von Leni Riefenstahl war natürlich nicht beabsichtigt."


Mich beunruhigt, wie stark die Goebbels-Diktion anscheined immer noch in den Köpfen steckt - bewusst oder unbewusst. Beruhigen kann die Entschuldigung nicht, denn es gab bei der ARD bei der Olympiade 2012 einen noch gravierenderen Fall. https://medienfresser.blogspot.com/2012/07/seit-2008-wird-zuruckgeritten-ard.html

Es zeigt sich, wie 75 Jahre nach Ende des Dritten Reiches das Wissen und die Sensibilität verblasst sind - in Zeiten, in denen der Schoss wieder gebiert......    

Donnerstag, 2. April 2020

SWR 2020: Spätzlesender auf Speed



Entspanntes Team: Clemens Bratzler, Anke Mai, Kai Gniffke
Muss ein neues Management die Entscheidungen ihrer Vorgänger vertreten, kann das manchmal paradox wirken. Die Führungsriege steht dann für Produkte gerade, die sie nicht zu verantworten hat. Vor diesem Problem stand am 7.Februar in Stuttgart die neue Chefetage des Südwestrundfunks (SWR) auf der Programmpressekonferenz 2020. Regelmäßig werden zu Jahresbeginn die Highlights des Saison vorgestellt. Intendant, Kai Gniffke war sich der besonderen Situation bewusst und meinte zu Beginn selbstironisch, er schmücke sich hier ja eigentlich mit 'fremden Federn'. Das Programmangebot sei schließlich vom alten Management des Senders auf die Schiene gesetzt worden. Er und sein neues Team mit den Programmdirektoren, Anke Mai (Kultur) und Clemens Bratzler (Information) wollten diese Pressekonerenz deshalb vor allem dazu nutzen, ihre Vorstellung vom künftigen SWR zu skizzieren. So möchte man die oft abschätzig als 'Spätzlesender' geschmähte zweitgrößte ARD-Anstalt künftig als die Online-Adresse der Arbeitsgemeinschaft positionieren. Dementsprechend offensiv verkündete die Pressemitteilung: "Der SWR 2020: Innovativ, investigativ und lebensnah".

Die neue Führungsspitze will den oft behäbig wirkenden SWR künftig als 'Spätzlesender auf Speed' tunen. Intendant Gniffke betonte daher, das von ihm eingesetzte "Innovationslabor" in Baden-Baden werde bis zum Sommer neue Formate und Programmideen präsentieren. Dabei setze er nicht mehr primär auf lineares Fernsehen, sondern um Präsenz auf allen digitalen Plattformen. Demnach konnte die ARD-Mediathek, die der SWR verantwortet, eine Anstieg der Abrufe von 65 Millionen im Oktober 2019 auf 87 Millionen im Januar 2020 verzeichnen. Die Nummer Zwei im neuen SWR-Direktorium, Clemens Bratzler, geizte ebenfalls nicht mit anvisierten Superlativen. Er will mit großen Partnern außerhalb des SWR das Programmangebot ausbauen - dabei schwebt ihm als Ziel eine Art 'National Geographic' für jüngere Zuschauer vor. Mit dem im Juni 2019 auf Youtube gestartete SWR Doku-Channel, der aktuell auf 32.000 Abonnenten hat, sieht er den SWR auf dem richtigen Weg. Derzeit bietet der Online-Kanal 81 Dokumentationen per Abruf und wöchentlich kommen zwei neue hinzu. Der Intendant unterstütze Bratzlers Kurs und betonte, bei neuen Koproduktionen seien für ihn die Erstausstrahlungsrechte weniger wichtig. Da folgt er dem Modell der ARD, die "Berlin Babylon" gemeinsam mit dem Bezahlkanal Sky produzierte und erst ein Jahr nach Ausstrahlung im Pay TV im Ersten und ihrer Mediathek anbieten durfte.

