Dienstag, 23. Dezember 2014

Ralph Giordano 1946


Sommer 1946 - Hamburg liegt immer noch in Trümmern, britische Besatzungstruppen kontrollieren die Stadt. Ein wichtiger Schritt für den Wiederaufbau der Demokratie sind funktionierende Medien und so erscheint am 2. April 1946 unter britischer Aufsicht die Tageszeitung "Die Welt". Produziert von deutschen Journalisten, darunter mein Vater, Karl Heinrich Ressing *, soll die Zeitung vor allem ein Ort intensiver Diskussion werden. Deshalb wird Leserbriefen breiter Raum eingeräumt. Der Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels hatte nach der Machtübernahme Leserbriefe in deutschen Zeitungen generell verboten. Nach dem Ende der Naziherrschaft, wollten die Briten die Leser aktivieren, damit wollte man die demokratischen Erziehung im Nachkriegsdeutschland fördern. Für die Betreuung der Leser in der Welt waren als Redakteure Heinz Ressing und der spätere Manager des Axel-Springer Verlages, Christian Kracht zuständig.

An Resonanz bestand kein Mangel, vor allem junge Leute beteiligten sich mit Leserbriefen und Heinz lud einige zu Gesprächen in die Wohnungen seiner Mutter in der Magdalenenstrasse 22 im Stadtteil Pöseldorf an der Aussenalster ein. So traf sich im August 1946 eine Gruppe, zu der auch der der junge Ralph Giordano gehörte.

Ich schickte Giordano 1998 Kopien der dabei gemachten Fotos und er antwortete umgehend: "Mir ist jene Zeit vor nunmehr 50 Jahren und mehr noch in bester Erinnerung, wie auch Ihr Vater (...), der damals so etwas wie der Fixstern war, um den die Jüngeren, darunter auch ich, kreisten und zu denen Conrad Ahlers zählte und seine spätere Frau Heilwig von der Mehden, Christian Kracht und viele andere, die später von sich reden machten." Damals diskutierten in der Magdalenenstrasse Konservative, Liberale gemeinsam mit dem damaligen KPD-Mitglied Giordano: "Wir saßen noch alle an einem Tisch. Der Kalte Krieg und die Verhärtung der Fronten haben dieser Idylle bald ein Ende gesetzt." 

Die 'Welt' bekam später eine eigene Jugendseite, die "junge Welt" und die britischen Kontrolloffiziere genehmigten ihr eine Suchaktion, in der Bilder von Kindern veröffentlicht wurden, die während des Kriegsendes ihre Angehörigen verloren hatten. Aus den Erfahrungen mit der Welt-Jugendseite entstand die Idee eines Magazins für junge Leser, das ab Februar 1948 unter dem Namen "Benjamin" in die Kioske kam. 


Das Blatt sollte vor allem die 17- bis 30-Jährigen ansprechen, also die Generation der unter dem NS-Regime Aufgewachsenen. Die Redaktionsräume des Benjamins befanden sich unweit des Stephansplatzes, über dem Waterloo-Kino. Die Auflage in der britischen Zone lag bei 70 000 Exemplaren. Früh beschäftigte man sich mit NS-Verbrechen, so berichtete man vom SS-Mord an jüdischen Kindern, die kurz vor Kriegsende im Keller der Schule am Bullenhuser Damm erhängt worden waren. 

Im Juli 2013 fand ich noch ein paar Fotos, auf denen Giordano im Kreis um meinen Vater zu sehen war und schickte ihm Abzüge. In seiner Antwort erinnerte er sich an: "das kluge Gesicht ihres Herrn Vaters, Mittelpunkt und spiritus rector des 'benjamin'-Kreises, Redaktion in der Nähe des Gänsemarktes." Conrad Ahlers und Heilwig von der Mehden seien "sympatische Menschen" gewesen, über den Fotografen und späteren Leiter der Hamburger Landesbildstelle, Fritz Kempe erinnerte er sich eher negativ: "Er war belastet aus der Nazizeit, was aber erst später herauskam."   

Nachdenklich schloss Giordano seinen Brief: "1946 - was da alles noch vor uns lag. Und 2013 lebe ich immer noch, und sogar mit Harschopf... Die Gene haben es gut mit mir gemeint, dennoch, man wird nicht ungestraft 90"

Im Rahmen meiner Recherchen über die Geschichte meiner deutsch-französischen Familie beschäftigte mich natürlich die Kriegszeit besonders. Mein Vater arbeitet in einer Propagandakompanie der Wehrmacht. Im Bundesarchiv fand ich eine Broschüre, die er 1942 verfasst hatte. Unter dem Titel. "Jungarmisten der Weltrevolution" wurde hier mit der  kommunistische Jugendarbeit 'abgerechnet'. Heinz wusste, worüber er schrieb, war er doch 1932 Mitglied einer KPD-nahen Studentengruppe gewesen. Zu der Broschüre meinte er später, der Text sei ohne sein Wissen inhaltlich "verschärft" worden, sein Protest bei Vorgesetzten habe aber nichts genutzt. Welche Textteile er damit meinte, weiß ich nicht. Besonders widerlich ist im Kontext mit dem wirklichen Ereignissen eine Passage über die 'Befreiung' der lithauischen Stadt Kaunas (Kowno) durch die Wehrmacht im Sommer 1941. Demnach hätten die Einwohner der Stadt über den Einmarsch der Wehrmacht beglückt reagiert.

