Mittwoch, 29. Mai 2019

SWR-Intendantenwahl 2019: 'It's a man's world'...




Kai Gniffke nach der Wahl
Erleichterung im Saal
Als am 23. Mai 2019 gegen 13 Uhr in Stuttgart das Ergebnis des zweiten Wahlgangs für den Intendantenposten beim Südwestrundfunk (SWR) bekannt gegeben wurde, reagierten viele im Saal überrascht und erleichtert. Die Rundfunk- und Verwaltungsräte hatten im zweiten Anlauf Kai Gniffke, Chefredakteur ARD-Aktuell (Tagesschau-Tagesthemen) gewählt. Immerhin hatten noch eine Stunde zuvor im ersten Wahlgang weder Gniffke, noch Stefanie Schneider, SWR-Landessenderdirektorin in Baden-Württemberg, die dazu nötige Mehrheit erreichen können. Das Wahlverfahren der Zweiländeranstalt SWR fordert für eine erfolgreiche Wahl nicht nur die Mehrheit aller Stimmberechtigten des gesamten Rundfunk- und Verwaltungsrates. Dazu ist auch die Stimmenmehrheit der
...zuvor Kopf an Kopf Rennen
Gremienmitglieder aus Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz erforderlich. Diese hatte aber im ersten Wahlgang keine Bewerber erreicht, Frau Schneider hatte aus Baden-Württemberg zwar die nötige Stimmenzahl erhalten, in Rheinland-Pfalz aber weit verfehlt. Umgekehrt hatte Gniffke dort breite Zustimmung erhalten, aber nicht genug Stimmen aus Baden-Württemberg bekommen. Sichtlich konsterniert hatten sich nach dem gescheiterten Wahlgang die Gremienmitglieder zu getrennten Beratungen zurückgezogen.
Das dauerte länger als gedacht, anstatt der geplanten 30 Minuten, brauchten sie mehr als eine Stunde, bevor der zweite Wahlgang erfolgen konnte. 

Erster Wahlgang gescheitert - Konfusion
Im Saal warteten derweil die Journalisten und einige SWR-Hierarchen und Redakteure und hatten Zeit zum Spekulieren. Auffällig war, das manche nicht überrascht waren. "Ich habe mir gestern Abend auf einen Zettel geschrieben, wie votiert wird und es ist jetzt genauso eingetroffen." kommentierte einer trocken. Nicht wenige rechneten sogar, dass auch der zweite Wahlgang scheitern würde. Ein Dritter wäre dann erst in sechs Wochen möglich gewesen - so schreibt es der Staatsvertrag vor. Mancher im Saal fragte sich, ob sich Gniffke das antun, oder das Handtuch werfen würde. 


Voll besetzte Pressebänke
 
Der SWR hatte für die Intendantenwahl groß aufgefahren, so wurde die Sitzung per life-stream im Internet übertragen. Erstmals waren auf der Pressebank die Plätze per Namensschild zugeteilt - sonst erscheinen höchstens ein bis zwei Medienvertreter zu den Sitzungen. Diesmal war rund ein Dutzend Berichterstatter im Saal, dazu Kamera- und Radioteams des SWR. Das Medieninteresse hatte eine einfache Ursache, hatte es doch im Vorfeld der Wahl öffentlich Auseinandersetzungen um das Verfahren und die Kandidatenkür gegeben. Nachdem der amtierende Intendant, Peter Boudgoust, im Dezember 2018 überraschend den vorzeitigen Rückzug vom Amt angekündigt hatte, war das Kandidatenkarussel medial in Schwung gekommen. Aus dem Haus hatten sich neben Schneider weitere Bewerber gemeldet, ein Findungsausschuss der SWR-Gremien hatte aber dem
Boudgoust und Büttner schauen zu

































Rundfunk- und Verwaltungsrat nur Gniffke und Schneider zur Wahl vorgeschlagen. Dagegen protestierte ein Gremienmitglied in der Presse, er verlangte ein Anhörung auch der anderen Bewerber. Der SWR-Verwaltungsdirektor Jan Büttner hatte dann seine Kandidatur schriftlich zurückgezogen und in einem Brief, aus dem in der Tagespresse zitiert wurde, die Zustände im SWR kritisiert. Demnach sei es auch 20 Jahre nach Gründung des SWR nicht gelungen, die Konflikte zwischen den verschiedenen Standorten zu lösen. 





'Einzug der Gladiatoren'.....


Auf der öffentlichen Sitzung des Rundfunk- und Verwaltungsrates erhielten beide Kandidaten die Gelegenheit, in fünfzehminütigen Statements ihre Bewerbung zu begründen. Kai Gniffke verzichtete auf das Stehpult, nahm sich ein Mikrophon und präsentierte sich als lockerer Anchorman. Dabei geht ihm durchaus der Ruf voran, im Umgang mit Mitarbeitern oftmals den "Harten Hund" und machtbewussten Macho zu geben. Zumindest war dies in zuvor in Presseberichten kolportiert worden. So kam mir bei seinem Vortrag der Verdacht, er habe zuvor beim Frühstück viel Kreide verdrückt, denn umgehend kündigte er an, als Intendant viel mit den SWR-Mitarbeitern reden und eine "gute Veränderungskultur" im Sender erreichen zu wollen. So müsse man auch mal Mitarbeiter in den Arm nehmen können, außerdem wolle er Führungspositionen im Sender paritätisch mit Frauen besetzen. Spannend - sind doch beim SWR beide Landessender-Direktorenposten mit Frauen besetzt. Gniffke kündigte weiter an, in Baden-Baden ein programmliches Kreativ-Center einrichten zu wollen: "eine Hexenküche für neue Formate", mit dort entwickelten Fiction Formaten wolle er auch Netflix Paroli bieten können. Gleichzeitig müsse die bisherige Aufgabenverteilung im Sender und zwischen den Standorten einer Prüfung unterzogen werden. Gniffke betonte, beim SWR-Fernsehen werde künftig effizienter gearbeitet werden, um Kosten zu sparen. Sein Credo: der SWR müsse mehr mit den Menschen reden, auch mit denen "die uns weghaben wollen." 