Wie diese Innovationen, angesichts des seit Jahren laufenden Sparkurses beim SWR, umgesetzt werden und was das für die Arbeitsbelastung im SWR bedeutet, dazu gab sich die Führungsriege einsilbig. Bereits heute beklagen Journalisten wachsenden Arbeitsdruck durch Trimedialität (TV, Radio, Internet). Einen Tag vor der Pressekonferenz berichtete eine Tageszeitung, künftig werde die Produktion der Radionachrichten für alle Wellen in Baden-Baden erfolgen. Dies bestätigte die Landessenderdirektorin für Baden-Württemberg, Stefanie Schreiber, betonte aber, es werde keine Einheitsnews geben. Dem schloss
Stefanie Schreiber vertrat die Landessender
 sich auch Clemens Bratzler an, räumte dann aber ein, dass künftig ein Redakteur für die Nachrichtenauswahl der jeweiligen Wellen zuständig sein soll. Für den Intendanten ist diese Konzentration nur der Anfang, auch auf anderen 'Feldern' sei ähnliches geplant - was er damit meinte, behielt er für sich. Kurz und etwas farblos blieb der Auftritt der Programmdirektorin Kultur, Anke Mai.  Dies dürfte nicht nur daran gelegen haben, dass sie erst eine Woche zuvor den 'Dienst' angetreten hatte. Ihr Statement zum Hörfunk bezog sich alleine auf die anvisierten jüngeren Hörer. Sie stellte den TV-Stream der Pop-Welle SWR 3 und das Angebot des Online-Jugendkanals 'Funk' in ihren Focus. Keine Rolle spielte in der Präsentation das Kulturprogramm SWR 2, einst immer ein Thema auf den  Programmpräsentationen des SWR. Auf entsprechende Nachfrage zur Zukunft der anspruchsvollen Programme meinte der Intendant, er strebe eine verstärkte Zusammenarbeit der ARD-Kulturwellen an. Da dürften einigen in Baden-Baden - dem Stammsitz von SWR 2 - die Ohren geklungen haben. Immerhin investiert der SWR in sein Kulturprogramm den Großteil des Radiobudgets - bei überschaubaren Hörerzahlen. Ein harter Sparkurs per ARD-Kooperation könnte hier schnell zu Lasten der Programmvielfalt gehen...


Ein Novum dieser Pressekonferenz war, dass der Intendant und die Direktoren nach Ende der Veranstaltung für Einzelgespräche zur Verfügung standen. Hatte Gründungsintendant Peter Voss einst eher majestätische Audienzen abgehalten, war dies unter seinem Nachfolger Peter Boudgoust abgeschafft worden. Der Verwaltungsfachmann war immer freundlich aber auch verschlossen bis einsilbig zu den Medien. Das Gesprächsangebot der neuen Führungscrew dürfte ein Signal gewesen sein, mehr die Öffentlichkeit erreichen zu wollen - allerdings nutzte nur eine Handvoll der 25 anwesenden Journalisten die Möglichkeit. 

Die Kulturdirektorin Anke Mai, zuvor beim Bayerischen Rundfunk, räumte ein, es gebe beim SWR komplexere Strukturen als in München. So muss sie sich mit den zwei Landessenderdirektorinnen für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz absprechen, denn hier werden die regionalen Radiowellen SWR 1 und SWR 4 produziert. Direkten Zugriff hat die neue SWR-Kulturdirektorin eigentlich nur auf die in Baden-Baden für das gesamte Sendegebiet produzierten Programme SWR 2 und SWR 3. Anke Mai betonte daher, sie wolle sich um weniger kompliziert Strukturen zwischen Mainz, Stuttgart und Baden-Baden bemühen. Über digitale Verbreitungswege will sie neue Hörergruppen für das Kulturprogramm SWR 2 erschließen. Dabei setzt auch sie auf die verstärkte Kooperation mit anderen Kulturwellen der ARD-Anstalten.

Plusminus-Moderatorin Alev Seker leitet die Pressekonferenz
In Baden-Württemberg leben mehr als elf Millionen Menschen (Statistisches Landesamt 2017), über 3,3, Millionen mit einem  Migrationshintergrund. Während bei anderen ARD-Anstalten mittlerweile ModeratorInnen mit Migrationshintergrund aul ModeratorInnen selbstverständllich sind (NDR-WDR) gilt für den SWR: Fehlanzeige. Außerdem ist das im Programm vermittelte Bild des Bundeslandes immer noch stark Brauchtum und ländlicher Idylle orientiert - mit schwäbischem Schwerpunkt. Dessen ist sich Clemens Bratzler durchaus bewusst. Er will die Vielfalt künftig auch bei den Presentern auf dem Bildschirm fördern. Vielleicht wurde deshalb die SWR-Pressekonferenz durch die neue SWR-Moderatorin der Wirtschaftssendung Plusminus im Ersten, Alev Seker, geleitet. Aber ach Bratzler sthet vor dem Problem, sich beim Landesprogramm mit den beiden Landessendern in Mainz und Stuttgart verständigen zu müssen, denn hier werden die regionalen TV-Fenster im Südwestfernsehen verantwortet. Nicht besonders Innovationsfördernd scheint auch der Altersduchschnitt der Zuschauer zu sein - liegt er doch deutlich über 60 Jahren. Hinzu kommt, dass Baden-Württemberg immer noch stark ländlich und konservativ geprägt ist. Der neue TV-Chef ist aber in Stuttgart schon lange 'im Geschäft' und kennt die Widerständen. Mangelndes Selbstbewusstsein zeichnet Bratzler nicht aus, hatte er sich doch letztes Jahr ebenfalls um den Intendantenposten beworben.