Massaker von Kowno/Kaunas Quelle Bundesarchiv
Unerwähnt blieb, dass es am 28. Juni 1941 im Zentrum von Kaunas zu einem Massaker an Juden kam. Dabei erschlugen lithauische Nationalisten auf offener Straße Männer und Frauen. Wehrmachtssoldaten sahen zu und machten ungerührt  Fotos. Ende der 1970er Jahre erwähnte mein Vater, er sei damals mit seiner Einheit dort vorbeigekommen. Er sei zu seinem Divisionsstab gefahren, um dies zu melden. Einzige Reaktion: "Das ist Sache der Einsatzgruppen". Dies waren  Mordkommandos der SS, die hinter der Front Juden und vermeintliche Kommunisten liquidierten - oder wie in Kaunas dies nationalistischen Einheimischen überließen. Obwohl Mein Vater später immer wieder von seiner Kriegszeit erzählte, hat er dieses Erlebnis bis in die 1970er Jahre nie erzählt.


Hatte er nach Kriegsende im Benjamin-Kreis darüber gesprochen? Ich fragte Giordano im September 2013 in einem Brief, ob er sich erinnern konnte, dass mein Vater darüber gesprochen habe. Giordano reagierte betroffen, das Thema der Verdrängung hatte ihn sein Leben lang beschäftigte: "Nach dem, was ich jetzt aus Ihrer Feder über Heinz Ressing lese, ist es das Übliche - Verdrängung. Eben das, was ich die 'zweite Schuld' genannt habe, den 'Großen Frieden mit den Tätern', Geburtsfehler der Bundesrepublik." Mein Vater habe in dem Kreis nie über seine persönlichen Kriegserlebnisse gesprochen, ebensowenig wie die anderen Anwesenden. Für Giordano war mein Vater damit: "ein funktionierendes Rädchen im Dienste Hitlers und seines Anschlages auf Europa und die Menschenrechte.(...) Wäre ich Heinz Ressing später begnet, hätte ich ihm Fragen gestellt. Aber damals war ich noch dabei selbst Erfahrungen zu sammeln." 

Giordano ließen zeitlebens seine traumatischen Erfahrungen im 'Dritten Reich' und die allgemeine Verdrängung danach nie los. Obwohl ich seinen Standpunkt im Streit um den Moscheeneubau in Köln-Ehrenfeld nicht teile, habe ich seine Courage immer bewundert. Eine kritische und pointierte Stimme ist verstummt, sein skeptisch prüfender Blick wird uns fehlen. 
    


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Mittwoch, 3. Dezember 2014

Chios - Vor 70 Jahren endete die deutsche Besatzung




Am 10. September 1944 verließen die letzten deutschen Soldaten die griechische Insel Chios. Wenige Kilometer vor dem türkischen Küstenort Cesme gelegen, war die fünftgrößte Insel Griechenlands über drei Jahre lang von deutschen Truppen besetzt gewesen. Am 4. Mai 1941 waren gegen 18 Uhr Einheiten der 164. Infanterie-Division im Hafen der Inselhauptstadt gelandet. (a) Dort hatten das Vorkommando der Präfekt, der Bürgermeister und der griechische Militärbefehlshaber der Insel empfangen und offiziell die Insel an den deutschen Bataillonskommandeur Winkler übergeben. Für die Wehrmacht war die Insel ein Etappenort, hier wurden Verwundete des Afrikakorps versorgt. Sie war aber auch ein wichtiger Kreuzungspunkt für die im Meer verlegten Unterseekabel. Diese dienten einerseits der militärische Kommunikation zwischen den nordägäischen Inseln, verbanden aber andererseits auch das griechische Festland mit der nahegelegenen Türkei. 

Chios unterstand militärisch der auf der Nachbarinsel Lesbos tätigen Ortskommandantur 982, die ab Sommer 1943 zur Heeresgruppe E gehörte. Völlig kontrollieren konnte die Wehrmacht Chios nie, dazu fehlten ihr die militärischen Kräfte. Zu Beginn waren etwa 500 Soldaten auf Chios stationiert, während des Krieges halbierte sich die Anzahl. Kampfkräftige Einheiten wurden ab 1942 an die Russlandfront geschickt, während auf Chios auch sogenannte 'Volksdeutsche' - Polen die oft zwangsweise 'eingedeutscht' worden waren, die Garnison bildeten. In mehreren Orten der Insel gab es kleine Militärposten, in denen bis zu 10 Soldaten stationiert wurden.