Stefanie Schneider - öffentlich immer etwas steif und trocken - stellte sich hinter das Stehpult und referierte. Sie konzentrierte sich in ihrem Vortrag auf ihre langjährige Kompetenz und ihre Verdienste: "Ich kennen den SWR, seine Stärken, seine Schwächen, seine Untiefen". Sie betonte, der SWR erreiche täglich mit seinen Radioangeboten sieben Millionen Hörer und mit dem Dritten Fernsehen drei Millionen Zuschauer. Deshalb sei der SWR ein starker Sender "und keine Klitsche!" Auch sie möchte ein Entwicklungslabor für neue Formate einrichten und die Kompetenzverteilung zwischen den Standorten diskutieren. Künftig müssten die permanenten Abstimmungsprozesse reduziert werden, dabei dürfe aber kein Standort "unter die Räder kommen" betonte die Landessenderdirektorin. Ihr Wunsch: Mehr Querdenker im SWR, um so die verschiedenen Kulturen im Sendegebiet erreichen zu können. Schneiders Credo: "Ich möchte in den nächsten Jahren mehr über Journalismus reden im Sender!" 


In - oder auf den Arm nehmen...?!

Wer nach den Bewerbungsreden mit einer lebhaften Diskussion gerechnet hatte, wurde enttäuscht, es gab nur wenige Nachfragen. Dabei hätte es genug Themen gegeben: Sparzwang, Arbeitsverdichung, Outsourcing, heimattümelnde Programmangebote im Fernsehen, keine Moderatoren mit Migrationshintergrund beim Südwestfernsehen. Der Grund für das vermeintliche Desinteresse der Gremienmitglieder lässt sich leicht erklären. Wie in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten üblich, gibt es politisch zugeordnete  "Freundeskreise". Sie tagen immer vor den Gremiensitzungen und hier werden Themen wie Postenvergaben diskutiert. Beim SWR gibt es davon Vier: Die Schwarzen (CDU-Nah), die Roten (SPD-Nah), Lila (Frauen) und Graue (Unabhänge). Darauf angesprochen meinte ein Gremienmitglied, die Kandiaten hätten dort zuvor ihre Vorstellungen präzisiert. Für diese - nichtöffentlichen - Sitzungen, stellt der SWR Räume zur Verfügung. Schon bemerkenswert, denn diese 'Freudeskreise' sind in keinem Staatsvertrag als Gremien vorgesehen.

Was lernen wir?


Schon bezeichnend, wenn beide Kandidaten einerseits eine offenere Diskussionskultur forderten, faktisch aber alles nichtöffentlich hinter verschlossenen Türen stattfindet. Transparenz sieht anders aus. Auf Nachfrage erklärte man mir, es sei nach der Wahl keine Pressekonferenz mit dem neuen Intendanten geplant. Darauf angesprochen meinte ein Mitglied der Geschäftsführung trocken: "Fordern Sie das doch ein!" 


Äffle und Pferdle - vom  Markenzeichen zum Garderobenständer...
Andererseits: Früher wäre eine Wahl noch geräuschloser über die Bühne gegangen, eine Konfusion, wie nach dem ersten Wahlgang, hätte es nicht gegeben. Ein Grund dafür ist, dass sich die Zusammensetzung der Gremien geändert hat, der staatliche Einfluss musste, aufgrund des ZDF-Urteils des Bundesverfassungsgerichtes, reduziert werden. Zu einer offenen Gesprächskultur nach außen hat das bisher nicht geführt. 

Erneut ist beim SWR ein Mann zum Zuge gekommen. Bezeichnenderweise hatte es zuvor Medienberichte gegeben, die über ein persönliches Zerwürfniss zwischen den beiden Landessenderdirektorinnen spekuliert hatten. Ja ja, typischer Zickenkrieg also, dass lässt sich medial gut verkaufen - so arm....Nie hat man bei der Wahl von Boudgoust oder seines Vorgängers Peter Voß - bekannt für seine herrische Art - in der Presse ähnliches lesen können.

Intendant Gniffke wird es nicht einfach haben, denn die SWR-Landessenderdirektoren haben viel Macht, ihnen unterstehen die Redaktionen für die getrennten Landesprogramme (Radio SWR 1, SWR 4 - Südwestfernsehen, Landesschau, Zur Sache). Die beiden Direktorinnen dürften Gniffke schnell klarmachen, dass er seine Pläne nicht ohne Kooperation mit ihnen umsetzen kann.


Und wo bleibt das Positive? Zumindest beim Catering hatte der SWR - diesmal wenigstens - von alten Traditionen Abstand genommen. Servierte man früher neben belegten Häppchen den bekannten schwäbischen Eintopf "Gaisburger Marsch", bekamen die Gremienmitglieder diesmal nach getaner Arbeit ein Multi-Kulti-Buffet - sogar an die Veganer unter ihnen hatte man gedacht...... 


Zm Nachlesen
SWR 2019: ...time to say goodbye 

Sonntag, 21. April 2019

Chios 2019 - Frühling in Amani


Mitten in der trubeligen Innenstadt von Chios

Der Nordwesten von Chios - das Gebiet um den Berg Amani - gehört zu den schönsten
Grünes Volissos im April 2019
Regionen der Insel. Da hier nur etwa 800 Menschen leben, davon etwa 300 in der einstigen Kleinstadt Volissos, findet der Besucher noch viel unberührte Natur. Vor allem an der Nordküste gibt es ausgedehnte Waldgebiete und Buschlandschaften. Die Westküste der Region wird dagegen von einer kargen und sandigen Hügellandschaft geprägt. Im Sommer und Herbst ist es dort trocken, Braun- und Ockertöne beherrschen die Farbpalette. Kommt man aber im Winter und Frühling, überrascht Amani die Besucher mit frischem Grün und einer vielfältigen Blütenpracht. 




Blühende Oliven in sattem Grün
Inmitten der pulsierenden Inselhauptstadt blühen am Stadtpark Mandarinenbäume und verbreiten dort ihren betörenden Duft. Die meisten Touristen kennen vor allem den Süden von Chios. Sie besuchen im Kambos die Zitrus-Plantagen und alten Herrenhäuser. Die Region um die Dörfer Mesta und Pirgi ist von tausenden Mastixbäumen geprägt. Im 17.Jahrhundert schrieb der französische Reisende Pierre Augustin Guys über Chios: "Sogar ihr Name klingt aromatisch".  Er muss wohl während der Blüte der Zitrusbäume die Insel besucht haben.