Mittlerweile hat der SWR, wie andere öffentlich-rechtliche Anstalten mit journalistischen Nachwuchsproblemen zu kämpfen. Einst standen die Bewerber für ein Volontariat Schlange, das ist heute nicht mehr so, bestätigte der TV-Chef. Die Gründe sind für Bratzler klar, für viele Jüngere seien die Angebote von ARD und ZDF heute kaum noch Bestandteil ihres Medienalltags. Dem will er mit einem verstärkten Online-Engagement, wie dem Doku-Kanal auf Youtube, etwas entgegensetzen. Das das Angebot ankomme, zeige die Dokumentation zum zehnjährigen Gedenken an das Schulmassaker in Winnenden. Während der Film im Südwestfernsehen rund 100 000 Zuschauer erreicht habe, seien die Abrufe im SWR-Dokukanal um ein Vielfaches höher gewesen. Der Trend geht zur zeitunbhängigen TV-Nutzung über Mediatheken.

Kenner des SWR kritisieren seit seiner Gründung das komplexe Standort- und Gremiengeflecht des Senders. So gibt es zwei Landessender mit entsprechenden Direktionen (Stuttgart, Mainz), die Intendanz sitzt in Stuttgart, Kultur wird vor allem in Baden-Baden produziert, der Justiziar wurde in Mainz angesiedelt. Im SWR machte lange das Bonmot die Runde, die Direktoren würden mehr Zeit in der Bahn oder im Dienstwagen verbringen, als am Schreibtisch. Neben dem Rundfunkrat gibt es zwei Landesrundfukräte in den beiden Bundesländern. Dessen ist sich Kai Gniffke bewusst als er betonte, frühere Reibungen im Direktorium gehörten der Vergangenheit an, das Verhältnis sei mittlerweile sehr entspannt. Auf die Frage, welche Rolle der SWR künftig in der ARD spielen solle, verwies er auf den Schwerpunkt Online - schon heute sei man für die Mediathek des Senderverbundes zuständig. Gniffke will, dass der SWR künftig als innovativer, nonlinearer und schnell agierender Sender gesehen wird. Auf die aktuelle Entwicklung der Rundfunkabgabe angesprochen meinte er, die einst diskutierte Index-Lösung, also eine automatische Steigerung entlang der Preisentwicklung, sei 'tot'. Er setzt darauf, dass der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk den Bürgern vermitteln muss, wofür das System steht. Das erklärt wohl auch, warum er als einziger Intendant einen eigenen Blog hat.

Abwarten, ob 2021 die Stimmung auch noch so fröhlich sein wird.....

Abschließend kann man festhalten, das neue SWR-Führungspersonal wollte in Stuttgart ein Zeichen für einen Aufbruch geben. Ob und wie sich das im Programm niederschlägt, bleibt abzuwarten - in einem Jahr wissen wir mehr.....

Sonntag, 22. März 2020

Wie die Polizei einen Polizisten fertigmacht


Caroline Wenzel  - Ernst Kappel
Es gibt bemerkenswerte Bücher und bemerkenswerte Veranstaltungen - so am 10. März 2020 im Hospitalhof in Stuttgart. An diesem Abend wurde das Buch: "System Polizei - Der Kommissar und der Amoklauf von Winnenden" (1) der Öffentlichkeit vorgestellt. Autoren sind die Fernsehjournalistin Caroline Wenzel und der Kriminaloberkommissar im Ruhestand Ernst Kappel. Sie lasen vor den rund 100 Besuchern im Evangelischen Bildungszentrum Hospitalhof in Stuttgart aus dem Buch, darauf folgte eine lebhafte Diskussion. 