Griechenland wird ausgepresst





Mit dem Einzug der Wehrmacht am 27. April 1941 in Athen und dem Hissen der Hakenkreuzfahne auf der Akropolis, begann für die Zivilbevölkerung eine Zeit großer Not und Verfolgung. Vor allem im Winter 1941/42 mussten viele Menschen wegen der katastrophalen Versorgungslage hungern. Deutsche, italienische und bulgarische Truppen besetzten das Land und plüderten es systematisch aus. Sie beschlagnahmten große Mengen Nahrungsmittel, Rohstoffe und Waren. Dabei duldete die Wehrmacht durchaus Plünderungen ihrer Soldaten. So bedienten sich nach der am 20. April 1941 erfolgten Kapitulation Griechenlands deutsche Soldaten ungestraft in Geschäften der besetzten Hauptstadt.
Deutsche Soldaten Plündern in Athen
Der Führung im Reich war Ende 1941 das Elend der griechischen Zivilbevölkerung bekannt. Zeitungen aus der neutralen Schweiz hatten darüber berichtet. Dazu meinte Hermann Göring lakonisch: "Wir können uns nicht übertrieben um die hungernden Griechen kümmern. Das ist ein Unglück, das noch viele andere Völker treffen wird." (1) Deutsche Zeitungen schürten gleichzeitig rassistische Ressentiment gegen Griechen. So schrieb eine Zeitung, die Bevölkerung in den Städten bestehe "gegenwärtig nur aus Händlern, Schleichändlern, Dieben und Arbeitssscheuen." Aus diesme Grund sei fraglich: "Wie lange es sich die Achsenmächte in ihrem schweren Kampf leisten können, eine Bevökerung von Nichtstuern  zu ernähren (...)". (2) 

Juden wurden systematisch verfolgt



Die Verfolgung der Juden in Griechenland begann bereits kurz nach der Kapitulation im April 1941. An der wirtschaftlich Ausplünderung ihrer jüdischen Mitbürger bereicherten sich auch viele ihrer Nachbarn. Der Bürgermeister Thessalonikis, Jannis Boutaris, gab im Oktober 2014 ein Zeichen als er sagte, die Stadt "schämt sich für die Kollaborateure, die mit den Besatzern zusammengearbeitet haben, für die Nachbarn, die sich fremden Besitz angeeignet haben, für alle, die jene verraten haben, die davonzukommen suchten." (3) Thessaloniki hatte vor dem Krieg fast 50 000 Einwohner mit jüdischen Wurzeln. Von Ihnen überlebten weniger als 1000 die Deportation in die deutschen Vernichtungslager. (4) Während der deutschen Besetzung von Chios lebte eine jüdische Familie italienischer Nationalität noch auf der Insel, berichtet Philip Argenti in seinem Buch (siehe Anmerkung a). Die jüdische Gemeinde hatte die Insel bereits 1912 verlassen, nachdem Chios vom Osmanischen Reich an Griechenland übergeben worden war. Im Jahr 1943 sollen die griechischen Inselbehörden die jüdische Familie vor der Deportation gewarnt haben. (5) Sie überlebten und wanderten später nach Afrika aus. Zwar existieren heute keine Listen der von Chios Verschleppten mehr, die zentrale deutsche Namenskartei in Bad Arolsen teilte auf Anfrag mit, dass 40 Personen nach Deutschland deportiert wurden, die als Geburtsort Chios angegeben hatten. Die meisten kamen zur Zwangsarbeit nach Deutschland. Bei zwei Personen konnte festgestellt werden, dass sie über das Konzentrationslager Chaidari bei Athen in ein deutsches KZ verschleppt wurden. (6)



Schlechte Versorgung der Zivilbevölkerung auf Chios


Auch den Menschen auf Chios brachte die deutsche Besatzung Not und Hunger. In seinen Erinnerungen an diese Zeit schreibt Demetrios Psaltakis: "Es gab kein Essen. Leute starben auf der Straße an Hunger." Im Seefahrtsmuseum auf Chios erzählte mir 2010 ein älterer Herr, der sich um das Museum kümmert: "Ich war damals ein kleines Kind und weiß noch, wie unsere Eltern mit den deutschen Soldaten Kleidung gegen Lebensmittel eintauschten. Der Hunger war so groß." Das heutige Museum gehörte damals einer reichen Reederfamilie, wurde von der Wehrrmacht beschlagnahmt und diente Lazarett für Verwundete des Afrika-Korps


Schiffahrtsmuseum Chios

Zu Beginn der Besatzung bezahlten die Soldaten mit erbeuteten griechischen Drachmen. Diese verloren aber so sehr an Wert, dass die Soldaten auf Chios zum Tauschhandel übergingen. Gleichzeitig requierierte die Wehrmacht im Juli 1941 auf Chios rund 500 Tonnen Olivenöl, Lederwaren, Felle, Seife und Südfrüchte sowie über 100.000 Zigaretten - die per Schiff aufs Festland gebracht wurden. Dies belegen Einträge in das Kriegstagebuch der 164. Division. (b) Das Raubgut diente dem Unterhalt der Besatzungsoldaten, oder wurde weiter ins Reich transportiert. 
 
Die schwierige Versorgungslage auf den griechischen Inseln, die schon in Friedenszeiten auf
Deutsche Marinesoldaten landen 1941 auf Chios
Nahrungsmittellieferungen vom Festland angewiesen waren, verschärften dort operierende U-Boote und Jagdbomber der Briten. Sie machten Jagd auf die Versorgungsschiffe und verschärften damit auch die Versorgungslage auf Chios. Während der Besatzung operierten auf der Insel britisch-griechische Spezialeinheiten - die sich auf den örtlichen Widerstand stützen konnten. Ihre Aktivitäten wurden dadurch begünstigt, dass die deutsche Garnison der Insel zu schwach war, um sie überwachen zu können. Die Wehrmacht kontrollierte hauptsächlich die Inselhauptstadt mit dem wichtigen Hafen sowie die umliegenden Orte an der Westküste. Trotzdem gelang es dort Fischern, Flüchtlinge mit ihren Booten auf das nahegelegene türkische Festland überzusetzen. Dabei gelang es sogar einmal, ein deutsches Patrouillenboot samt Besatzung zu kapern. 