Ob der Besucher aus dem fernen Frankreich damals auch den abgelegenen Nordwesten der Insel bereiste, ist nicht überliefert. Der Frühling beginnt hier oft schon im Dezember, die Regenfälle lassen überall frisches Grün aus dem Boden sprießen und im Februrar blühen die ersten Büsche und Blumen. Besucher sollten sich wetterfest anziehen, denn es kann immer mal empfindlich kalt werden mitsamt heftiger Regenstürme - das Klischee vom immer sonnigen Griechenland stimmt eben nicht so ganz. Das rauhere Klima liegt auch daran, dass der Inselnorden von zwei Berggebieten beherrscht wird, die zwischen 800 und über 1200 Metern hoch sind. Im Winter sieht man den höchsten Berg der Insel, den Pelineo, oft mit einer Schneehaube.

Der Natur im Nordwesten helfen aber die starken Regen im Winter, sie füllen die Wasserspeicher im porösen Vulkangestein für die trockenen und heißen Sommermonate. Wanderer profitieren im Frühling davon, dass die Sonnenstrahlen schon wärmen, aber der Wind oft noch kühl ist, was die Touren in den Bergregionen erleichtert. Seit Jahren bemühen sich hier rührige Initiativen um den Schutz gegen Waldbrände. Dazu beseitigen sie im Winter und Frühling das wuchernde Unterholz, das bei Feuer wie ein Brandbeschleuniger wirken kann. Andere Naturfreunde haben in den letzten Jahren alte Pfade und kleine Handelswege für Wanderer wieder begehbar gemacht. Seit kurzem weisen dazu auch in Amani kleine Schilder den Weg durch die Berglandschaft. Im Norden der Region hat man beim Wandern oft einen wunderbaren Blick auf die Nordägäis, die Nachbarinsel Psara und an klaren Tagen sogar bis nach Mytilini (Lesbos).

Das Geisterdorf im Frühling
Der Frühling 2019 war aber nicht nur beschaulich, an einem Morgen ankerten in der Bucht große Landungsschiffe der griechischen Marine, es war mal wieder Manöverzeit - am Straßenrand parkten Panzer aus deutscher Produktion. Zum Glück war das Spektakel nach einem Tag wieder vorbei und die Natur hatte wieder ihre Ruhe. Demnächst sind auf Chios Wahlen, es geht um den Insel-Bürgermeister. Unsere Freunde gaben sich einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen hin - dem Schimpfen über die Politiker. Vor allem in abgelegenen Regionen wie Amani fühlt man sich abgehängt. Manche sehnen sich zurück, als es vor einigen Jahren noch dezentrale Bürgermeister in den Orten und Regionen gab. Ob es damals besser war, ist aber mehr als fraglich. So findet man um Volissos herum überdimensionierte Straßenkreuzungen, die von großen Straßenlampen grell beleuchtet werden. Aus der Ferne denkt man, dass sich dort ein Dorf befindet. Diese luxuriös beleuchteten Kreuzungen verdankt der Nordwesten dem einstigen Ortsvorsteher von Volissos - nun ja. Die seit vielen Jahren schwierige wirtschaftliche Lage im Nordwesten von Chios macht ein Besuch im
Abendstimmung in Volissos
Geisterdorf Palia Potamia deutlich. Ungesundes Klima und mangelnde Arbeit ließen in den 1960er Jahren viele Menschen die Region verlassen. Manche leben heute in dem an der Hauptstraße gelegenen Dorf Nea Potamia. Zu besonderen Festtagen treffen sich die Bewohner in der Kirche des verlassenen Dorfes, die sie pflegen und restaurieren. 


In den letzten Jahren tut sich etwas im Nordwesten von Chios. Vor Ort versucht man Arbeitsplätze zu sichern oder neue zu schaffen - auch um Touristen anzulocken. So hat eine rührige Initiative das Thermalbad in Aghiasmata wiederbelebt. Hier können Besucher im mineralisierten Wasser liegen, das warm aus den Tiefen des Vulkangesteins kommt. An Wochenenden kommen Inselbewohner, aber auch Touristen aus der benachbarten Türkei, um ein Bad im Mineralwasser zu nehmen. Es gibt vieles zu entdecken in der Region Amani: Reste einer Siedlung der Bergleute, die einst hier Antimon abbauten; die Weingüter Arousios und Kefalas; die Höhlen von Aghio Ghalas, der kilometerlange Managros-Strand oder die byzantinische Festungsruine von Volissos. Vor allem aber bietet Amani viel Natur - gerade im Frühling. Wer nach Chios kommt, sollte auf keinen Fall den Besuch des Nordwestens versäumen - wenn die Natur mit ihrer Farbenpracht zum Besuch einlädt!





Alle Fotos Copyright beim Autor - Verwendung nur mit Genehmigung zulässig


Mittwoch, 13. Februar 2019

SWR 2019: ...time to say goodbye



Intendant Boudgoust, Stefanie Schneider (r) Anja Görzel (PR), Simone Schelberg (l)
"So gut hatten wir es noch selten" sagte am 1. Februar in Stuttgart Peter Boudgoust, Intendant des Südwestrundfunks (SWR). Es war seine letzte Programm-Pressekonferenz, denn im Juni scheidet er vorzeitig aus dem Amt. Eigentlich dient die Jahrespressekonfernz des SWR dazu, die Programmangebote für die nächste Saison zu präsentieren. Diesmal fokussierte man aber darauf, wer wo saß, wer da war und wer fehlte. Seitdem Boudgoust im Dezember 2018 überraschend seinen Rücktritt für den Juni 2019  verkündet hatte, brodelt die Gerüchteküche. Spekulationen der Tagespresse haben die beiden Landessenderdirektorinnen des SWR ins Gespräch gebracht, Simone Schelberg in Rheinland-Pfalz und Stefanie Schneider in Baden-Württemberg. Die politischen Machtverhältnisse in den Landesregierungen von Rheinland-Pfalz (SPD, FDP, Grüne) und Baden-Württemberg (Grüne, CDU) könnten erstmals die jahrzehntelange Dominanz der CDU bei der Intendantenwahl zurechtstutzen. Eine einmalige Chance, die sich so schnell für Grüne und SPD nicht wieder bieten dürfte.  

Aktuell: Am 11.März teilte der SWR mit, dass zwei Kanidaten zur Wahl stehen: Stefanie Schneider und der ARD-Aktuell (Tageschau-Tagesthemen) Chefredakteur Kai Gniffke.