Die Geschichte des Ernst Kappel ist die eines Beamten, der sich selber als "Vollblutbulle" bezeichnet. Seit seinem Einstieg bei der Polizei Mitte der 1980er Jahre war er bei vielen gefährlichen Einsätzen an 'vorderster Front' eingesetzt - und war stolz darauf. (PS: Wer weiß, ob wir uns am Bauzaun begegnet sind.....) Dann kam der 11. März 2009, der sein Leben völlig veränderte. An diesem Tag erschoss ein Amok laufender Jugendlicher in Winnenden bei Stuttgart insgesamt 15 Menschen und zum Schluss sich selbst. Ernst Kappel war damals sechzehn Stunden lang im Einsatz. Dazu gehörte am Ende des Tages die Leichenschau im Bosch-Krankenhaus in Stuttgart. Danach litt Kappel zunehmend unter psychischen und körperlichen Problemen, die aber von seinen Vorgesetzten und dem 'System Polizei' ignoriert wurden. Er musste jahrelang gegen seinen Dienstherren prozessieren, damit seine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) als Dienstunfall anerkannt wurde. Heute ist Ernst Kappel im Ruhestand und leidet an einem  heimtückischen Hirntumor im Endstadium. Er hat nie den Kampf um sein Recht aufgegeben - was der Abend im Hospitalhof zeigte.

Jürgen Röhr
Kappel hatte sich 2012 nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit seinem Dienstherren entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen - 'Der Spiegel' brachte einen großen Artikel, es folgten TV-Berichte bei Report-Mainz und im Regionalfernsehen des Südwestrundfunks (SWR). Danach sah man ihn in der Polizei als 'Nestbeschmutzer', es begann ein Kesseltreiben gegen Ernst Kappel. Das es sich nicht um einen Einzelfall handelt, verdeutlichte auf dem Podium Jürgen Röhr. Er war 2003 im Einsatz angeschossen worden und hatte monatelang in Koma gelegen. Im Jahr 2007 hatte er dann mit anderen Betroffenen eine Selbsthilfegruppe für im Dienst verletzte Polizisten gegründet. Sein Statement in Stuttgart zeigte, dass Ernst Kappel kein Einzelfall ist. Die Devise der Führung lautet: Vertuschen, Verschweigen, Druck ausüben - dabei hilft falsch verstandener Korpsgeist vieler Polizisten, gemischt mit Angst um die Karriere. 

Nach etwa einer Stunde Diskussion war im Publikum deutliche Fassungslosigkeit und Erschütterung spürbar. Kurz vor Schluss ergriff dann eine Frau das Wort und sofort war klar, hier sprach keine Einzelperson, sondern das "System Polizei". Schon ihre Wortwahl "wir" - die Polizei habe sich dem Problem angenommen, machte das deutlich. Demnach habe "man" überall 'Soziale Berater' in den Dienststellen - "man" kümmere sich. In seiner Antwort wies Jürgen Röhr, darauf hin, dass solche 'Berater' in den Dienststellen nach dem Motto rekrutiert würden, wer dafür Zeit habe. Laut den Autoren gibt es in den Revieren und Dienststellen in Baden-Württemberg 3 ausgebildete Psychologen. 

In ihrem Statement betonte die Unbekannte am Mikrophon, es gebe keinen Zusammenhang zwischen Frühverrentung betroffener Beamter und dem Ziel, über deren Planstellen zu verfügen. Im Expertenteil des Buches sagt Kappels Anwalt Oliver Leuze: "Es ist allgemein im Beamtenrecht so, dass Beamte, die nicht voll arbeiten können, eine Stellen besetzen und den Haushalt belasten. Und wenn sie zur Ruhe gesetzt würden, dann beträfe es einen anderen Haushalt. Und dann ist man sie los. Es ist ein anderer Geldtopf und man hat wieder Mittel für eine Stelle." Entsprechend äußerte sich Mitte März auf Nachfrage ein Sprecher des Finanzministeriums in Stuttgart: Die Rentenzahlungen der Landesbeamten im Ruhestand würden über den Etatplan 12 des Finanzministeriums zentral finanziert. Die Menge der Verrentungen in den Ressorts hätten dagegen keinen Einfluss auf deren Finanzausstattung und die Zahl der Planstellen. 

