Sonntag, 9. April 2017

Stell Dir vor, Zeitungen verschwinden - und niemanden kümmert's...


Was waren dass noch für Zeiten, als man unter dem Slogan: "Enteignet Springer!" ganze Demonstrationen anführen konnte. Damals galten BILD und WELT als politische Scharfmacher und es wurde öffentlich über das Verschwinden der Meinungsvielfalt gestritten - lang ist's her. Und heute? Reizfiguren wie Axel Springer gibt es in der Zeitungslandschaft nicht mehr, die Verlage werden von renditefixierten Managern - den Herren des Morgengrauens -  gesteuert. Der Springer-Verlag hat sich von seinem Tageszeitungs-Imperium größtenteils getrennt und engagiert sich lieber im Internet mit Kauf- und Urlaubsportalen. 

Da drüben sitzen die Mächtigen....
Kritische Öffentlichkeit über die Verödung bei lokalen Medien gibt es kaum noch. Umso verdienstvoller ist die Arbeit des Formatt Instituts in Dortmund, das seit Jahrzehnten unter Leitung von Horst Röper die Entwicklung kritisch verfolgt. Alljährlich präsentiert er in der Fachzeitschrift Media Perspektiven umfangreiche Analysen und Schaubilder zur Pressekonzentration in Deutschland. Am 3. April 2017 referierte Röper in Stuttgart über die Entwicklung des Pressemarktes auf einer Veranstaltung der Gewerkschaft Verdi. Der Tagungsraum im DGB-Haus gab aus seinen Fenstern den Blick frei auf das gegenüber liegende Haus der Wirtschaft. In dem neoklassizistischen Bau, regieren die, die wirklich das Sagen im Ländle haben - die Unternehmer. 

Röper erklärte anhand eines dafür erstellten Schaubildes die Entwicklung der Südwestdeutschen Medien Holding GmbH (SWMH), die den Zeitungsmarkt in Württemberg und anderswo beherrscht. 

Die SWMH gehört vier Verlags- und Mediengruppen: 
  1. Gruppe württembergischer Zeitungsverleger (33,2%)
  2. Medien Union GmbH Ludwigshafen (47,5%)
  3. Ruth Aberle (7,4%)
  4. Ebner Presse KG Ulm (11,9%)
Zur SWMH gehören diverse schwäbische Lokalzeitungen, die beiden Stuttgarter Blätter (Stuttgarter Zeitung - Stuttgarter Nachrichten), die Rheinpfalz in Ludwigshafen, die Südwestpresse Ulm sowie der Süddeutsche Verlag in München mit der bundesweit rennomierten Süddeutschen Zeitung, sowie diversen Fachzeitschriften. Die SWMH ist auch im kommerziellen Rundfunk sowie bei Anzeigenblättern und technischen Druckbetrieben aktiv. 

Horst Röper - Chef von Formatt
Für Röper ist die SWMH - obwohl wenig bekannt - ein big player im deutschen Zeitungsmarkt. Immerhin erreichen die Tageszeitungen der Gruppe mit täglich 1,6 Millionen Zeitungen (600 000 in Baden-Württemberg) bundesweit 11,8% Marktanteil. Dahinter rangiert die Funke-Mediengruppe (WAZ-Gruppe) mit 1,2 Millionen Exemplaren (9,3%), gefolgt von Madsack in Hannover mit 937 000 (6,3%) und dem DuMont Verlag in Köln mit 852 000 (4,3%) Tageszeitungen.  

Diese Verlagsunternehmen produzieren dabei nicht nur ihre Lokalzeitungen. Zu ihrem Portfolio gehören Anzeigenblätter, Rundfunkbeteiligungen, Online-Ableger wie drucktechnische Bereiche und Vertriebsunternehmen und hier setzt man auf Synergie. Im Gegensatz zu Madsack, das überall im Bundesgebiet Zeitungen aufkaufe, sei man bei der SWMH bestrebt, Verbreitungsgebiete im Südwesten zu arrondieren, so Röper. Mit der Übernahme des Süddeutschen Verlags in München sei die SWMH aber auch in Bayern und Thüringen aktiv. Kritisch beurteilte der Wissenschaftler aus Dortmund, dass die SPD-Medienholding  - mit 30% am Mutterhaus der Süddeutschen beteiligt - gegen die Konzentrationsbestrebungen der SWMH nichts einzuwenden habe. 

Mit der aktuellen Novellierung des Kartellrechts werde der Zeitungsmarkt weiter dereguliert, die Kooperation zwischen Verlagen erleichtert. Das sah Röper aber nicht so dramatisch, denn eigentlich legitmiere dies nur, was lange schon Praxis zwischen den Verlegern sei. So hätten die Unternehmen das Verbot gemeinsamer Vertriebsstrukturen etwa damit unterlaufen, dass sie sich gegenseitig mit der Auslieferung ihrer Presseerzeugnisse zu beauftragen: "Heutzutage steckt doch ein Zeitungsausträger die Erzeugnisse konkurrierender Verlage in den Briefkasten." Auch der Austausch von Zeitungsmänteln sei jahrelang genauso Praxis, wie die gemeinsame Nutzung von Auslandskorrespondenten. 