Interessenten können sich bis zum 1. März 2019 bewerben, gesucht wird laut Stellenausschreibung "eine starke, authentische Persönlichkeit mit Entscheidungskraft, Führungserfahrung, sozialer Kompetenz und stark ausgeprägten analytischen, strategischen und kommunkativen Fähigkeiten" die außerdem "mit der Arbeitsweise öffentlich rechtlicher Rundfunkanstalten vertraut" sein solle. Das lässt dann doch eher auf eine 'Inhouse-Lösung' schließen und so fixierte ich mich bei der Pressekonferenz weniger auf die Programminhalt als auf die Sitzordnung auf dem Podium. 

Im Visier.....
Hatte im Vorjahr Frau Schelberg gefehlt, rahmte sie diesmal mit ihrer Kollegin Schneider den scheidenden Intendant ein. Dafür waren die beiden Direktoren, Christoph Hauser (Information-TV) und Gerold Hug (Kultur-Hörfunk) an den Rand gerückt - sie dürften bei der Intendantenwahl auch keine Rolle spielen. Die Situation erinnerte mich an die Kaffeesatzleserei bei den Kundgebungen auf dem Roten Platz zu Sowjetzeiten:  Wer stand auf dem Lenin-Mausoleum neben dem ZK-Chef und wer fehlte? Was bedeutete das für die Machtverhältnisse? Aber gemach, der SWR ist ja nicht nicht das ZK der KPdSU, sondern eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt. 

Aber Spekuliert wird auch beim SWR, denn bisher hat niemand offiziell seinen Hut in den Ring geworfen. Frau Schelberg könnte als neue Intendantin einen Teil der Arbeit am Abendbrottisch mit ihrem Ehemann erledigen, ist sie doch mit dem Personalchef des SWR verheiratet. Andererseits kann Frau Schneider darauf hoffen, dass die machtbewussten Baden-Württemberger die Nachfolge aus dem Ländle wollen. Ob der eher blass wirkende Verwaltungsdirektor Jan Büttner eine Chance hätte - unbekannt. Immerhin war Boudgoust ja auch einst Chef der SWR-Verwaltung, bevor er Peter Voß als Intendant ablöste.

Und der SWR, geht es ihm wirklich so gut wie selten? Das TV-Landesprogramm für Baden-Württemberg (18-20 Uhr) litt im letzten Jahr unter schlechten Zuschauerzahlen, das hatte sogar Auswirkungen auf die zentrale Nachrichtensendung "Baden-Württemberg Aktuell" (19.30). In der unterhaltend ausgerichteten abendlichen Magazinsendung der Landesschau Baden-Württemberg (18.45-19.30) werden nicht nur zur Sommerzeit bereits gesendete Filme wiederholt. Weiteres Sorgenkind ist die gemeinsame mit Rheinland-Pfalz bestückte TV-Sendestrecke am Vorabend (18.15-18.45). Allüberall herrscht der Rotstift, daher werden auf allen Kanälen oft dieselben News verbreitet, im Radio werden Beiträge mit O-Tönen gesendet, die aus TV-Berichten stammen - für mich ein Anlass zum Ab- oder Umschalten. Vielfalt sieht anders aus, aber beim SWR scheint man vor allem die Ressourcen in den Online-Sektor zu stecken.

Auch der Versuch eines "ARD-Tatorts" mit improvisierten Dialogen ("Babbeldasch" mit Ulrike Folkerts) war nicht erfolgreich, denn SWR-Programmdirektor Christoph Hauser meinte, dieses "Experiment" werde es beim SWR so schnell nicht wieder geben. Dagegen bleibe die Schwarzwald-Familienserie "Die Fallers" das bei den Zuschauern im Sendegebiet erfolgreichste Programm des SWR-Fernsehens. Im Ferbruar feierte man das 25-jährige Jubiläum der Soap - mit der 1000. Folge. Auf das Ende der "Lindenstrasse" angesprochen, meinte Hauser, die Serie habe sich überlebt und an gesellschaftlicher Relevanz verloren und fügte hinzu, auch das britische Vorbild "Coronation Street" gebe es nicht mehr. Da irrt Hauser: Die seit 1960  vom Privatsender ITV ausgestrahlte Serie ist immer noch auf Sendung.  

Aber beim SWR hat man ja auch ganz anderes im Visier, Multimediale Verbreitung heißt die Devise. "Bei immer mehr Angeboten wird deutlich, wie sich  der SWR für seine Nutzerinnen und Nutzer umbaut" heißt es dazu vollmundig im Pressetext. Frau Schelberg präsentierte das webbasierte Online-Angebot "SWR Heimat", in dem Menschen in einminütigen TV-Clips über ihren Alltag berichten. Man wolle so weg vom Terminjournalismus, hin zu den Menschen, erläuterte die Landessenderdirektorin aus Mainz. Das Angebot richtet sich an jüngere Menschen und wird daher über das Internet verbreitet, dazu biete man Online-Plattformen für Städte und Tourismus der Region eine Kooperation an. Nachgefragt, ob das nicht eher auf eine 'Heile-Welt-PR' hinauslaufe, betonte Boudgoust, es gebe keine Zusammenarbeit mit Städten und Tourismus. Sie hätten keinen Einfluss auf die Inhalte und könnten das SWR-Angebot nur auf ihren Sites verlinken. Nun ja....

Der SWR will jünger und smarter werden, daher wurde auch der neue Anchorman der Nachrichtensendung "Baden-Württemberg-Landesschau-Aktuell", Georg Bruder vorgestellt. Er löst den im Sommer in Ruhestand gehenden Moderator Dieter Fritz ab, der ein Präsenter der 'alten Schule' war. Seriös aber auch immer etwas trocken, war er jahrzehntelang 'das Gesich' der Nachrichtensendung im Ländle. Mittlerweile sind Moderatoren gefragt, die lockerer wirken und Politikern im Studio beim Interview auch mal auf die Zehen treten können. Zu seinem Selbstverständnis gefragt, meinte Georg Bruder jedenfalls, er sehe sich als Stellvertreter einer starken journalistischen Redaktion und wolle sich authentisch präsentieren.  Abwarten.