Wer war die Dame, die im Hospitalhof versuchte, mit argumentativen Nebelkerzen die Polizei reinzuwaschen? Erst später erfuhr ich, dass sich Dr. Stefanie Hinz, Landespolizeipräsidentin in Baden-Württemberg zu Wort gemeldet hatte - ihre Funktion hatte sie wohlweislich verschwiegen. Sonst hätte sie sicherlich dem Publikum Rede und Antwort stehen müssen, was sie wohl vermeiden wollte. Ein Zuhörer fragte danach, ob sich seitens der Polizei nie jemand bei Herrn Kappel entschuldigt habe - Frau Hinz schwieg und verließ nach Ende der Veranstaltung zügig den Saal. Die Courage, einige Worte mit Ernst Kappel zu wechseln, hatte sie nicht.   


Uwe Schill

Berührend war der Auftritt von Uwe Schill, er hatte seine Tochter bei dem Amoklauf in Winnenden verloren. Jahre später las er zufällig den Artikel über Ernst Kappel und nahm Kontakt zu ihm auf. Heute verbindet Schill und Kappel eine tiefe Freundschaft und man konnte sehen, wie schwer es Uwe Schill fiel, einen Auszug aus seinem Buchbeitrag vorlesen - der Tag nach der Lesung war der elfte Jahrestag von Winnenden......


Eine Sternstunde der 'Vierten Gewalt' - der Medien - wurde der Abend im Hospitalhof nicht. Dabei hätte man hier ein Lehrstück in Staatsbürgerkunde publizistisch aufarbeiten können. Niemand von den marktführenden Tageszeitungen in Stuttgart war  erschienen. die "Stuttgarter Zeitung" hatte in ihrem Kalender keinerlei Hinweis gebracht. Zwei andere Veranstaltungen an diesem Tag im Hospitalhof hatte man angekündigt. Wer die jahrelange Protektion von Stuttgart 21 durch die beiden Stuttgarter Tageszeitungen kennt, wundert sich nicht - man geriert sich Staatstragend und nicht der Öffentlichkeit verpflichtet. Aber auch die Kollegen vom 'Alternativen' Online-Wochenblatt "Kontext" glänzten am Abend durch Abwesenheit - damit ging ihnen der Auftritt von Frau Hinz durch die Lappen. Nun ja, es hatte zuvor schon einiger Bemühungen bedurft, dass die Redaktion das Thema aufgreift. Zumindest war auf die Veranstaltung hingewiesen und ein Buchauszug verlinkt worden. Löbliche publizistische Ausnahme: Der TV-Sender regio.tv aus dem Stuttgarter Umland hatte ein Team geschickt und sendete danach einen sehenswerten Bericht. 

Nach Ende der Veranstaltung  ließen sich viele Besucher das Buch von den beiden Autoren signieren.....

 

Chronistenpflicht: Ernst Kappel ist am 19. August 2020 gestorben.....



(1): Verlag Kloepfer und Narr, Tübingen 333 Seiten hardcover - 25 € 

https://www.regio-tv.de/mediathek/video/der-amoklauf-von-winnenden-polizist-berichtet-ueber-erfahrungen/ 
https://www.swrfernsehen.de/landesschau-bw/Amoklauf-Winnenden-Schicksal-Ernst-Kappel-Uwe-Schill,av-o1210966-100.html?fbclid=IwAR0e5Tl6C4wJPAUgbhKihv-O6cwWhExOkKhvGb5tI6VfFdOIeOIkhIQsFO4 

Sonntag, 2. Februar 2020

Babylon Berlin - Das Boot - TV- Erfolgsmodell?