Also alles halb so wild? Am Beispiel des Regierungsbezirks Düsseldorf zeigte Röper, welche Folgen die zunehmend Kooperation und Konzentration im lokalen Zeitungsmarkt für den Leser habe. So würden etwa Lokalnachrichten einheitlich für konkurrierende Blätter von Mini-Redaktionen produziert. Der Redakteur wisse eigentlich nicht mehr, für welche Zeitung er da schreibe. Die Konzentration gerade im lokalen Journalismus wachse, aber die Politik schaue nur zu und überlasse die Sicherung der Medienvielfalt bei Printmedien alleine dem Markt, kritisierte der Medienforscher. Dabei könne man mit Stiftungen oder anderen Formen öffentlicher Förderung etwas für die lokale Medienvielfalt tun. Röper verwies in diesem Zusammenhang auf Skandinavien, alleine in Schweden fördere man mit jährlich rund 75 Millionen Euro die lokal-regionale Medienlandschaft. Außerdem ermögliche das Internet eine Wiederbelebung der Berichterstattung vor Ort. So gebe es in Nordrhein-Westfalen mittlerweile rund 100 verschiedene lokale Info-Websites. Eines ist aber für Röper klar: "Ohne öffentliche Mittel ist eine Vielfalt im Journalismus nicht zu erreichen!"

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, einfache Lösungen gibt es nicht. So wies Siegfried Heim, Landesfachbereichsleiter der Gewerkschaft Verdi darauf hin, größere mediale Einheiten könnten auch besserer Recherchebedinungen mit sich bringen. Es sei nicht von der Hand zu weisen, dass kleinere Tageszeitungen ohne Zusammenschluss auf der Strecke bleiben könnten. Kritisch merkte er an, die Grün-Schwarze Landesregierung scheue das Thema Medienkonzentration im Südwesten. Zwar habe man im Koalitionsvertrag einen "Runden Tisch Medienvielfalt" angekündigt worden: "Aber bisher ist da nichts geschehen", so Heim. 

Auf die sinkenden Auflagen, die Abwanderung des Anzeigengeschäfts der Tageszeitungen in das Internet und rückläufige Verlags-Renditen angesprochen, betonte Röper, trotzdem seien Printmedien ein lohnendes Geschäft. Schließlich würden auch heute durchschnittliche Renditen von 6% erwirtschaftet. Röper räumte aber ein, dazu lägen belastbare Daten über die Ertragssituation der Verlage nicht vor - Bilanzen würden dazu nicht ausreichen. Er war sich aber sich, die heute üblichen Renditen seien zwar, verglichen mit den Zeiten zweistelliger Gewinnraten gesunken, im Vergleich mit anderen Branchen aber immer noch attraktiv. Wahr sei auch, dass sich die Einnahmestruktur: Ein Drittel Verkauf, Zwei Drittel Werbeeinahmen mittlerweile völlig gedreht habe. Die Verkaufspreise weiter anzuheben habe aber angesichts sinkender Bereitschaft für ein Abonnement Grenzen. Diese würden immerhin rund 90% der Vertriebseinnahmen der Tageszeitungen ausmachen. Der Einstieg in das digitale Mediengeschäft ist für Röper überlebenswichtig, manche Verlage hätten dies allerdings zu spät in Angriff genommen. Verlagsunternehmen wie etwa Axel Springer würden mittlerweile im Onlinebereich mit Produkten Geld verdienen, die mit Medien oder Journalismus nichts mehr zu tun hätten. Mit ihren digitalen Medienageboten würden nur Premium-Marken (SZ oder Spiegel) heutzutage wirklich Geld verdienen, bei regionalen Verlagen sei ihm keiner Bekannt, der Online schwarze Zahlen schreiben würde - sagte Röper. Trotzdem sei das Engagement auch für lokale Zeitungen wichtig, denn Jüngere würden sich sehr wohl für Informationen aus ihrer Region interessieren - nur eben nicht per Zeitung, sondern im Internet. 

Der DGB-Bau im Spiegel der Wirtschaft....
Röpers Fazit: Die Strategie der SWMH sei nachvollziehbar, durch Kostenreduktion mittels Zusammenlegung von Redaktionen und Konzentration der technischen- und verwaltungsbezogenen Ressourcen Renditen erzielen Durch die Zusammenlegung etwa der lokalen Redaktion der Stuttgarter Zeitung und der Nachrichten, könnten so kurzfristig die Stückkosten halbiert werden. Was das für die Meidenvielfalt bedeute stehe auf einem anderen Blatt. Es gebe weitere Strategien der Kostenreduktion, so könnten einzelne Blätter ihren Erscheinungsrhytmus reduzieren - künftig nicht mehr 6 Tage die Woche erscheinen, sondern auf 3-4 Tage wechseln. Für die Gewerkschafter war klar, man müsse dafür eintreten, dass nicht alles auf Kosten der Arbeitnehmer in den Verlagen gehe.

Fazit: Die Konzentration der Medien schreitet weiter voran, Synergieeffekte nutzen heißt die Devise und damit auch Personal abzubauen oder durch schlecht bezahlte Mitarbeiter zu ersetzen. Eine gesellschaftliche Debatte über die Folgen findet nicht statt und die Gewerkschaften ziehen sich darauf zurück, um die Arbeitsplätze der Beschäftigten in den Medienunternehmen zu kämpfen.   










Mittwoch, 5. April 2017

Internet-Geschwindigkeit - Wer glaubt schon dem Tacho?