Boudgoust wollte bei der letzten Programmpressekonfernz den Eindruck hinterlassen, er überlasse dem/der Nachfolger/Nachfolgerin ein bestelltes Haus. Er zeigte sich überzeugt davon, dass der SWR den organisatorischen- und multimedialen Umbau erfolgreich umgesetzt habe.

Freitag, 4. Januar 2019

Chios 2018 - Weihnachten: Weiß, Grün, Orange

Der Pelineo (1297m)


"Es ist nie kalt in Griechenland", so heißt es in einem Song der auch bei uns bekannten Athener Band Locomondo. Nun ja, so ganz stimmt das nicht, Weihnachten 2018 wurde es im Norden der Insel Chios jedenfalls wieder mal ganz schön frostig. Der höchste Berg der Insel, der Pelineo mit fast 1300 Metern, begrüßte uns mit einer weißen Schneehaube unter Wolken. Näher zur Küste wurde es dann deutlich milder und bei Sonne konnte man windgeschützt ein kleines Sonnenbad nehmen. 

Direkt vor dem Balkon unserer Unterkunft, im nordwestlich der Insel gelegenen Dorf Volissos, entdeckten wir eine Staude mit grünenden Bananen. Im Dorf gaben sich die Einwohner wieder alle Mühe, den Ort weihnachtlich zu schmücken. Nach Einbruch der Dunkelheit erstrahlten überall die Lichter - vorneweg das Fischerboot, das am Platz vor der zentralen Kirche stand.

Kleine und große Schiffe sind auf Chios ein Symbol für das neue Jahr. Erst am 1. Januar gibt es in Griechenland die Geschenke. Den Nachbarn wird am Neujahrstag ein Schiffchen als Symbol für ein glückliches Jahr überreicht. So feiern die Chioten, denn die Insel lebt ja seit Jahrhunderten von der Seefahrt. Der bei uns in Nordeuropa so wichtige Heilige Abend am 24. Dezember spielt in Griechenland dagegen keine besondere Rolle.  Erst einen Tag später wird gefeiert - daheim und auch außerhalb. Marianna erzählte uns beim Essen, wie sie einst über Weihnachten mit Freunden nach Wien gereist sei. Sie sei völlig überrascht gewesen, dass sie nirgendwo am späteren Abend noch ein offenes Restaurant finden konnten. Dazu muss man wissen, dass Griechen eigentlich erst so gegen 22 Uhr  Essen gehen - während dann bei uns die meisten Küchen bereits geschlossen sind.

Ach ja und eine traurige Neuigkeit gibt es zu vermelden. Unsere Freundin Despina hat ihre Taverne in Mesta aufgegeben und ist mit ihrem Sohn nach New York ausgewandert. Es macht traurig und zornig zugleich, dass nach zehn Jahren Krise so viele Menschen Griechenland verlassen müssen, um überleben zu können. Despina, Marianthi und  Evghenia bleiben tief in unserem Herzen.



Auf jeden Fall lassen sich die Menschen auf der Insel während der Feiertage bis ins neue Jahr gut gehen. Überall wird gekocht und weihnachtlich gebacken - nicht zu süß aber heavy! Als wir am Heilig Abend zu unseren Freunden Georgios und Marianna fahren wollten, klopfte es an die Tür unseres Apartments. Vor der Tür stand Michalis, unser Vermieter (Lydia Lithos Homes), in der Hand hielt er zwei Teller mit Weihnachtsleckereien. Ich war so gerührt und bedankte mich mit Händen, Lachen und Gesten - man verstand sich. So fühlten wir uns für die Feiertage mit Süßem gut versorgt.

Volissos ist für uns der ideale Ort um der Weihnachtshektik und dem grellen Geschenkerummel bei uns zu entkommen. Kurz vor unserer Abreise sah ich in Stuttgart eine Plakatwerbung, die alles auf den Punkt brachte: Das Wort 'Sale' bildete die Form eines Weihnachtsbaumes - Konsum, das ist von Weihnachten geblieben... In unserem kleinen Dorf konnten wir die Feiertage ohne großen Spektakel verbringen, mit Freunden, Lachen und gutem Essen. Die Dorfbewohner schmückten Plätze und Häuser zwar mit vielen Lichterketten, aber insgesamt ging es sehr ruhig zu. Dagegen zeigte unser Besuch der Inselhauptstadt, dass es den bei uns üblichen Vorweihnachtsstress auch hier gibt. 

Bald neues Leben im Kinopalast?!
Diejenigen, denen es auf der wohlhabenden Insel gut geht, stürzten sich in den weihnachtlichen Konsumrummel, die Geschäfte waren voll. "Die kaufen wie verrückt", sagte unsere Freundin Natalia, die in einem Spielzeugladen arbeitet. Allerdings bemerkten wir beim Bummel durch die weihnachtlichen Gassen der Hauptstadt an vielen Stellen leerstehende Geschäfte. Viele Besitzer haben den Kampf gegen die zehn Jahre dauernde Krise verloren und aufgeben müssen. Dagegen verbreiten sich in der Fußgängerzone, der Aplotarias, immer mehr Boutiquen und Ladenketten mit ihrer Einheitsware.

Weihnachtlicher Straßenschmuck
Auch unser Freund George musste nach langen Jahren  letztes Jahr sein Geschäft für Haushaltswaren schließen. Seine Freude ist das neue Hotel 'Chios City Inn', das sein Sohn im Sommer nahe am Hafen eröffnet hat. Genau das bewundern wir bei vielen Freunden hier, sie lassen sich nicht unterkriegen und haben immer neue Ideen! Allerdings breitet sich mit den Ladenketten und Boutiquen von der Stange die Eintönigkeit in der City aus, die wir in Deutschland schon lange kennen. Gleichzeitig bemüht sich die Stadt allerdings, ihre Sehenswürdigkeiten  herauszuputzen. So wird in der alten Zitadelle eifrig an der Restauration der venezianischen Mauern gearbeitet, zur Meereseite sind sie bereits fertig und bieten einen Blick auf die nahegelegene türkischen Küste bei Cesme. Über eine Nachricht haben wir uns sehr gefreut: Das seit Jahren leerstehende alte Kino am Hafen, erbaut in den 1930er Jahren im Art-Deco-Stil, soll renoviert werden. Der Inselbürgermeister hat erreicht, dass das verfallene Gebäude saniert und später als Kulturzentrum mit Ladengeschäften wiedereröffnet werden kann. Dafür wurden jetzt die Mittel bereitgestellt, bleibt abzuwarten, wann und wie das gelingen wird. 