Die katastrophale Versorgungslage überall in Griechenland veranlasste das neutrale Schweden, zur Lieferung von Nahrungsmitteln und anderen Gütern. Anfang 1944 sollte das Schiff "Virili" auch Chios mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgen.
Hafen von Chios heute


Gedenktafel
Am 7. Februar 1944 ging das Schiff im Hafen von Chios vor Anker und hier kam es  zur Katastrophe. Britische Flugzeuge griffen die "Virili" an, hielten sie es doch für einen deutschen Truppentransporter. Der Frachter geriet in Brand und 17 Besatzungsmitglieder kamen dabei ums Leben. Neben dem Busbahnhof am Hafen erinnert heute eine Gedenktafel an das tragische Ereignis.Dabei starben neben Griechen auch zwei
Schwedisches Schiff nach dem Angriff
Mitglieder des schwedischen Roten Kreuzes und einige Soldaten der Wehrmacht. Anfang 1944 hatten sich die deutschen Truppen bereits in das Hafengebiet mit der Kommandantur zurückgezogen. Das schwerbewachte Hauptquartier hatte man im Hotel KYMA eingerichtet, es existiert heute noch. Allerdings lag es nach 1945 in Trümmern und konnte erst 1963 wiedereröffnet werden. Den Abzug der deutschen Soldaten Anfang September 1944 störten die Alliierten nicht mehr.  
 

Das Denkmal und der seltsame Grabstein des Jason Kalambokas 

Denkmal Jason Klambokas


Nur drei Tage vor dem Abzug der Deutschen, am 7. September 1944, wude in der Innenstadt der griechische Offizier Jason Kalambokas erschossen. Wenige hundert Meter vom Hafen entfernt - gegenüber der Nationalbank - befindet sich heute, inmitten einer kleinen Grünfläche, sein Denkmal. Unweit der heutigen Einkaufsstrasse Aplotarias geriet er in einen deutschen Hinterhalt. Kalambokas gehörte zu den griechischen Soldaten, die nach der Kapitulation im Mai 1941 auf Seiten der Alliierten weiterkämpften. Etwa 20 000 Soldaten der griechischen Armee konnten sich damals der Gefangenahme entziehen und wurden von britischen Schiffen nach Ägypten gebracht. Dort wurden viele für Sabotageaktionen im besetzten Griechenland geschult. Kalambokas, der nicht von Chios kam, führte auf der Insel mehrere Aktionen gemeinsam mit britischen Kommandos und dem örtlichen Widerstand durch. Da die Besatzer nicht genügend Kräfte zur Kontrolle der Insel hatten, überließ man die Verwaltung den griechischen Behörden - ein Praxis die überall angewandt wurde. Außerdem warb man unter den Griechen Kollaborateure für die Miliz an. 



Viele dieser Milizionäre wechselten nach Abzug der Deutschen die Seite und kämpften im griechischen Bürgerkrieg (1946-1949) auf Seiten der Regierung gegen die Kommunisten. Keiner wurde wegen seiner Taten für die deutschen Besatzer jemals zur Rechenschaft gezogen. Auch auf Chios kam es während des Bürgerkriegs zu Gefechten mit kommunistischen Partisanen, so bei Volissos und im Kambos nahe der Hauptstadt. Einige der gefangenen Kämpfer wurden danach in Athen zum Tode verurteilt. 




Direkt neben der Statue Kalambokas befindet sich, unter Plexiglas, eine Marmorplatte. Auf der Vorderseite stehen auf Griechisch der Name und das Todesdatum Kalambokas. Auf der Rückseite entdeckt man, dass er zuvor als Grabstein eines Wehrmachtssoldaten gedient hatte. So kann man noch deutlich ein großes Eisernes Kreuz erkennen - aus dem nach Protesten, erst vor einigen Jahren das Hakenkreuz herausgemeißelt wurde. Darunter steht der Name: Dr. Hermann Westhauser. Der Unteroffzier der Wehrmacht kam beim britischen Luftangriff auf die "Virili" ums Leben. Unter dem eingemeißelten Namen steht auf dem Grabstein immer noch deutlich lesbar: "Für den Führer und Großdeutschland". Nach dem Krieg wurden seine sterblichen Überreste - wie die aller in Griechenland gefallenen Wehrmachtssoldaten - auf den zentralen deutschen Soldatenfriedhof Dyonnisos-Rapentosa, 30 Kilometer nordöstlich von Athen verbracht.  






Der Unteroffizier Dr. Hermann Westhauser gehörte zur Geheimen Feldpolizei. (7) Er
Greuel in Griechenland
wurde am 4. März 1912 in Wien geboren, kam zu Kriegsbeginn zur Wehrmacht und gehörte ab Ende November 1943 zur Gruppe 621 und dann später zum Abwehrtrupp 383 der Geheimen Feldpolizei. (8)
Bis Februar 1944 hatte diese dem militärischen Nachrichtendienst "Abwehr" unter Wilhelm Canaris unterstanden. Danach wurde sie direkt dem SS-Reichssicherheits Hauptamt unterstellt. Die Aufgabe der Geheimen Feldpolizei bestand im Schutz der Truppe vor "Zersetzung", dem Kampf gegen Partisanen und Saboteure sowie der Spionage und Überwachung der Zivilbevölkerung. Dabei durften ihre Mitglieder im Dienst Zivilkleidung tragen. Auf das 'Konto' dieser Einheiten und der für sie arbeitenden griechischen Kollaborateure gingen Folter sowie die Liquidierung tausender Zivilisten. (9) Ein großer Teil der Mannschaften bestand aus Mitgliedern der deutschen Sicherheits- und Kriminalpolizei.