Geht bei der dritten Staffel der Hut hoch?! 
Foto: Frédéric Batier/X Filme Creative Pool / 
ARD Degeto/ WDR/Sky/Beta Film 2019
Mit großem publizistischem Getrommel ist jetzt beim Pay-TV-Anbieter Sky die, gemeinsam mit der ARD produzierte, dritte Staffel von "Babylon Berlin" gestartet. Mich persönlich haben die 16 Folgen der ersten und zweiten Krimistaffel über das Berlin der 1920er Jahre nicht fesseln können. Ein Blick auf die Neuauflage von "Das Boot" (ZDF/Sky) bestärkt mich in meiner Skepsis, ob solche Kooperationen zwischen Öffentlich-Rechtlichen und Kommerziellen anspruchsvolles  Fernsehen bieten. Bei den als 'TV-Events' bezeichneten Serien geht es vor allem um hohe Zuschauerzahlen. Gerade die jüngeren Zielgruppen und Vielseher sollen mit umfangreichen Serienstaffeln angelockt werden. Bei ihnen ist oft das Phänomen des 'binge watching', auf deutsch: 'Komaglotzen' feststellbar. Sie schauen sich Serien aus Mediatheken oder von Streaming-Anbietern en bloc an. Um sie bei der Stange  zu halten, werden Dramaturgie und Inhalte zumeist eingängig konstruiert, der Zuschauer soll ja nicht das Interesse verlieren und 'aussteigen'. Die Drehbücher sind oft klischeereich, mit eindimensionalen Charakteren und die einzelnen Folgen sollen mit kurzen Spannungsbögen fesseln. Wirtschaftlich entscheidend für die großen und teuren Koproduktionen ist ihre internationale Vermarktung, daher werden 'Eventserien' oft in englischer Sprache gedreht. Die Produzenten von "Babylon Berlin" dürften mit dem Ergebnis zufrieden sein. die rund 40 Millionen Euro teuren Staffeln konnten bisher in 60 Länder verkauft werden.

"Das Boot" im Soap-Design... 
Foto ZDF, Nick Konietzsky/Stefan Rabold


DIe Qualitätsmängel zeigen sich für mich am besten an der Neuauflage von "Das Boot". Produziert wurde die Serie von Sky und Bavaria Fiction, einer gemeinsamen Tochter von ZDF-Enterprises und der ARD-Tochter Bavaria Film. Zuerst lief sie auf Sky, jetzt im ZDF-Hauptprogramm. Im Jahr 1981 hatte Wolfgang Petersen die Romanvorlage von Lothar-Günther Bucheim für die ARD verfilmt. Damals kostete die Produktion die ARD umgerechnet über 34 Millionen Euro - die Neuauflage wurde dagegen mit rund 25 Millionen Euro deutlich günstiger. Während Petersens Filmepos in verschiedenen Versionen heute noch im Fernsehen läuft und einst für mehrere Oscars nominiert war, bin ich mit der ZDF-Serie nicht warm geworden. Die Charaktere der Crew wirkten auf mich, wie aus einer daily soap - smart, hünsch und jugendlich. Es gelang ihnen kaum vielschichte Persönlichkeiten darzustellen - sie wirkten wie Vorabend-TV Abziehbilder. Anstatt das tägliche Elend des U-Bootkrieges zu zeigen, mühen sich die Darsteller im ZDF durch hölzerne Dialoge und einen Plot, der an billige Agentenfilme erinnert. Es gelingt der Serie nicht, die dunkle und oft dämonische Athmosphäre des Films von 1981 zu erzeugen. Während Petersen beim Zuschauer Atemlosigkeit erreichte - war das Produkt von Sky/ZDF dagegen einschläfernd.

Roaring 20ies simuliert. 
Foto: Frédéric Batier/X Filme Creative Pool / 
ARD Degeto/ WDR/Sky/Beta Film 2019
Ähnlich bemüht, ein jüngeres Publikum anzusprechen, scheinen die beiden ersten Staffeln von "Babylon Berlin", die zuerst bei Sky und ein Jahr später im Ersten der ARD ausgestrahlt wurden. Hoher  technischer Aufwand, aber eine mässig spannende Story. Bizarre Krönung: Ein Kesselwagen der Eisenbahn aus Gold sollte aus der Sowjetunion geschmuggelt werden. Die ARD nutzte alle ihre zur Verfügung stehenden Kanäle, um die Serie als das 'TV-Event' des Jahres zu bewerben. So drückte der Südwestrundfunk in seinem Pop-Radio für Ältere (SWR 1) den, textlich wie musikalisch, verquasten Soundtrack der Serie, "Zu Asche zu Staub" in seine Hitparade. Im Film durfte dann Bryan Ferry einen Kurzauftritt absolvieren. 