Flitzer oder Lahme Ente?
Jeder Käufer eines Autos kennt das, auf dem Tachometer steht die erreichbare Höchstgeschwindigkeit. Man ahnt natürlich, das Fahrzeug wird nie so schnell fahren wie es der Tacho verspricht - aber es sieht ja so gut aus... Würden die Auto-Hersteller verpflichtet, auf ihren Tachometern die real erreichbare Geschwindigkeit anzugeben - etwa anstatt 220 Stundenkilometer nur 130 kmH, öffentlicher Hohn und Spott sowie Proteste von ADAC bis zu den Verbraucherzentralen wäre ihnen sicher. Mancher Kunde würde vor Gericht ziehen und nicht wenige die Marke wechseln. Ein massiver Imageverlust wäre die Folge - Wer zahlt schon r einen Flitzer, wenn er nur eine lahme Ente bekommt? Genau so aber ergeht es aber seit Jahren den Nutzern des Internets. In den Anzeigen der Printmedien und ihren TV-Spots werben die Anbieter mit hohen Übertragungsraten. Im 'Kleingedruckten' wird dann erklärt, die Datenmenge hänge von den örtlichen technischen Bedinungen ab. Schamlos kassieren dagegen die Online-Anbieter aber von ihren Kunden den vollen Preis und nicht etwa nur für die real zur Verfügung gestellte Internet-Geschwindigkeit. 

Am 27. März 2017 veröffentlichte dazu die Bundesnetzagentur, eine Behörde des Bundes zur
Weiß man, wieviel hier ankommt?
Überwachung der Infrastruktur in Deutschland, erstmals den
"Jahresbericht Breitbandmessung". Fazit: "Die Hälfte der Nutzer (...) erreicht bei allen betrachteten Anbietern mindesten 60% der vertraglich vereinbarten maximalen Datenübertragungsrate." (S.8) Zufrieden mit den Ergebnissen war Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur wohl nicht, in einer Pressemitteilung seiner Behörde betonte er:
Über alle Bandbreitenklassen und Anbieter hinweg erreichen Kunden oft nicht die maximale Geschwindigkeit, die ihnen in Aussicht gestellt wurde.  

Wieviel Power gibt's wirklich?
Insgesamt liefen zwischen September 2015 und September 2016 mehr als 398 000 freiwilligen Messungen stationärer Breitbandanschlüsse (Telefonleitungen und Breitbankabel) bei der Netzagentur ein. Davon wurden die Daten von mehr als 106 000 Messungen als Valide Ergebniise ausgewertet. Jeder Internetkunde konnte am Messverfahren teilnehmen und die Geschwindigkeit seines Anschlusses überprüfen lassen - das geht übrigens jetzt noch über die Homepage der Bundesnetzagentur unter https://breitbandmessung.de/.

Für die mobile Internetversorgung wurden außerdem die Ergebnisse von 53 600 Messvorgängen ausgewertet. Beim mobilen Internet lagen laut Bundesnetzagentur die Übertragungsraten "deutlich unter dem von stationären Breitbandanschlüssen." (S.9) Weniger als ein Drittel der Mobilkunden konnten demnach gerade einmal die Hälfte der vertraglich vereinbarten maximalen Datenübertragungsrate abrufen. "Die Hälfte der Nutzer (...) erhielt bei allen betrachteten Anbietern mindestens 20% der vertraglich vereinbarten maximalen Datenübertragungsrate". 

Nach der Veröffentlichung kam sofort Kritik an den Ergebnissen von den Online-Anbietern. Sie monierten vor allem, dass die Ergebnisse nicht repräsentativ sein, da sie auf freiwilligen Messungen basierten. So meinte ein Vertreter der Telekom nur knapp gegenüber dem Handelsblatt (23.3.17): "Insgesamt halten wir die Erhebung nicht für repräsentativ." Auf diese Kritik angesprochen, sagte am 3. April der bei der Bundesnetzagentur für den Bereich Telekommunikation zuständige Pressesprecher, man habe mit dieser Methode endlich "echte Meßergebnisse erhalten wollen". Durch die freiwilligen Tests der Nutzer habe man erfahren, wie hoch die beim Online-Kunden ankommende Leistung wirklich sei. 

Die Ergebnisse der Messungen wurden von der Bundesnetzagentur für Anschlüsse mit unterschiedlich vereinbarten Bitraten aufbereitet. "Kunden mit hochbitratigen Anschlüssen sind häufiger in der Stichprobe vertreten, als bei einer Zufallsauswahl zu erwarten gewesen wäre. Demgegenüber war die Teilnahmemotivation bei Kunden der  unteren Bandbreitenklasse offenbar geringer." (S. 53) Vielleicht lag das auch daran, dass die Möglichkeit einer Online-Messung seines Internetanschlusses nicht ausreichend öffentlich bekannt war.