Auch auf Chios wurden bei Verhören Gefangene gefoltert, Dr. Hermann Westhauser Einheit sei wegen ihres brutalen Vorgehens auf der Insel gefürchtet gewesen (d). Ihr Auftrag umfasste dabei auch Gegenspionage und das Sammeln von Informationen über das türkische Festland. Argentis nennt Westhausers Einheit deshalb die "wahre Gestapo auf Chios". (e) Das könnte den Umstand erklären, warum die Wehrmacht auf seinem Grabstein nicht nur seinen Dienstgrad, sondern auch den Doktortitel einfügen lies. Auf Nachfrage erklärte mir eine deutsche Dienststelle, dass dies damals äußerst unüblich gewesen sei. (10) 



Während der deutschen Besatzung wurden auf Chios von den Deutschen insgesamt 19 Männer hingerichtet. Davon wurden zuvor 14 von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt, die anderen kamen bei Vorfällen ums Leben. So wurden zwei Männer während einer Razzia am Stadtpark erschossen, als sie fliehen wollten. (c) 


Der Tod des Jason Kalambokas




"Eigentlich bin ich daran Schuld, dass Kalambokas erschossen wurde", erzählte mir im Sommer 2014 Georgios Zachariadis. Er wurde 1942 auf Chios geboren und ging Mitte der 1960er Jahre nach Österreich. Im Winter leben er und seine Frau Maria in Graz. Jeden Sommer kommen sie auf die Insel und vermieten bei Karfas Appartments an Touristen. Georgios Zachariadis war zwei Jahre alt, als Kalambokas erschosossen wurde. "Später wurde mir erzählt, Jason habe kurz vor dem Abzug der Deutschen einen Bombenanschlag auf die Besatzer versuchen wollen. Er versteckte dazu den Sprengstoff in einem Korb voller Eier. Meine Mutter wollte seine Aktion verhindern und ihn - der in unserem Haus übernachtete - einfach weiterschlafen lassen. Aber ich habe dann am frühen Morgen angefangen laut zu Weinen und so wurde er doch wach. Die Deutschen hatten von seinem Vorhaben durch Verrat erfahren und stellten Kalambokas am Morgen eine Falle. " Sie lauerten ihm am Ende der heutigen Einkaufsstrasse - Aplotarias - auf: "Er wurde dort von vier deutschen Offizieren auf offener Straße - vielleicht 50 Meter von unserem Haus entfernt - gestellt und erschossen."

Im Buch Philip Argentis heißt es, die Umstände des Todes Kalambokas am 7. September 1944 seien unklar. So werde behaupt, er sei in eine Falle der Deutschen gelaufen. Er habe sich mit einem deutschen Soldaten treffen wollen, der beabsichtigte zu desertieren. Dann sei dieser Mann aber in Begleitung von zwei anderen Soldaten erschienen, wohl um Kalambokas Festzunehmen. Kalambokas habe seinen Revolver ziehen wollen und sei erschossen woredn. Zuerst hätten die Deutschen nicht gewusst, welche wichtige Rolle Kalambokas im Widerstand der Insel spielte. Dies sei erst nach dem Fund von Schriftstücken in seiner Kleidung klar geworden. (f)   



Georgios Vater war einst auch Offizier gewesen und arbeitete während der Besatzung beim Zoll im Hafen von Chios. Er hatte Verbindungen zum Widerstand und die Eltern entschlossen sich zu fliehen: "Erst nachdem wir gerettet waren, zeigte meine Mutter meinem Vater, dass sie unter ihrem Rock eine Pistole hatte. Er bekam einen ziemlichen Schreck, denn ihm war klar, dass meine Mutter zweifellos geschossen hätte," Viel später fand Georgios eine alte britische Munitionskiste seiners Vaters - voller Dokumente aus dieser Zeit . Dort tauchten auch die Namen griechischer Kollaborateure auf Chios auf. Georgios meint aber: "Heute macht die Veröffentlichung keinen Sinn mehr, die Verantwortlichen sind lange tot und die Nachkommen können nichts dafür.".


Und die Sache mit dem Grabstein? "Na ja, nach dem Krieg wollte man Kalambokas ein Denkmal setzen. Aber die Insel war nach dem Krieg arm und hatte für ein Denkmal kein Geld. So kam man auf die Idee, den deutschen Grabstein aus Marmor quasi 'umzuwidmen' ". Die Statue kam erst viel später hinzu. Zacharidis bemühte sich lange darum, dass das Hakenkreuz entfernt wird. Er ärgert sich auch darüber, dass es hier keine Information für Besucher der Insel über Kalambokas und den 'janusköpfigen' Grabstein gibt. 

