Montag, 29. Februar 2016

SWR: Weiter auf der 'Erfolgsspur'...


SWR- Verantwortliche im Visier - v.L: Hörfunkdirektor Gerold Hug, Comedian Andreas Müller, Landessenderdirektorin Ba-Wü Stefanie Schneider, Intendant Peter Boudgoust, Pressesprecherin Anja Görzel, Chefredakteur Fritz Frey, Fernsehdirektor Dr. Christoph Hauser

Der Volksmund sagt bekanntlich, dass Eigenlob stinkt - aber bei Pressegesprächen hat das keine Gültigkeit. Da lautet die Devise: 'Rede nur über Erfolge und verschweige die Flops' - so auch beim alljährlichen Pressegespräch des Südwestrundfunks (SWR) - am 26.Februar in Stuttgart. Vor zwei Jahren hatte man noch mit großem Bohai in einem TV-Studie die Programmstars auflaufen lassen. Ein Jahr danach hatte die Senderleitung in einen nüchternen Konferenzraum geladen. Diesmal wählte man den Mittelweg - zurück ins attraktive Studio der 'Landesschau' - aber mit 'kleiner Besetzung'. Auf einer roten Couch hatte man dazu die Programmverantwortlichen vor dem journalistischen Publikum platziert.

Intendant Peter Boudgoust
"Wir sind auf der Erfolgsspur", verkündete SWR-Intendant Peter Boudgoust stolz. Das SWR Fernsehen verzeichne, im Vergleich der vergangenen 25 Jahre, derzeit seinen höchsten Zuschauermartkanteil. Durch die Neustrukturierung der für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz getrennt produzierten Magazin- und Nachrichtensendungen am Vorabend (19.45 - 20 Uhr), sei das Programm jetzt "relevanter geworden". Dabei gehe es aber "nicht um Quotenhuberei", vielmehr wolle man "Akzeptanz durch Relevanz" erreichen.  Auch habe sich der Ausbau des Online-Angebots im Südwestrundfunk positiv entwickelt: "Der SWR ist ein multimediales Programmunternehmen" stellte Boudgoust zufrieden fest.

SWR verantwortet Jugend-Online-Angebot von ARD und ZDF


Der SWR ist federführend beim Anfang Oktober startenden Online-Jugendangebot von ARD und ZDF. Aus Berlin meldete sich dazu per Skype der Gründungsgeschäftsführer Florian Hager. Er könne nicht in Stuttgart dabei sein, weil er in Berlin Facebook-Gründer Mark Zuckerberg interviewen müsse, entschuldigte sich Hager. Aber mit der Technik ist das so eine Sache, die Tonqualität per Skype war ziemlich mangelhaft. Die Anwesenden Journalisten interessierten sich vor allem für den Namen das Online-Jugendangebots. Aber da gab sich Hager zugeknöpft. Er betonte, man wolle
Florian Hager über Skype hinzugeschaltet
das Online-Projekt über die eigenständigen Programmformate (20) und deren Protagonisten bekannt machen.
Dabei werde man die Urheberschaft von ARD und ZDF nicht vorrangig herausstellen, "sich aber auch nicht dafür schämen". Für Hager ist wichtiger als das Label, dass "die Inhalte Zählen". Da die Öffentlich-Rechtlichen sich bei jüngeren Leuten schwer tun und ein altbackenes Image haben, werden 'Mutter und Vater' von ihrem Online-Kind sicherlich verleugnet werden. Ähnlich ging es ja bei der Gründung der diversen ARD-Jugend-Radiowellen vor sich (1Live - WDR, N-Joy - NDR, Sputnik - MDR, Das Ding - SWR).


Spannender war die Frage, über welche Plattformen das Anfang Oktober 2016 startende Online-Jugendangebot von ARD und ZDF verbreitet werden soll. Nachgefragt sagte Hager, man werde mit einer eigenen Plattform starten, aber auch über Facebook versuchen, junge Nutzer zu erreichen. Nicht geplant sei dagegen ein eigener 'Kanal' bei Youtube. Zufrieden ist Hager, dass auf dem  öffentlich-rechtlichen Online-Kanal für die Jugend TV-Kaufproduktionen auch on demand gesehen werden dürfen. Das war bisher den Online-Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen bisher untersagt gewesen.