Ärgerlich am Bericht der Bundesnetzagentur ist, er bietet weder aktuelle Daten über die Gesamtzahl der Onlineanschlüsse, noch über ihre Verteilung auf die verschiedenen Verbreitungstechniken: Telefon, Kabel, Strohmleitung und Mobilfunk. Darauf angesprochen, verwies der Vertreter der Bundesnetzagentur auf den im Mai erscheinenden Jahresbericht seiner Behörde. Noch 2013 veröffentlichte die Bundesnetzagentur einen  Bericht zur Internet-Dienstequalität mit entsprechenden Zahlen*. Damals nutzten das Telefonnetz über 86% der Internet-Kunden, während per Kabel nur 13%, online gingen. Das mobile Internet spielte damals mit 1% noch keine Rolle. Mittlerweile dürfte sich die Situation gerade bei der mobilen Internet-Nutzung durch den  Boom der Smartphones deutlich verändert haben



Laut dem aktuellen 'Breitbandreport' der Stuttgarter Ehninger AG**, gab es Ende 2016 insgesamt mehr als 31,5 Millionen*** stationäre Internetanschlüsse in Deutschland (Telefon- Strohmleitung oder Kabelzugang). Marktführer war dabei die Telekom mit über 12,9 Millionen Kunden, gefolgt von Vodafone mit 6,1 Millionen, 1&1 mit 4,4, Millionen, Unitymedia mit fast 3,3 Millionen, O2 mit 2,1 Millionen und Tele Columbus mit etwas mehr als einer halben Million Kunden. Dabei bieten die Telekom, 1&1 sowie O2 Internetanschlüsse nur per Telefonleitung an. Vodafone versorgt seine Online-Kunden dagegen über Telefon- oder Kabel, während Unitymedia und Tele Columbus nur das Breitbandkabel anbieten. 


Prozentual steht die Telekom (41%) damit an der Spitze, gefolgt von Vodafone (19%), 1&1 (14%), Unitymedia (10%) sowie O2 (6,7%), Tele Columbus (1,6%), den Rest teilen sich kleinere Versorger (6,9%).


Hauptursache für die dürftigen Bitraten der Internetanbieter dürfte der weiterhin eher  schleppende Ausbau der Glasfaserkabel sein. Allerdings zeigte sich laut den Messergebnissen der Bundesnetzagentur, dass auch in der höchsten
Kabel erfüllt auch nicht alle Wünsche...
Geschwindigkeitsklasse zwischen 200-500 MB die gebotene Lesitung am Abend deutlich abfällt. Diese Geschwindigkeitsklasse bieten vorwiegend Kabel-Anbieter ihren Kunden. 


Einige Politiker reagierten auf die Ergebnisse der Budnesnetzagentur. So forderte etwa die bei den Grünen für das Thema zuständige Abgeordnete Tabea Rößner****, die Politik müsse die Anbieter in die Pflicht nehmen, Mindestbandbreiten und Bußgelder bei Verstoß dagegen erlassen. Diese Forderung verhallte bisher aber folgenlos. Dabei bestünde die Möglichkeit, dies in der nach Ostern im Parlament zu verabschiedenden Novelle zur Telekommunikationsordnung (TKG) einzufügen.

Wahrscheinlich verlassen sich die Internet-Anbieter darauf, dass so richtiger Protest bei ihren Kunden nicht aufkommt. So gab nämlich bei der Untersuchung der Bundesnetzagentur die Mehrheit der Festnetzkunden (65%) sowie auch der Mobilen Internetnutzer (82%) an, mit den Leistungen ihres Anbieters zufrieden zu sein.

*https://medienfresser.blogspot.de/2013/10/schnelles-internet-davon-kann-otto.html






** https://www.dslweb.de/breitband-report-deutschland-q3-2016.php
*** Inklusive Haushalte die Internet per Stromleitung als Empfangstechnik nutzen
****www.golem.de

Dienstag, 28. März 2017

SWR: Frauen in Führungspositionen - Parität in 20 Jahren - Eventuell...


Erstmals seit zehn Jahren präsentierte der Südwestrundfunk (SWR) am 24. März in
Gleichberechtigt zumindest an der SWR-Garderobe
Stuttgart
dem Rundfunkrat die Ergebnisse der neuesten Studie zur Chancengleichheit für Frauen. Dabei kam es zu einer engagierten Debatten in der öffentlichen Gremiensitzung - was wirklich nicht oft vorkommt. Bezeichnend war allerdings, dass von den etwa 20 Diskussionsbeiträgen nur zwei von Männern beigesteuert wurden. So verwunderte es auch nicht, das zu Beginn der Powerpoint-Präsentation der Ergebnisse durch die Gleichstellungsebauftragte, Angela Sterzenbach, im Saal erst einmal Unruhe aufkam. Manche begannen miteinander zu plaudern - darunter auch Frauen - andere widmeten sich ihren Mails im Laptop oder fuhrwerkten auf ihrem Smartphones herum - zumeist die Männer.


Junge Besucher im SWR - wenn sie Groß sind gibt's vielleicht eine Intendantin?!
Innerhalb der letzten zehn Jahre ist der Frauenanteil der Festangestellten von 1460 (39%) auf 1703 (46,5%) gestiegen. Beschäftigte der SWR im Jahr 2006 noch 2318 Männer, sank die Zahl mittlerweile auf 1962 Festangestellte. Betrachtet man außerdem die Freien- und Festfrei beschäftigten Mitarbeiter, dann wurde bei den insgesamt 1793 Personen mittlerweile die Parität erreicht, betonte Verwaltungsdirektor Jan Büttner. Der SWR also auf einem guten Weg zur beruflichen Gleichberechtigung? Ein Blick auf die Chancengleichheit bei Führungspositionen - ab Redaktionsleiter aufwärts - fällt eher ernüchternd aus. So stieg innerhalb der letzten Dekade der Anteil von Frauen zwar von 44 auf jetzt 101 in gehobener Funktion. Ihr Anteil an den Beschäftigten der Leitungsebenen macht damit aber immer noch gerade erst ein Drittel dieser Beschäftigten im SWR aus. Da schwang im Statement der Gleichstellungsbeauftragten wohl etwas Sarkasmus mit, als sie meinte, bei diesem Tempo würde die Parität in Führungspositionen des SWR in etwa 20 Jahren erreicht werden. SWR-Intendant Peter Boudgoust meinte dazu entschuldigend, die Fluktuation bei Festangestellten im SWR sei eben nur sehr gering: "Wer einmal im Sender ist, bleibt eben in der Regel bis zur Rente hier." 