Keine Frage, das Casting für Babylon Berlin hatte die Schauspieler eingekauft, die im deutschsprachigen Fernsehen derzeit Top sind. Die Folgen hatten durchaus schnelle Momente und gute Dialoge, aber insgesamt wirkte die Dramaturgie insgesamt behäbig und langsam. Immerhin, "Babylon Berlin" befindet sich qualitativ Seemeilen vom ZDF-U-Boot entfernt. da war für mich nach drei Folgen Schluss. 
 
"...Quoten versenkt Kaleu?!"  
 Copyright:ZDF/Nick Konietzsky
Auf Nachfrage teilte die ARD in München mit, dass die beiden Staffeln von Berlin Babylon auf durchschnittlich 4,91 Millionen Zuschauer kamen (15,9% Marktanteil). Dabei seien die ersten drei Folgen im Ersten von 7,88 Millionen (24,4%), die letzten beiden von 3,64 Millionen (11,8%) gesehen worden. Dazu kamen noch etwa 11 Millionen Abrufe aus der ARD-Mediathek. Diese Abrufe der Serie über die Mediathek belegen aber nicht, wieviele Personen eine Folge gesehen haben - ebenso nicht, ob sie komplett angeschaut wurden. Auch ich habe mir Babylon Berlin wie das Boot online angesehen, was meinen TV-Konsum mittlerweile stärker prägt, als das lineare Programme. Die acht Folgen von "Das Boot" kamen im ZDF laut Branchendiensten auf 2,6 Millionen Zuschauer - eine Nachfrage beim ZDF blieb bisher leider ohne Antwort. Wie hoch die Seherzahl auf Sky war, das beide Serien schon ein Jahr zuvor im Pay-TV zeigen konnte, ist nicht bekannt.

Die Ausrichtung von Programmen an der Vermarktungsfähigkeit und massenorientierten Sehgewohnheiten prägt diese 'Event-Poduktionen'. Ob dies der Qualität der Produkte dient, ist für mich schon seit längerem fraglich. Das zeigte sich schon 2013 beim dreiteiligen ZDF-Drama: "Unsere Mütter unsere Väter". * Darin wurde das Schicksal fünf junger Deutscher im Zweiten Weltkrieg gezeigt. Realisiert wurde die Produktion für das ZDF von Nico Hofmann und seiner Produktionsfirma teamworx. Mittlerweile ist Hofmann Chef der Bertelsmann-Tochter UfA-Fiction.

Liegt das Problem also an der Kooperation mit Kommerziellen, die massentauglich sein soll? Ist nicht vielmehr die Behäbigkeit und mangelnde Risikofreude bei ARD und ZDF ausschlaggebend für die Trivialisierung solcher Stoffe? Arte zeigte Ende letzten Jahres die 5. Staffel der britischen Serie "Peaky Blinders - Gangs of Birmingham". Produziert von BBC 2 und Sky, die vom französischen Arte eingekauft worden war, fesselte mich vom der ersten Folge an. Der Plot dreht sich um einen kriminellen irischen Zigeuner-Clan, der im britischen Birmingham der 20er Jahre nach Oben will. Die Verquickung von Verbrechen und Politik reicht bis hinauf ins Unterhaus und zu Winston Churchill. Angefangen bei den Drehbüchern, der Dramaturige, den Dialogen, Kamera, Schnitt und Regie - Rasanz und Tiefe. Außerordentlich auch der Soundtrack, da wurde nicht versucht, Musik zum Teil der filmischen Darbietung zu machen (Babylon Berlin) oder Klaus Doldinger zu recyclen (Das Boot). Bei Peaky Blinders illustriert, kommentiert und konterkarriert die Musik den Plot. Der Titelsong ist von Nick Cave, auch Tom Waits oder Rock aus den 1970ern untermalt die Serie - und es passt!

https://www.youtube.com/watch?v=RrxePKps87k&list=PL3YrSRHtg5381EIWW0NwPGamy03A0IxtS 

Fazit: Vielleicht liegt mein Unbehagen an Babylon Berlin und Das Boot eher daran, dass ARD und ZDF wieder mal mutlos auf Gängiges gesetzt haben......

* siehe auch: https://medienfresser.blogspot.com/2013/03/unsere-mutter-unsere-vater-funf-freunde.html


Montag, 13. Januar 2020

Hamburg 2019 - Meine Hamburgensien Teil 7: 'Sehenswürdig'




Die Häuser der Hafenstrasse




https://1913familienalbum.blogspot.com/2020/01/hamburg-2019-meine-hamburgensien-teil-7.html