Mai 2015
Die provisorischen Zeltlager für Flüchtlinge sind verschwunden, wo noch 2015 Menschen im Stadtzentrum am Stadtpark kampierten, wurde jetzt Weihnachtsstimmung geboten - für mich hatte das auch einen etwas bitteren Beigeschmack. Die Flüchtlinge sind ja nicht weg, man hat sie nur in ein Camp im Südosten der Insel transportiert. Per Bus-Shuttle können sie in die Inselhauptstadt fahren, müssen dann aber wieder zurückkehren. Mich deprimierte der Anblick heimatloser Familien,
Dezember 2018
die mit ihren Kindern im Stadtzentrum durch das nasskalte Wetter liefen - es ist beschämend für ganz Europa! Auf Chios leben heute immer noch rund 2500 Flüchtlinge und fast jeden Tag erreichen Boote vom türkischen Festland die Insel. (Stuttgart beherrbergt weniger als 7000 Flüchtlinge, gemessen an der Einwohnerzahl von Chios, müssten es 25 000 sein)


Zwar werden mittlerweile Frauen und Kinder von Chios auf das griechische Festland gebracht, die Zustände im Lager sollen aber weiterhin unerträglich sein. Zurück bleiben vor allem diejenigen, die keine Chance auf Asyl haben, sie dürfen die Insel nicht verlassen. Kein Wunder, wenn sich da bei Inselbewohnern und Asylsuchenden zunehmend Aggression ansammelt. Aber weder die Regierung in Athen, noch in Deutschland interessiert das. Auf der Insel sieht es aktuell optisch nett und aufgeräumt aus und immer noch bemühen sich Freiwilige von Nichtregierungsorganisationen (NGO) um die Flüchtlinge. Das Lager im Süden ist hermetisch abgeriegelt - kein Zutritt. Im Hafen ankern derzeit noch Schiffe der griechischen Küstenwache und der Marine, die ausländischen Boote waren nicht zu sehen - anscheinend wohl auf 'Weihnachtsurlaub'... Ich kann mittlerweile nicht mehr ungetrübt die Faszination des wildbewegten Meeres zwischen Chios und der türkischen Küste genießen. Sofort muss ich an die Schlauchboote denken, die versuchen, bei jedem Wetter das europäische Festland zu erreichen. Aktuell meldeten die Vereinten Nationen, dass 2018 fast 2300 Menschen die versuchte Überfahrt über das Mittelmeer nach Europa mit dem Leben bezahlt habe. Und das verkauft man dann noch als Erfolg! Im Jahr davor hatte man fast 3250 Opfer gezählt. Weihnachtliche Freude konnte da bei mir nur begrenzt aufkommen. Aber Schönheit und Tragik liegen eben nah beieinander....

One member of the NGO Pro Asyl in Germany visited the camp in Chios - terrible!
https://www.proasyl.de/news/chios-wenn-man-da-reingeht-und-die-situation-mit-eigenen-augen-sieht-dann-ist-das-so-krass/?fbclid=IwAR1agWnmyGAcVrus7gPSYIiHM-Vmjzd_5t7Nyf7SN9vQIqxmjcOWPt9b0_c 


Da wir dem urbanen Weihnachtsrummel entgehen wollten, fuhren wir wieder mal in den Kambos. Das Plantagengebiet für Zitrusfrüchte im Süden der Inselhauptstadt ist immer ein Erlebnis. Inmitten der alten Herrenhäuser und hinter den Mauern aus rötlichem Sandstein von Thimiana standen überall Bäume an denen Orangen, Mandarinen und Zitronen hingen. Der Regen der letzten Tage hatte überall auf der Insel frisches Grün aus dem Boden sprießen lassen, Für uns Nordeuropäer, die im Winter an kahle Bäume und schmutziges Braungrau gewöhnt sind, war das einfach schön. Dabei sind auch Sommer und Herbst attraktiv, mit ihren Braun- und Ockertönen, die in dieser Zeit die Inselfarben prägen. 



Wir fühlten uns in der Cafeteria des kleinen Zitrusmuseums im Kambos wohl, aber bald zog es uns wieder in die ruhige Einsamkeit des Insel-Nordwestens zurück. Zwar blieb das Wetter kalt, aber es war trocken und so konnte man durch die Natur wandern und die Schönheit des Inselnordens voll genießen. Wenn die Sonne herauskam, wurde es angenehm warm und wir konnten bis zur Nachbarinsel Psara blicken, in der Ferne erkannte man sogar Mytilini

Körperliche Bewegung war mehr als angebracht, denn wir ahnten schon, was unsere Freunde George und Marianna für kulinarische Überraschungen für uns vorbereitet hatten - sie sind wahrlich maitres des cuisines und es macht Spaß zuzuhören, wenn sie die Zubereitung erklären. Am schönsten an den abendlichen Vergnügen am Kamin, war die unkomplizierte Art und Weise. Da gab es keine weihnachtlichen Kleiderordnung, man vergnügte sich beim Essen, tauschte deutsch/griechischen Tratsch und Klatsch aus und ließ es sich einfach gut gehen. Und deshalb gibt es zum Schluss nur Bilder ohne Worte mit den Köstlichkeiten, die uns aufgetischt wurden. (Ziege, Spanferkel, Stallhase, Risotto, Zuppa Inglese, Gebäck).  

Vielen Dank George und Marianna!  

Σας ευχαριστούμε πολύ






 

Siehe auch: https://medienfresser.blogspot.com/2018/01/chios-2017-weihnachts-impressionen.html

Samstag, 3. November 2018

Chios Herbst 2018: Kultur im Dorf.....



Stürmische Ankunft in Volissos


"Also Wettermäßig war dieses Jahr schon ziemlich komisch", meinte unser Freund Georgios, als wir Ende September 'unser' Dorf Volissos im Nordwesten der Insel Chios erreichten. Im Hochsommer habe es geregnet und Anfang Oktober bekamen wir dort die Ausläufer eines Wirbelsturms über der Ägäis zu spüren. Kein Wunder also, dass sich unser Kater "Mavro" immer wieder in unsere Ferienwohnung schmuggelte, um sich aufzuwärmen. Wir konnten ihn ja nicht im Sturm und Regen vor der Tür sitzen lassen.