(a) Philip P. Argenti, The occupation of Chios by the Germans and their administration of the island, Cambridge University Press 1966
(b). a.a. O. 
(c). a.a.O. Seite 26 und 31
(d) a.a. O. Seite 28
(e) a.a.O. S. 31
(f) a.a. O S. 74

(1) Götz Aly, Hitlers Volksstaat, Fischer-Verlag 2005, S. 278
(2) siehe Wikipedia: Große Hungersnot in Griechenland

(3) Mitteilung der Deutschen Dienststelle am 30. März 2011
(4) https://de.wikipedia.org/wiki/Geheime_Feldpolizei_%28Zweiter_Weltkrieg%29
(5) Obwohl diese Spezialeinheiten vermeintliche Partisanen liquidierten  - darunter auch Kinder und Jugendliche und an der Ostfront "Vergasungswagen" betrieb, wurde sie im Nürnberger Prozess nicht als verbrecherische Organisation eingestuft. 
(6) Schreiben des Militärischen Forschungsamtes in Potsdam
(7) Griechenland-Zeitung, 14. Oktober 2014
(8) www.medienfresser.blogspot.de/2011/11/judisches-thessaloniki-die-mutter.html
(9) http://en.wikipedia.org/wiki/Chios#Modern_period 
(10) Schreiben des Internationalen Suchdienstes (ITS) Bad Arolsen vom 10. November 2010

Sonntag, 14. September 2014

Erster Weltkrieg - Medienkrieg - Teil VI - 'think tanks'


Politiker und Regierungen lassen sich nicht erst heute von Lobbygruppen und ihren Stiftungen beraten. So bestimmen die "Bertelsmann-Stiftung", oder die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" sowie die regierungsnahe "Stiftung Wissenschaft und Politik" mit ihren Analysen die öffentliche Diskussion. Vorläufer dieser Lobby-Organisationen waren schon im Ersten Weltrieg aktiv, so das "Büro für Sozialpolitik" oder die "Auskunftsstelle vereinigter Verbände". 

Friedrich Ebert, Bundesarchiv 146-1970-096-03
Der Erste Weltkrieg erfasste alle gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bereiche. Politik und Militär wollten die Öffentliche Meinung steuern. Dies wurde umso wichtiger, da der "Burgfrieden" mit dem SPD-Führer Friedrich Ebert und den Gewerkschaften fragil war. "1915 hielt der Burgfrieden einstweilen, aber die Stimmung in der Bevölkerung veränderte sich mit der Erkenntnis, das der Krieg militärisch stagnierte. Daß ließ die Bevölkerung zu einem umso wichtigeren Objekt der staatlichen Überwachung werden." (1) Aber das militärische System von Befehl und Gehorsam konnte in einem industriellen Krieg kein Ersatz für die Loyalität der Massen sein. Mit jedem Jahr, den der Krieg andauerte, wuchs bei den Eliten die Furcht vor der Revolution. Anfang Januar 1916 bildete sich in der SPD die "Spartakusgruppe", zu der der Reichstagsabgeordnete Karl Liebknecht gehörte, Er war der erste Abgeordnete, der im Dezember 1914 gegen die Kriegskredite stimmte. Am 12. Januar 1916 schloss ihn die SPD gemeinsam mit weiteren 19 Abgeordnete aus ihrer Fraktion aus. Ende März scheiterte die Offensive vor Verdun unter schrecklichen Verlusten, die Versorgungslage der Zivilbevölkerung verschlechterte sich rapide. Die Wut innerhalb der Arbeiterschaft nahm zu, das Vertrauen in die SPD-Frühung dagegen ab und am 1. Mai 1916 demontrierten Tausende in Berlin auf dem Potsdamer Platz gegen den Krieg. Liebknecht rief:
Karl Liebknecht, Bundesarchiv 183-H25212
"Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!" und wurde umgehend verhaftet und später wegen Hochverrat angeklagt. Zum Prozessbeginn zeigten in Berlin rund 50 000 Arbeiter mit einem Streikt ihre Solidarität. Liebknecht wurde Ende August 1916 zu vier Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilt. Die wachsende Radikalisierung innerhalb der Arbeiterschaft förderte die Furcht im bürgerlich-konservativen Lager vor der Revolution. Anfang Dezember 1916 tauchten im Reich Flugblätter auf, die zur Solidarität mit Liebknecht aufriefen. Dies wurde von den Zensurbehörden genau registriert und in Rundschreiben allen Militärbezirken im Reich mitgeteilt:
Vorlage Hauptstaatsarchiv Stuttgart M77/1 Bü 435


"Die Einführung, Verbreitung und Ausfuhr ist (...) verboten, die Beschlagnahme etwa vorgefundener Exemplare und die Fahndung auf Verbreiter angeordnet worden."  

Innerhalb der SPD zeigten sich zunehmend die unberbrückbaren Gegensätze, Friedrich Ebert, verlor an Einfluss. Die Spaltungstendenzen innerhalb der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften waren nicht zu übersehen. Für Regierung und Militärs wurde es immer wichtiger, über die Entwicklung aussagekräftige Informationen zu erhalten. Dabei halfen die Analysen und Berichte unabhängiger Stiftungen und Institute - die Vorläufer heutiger "think-tanks".