Schwupps, schon wieder eine Kamera weg?! 
Einige Gremienmitglieder nutzten die Aussprache zum Thema, um ihren Unmut über das in vielen Programmen transportierte Frauenbild zu äußern. So entrüstete sich Brigitte Dahlbender (BUND), im gemeinsam von der ARD gestarteten Online-Programm "funk" für Jugendliche würden Frauen nur für die Themen Schönheit, Sex und Wissen zuständig sein. Auch hier werde damit ein tradiertes Themenklischee weiblicher Interessen transportiert. Dahlbender forderte vom SWR, einen 'gender check' seine Programminhalte vorzunehmen, wie es seit Jahren im Österreichischen Rundfunk (ORF) Praxis wäre. Für die Vertreterin der Migranten aus Baden-Württemberg, Argyri Paraschaki, fehlte im Gleichstellungsbericht eine Analyse, wie es um die berufliche Entwicklung im SWR für Frauen mit Migrationshintergrund stehe. Das Urgestein des Rundfunkrates, 'Charly' Geibel, seit Jahrzehnten für die Journalistengewerkschaften im Gremium, engagierte sich als einziges männliches Gremienmitglied. Er hielt fest, auch fast 50 Jahre nach 1968 sei das vom SWR in seinen Programmen vermittelte Frauenbild: "immer noch unterirdisch". Intendant Boudgoust sprach sich in seiner Antwort gegen den 'gender check' wie beim ORF aus - das Thema solle im SWR vielmehr in der Programmbeobachtung mitbehandelt werden. Nun ja.....


War's ein VfB-Fan?
Eine neben mir am Pressetisch sitzende Kamerafrau fragte ich, wieviele Kolleginnen es in ihrer Abteilung gebe - sie meinte, rund ein Drittel. Aber die Kameraleute im SWR haben derzeit wohl andere Probleme, denn zwei Tage zuvor war einem Team im Stuttgarter Nobel-Einkaufsort für edle Genüsse, der Markthalle, eine teure Kamera gestohlen worden. Laut Stuttgarter Zeitung hatte das Team eine Mittagspause eingelegt und nicht auf die Geräte geachtet. Ein teures Mißgeschick, denn immerhin kosten so eine Kamera rund 80 000 € und es erfordert schon eine gewisse Dreistigkeit der Diebe, ein solch schweres und großes Gerät unbemerkt zu entwenden. Da müssen schon 'Profis' am Werk gewesen sein. Na ja, meinte ich, im Rundfunkrat gebe es ja wohl keine Kamera-Marder - die Kamerafrau neben mir lächelte nur weise.....

Mittwoch, 22. März 2017

Dobrindt's Digitalradio 'Roadmap': Irgendwo im Nirgendwo?


Der für Verkehr und digitale Infrastruktur zuständige Bundesminister Alexander Dobrindt (CSU) hat im Februar 2017 einen "Aktionsplan für die Transformation der Hörfunkverbreitung in das digitale Zeitalter" ausarbeiten lassen. Mit dieser "Roadmap" soll ein "Rahmen" für den "Aufbau einer nachhaltigen digitalen Hörfunkinfrastruktur" vorgegeben werden. Visionäre Entwicklung - oder auf dem Weg ins Irgendwo im Nirgendwo?

UKW
Bereits im Vorwort stellt das Ministerium klar, die analoge UKW-Verbreitung bleibe "nach wie vor zentraler Eckpfeiler der Hörfunklandschaft". Allerdings biete es keine Kapazitäten für weitere Programm- und "zeitgemäße Zusatzangebote". (S.3) Gemeint sind hier vor allem interaktive Elemente, die das analoge Radio nicht bieten kann. Gleichzeitig betonen die Autoren, dass sich die Entwicklung des digitalen Radios in Deutschland an den Interessen der Hörer zu orientieren habe.

Fakt ist aber, dass sich das Engagement der privaten Radioveranstalter für die digitale Hörfunkentwicklung bei uns in Grenzen hält. Das muss auch das Papier aus Dobrindts Ministerium einräumen. So wird konstatiert, die Verbände der kommerziellen Rundfukveranstalter in Deutschland (VPRT - APR)* würden eine baldige UKW-Abschaltung nicht für sinnvoll halten. Gleichzeitig betonte die ARD für die Öffentlich-Rechtlichen, ein Ende der UKW-Verbreitung sei nur zeitgleich mit der privaten Konkurrenz möglich. Entsprechend hatte sich die unabhängige Kommission zur Ermittlung des Finanzsbedarfs der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (KEF) geäußert, die einen Wechsel zu DAB+ nur mit einem realistischen Zeitpunkt für die Abschaltung aller UKW-Sender befürwortet. Diesen festzulegen sei aber die Aufgabe der politischen Entscheidungsträger von Bund und Ländern, betont Dobrindt's Roadmap. (S.6) Aktivitäten in Berlin oder den Ländern sind aktuell weit und breit nicht in Sicht. Bisher haben nur die Bundesländer Sachsen und Sachsen-Anhalt das Jahr 2025 als Datum für das Ende der UKW-Verbreitung beschlossen. 