Fahne-Vom Winde verweht
Profitiert haben vom Orkan wohl nur die Verkäufer griechischer Fahnen. Nach den Sturmnächten hingen sie überall in Fetzen oder waren komplett verschwunden. Immerhin sind sie überall an öffentlichen Gebäuden, Denkmalen oder anderen wichtigen Orten angebracht - wie auch an der alten byzantinischen Festung oberhalb von Volissos. Schon wenige Tage nach dem Sturm, flatterte eine neue Fahne am Mast und das Wetter nahm auch milde Formen an...

Unverändert schwierig ist auch 2018 die wirtschaftliche Lage der Insel: "Ohne die wohlhabenden Besucher vom türkischen Festland, sähe es für uns dieses Jahr noch schlechter aus", meinte ein befreundeter Vermieter alter Bauernhäuser. Sein Sohn Nikos hat gerade in der Hauptstadt ein Hotel in Hafennähe eröffnet, das von den Nachbarn aus der Türkei gerne für einen Wochenendtrip gebucht wird. Viele Tavernen werben mit türkischen Speisekarten um die Gäste, die per Fähre aus dem acht Kilometer entfernten Cesme übersetzen."Diese Besucher bleiben meistens für ein Wochenende und lassen dabei eine Menge Geld hier" sagt Nikos. Ein Spaziergang an der Promenade am Hafenbecken zeigt die schwierige Lage. Einige Lokale haben aufgegeben - Nachmieter haben sich nicht gefunden - sie stehen leer.

Die noch im letzten Jahr optische Präsenz der Flüchtlinge in der Hauptstadt ist deutlich zurückgegangen. Das liegt allerdings weniger daran, dass weniger Schutzsuchende per Schlauchboot vom nahgelegenen türkischen Festland Chios erreichen. Vielmehr wurden das in den Parkanlagen und im Burggraben der alten venezianische Festung gelegenen Zeltlager geräumt. Griechische Neonazis der Chrysi Avghi Partei agitierten vor einigen Monaten auf der Insel, ein Mob griff daraufhin mit Steinen und Brandsätzen Flüchtlinge und ihre Untertstützer am Stadtpark an. Sie wollten dort gegen die katastrophalen Lebensbedingungen im neuen Lager Vial protestieren. Die Inselverwaltung hatte die Camps in der Hauptstadt schließen lassen und dafür im Südwesten der Insel das Lager Vial eröffnet. Weit entfernt vor der Öffentlichkeit leben die Menschen dort in unzumutbaren Umständen. Die Verantwortlichen handeln anscheinend nach dem Motto: Was nicht zu sehen ist, existiert nicht.

Täglich kommen immer noch Schlauchboote mit Flüchtlingen vom türkischen Festland auf Chios an - die Medien in Deutschland interessiert das aber nicht. Auf der fünftgrößten Insel Griechenlands, mit seinen etwa 52 000 Einwohnern - Zwei-Drittel in der Hauptstadtregion - leben derzeit etwa 2100 Flüchtlinge. Sie stellen damit etwa Vier Prozent der Inselbevölkerung. Zum Vergleich: In Stuttgart mit 612.000 Einwohnern sind 6870 Flüchtlinge untergebracht worden - das sind etwas mehr als Ein Prozent. Würden in Stuttgart so viele Flüchtlinge leben, wie auf Chios, müsste die Stadt fast 25 000 Flüchtlinge beherbergen. Was wäre wohl in der Schwaben-Metropole los, wenn dort ähnliche Verhältnisse wie auf Chios herrschen würden... Auf der Insel profitiert auch so mancher Geschäftsmann von den Flüchtlingen: "Sie versorgen das Camp mit Nahrungsmitteln und Getränken und verdienen gut daran - wer kontrolliert schon die Qualität oder den Preis?", lästert ein befreundeter Hotelier. Die Lage ist also eigentlich ruhig, aber Touristen sind eine leicht verschreckbare 'Spezies'. Viele lassen sich auch von ihren heimischen Vorurteilen leiten. "Ein Paar aus den Niederlanden, das seit vielen Jahren regelmäßig zu mir kommt, hat dieses Jahr abgesagt. Sie meinten, es seien ihnen zu viele Kopftuchträger und Muslime hier", meinte kopfschüttelnd eine Tavernenwirtin zu uns.


Kürzlich wurde in der Nähe des Flughafens "Omiros" eine neue Privatschule für den maritimen Nachwuchs der Insel eröffnet. Hier erwerben die Jugendlichen nicht nur einen Schulabschluss, sie lernen auch Grundbegriffe der Schiffahrt und des Seehandels. Kein Wunder, denn Chios ist seit Jahrhunderten für seine Seefahrer und reichen Reeder bekannt. Nicht umsonst verbrachte Chrstoph Kolumbus einige Zeit auf der Insel, um von den Griechen etwas über Navigation zu lernen. Viele der wichtigsten griechischen Reederfamilien haben ihre Wurzeln auf Chios und der benachbarten kleinen Insel Oinousses. Ihre Landsitze und Villen sind ein Beleg für ihren Reichtum. Auch für Luxusreisende ist Chios zu einem Reiseziel geworden, hier legen im Sommer Luxusyachten im Hafen der Stadt an. Ein großes Motorschiff hielten wir für einen Kreuzfahrer, bis uns ein Freund über das Schiff aufklärte: "Vor einiger Zeit rief mich eine Agentur an, die Luxusreisen organisieren. Sie wollten, dass ich für ihre Gäste chiotische Spezialitäten für einen Strandaufenthalt in die Bucht vopn Karinda im Süden der Insel liefern sollte". Die Bucht ist ein felsiger Fjord mit klarem Waser und einem kleinen Kiesstrand: "Die haben dann mit zwei Landungsbooten eine komplette Strand-Ausrüstung am Strand aufgebaut. Wisst Ihr, was die reichen Russen an Miete für die Yacht gezahlt haben? 650 000 Euro in der Woche!" Wir wollten das nicht glauben, aber er zeigte uns die Homepage der Luxus-Reiseagentur. 