Renaissance der Recherche im Online-Zeitalter


Das Thema Social Media und Internet bewegt auch den SWR-Chefredakteur, Fritz Frey. Immerhin kann das von ihm verantwortete TV-Magazin "Report Mainz" in diesem Jahr sein 50. Jubiläum begehen. Er sieht in Social Media-Angeboten wie auch dem Internet, Fluch und Segen zugleich. Sie würden einerseits eine Flut von unüberprüften Nachrichten verbreiten, andererseits erleichtere das Internet die Recherche ungemein. Und genau hier sieht er eine Chance des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, "Recherche erfährt eine Renaissance". Kooperationen mit Kommerziellen Medien, wie zwischen WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung, begrüßt der SWR-Chefredakteur. Auch bei Report aus Mainz habe man mit dem Magazin 'Der Spiegel' und der Wochenzeitung 'Die Zeit' zusammengearbeitet. Tiefenrecherche ist für Frey das Merkmal von Qualitätsmedien - und deshalb müsse man sie ausbauen.     

Kein 'Plan B' bei Reduzierung der Radiowerbung


Kürzlich hat der nordrhein-westfälische Landtag in Düsseldorf beschlossen, die Radiowerbung im Westdeutschen Rundfunk (WDR) mittelfristig auf eine Welle zu reduzieren und zeitlich weiter zu begrenzen. Demgegenüber verfügt der SWR noch über drei Werbewellen (SWR 3 - Popwelle, SWR 1 - Unterhaltung und SWR 4 - Regionale Oldiewelle). Nach den Landtagswahlen am 13. März 2016 könnte auch in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz eine solche Änderung drohen. Nchgefragt, ob man bereits beim SWR an einem Plan B für diesen Fall arbeite, verneinte dies Intendant Boudgoust. Sicherlich würden durch eine Reduzierung der Radiowerbung dem SWR wie der ARD insgesamt Werbeeinnahmen entgehen, räumte er ein. Dies sei gerade in Zeiten der allgemeinen finanziellen Talfahrt der ARD bedenklich, aber: "Wir sind Objekt des Handelns und keine Akteure."

... und was gibt es heute in der Kantine?
 

Donnerstag, 4. Februar 2016

100 Jahre Verdun - Schlacht der Mythen


Fort Douaumont Januar 1916 - Quelle: Bundesarchiv
Es war ein sonniger und kalter Montagmorgen, als am 21. Februar 1916 gegen 7.15 Uhr die deutsche Artillerie mit 1200 Geschützen das Feuer auf die französischen Stellungen bei Verdun eröffneten. Das Trommelfeuer erstreckte sich über eine Front von 13 Kilometer und dauerte neun Stunden. Gegen 16 Uhr begann die 5.Armee den Angriff auf die französischen Linien. Die Oberste Heeresleitung hatte dafür 140.000 Soldaten bereitgestellt, während etwa halb so viele Franzosen in den Gräben und den Forts um Verdun auf sie warteten. (1) Es begann ein Kampf, der 300 Tage dauern sollte, bis zum 20. Dezember 1916. Die "längste Schlacht der Weltgeschichte, Sinnbild des totalen Krieges, Markstein für das 20. Jahrhudert", meint der deutsche Historiker Olaf Jessen. (2) Zurückhaltender urteilt demgegenüber sein britischer Kollege Paul Jankowski: "Es war keine Entscheidungsschlacht (...) die Vorrangstellung Verduns erscheint alles andere als selbstverständlich. (...) am 21. Februar 1916 war für Falkenhayn, der angriff, und für Joffre, der verteidigte, Verdun alles andere als ein Schicksalsort" (3