DAB+
Ein Blick auf die Geschichte des digitalen Radios zeigt, dass sich seit seinem offiziellen Start im Jahr 1999 die Technik in den Haushalten bisher nicht habe durchsetzen können - konstatiert der Bericht des Ministeriums. Erst durch die Freigabe der bisher für Fernsehen genutzten VHF-Frequenzen im Jahr 2006 habe das Digitalradio mittlerweile eine "marktrelevante Attraktivität" erreichen können Woher nehmen die Ministerialbeamten aber ihre Zuversicht? Festzuhalten ist: In bundesdeutschen Haushalten stehen knapp 140 Millionen UKW-Empfänger nur 8,2 Millionen Digitalempfänger aber mittlerweile über 4,6 Millionen Online-Radios.


Wer profitiert eigentlich am stärksten vom digtialen Radio? Die Roadmap hält fest: "Die Befürworter von DAB+ betonen die (...) kostengünstige Verbreitung bei gleichzeitig geringerem Energieverbrauch." Am Beispiel Bayern heißt das: Bisher benötigte man für die Verbreitung eines analogen Radioprogramms im Freistaat 40 UKW-Sender mit 116 Kilowatt Stromverbrauch. Für digitale Verbreitung per DAB+ würden die 60 erforderlichen Sendeanlagen nur 22,4 Kilowatt verbrauchen. Laut Ministerium rechne die ARD mit einer jährlichen Kostenersparnis von 15-20% der Aufwendungen für die Verbreitung der Programme (S.6) Seit mittlerweile 18 Jahren versucht DAB bzw der Nachfolger DAB+ in den bundesdeutschen Haushalten ein Bein auf den Boden zu kriegen. Die Akzeptanz ist aberkläglich wenn man bedenkt, dass der Online-Empfang von Radioprogrammen das digitale Radio bereits überholt hat. Während immer noch die analoge UKW-Nutzung (94%) als Empfangstechnik der Haushalte dominiert, hören mittlerweile schon mehr als ein Drittel (34%) Online-Radio. Das Ministerium muss feststellen, online würden "zumeist (...) Smartphones, PCs, Laptops und Tablets" (S. 7) als Empfangsgeröte genutzt - stirbt DAB+ also den Kindbett-Tod?


Um das zu verhindern, sieht der Plan der Roadmap acht Maßnahmen vor, mit denen die Transformation vom analogen UKW- zum digitalen Hörfunk befördert werden soll.

  1. Alle neuen Radiogeräte sollen über eine Schnittstelle für digitalen Empfang
    verfügen.
  2. Von den Öffentlich-Rechtlichen nicht mehr benötigte UKW-Frequenzen sollen nicht mehr an neue oder veränderte UKW-Programme der ARD vergeben werden.
  3. Der Ausbau der digitalen Breitbandnetze soll vorangetrieben werden.
  4. Weitere Übertragungskapazitäten für eine zweite DAB+ Kette in Deutschland
  5. Förderung des internationalen technischen Standards für Verkehrs- und Reiseinformationen (TPEG)
  6. Eindeutige Methode zur Ermittlung der Ausstattung bundesdeutscher Haushalte mit digitalen Empfängern
  7. Eindeutige Messmethoden der Nutzung
  8. Politische Begleitung des Prozesses vom analogen zum digitalen Radio
Zu 1: Um die Hersteller der Radioempfänger zu verpflichten, in alle neuen Geräte eine
Online
digitale Schnittstelle einzubauen, fordert Dobrindt's Ministerium die Änderung des Telekommunikationsgesetzes. In einem Nebensatz findet sich dann aber der Hinweis:"soweit dies europarechtlich zulässig ist". (S 10). Und da liegt der Hund begraben, denn einige Zeilen später muss man einräumen: "Eine EU-weite 'Smart-Radio' Regelung ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht realisierbar". Warum? "Die Europäische Kommission hat dem Anliegen (...) nicht entsprochen". 


Bei der ARD setzt man dabei auf das 'Prinzip Hoffnung', Dr. Ulrich Liebenow, Betriebsdirektor des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) und Vorsitzender der ARD-Technikkommission antwortete am 9. März auf meine Nachfrage: "Ich glaube, dass man am Ende das Thema in beiden Bereichen - national und auf europäischer Ebene - regeln muss. Ich bin zuversichtlich, dass hier ein gangbarer Weg gefunden wird."

Zu 2: Von der ARD nicht mehr benötigte UKW-Frequenzen dürften künftig von den Öffentlich-Rechtlichen nicht genutzt werden. Dem stimmt Liebenow zu, freiwerdende Frequenzen sollten "nicht für neue Radioangebote verwendet werden". Er fügte dann aber in seiner schriftlichen Antwort hinzu, die Frequenzen dürften "durchaus genutzt werden (...), um die bestehenden Bedarfe zu komplettieren oder zu optimieren(...)."  