Organisation


Ende 1914 erkannten einige politisch Verantwortliche in Berlin, dass nur mit einer zentrale gesteuerten Öffentlichen Meinung der angestrebte 'Siegfrieden' im Land verankert werden könnte. Dieser Erkenntnis standen allerdings die Interessen der Bürokraten und ihrer Strukturen im Reich und den Ländern entgegen. Sie wollten ihre Macht und Einfluss nicht an abgeben. (2)
Erhard Deutelmoser, Bundesarchiv, 183 R04 159
Dabei war diese Notwendigkeit auch einigen Militärs klar, etwa dem Berufsoffizier Erhard Deutelmoser. Bei Kriegsbeginn war er im Geheimdienst der Obersten Heeresleitung (Abteilung III B) für Presse und Zensur zuständig. (3) Ende 1915 übernahm er die Leitung des neuen Kriegspresseamtes innerhalb der OHL. Nachdem Ludendorff dort die Leitung übernommen hatte, musste Deutelmoser gehen. Anfang 1917 wurde er Leiter der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes und übernahm ab November 1917 das neu geschaffene Amt des Pressechefs beim Reichskanzler.


Unter Deutelmosers Leitung wurden Pläne für eine Propagandaabteilung ausgearbeitet, die im Reich die Bevölkerung für den Sieg mobilisieren sollte. Gegründet im März 1918 nannte sie sich zuerst: "Zentralstelle für Heimataufklärung (ZfH)", später wurde sie als: "Zentralstelle für den Heimatdienst" bekannt. In der Staatsbibliothek in Berlin kann man die Geschäftsordnung" vom 18. März 1918 online aufrufen. Dort steht: "Die Zentralstelle bearbeitet nach den Weisungen des Pressechefs alle den Aufklärungsdienst in der Heimat betreffende Sachen." (4) Auch private Verbände arbeiteten zu (5), sp der "Bund Deutscher Gelehrter und Künstler", der "Studienausschuß für Auslandsorganisation" sowie die "Auskunftsstelle Vereinigter Verbände" und das "Büro für Sozialpolitik". Während die "Auskunftsstelle" unter Regierungsrat Oskar Poensgen Propaganda für die Kriegspolitik machten, produzierte das "Büro für Sozialpolitik" Analysen über SPD und Gewerkschaften. 

Büro für Sozialpolitik 


Im Jahr 1890 gründeten liberale Industrielle in Frankfurt a.M. das "Institut für Gemeinwohl". (6) Für sie war die 'soziale Frage' das zentrale Zukunftsproblem. Deshalb forderte man im Reich die Einführung einer einheitlichen Sozial- und Armenfürsorge. Mit ihrer Zeitschrift "Soziale Praxis" bot das Institut ein Forum für eine sozialpolitische Debatte. Dazu richtete man 1904 in Berlin das "Büro für Sozialpolitik" ein. Während des Ersten Weltkrieges belieferte es, unter Leitung des Journalisten Ernst Francke, die Regierung und das Militär mit politischen Analysen. Im Dezember 1917 gründete Francke auch den "Volksbund für Freiheit und Vaterland", der sich gegen die ultranationalistischen Forderungen der "Vaterlandspartei" stellte. Der Volksbund trat parteiübergreifend auf und versuchte national gesinnte Teile der Arbeiterbewegung einzubinden. Dabei vertrat man gemäßigtere Kriegsziele und das allgemeine Wahlrecht bei einem Sieg Deutschlands. Allerdings forderte man auch eine Erweiterung des deutschen olonialreichs in Afrika. Eine Demokratie westlichen Stils lehnten viele im Volksbund ab. Deutschland sei dafür nicht geeignet, einige Unterstützer strebten einen 'nationalen Sozialismus' an. Damit konnte man keine Mehrheiten in der Arbeiterbewegung gewinnen.