Über die Zahl der Opfer des
Douaumont März 1916 - Quelle: Bundesarchiv
Gemetzels gehen die Meinungen immer noch auseinander. Jessen geht von 200.000 Toten auf beiden Seiten, aus, Jankowski nennt die Zahl von 300.000 Gefallenen. Im Jahr 1958 hieß es noch im offiziellen Reiseführer: "Verdun - Illustrierter Führer durch die Schlachtfelder" voller Pathos: "Zirka achthunderttausen Krieger haben auf den Schlachtfeldern um Verdun den Heldentod gefunden. Die Besucher werden diesen geheiligten Boden mit ehrfürchtiger Bewegung betreten und so das Ansehen der Helden ehren, die sich dort geopfert haben" (4) In den 1970er Jahren kam German Werth in seinem Buch über die Schlacht aufgrund deutscher Sanitätsberichte auf 81.688 Gefallene und Vermisste bei der den Angriff führenden 5. Armee unter Kronprinz Wilhelm (5). Dies bezieht sich auf die Zeit zwischen Februar und September 1916. Die französischen Verluste bezifferte der britische Historiker David Stevenson auf 160.000 gefallene und vermisste Soldaten. (6) Der US-Historiker Roger Chickering meint: "Bis Anfang Juli, als die Deutschen am weitesten vordrangen, hatten beide Seiten rund 250.000 Menschenleben geopfert, die Franzosen ein wenig mehr, die Deutschen ein bißchen weniger." (7)



Die Legende von der "Weihnachtsdenkschrift" Falkenhayns



Erich von Falkenhayn 1861-1922

Wichtiger als die Diskussion über die Höhe der Verluste ist immer noch die Frage, welches Ziel die Offensive verfolgte. Sollte die Stadt erobert, ein Durchbruch erzielt werden, um dann wieder in den Bewegungskrieg zu kommen? Oder ging es der Obersten Heeresleitung darum, dass die französische Führung für Verdun ihre Armee opfert, um dann angesichts der Verluste die Entente friedenbereits zu machen? Urheber dieses Streits war Generalstabschef Erich von Falkenhayn, der in seinen 1919 verfassten Memoiren behauptete, er habe Kaiser Wilhelm II. im Dezember 1915 dargelegt, die französische Armee solle vor Verdun verbluten. Seit dem geistert die sogenannte "Weihnachtsdenkschrift" * durch die Geschichtsbücher (siehe Anmerkung). Eine solche habe er damals dem Kaiser übergeben, so die Lesart vieler Historiker. Darin habe gestanden, dass der Plan für die  "Operation Gericht" genannte Offensive zum Ziel hatte, die französische Armee vor Verdun verbluten zu lassen - auch ohne eine Eroberung der Stadt: "Das zweifelhafte und über unsere Kraft gehende Mittel des Massendurchbruchs ist dazu nicht nötig" (8) In Frankreich beurteilen Historiker Falkenhayns Absichten anders: "Verdun nehmen, heißt den ganzen rechten Flügel der Franzosen bedrohen (...) und so einen moralischen Erfolg zu erzielen." (9) Deshalb sah man in der Abwehr der Offensive bei Verdun in Frankreich den entscheidenden Sieg über Deutschland: "Welch helles Licht fällt (...) auf den Heldenmut und die Zähigkeit der Verteidiger von Verdun!" liest man im 1958 erschienenen französischen Führer über das Schlachtfeld.

Die von Falkenhayn in seinen Memoiren von 1920 dargelegte Absicht seines Angriffs auf Verdun, löste bei den deutschen Veteranen nach dem Krieg heftige Reaktionen aus. "Die Soldaten hatten gehofft, mit der Einnahme Verduns ihrem Opfer Sinn geben zu können, und mussten dann - in Falkenhayns Memoiren - lesen, dass nur die 'Ausblutung' Frankreichs und nicht die Einahme der Festung Verdun das taktische Ziel gewesen sei". (9a)  Falkenhayn war ein militärischer- wie politischer Hasardeur und typisch für die Menschenverachtung der Militärs. So sah er im August 1914 die Möglichkeit des Scheiterns des Schlieffenplans, meinte aber: "Wenn wir auch darüber zugrunde gehen - schön war's doch" (9b) Zugrunde gehen mussten auf den Schlachtfeldern und Schützengräben aber andere...