Mobil
Zu 6: Bei der von der Arbeitsgemeinschaft Media Analyse (AGMA)**  halbjährlich durch Telefoninterviews erhobenen Radionutzung der bundesdeutschen Haushalte (Radio Media Analyse), wird nicht erhoben, welche Empfangstechnik die Hörer nutzen. Online-Radio wird zwar technisch ermittelt (Klicks) - aber man darf nicht vergessen, dass gerade über die Manipulation solcher Erhebungen in der Werbewirtschaft heftig diskutiert wird. Man versucht deshalb bei der AGMA diese Erhebung durch eine zusätzliche Befragungen einer Stichprobe der Hörer zu ermitteln (MA IP Audio). Faktisch sieht es hier ziemlich mäßig aus und das Ministerium stellt in seiner Roadmap fest: "Die Radionutzung über DAB+ wird zurzeit noch nicht gesondert ermittelt" (S. 15) Es existieren also bisher keine harten Daten für die digitale Radionutzung.

Zu 7: Die Messung der Hörernutzung ist kostspielig und angesichts der geringen Verbreitung digitaler Radiogeräte in den Haushalten für die Radioveranstalter - öffentlich-rechtlich wie kommerziell - derzeit wohl nachrangig. Dementsprechende heißt es im Maßnahmepaket des Ministeriums: "Die Marktteilnehmer werden in Abstimmung mit der agma* eine Weiterentwicklung der Messmethode erörtern." Für 2018 soll die DAB+ Nutzung "auf Basis der weiterentwickelten Messmethode" veröffentlicht werden. Entschlossenes Handeln hört sich anders an

Abschließend stellt sich die Frage, was die 'Roadmap' bewirken kann, denn abschließend wird nüchtern konstatiert: "Wie die weitere Transformation zum digitalen Hörfunk verläuft, lässt sich nicht seriös voraussagen.(...) Hierfür sind eindeutige Entwicklungstendenzen nach wie vor nicht final erkennbar." (S. 16) Demnach könne der Maßnahmenkatalog "überwiegend nur langfristig Wirkung entfalten. Abschließende Entscheidungen über die digitale Zukunft des Hörfunks können nach heutiger Einschätzung erst in einigen Jahren verlässlich und auf der Grundlage noch zu gewinnender Erkenntnise (...) getroffen werden." 

Zuversicht klingt irgendwie anders....


* VPRT: Verband Privater Rundfunk und Telekommunikation - APR: Arbeitsgemeinschaft Privater Rundfunk
**AGMA: Arbeitsgemeinschaft Media Analyse - Zusammenschluss von Sendern und Werbung 

PS: Meine Anfrage beim VPRT zur Einschätzung der Roadmap wurde bisher nicht beantwortet - sollte sie noch kommen, wird der Text entsprechend ergänzt werden.

https://medienfresser.blogspot.de/2016/12/digitalradio-privatsender-wollen-500.html

Dienstag, 31. Januar 2017

SWR 2017: „Regional, aktuell, zukunftsweisend“ oder "Vereinsmeier" TV ?



Pressekonferenzen des SWR haben etwas von Modeschauen an sich. Hier wie dort werden die neuesten
Programm-Catwalk beim SWR
Produkte der Saison mit effektvoller Präsentation vorgestellt. Diskussionen darüber, wie gut die vorige Kreation beim Publikum angekommen oder unter welchen Bedingungen sie hergestellt worden ist, sind in der Regel dabei nicht vorgesehen. In genau kalkulierten Bühnenshows lassen die Modemacher ihre Kreationen von Models über den Laufsteg tragen - die sind attraktiv aber stumm. Ähnlich geht es bei Programmpräsentationen der TV-Sender zu, die Macher fehlen in der Regel, werden durch Programmtrailer und Moderatoren ersetzt. Dagegen nutzen die Sender-Hierarchen gerne die Szenerie zur öffentlichen Selbstdarstellung. 


 Beim Südwestrundfunk (SWR) fand die Präsentation für die Fernsehprojekte 2017 am 27.Januar im großen Fernseh-Studio der Landesschau
So sieht es bisher aus
so sieht es in Zukunft aus

im Funkhaus Stuttgart statt. Stichwort Optik: Ab Februar werden sich die Nachrichtensendungen der Landesprogramme des SWR-Fernsehens mit neuem Schriftbild präsentieren. Endlich hat man sich dabei zu einer einheitlichen optischen Gestaltung durchgerungen - zuvor hatte einen Mix aus altmodischen und modernen Schrifttypen irritiert - Unentschlossen, so der Eindruck. Das wird nun anders, aber Ärger dürfte dem SWR dabei die Verwendung des Λ im neuen Logo der Nachrichtenformate einhandeln. Da werden bestimmt einige Traditionalisten und/oder pensionierte Gymnasiallehrer gegen die Verwendung des griechischen Buchstabens Lambda im SWR-Nachrichten-Logo protestieren. Wer weiß, welchem Werbefachmann diese manieristische Spielerei eingefallen ist und wie lange sie sich auf dem Bildschirm halten wird...

Auf Nachfrage beim SWR, welche Gründe für das neue Logo ausschlaggebend waren, antwortete am 1. Februar die Pressestelle: "Insbesondere in der mobilen Darstellung muss ein Branding im Kleinsten funktionieren. Auf dieser Basis und ausgehend vom Namen "SWR Aktuell" wurde durch die Modifikation des "A"s  in Kombination mit der Markenfarbe ein eigenständiges und wiedererkennbares Branding entwickelt, welches medienübergreifend wiedererkennbar ist. "


Vereinsleben - Innovatives TV-Event?