Kultur in Volissos

 

Es gibt glücklicherweise Wohlhabende, die ihr Geld sinnvoller ausgeben. So organisiert eine Stiftung, die von griechischen Reedern gesponsert wird, eine Gesundheitsaktion in abgelegene Gebieten Griechenlands. Dieses Jahr kamen sie auch in die Region Amani, im Nordwesten von Chios. Hier wohnen etwa 800 Menschen, vor allem Ältere, die Gesundheitsversorgung ist mangelhaft. Im Hauptort Volissos gibt es zwar eine Sanitätsstation, in der junge Ärzte ein Jahr Dienst tun müssen, bevor sie eine Praxis eröffnen dürfen. Aber ihre Möglichkeiten sind begrenzt - fachärztliche Beratung ist nur in der zentralen Klinik der Hauptsstadt möglich und das bedeutet einen Autofahrt von etwa zwei Stunden.Die Stiftung bringt für ein paar Tage eine Gruppe von Fachärzten vor Ort, damit sich die Einwohner der Region untersuchen lassen können. 

Das Omikron-Team von Volissos
Während der Ärzte-Aktion sammelten junge Leute auf abgelegenen Stränden angeschwemmten Plastikmüll. Eine Gruppe von Aktiven auf der Insel versucht schon seit längerem, bei den Einwohnern ein Bewusstsein für die Verschmutzung der Meere zu schaffen. Außerdem engagiert sich eine weitere Gruppe Freiwilliger für den Schutz vor Waldbränden.  Im Jahr 2012 hatte ein Feuer schwere Schäden im Süden der Insel angerichtet. Damals waren die freiwilligen Helfer schlecht ausgerüstet und die Feuerwehr überfordert - noch heute sieht man die Spuren. Um so etwas im Nordwesten zu verhindern, haben sich Freiwillige in der Region Amani zur Gruppe Omikron zusammengeschlossen. Sie entfernen Gestrüpp von Wegen und senken so die Feuergefahr. Die Forstbehörde und die Feuerwehr bilden das Omikron-Team in der Brandbekämpfung aus. Die Menschen hier haben begriffen, dass es keinen Zweck hat, über staatliches Versagen zu schimpfen - sie sind selber aktiv geworden. In Volissos engagieren sich viele Bewohner bei Omikron - auch unsere Freunde Georgios und Marianna.  

Die Schule von Volissos

Zum Abschluss der Aktionstage der Ärzte gab es dann in Volissos noch etwas ganz besonderes: Fünf Musiker gaben am Abend ein Konzert unter freiem Himmel - direkt vor der alten Schule von Volissos. Unsere Freunde George und Marianna hatten uns mitgenommen und es waren mehr als 100 Zuschauer gekommen - bei wohlgemerkt 350 Einwohnern im Dorf. Wir und unsere griechischen Freunde waren erstaunt, dass so viele Volissianer gekommen waren. Als die Musik begann, wurden die herumlaufenden Kinder schnell ruhig, sie folgten fasziniert der Darbietung der fünf Künstler. Das Bläser-Quintett war extra aus Athen angereist - der Auftritt war auch für sie etwas besonders. So hatten sie zuerst damit zu kämpfen, das ihre Instrumente wegen der feuchten Abendluft mehrfach nachgestimmt werden mussten - aber sie blieben gelassen. Zuerst wurde eine Mischung bekannter klassischer Stücke, von Tschaikowsky bis Bizet gespielt. Als in der nahegelegenen Kirche die Glocke der Turmuhr schlug, unterbrach das Quintett seine Darbietung, um dann nach dem letzten Schlag weiter zu spielen. Die zweite Hälfte des Konzerts bestand aus griechischer Musik, die man klassisch arrangiert hatte. Dabei begannen viele Zuhörer, die bekannten Volksweisen leise mitzusingen. Plötzlich erkannte ich die Melodie des Liedes "Ta Paida Tou Piraia" - in Deutschland besser bekannt als "Ein Schiff wird kommen". Es stammt aus dem Kinofilm der 1960iger Jahre "Sonntags nie" mit Melina Mercouri - die das Lied dort sang. Hier am Abend in Volissos summten viele die Melodie mit, darunter viele ältere Frauen - es war anrührend. Nach dem Konzert liefen wir, die hell erleuchtete Burgruine über uns, mit George und Marianna in eine Dorftaverne - was für ein griechischer Abend!   

Festung von Volissos by night....

Kurz vor der Abreise gab es dann noch ein 'Event' der anderen Art. Im Herbst gibt es regelmäßig Manöver der griechischen Armee in der Bucht von Managros. Unsere Freunde hatten uns schon vorgewarnt, aber diesmal war wirklich der Teufel los. Vor allem die Luftkämpfe simulierenden Jets der griechischen Luftwaffe waren beängstigend. Sie donnerten im Formationsflug immer wieder nur wenige hundert Meter über unseren Köpfen hinweg, während in der Bucht Landungsschiffe Panzer an Land brachten. Der Krach war ohrenbetäubend, Hubschrauber setzten Soldaten ab und man hörte das Geknatter der Waffen. Vor allem für syrische Flüchtlinge auf der Insel dürfte diese Übung schreckliche Erinnerungen an ihre realen Kriegserlebnisse wachgerufen haben. 


Glücklicherweise war das militärische Spektakel nach zwei Tagen vorbei und wir konnten einen abschließenden Wandertag an der Nordküste genießen. Diese Stille! Das großartige Panorama mit Blick bis zum benachbarten Mytillini (Lesbos) - Ruhe und Entspannung. Besonders erfreut waren wir über die neuen Schilder, die zum Wandern auf alten Wege einladen. Bisher war es nicht immer einfach, den Pfaden zu folgen, die oft zugewachsen waren. Eine Gruppe engagierter Chioten kümmert sich seit Jahren darum, die Wege vom Gestrüpp frei zu halten und haben dieses Jahr im Nordwesten viele Wegweiser aufgestellt. Dies ist vor allem das Verdienst unseres Freundes Georgios Chalatsis, der sich seit langen Jahren dafür engagiert. Einst arbeitet er als Lehrer in München und ist für uns ein hellenischer Bayer - oder umgekehrt. Die alten Pfade und Wege wurden auf Chios teilweise schon während der byzantinischen Zeit im Mittelalter angelegt. Viele waren noch bis weit in das letzte Jahrhundert die einzige Verbindung zwischen Inseldörfern. 

Wieder verging die Zeit auf Chios schnell - aber Weihnachten sind wir wieder zurück in Volissos! 

Ach ja: Zunehmend macht sich deutscher Biergeschmack auch auf Chios breit...