Die "Weihnachtsdenkschrift" wurde auch nach dem Zweiten Weltkrieg bei deutschen Historikern als Quelle genutzt. So zitiert etwa German Werth in seiner 1979 veröffentlichten Analyse der Schlacht aus Falkenhayn
Douaumont 1916 - Quelle Bundesarchiv
Memoiren
: "Hinter dem französischen Abschnitt der Westfront gibt es in Reichweite Ziele, für deren Behauptung die französische Führung gezwungen ist, den letzten Mann einzusetzen. Tut sie es, so werden sich Frankreichs Kräfte verbluten (...) gleichgültig, ob wir das Ziel erreichen, oder nicht." (10) Im Jahr 1994 bezieht sich Werth in einem weiteren Buch über Verdun erneut auf Falkenhayn, der dem Kaiser dargelegt habe, Frankreich sei "bis nahe
Douaumont 1964
an die Grenze des Erträglichen geschwächt"
. Mit der Offensive habe der Chef
des Generalstabes, den Briten ihren französischen 'Festlandsdegen' aus der Hand schlagen wollen, um so das Empire friedensbereit zu machen - referiert Werth aus der Denkschrift. (11)  Mittlerweile waren dem Autor aber erste Zweifel an dieser Quelle gekommen, zumindest findet sich in einer Fußnote der Hinweis: "Das Original ist verschollen, falls es überhaupt eins gegeben hat." (12) Das änderte aber nichts daran, dass er weiterhin Falkenhayns Darstellung der Ziele bei Verdun folgt.

Im Jahr 2004 übte der Historiker Gerd Krumeich deutliche Kritik: "Der einzige 'Fundort' der Quelle sind Falkenhayns Memoiren, die dieser 1919 (...) veröffentlichte und die vor allem den Zweck hatten, ihn, der für die Operation verantwortlich war, reinzuwaschen." (13) Trotzdem hielt sich weiter der Mythos der von Falkenhayn beabsichtigten "Blutpumpe" Verdun. Dabei hatte bereits 1965 der britische Autor Alistair Horne den deutschen Kronprinzen Wilhelm -  formell Kommandeur der 5. Armee - zitiert. Dieser habe gesagt, Ziel des Angriffs sei gewesen: "die Festung Verdun schnell zu Fall zu bringen." (14)

Der Schwindel fliegt auf


Im Jahr 2015 brachte der deutsche Historiker Olaf Jessen dann den Nachweis für Falkenhayns falsche Behauptung. Dazu studierte der Autor Berichte der Forschungsanstalt für Kriegs- und Heeresgeschichte in Potsdam. Sie hatte 1930 an der Schlacht beteiligte Offiziere über die Offensivplanung befragt. Falkenhayn war bereits 1922 gestorben, konnte damals also nicht mehr dazu vernommen werden. Bekannt wurde die Untersuchung damals nicht, war sie doch nicht zur Veröffenlichung bestimmt gewesen. (15) Die Kommission kam zu dem Schluss: "ein operativer Durchbruch im Nach- und Gegenstoß nach vorgeschalteter Zermürbung feindlicher Reserven" (16) sei Ziel der 'Operation Gericht' gewesen. Das von Falkenhayn behauptete Ziel, mit der Offensive bei Verdun alleine die französische Armee 'Ausbluten' zu lassen, hielt dem Urteil der Foschungsanstalt nicht stand

Warum geriet der Bericht aus Potsdam in Vergessenheit? Er wurde in der Weimarer Republik nie veröffentlicht, geschweige denn im Dritten Reich. Das preußische Militärarchiv ging bei Kriegsende 1945 in Flammen auf und außerdem interessierte man sich in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit nicht für die Schlacht bei Verdun.