 

Der Intendant sagt, wo's langgeht...

Für den SWR sind die beiden regionalen TV-Landesprogramme für Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg der zentrale Bestandteil des Programmauftrags."Kein romantisierendes Heimatgefühl transportieren (...) sondern die Menschen ernst nehmen" betonte SWR-Intendant Peter Boudoust vor der Presse. Aber wie wird das in Baden-Württemberg umgesetzt und wie kommt das beim Publikum an? Mit dem zuerst auf sechs Folgen angelegten "Vereinsmeier Gagstetter" will man die Zuschauer im Ländle fesseln. Immerhin, Baden-Württemberg ist mit rund 83 000 registrierten Vereinen 'Marktführer' in Deutschland. Reporter Axel Gagstetter hat sich deshalb als "Vereinsmitglied auf Zeit" betätigt, etwa bei der Freiwilligen Feuerwehr, in einer Voltigiergruppe, im Mittelalter-Traditionsverein, in einer Dorf-Blaskappelle oder einem Fahrzeugmuseum. 

Lustiger Trailer, aber ein leicht fader Nachgeschmack bleibt. Da wird wieder einmal ein Bild des Landes geboten, das der Realität nur zum Teil entspricht. In den sechs Folgen wird das Vereinsleben der Kleinstädte präsentiert. Die soziale Organisation in großen Städten wie Stuttgart, Karlsruhe oder Mannheim wird nicht beleuchtet. Ebensowenig spielen die Einwohner mit Migrationshintergrund und ihre Vereine - immerhin ein Viertel der Bevölkerung zwischen Bodensee und Main - in diesem Projekt eine Rolle. Der SWR pflegt lieber immer noch das Klischee der Spätzle- und Schupfnudelkultur, dabei kommt in Baden-Württemberg heutzutage internationale Vielfalt auf jeden Tisch. Aber eigentlich wundert es nicht, denn im SWR-Programm sieht man auf dem Bildschirm ja auch keine Moderatoren oder Nachrichtensprecherinnen mit Migrationshintergrund.



Landesfernsehen für Baden-Württemberg interessiert zu wenige Zuschauer


Nachgefragt...

Wie wird eigentlich das TV-Angebot der Landesprogramme vom Publikum genutzt? Das darüber auf der Präsentation gesprochen wurde, lag an einem Zufall. Ich saß auf einem Platz, der eigentlich einem SWR-Hierarchen vorbehalten war und dort lag eine Programmstatistik, die nicht für die Presse vorgesehen war. Ein kurzer Blick zeigte mir, dass 2016 das SWR-Fernsehangebot für die Länder (18-20 Uhr) zwar im Saarland und in Rheinland-Pfalz gut angenommen wurde: Marktanteil 16 - 17 Prozent. In Baden-Württemberg erreichte das Landesprogramm aber nur etwas mehr als 12 Prozent der Zuschauer. Auch mit der Altersstruktur kann man beim SWR-Fernsehen insgesamt nicht zufrieden sein. Nur bei den über 65-Jährigen kommt das Programm auf einen Zuschauermarktanteil von über 13 Prozent  bei den Jüngeren werden gerade einmal zwischen einem und maximal zwei Prozent Marktanteil erreicht. Da besänftigt die Erkenntnis wenig, dass sich alle Dritten Fernsehprogramme der ARD bei Jüngeren schwer tun.

Noch ein wenig Programmfarbe...

„Das gefällt uns natürlich auch nicht“, sagte dazu Situation Baden-Württemberg Landessenderdirektorin Stefanie Schneider. Sie verortet den Hauptgrund für die schlechteren Marktanteile im Ländle im hier besonders beliebten Quiz „Gefragt- Gejagt“ der gleichzeitig im Ersten laufe (18.15-18.45 Uhr). Er koste die SWR Sendungen: „Mensch Leute“, „Natürlich“ oder „Made in Südwest“ Zuschauer. Diese Formate kämen bei Schwaben und Badenern schlechter an, als in Rheinland-Pfalz oder im Saarland, räumte Frau Schneider ein. Darauf jetzt aber mit einer eigenen Quiz-Sendung zu kontern, ist für sie keine Lösung, man wolle vielmehr weiterhin dem Landesbezug treu bleiben:Es geht uns eben nicht nur um die Quote“. Ein Spitzenplatz unter den ARD-Dritten? „Das ist nicht unser zentrales Ziel“, setzte sie noch eins drauf und Peter Boudgoust betonte seinerseits: „Quotenoptimierung ist kein absolutes Ziel“. 


The same procedure as last year? Zumindest für das Landesprogramm Baden-Württemberg im SWR-Fernsehen ist das zu befürchten. Anscheinend stellt man sich nicht die Frage, ob es nicht gerade die oft altbackenen Inhalte und die fröhlich verkrampften Moderatoren der Akzeptanz schaden. Der SWR muss hier mehr wagen und sich Gedanken darüber machen, ob er nicht immer noch ein Bild Baden-Württemberg präsentiert, das der Realität immer weniger entspricht.

https://medienfresser.blogspot.de/2016/02/swr-weiter-auf-der-erfolgsspur.html 
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