In seinem neuen Buch entwickelte Jessen folgendes Szenario über Falkenhayns wirkliche Absicht bei Verdun. Dieser habe als gehofft, mit dem Angriff auf Verdun die Entente zu verlustreichen Gegenoffensiven verleiten zu können. Auf sie wollte er mit einer erneuten Attacke reagieren und so den Durchbruch zum Bewegungskrieg erzwingen. Damit habe Falkenhayn gehofft, ein für Deutschland siegreiches Kriegsende zu erreichen. Für Jessen scheiterte Falkenhayn militärisch wie politisch, die Briten eröffneten zwar im Sommer 1916 ihre Offensive an der Somme. Sie führte aber trotz immenser Verluste nicht zum Zusammenbruch der Entente und der Durchbruch bei Verdun war bereits im April gescheitert. Die Kaiserliche Armee hatte vor Verdun und an der Somme Verluste, die nicht mehr ersetzt werden konnten und Deutschland an der Westfront bis zum Sommer 1918 zur Defensive zwangen



Falkenhayn stürzt - Hindenburg und Ludendorff triumphieren

 

Falkenhayn war seit 1913 preußischer Kriegsminsiter und wurde am 14. September 1914 Chef der Obersten Heeresleitung (OHL) des Reiches. Im November 1914 war sein Versuch gescheitert, in Richtung Kanalküste die Engländer und Franzosen umgehen zu können. Durch den "Wettlauf zum Meer" erhoffte er doch noch den Krieg im Westen seigreich zu beenden. Dafür hatte er rücksichtlos, schlecht ausgebildete und mangelhaft ausgerüstete Reservedivisionen eingesetzt - unerhörte Verlusten bei Ypern und Langemarck waren die Folge. (17) Am 18. November 1914 sagte Falkenhayn zu Reichskanzler Bethman-Hollweg, er sehe keine Möglichkeit mehr, einen Siegfrieden im Westen erreichen zu können. (18) Schon zu dieser Zeit waren die 'Sieger' von Tannenberg im Osten, Paul von Hindenburg
Hindenburg (Mitte) Ludendorff (links davon) Quelle: Bundesarchiv
und Erich Ludendorff die schärfsten Gegner Falkenhayns. "Mit seiner Selbstsicherheit, seiner Vorliebe für einsame Entschlüsse und seiner Neigung zu sarkastischen Bemerkungen über die Schwächen anderer schuf er sich viele Feinde, darunter auch das Gespann von Tannenberg, das bald heftig gegen ihn intrigierte" charakterisierte der britische Historiker Gordon A. Craig den Chef der OHL. (19) Als dann nach dem Scheitern bei Verdun auch noch
Ende Juni 1916 Rumänien auf Seiten der Entente in den Krieg eintrat, besiegelte das seinen Sturz. Am 28.August 1916 entließ Kaiser Wilhelm II den erfolglosen Generalstabschef und ersetzte ihn durch Hindenburg. Er bildete mit Ludendorff die Dritte
Oberste Heeresleitung und damit eine faktische Militärdiktatur im Reich. Als erste Handlung befahlen Hindenburg und Ludendorff am 2. September, alle Angriffe bei Verdun einzustellen.  


Falkenhayns Offensive bei Verdun musste bereits im April 1916 als gescheitert betrachtet werden - Regierung und Volk gegenüber verschwieg man den Misserfolg aber. Der Chef der Heeresleitung hatte ein gefährliches Spiel betrieben, trat er doch für die Ausweitung des U-Bootkrieges gegen Großbritannien in Kombination mit dem Angriff auf Verdun ein. Einer Kriegserklärung der USA hoffte er durch einen Erfolg der "Operation Gericht" und dem daraus resultierenden Siegfrieden vermeiden zu können. (20) Falkenhayn unterlag der typischen Selbstüberschätzung kaiserlicher Militärs, so hielt er das republikanische Frankreich bereits vor Kriegsausbruch "für eine zweitklassige Macht, nicht für militärisch ebenbürtig", schreibt Paul Jankowski (21).  Diese Fehleinschätzung demokratischer System sollten die deutschen Militärs im Zweiten Weltkrieg wiederholen. Nach Falkenhayns Sturz im August 1916 erklärten Ludendorff und Hindenburg am 1.Februar 1917 den uneingeschränkten U-Bootkrieg - ohne Vorwarnung wurden jetzt alle Schiffe in den Sperrzonen um Großbritannien angegriffen. Die Kriegserklärung der USA am 6 April 1917 war die logische Folge. (22)

Warum kämpften die Soldaten?


1964 Douaumont Gräber französischer Soldaten
Die Schlacht um Verdun war vor allem in Frankreich ein wichtiges Symbol der Einheit. Die Mythenbildung begann bereits während der Schlacht und setzte sich nach dem Krieg unter wechselnden Vorzeichen fort. Frankreich war seit der Dreyfus-Affaire Ende des 19.Jahrhunderts tief gespalten. Auf der einen Seite die konservativ-klerikalen und antisemitischen Rechten, denen die republikanisch-laizistische Linke gegenüber stand. Für die politisch Verantwortlichen Frankreichs während und nach dem Ersten Weltkrieg bedeutete der Sieg bei Verdun einen Appell an die nationale Einheit. Entsprechend wichtig sind die großen Gedenktage in Verdun und am Tag des Waffenstillstands (11. November 1918). Das Symbol Verdun ist auch deshalb wichtig, weil hier die französische Armee alleine den Erfolg verbuchen konnte. Verdun blieb als Symbol des Sieges auch und gerade wegen der schmachvollen Niederlage 1940 und den verlorenen Kolonialkriegen in Indochina (1946-57) sowie Algerien (1954-62) wichtig

Warum aber ertrugen die Soldaten bei Verdun dieses elende Leben in Schützengräben voller Schlamm, Exkremente und herumliegender Leichenteile? Es waren weniger die moralischen Appelle, nationale Gefühle oder soldatische Tugenden. Es kam vor allem auf die soziale Gruppe an - die Kameraden - denen man sich verpflichtet fühlte. Mit seiner Analyse liegt Jankowski auf einer ähnlichen Linie wie Sönke Neitzel und Harald Welzer. Sie versuchten in ihrem Buch: "Soldaten" zu ergründen, wie sich während des Zweiten Weltkrieges Soldaten verhielten und warum sie sich an Massakern beteiligten. Auch hier spielte die 'Kameradschaft' und die in der sozialen Gruppe üblichen Verhaltensweisen eine wichtige Rolle.  

Bleibt abzuwarten, wie das Gedenken an die Schlacht im Februar 2016 - einhundert Jahre
Der Helm meines Großvaters Clotaire Aubry
nach dem Massaker - aussehen wird. Die Augenzeugen und Veteranen des Ersten Weltkrieges sind schon lange tot - der letzte starb mit 110 Jahren 2011 in Australien. So mancher Enkel wuchs aber mit den Erinnerungen seiner Familie an den Großen Krieg auf - zu ihnen gehöre auch ich. 


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Nachtrag

Am 9. Februar 2016 zeigte der deutsch-französische Kulturkanal ARTE eine 90-minütige Dokumentation über  die Schlacht von Verdun. Diese französische Produktion von 2014 wurde vom Historiker Paul Jankowski als Berater begleitet, erfährt man auf der ARTE-Homepage des Films (siehe Anmerkung 3). Insgesamt eine aufwändige und interessante Dokumentation, allerdings mit einigen fatalen Schwächen:

Einmal abgesehen davon, dass der gesamte Film mit einer fürchterlich heroischen 'Musiktapete' unterlegt war, wurden einige Verdun-Mythen weitergepflegt. So werden Kaiser Wilhelm II und sein Sohn, Kronprinz Wilhelm, zu zentralen Personen der Ereignisse bei Verdun. In Wirklichkeit waren beide - auch aufgrund ihrer nur mangelhaften militärischen Kompetenz - nur Nebenfiguren. Entscheidend für die Schlacht war Erich von Falkenhayn als Chef des Oberkommandos. Dies zeigt die Studie der Schlacht von Olaf Jessen (Anmerkung 2). Falkenhayn erscheint im Film erstmals per Fotografie nach einer Stunde. Seine zentrale Rolle bei der militärischen und politischen Planung wird im gesamten Film  sträflich vernachlässigt.  

Dann noch pathetische Metaphern vom Kampf 'Mann gegen Mann'. Gerade die Materialschlacht bei Verdun war typisch für den Ersten-Weltkrieg im Westen. Nach Ende der Grenzschlachten 1914 und dem folgenden Stellungskrieg, trafen dort feindliche Soldaten nur relativ selten direkt aufeinander. Der größte Teil der Getöteten und Verwundeten fiel dem Feuer der Artillerie zum Opfer

Ein unverzeilicher Fehler der Macher und der ARTE-Redaktion ist in Minute 48. zu hören. Da heißt es zur Antikriegs-Kundgebung vom 1.Mai 1916 in Berlin: "Der Abgeordnete der Kommunistischen Partei, Karl Liebknecht, hält eine Ansprache an das Volk" Klarstellung: Die KPD wurde am 30. Dezember 1918 gegründet - also fast zwei Monate nach Kriegsende! Liebknecht gehörte zur Spartakus-Gruppe um Rosa Luxemburg und anderen SPD-Dissidenten. Sie hatten kurz nach Kriegsbeginn die 'Gruppe Internationale' gebildet aus der später der Spartakusbund entstand. https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunistische_Partei_Deutschlands#1914.E2.80.931918.2F1919:_Entstehung_der_KPD  

Man fragt sich manchmal schon, was so in TV-Reaktionen für Leute sitzen - Gnade der späten Geburt, Dummheit oder zu faul zum Googlen ?  


* Zur sogenannten "Weihnachtsdenkschrift" schreibt Jessen: "Das Wort 'Weihnachtsdenkschrift' stammt nicht von Falkenhayn; die Forschungsanstalt hat es 1936 erfunden". Eine schriftliche Darlegung seiner Pläne habe Falkenhayn dem Kaiser nicht vorgelegt, sondern nur mündlich vorgetragen. "Falkenhayns Memoiren und die Wortschöpfung der Forschungsanstalt, ebenso griffig wie abwegig, haben Generationen von Historikern auf falsche Fährten gelockt." Jessen kommt nach seinem Quellenstudium zu einem eindeutigen Befund: "Eine Weihnachtsdenkschrift hat es niemals gegeben." (Anmerkung 2, S. 386-388)

(1) Roger Chickering, "Das Deutsche Reich und der Erste Weltkrieg" Beck-Verlag 2002, Seite 85

(2) Olaf Jessen: "Verdun 1916 - Urschlacht des Jahrhunderts", Beck Verlag 2014, S.12
(3) Paul Jankowski: "Verdun - Die Jahrhundertschlacht" - (Titel der französischen Originalausgabe: "Verdun, 21 février 1916" - erschienen 2013), S.Fischer Verlag, 2015, S. 12 und 29
(4) "Verdun - Ilustrierter Führer durch die Schlachtfelder" Edition Frémont, 1958, S. 4
(5) German Werth: "Verdun - Die Schlacht und der Mythos", Lübbe Verlag 1979, S. 387
(6) David Stevenson, "Der Erste Weltkrieg", Artemis und Winkler Verlag, 2006, S. 200
(7) Roger Chickering, siehe Anmerkung 0, Seite 86
(8) Angebliches Memorandum, zitiert in: "Der Weltkrieg 1914-1918 in Wort und Bild", Heyne Verlag 1969 Band II, Seite 8ff
(9), siehe Anmerkung 3, S. 22
(9a) Jean-Jacques Becker und Gerd Krumeich: "Der grosse Krieg", Klartext-Verlag, 2000, S. 227
(9b) Jessen, a.a.O. S. 24 
(10.) siehe Anmerkung 4, S. 40
(11) German Werth, "Das Tagebuch Europas - 1916 - Schalchtfeld Verdun", Brandenburgisches Verlagshaus 1994, S. 58/59
(12) ebenda S. 59
(13) "Schlachten der Weltgeschichte", Hrsg, Stig Förster und andere, dtv-Verlag, 2004, S.298
(14) Hew Strachan, "Der Erste Weltkrieg, 2003 C.Bertelsmann, S. 230
(15) Jessen, a.a. O S. 14ff
(16) ebenda, S. 356 ff 
(17) Becker-Krumeich, a.a. O. S. 216 
(18) a.a. O. S. 219
(19) Gordon A Craig, Deutsche Geschichte 1866-1945, Beck Verlag 1999, S. 374
(20) Chickering, a.a. O. S. 83
(21) Jankowski a.a. O. S. 53
(22) Roger Chickering, a.a.O, Seite 83