SPD - Spaltung erscheint unausweichlich


Regelmäßig erhielten die staatlichen und miliärischen Stellen in Berlin Berichte des Büros für Sozialpolitik über die Entwicklungen innerhalb der SPD und der Gewerkschaften. Abschriften erhielten die für Zensur und politische Kontrolle der Länder zuständigen Armeebehörden vom Kriegsministerium in Berlin.
Vorlage Hauptstaatsarchiv Stuttgart M77/1 Bü 435
Eine Kopie des Berichts vom 9.Oktober 1916 liegt heute im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart. Er wurde unter "Ge
heim" eingestuft und neben dem Stellvertretenden Generalkommando der württembergischen Armee in Stuttgart auch an das Innenministerium sowie den Generaladjutanten des Königs geschickt. Der Bericht enthält eine Darstellung über die zuspitzende Situation in der Sozialdemokratie. Hauptthema: SPD-Parteikonferenz vom 21. bis 23. September in Berlin. Dort sei "die von Tag zu Tag wachsende Erkenntnis der meisten Teilnehmer von der Unüberbrückbarkeit der sachlichen Gegensätze" deutlich zu Tage getreten. Dabei kam es sogar zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen den Teilnehmern. Laut Bericht war der Ebert-Anhänger und bayerische Landtagsabgeordnete Johannes Timm über den Linken Arthur Stadthagen so erbost: "daß er ihn schüttelte und nur mit Mühe von weiteren Tätlichkeiten zurückgehalten werden konnte."
Hugo Haase, Bundesarchiv, 146-1970-096-05
Der Reichstagsabgeordnete Hugo Haase hielt für die Linke eine Rede, die das Büro für Sozialpolitik als "nicht ungeschickte, aber haßdurchglühte Verteidigung der Minderheit" bewertete. Dagegen stellte der maßgeblich für den 'Burgfrieden' verantwortliche Eduard David seinen Antrag für ein SPD-Friedensmanifest. Der Bericht bewertet ihn:  "In seinem entscheidenden Teil stellt es sich auf den Boden der Vaterlandsverteidigung bis zu einem Frieden, der die territoriale Unversehrtheit, politische Unabhängigkeit und wirtschaftliche Entwicklungsfreiheit des Reiches gewährleistet". Der Versuch Haases, per Geschäftsordnungsantrag diese Abstimmung zu verhindern, scheiterte aber, dafür stimmten nur 169 Teilnehmer, während 276 seinen Antrag ablehnten. 
Vorlage Hauptstaatsarchiv Stuttgart M77/1 Bü 435
Der zur rechten SPD-Mehrheit um Ebert gehörende Abgeordnete David sagte laut Bericht, sein Manifest "hätten nur Leute ablehnen können (...) die sich in diesem Völkerringen innerlich nicht in erster Linie als Sachwalter des deutschen Volkes fühlen." Damit erklärte er die Kriegsgegner innerhalb seiner Partei letztlich zu 'Vaterlandslosen Gesellen'. Die Analyse des Büros für Sozialpolitik wertete auch Artikel aus Parteizeitungen aus. Dort wird ein Münchner Delegierter zitiert, die Linken "seien als Leichen auf dem Kampfplatze geblieben." Laut Bericht des Büros für Sozialpolitik seien damit auf der SPD-Tagung "die Gegensätze (...) mit unerhörter Stärke hervorgetreten." Wäre dies ein regulärer Parteitag gewesen, hätte er unweigerlich "zur Spaltung geführt". Bei der Analyse berücksichtigte man auch die Veröffentlichungen der unterlegenen Linken. So habe Käte Duncker auf einer Versammlung in Steglitz gesagt: "die Grundlagen der Parteieinheit seien zerfressen, eine reinliche Scheidung notwendig." Ähnlich beurteilte auf der Gegenseite Wilhelm Kolb aus Karlsruhe, die Spaltung der Partei sei eine "politisch und geschichtliche Notwendigkeit geworden". Er forderte eine konsequent reformistische Politik der SPD: "ohne grundsätzliche Ablehnung des Budgets und der Heeres- und Kolonialforderungen." Die Autoren der Analyse des Büros für Sozialpolitik beurteilten die Resonanz der Konferenz differenzierter: "Ein großer Teil der Mehrheitspresse preist das Ergebnis der Konferenz als vollen Sieg der Mehrheit, ohne weitere Konsequenzen aus diesem Siege zu fordern. Aber auch ein Teil der Minderheitspresse glaubt gesiegt zu haben, und zwar 'moralisch'. So geht die Verwirrung in der Partei ungeschmälert 
weiter."

Auch die Entwicklung innerhalb der Gewerkschaftsbewegung wurde vom Büro für Sozialpolitik aufmerksam verfolgt. So habe "der angesehendste Führer der freien Gewerkschaften (...) in kleinem Kreise" über die Linken in der SPD gesagt: "Mit Idioten könne man keine Politik machen."
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Dabei kritisierte das Büro in seinem Bericht auch die Reichsregierung. Über die Reaktionen der SPD-Presse zu einer Rede Reichskanzler Bethmann-Hollwegs wird resümiert: "Die Mehrheitspresse wäre mit ihr im wesentlichen einverstanden, wenn sie sich über die Zukunft der inneren Politik deutlicher ausgesprochen hätte. Es ist nicht zu bestreiten, daß die früheren Reden in den sozialdemokratischen Massen große Erwartungen in dieser Hinsicht geweckt haben". Die SPD verlange "jetzt dringend Taten der Neuorientierung, und es machen sich Zweifel bemerkbar, ob der Kanzler die Kraft, ja ob er den unbeugsamen Willen zu solchen Taten habe." Dabei konstatiert das Büro für Sozialpolitik, die Arbeiterschaft habe "nicht ohne Genugtuung beobachtet", wie der Kanzler auch von rechter Seite unter Druck gesetzt worden sei. 

Die Sozialdemokraten wurden auch gelobt - etwa wenn sie Treue zur Monarchie bekundeten: "Ungewöhnlich beachtenswert sind die Ausführungen des Stuttgarter Sozialdemokratischen Blattes zum Regierungsjubiläum König Wilhlems II" (König von Württemberg). Demnach sahen die Redakteure der SPD-Postille in Stuttgart auch keinen
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Unterschied zwischen Monarchie und Demokratie. Genüsslich zitiert das Büro für Sozialpolitik einen Artikel: "Nehmen wir alles in allem, so will uns scheinen, daß unter den gegebenen Verhältnissen garnichts geändert würde, wenn morgen in Württemberg an die Stelle der Monarchie die Republik treten würde." Beruhigt konnte das Büro für Sozialpolitik mitteilen: "Diese Äußerung des führenden württembergischen Arbeiterblattes gibt die innere Haltung offenherzig wieder, die in Deutschland ziemlich die ganze sozialdemokratische Arbeiterschaft der Monarchie gegenüber hat." 



Starben rechte Sozialdemokraten an der Front den 'Heldentod' vermeldete das Büro dies unter der Überschrift: "Verluste der Mehrheit"Zeichneten sich Sozialdemokraten oder Gewerkschaftern an der Front aus, so wurde dies ebenso für berichtenswert erachtet...: 

Vorlage Hauptstaatsarchiv Stuttgart M77/1 Bü 435



(1) Jörn Leonhard, Die Büchse der Pandora, Beck 2014, S. 383
(2) Rezensionsjournal für die Geschichtswissenschaften: http://www.sehepunkte.de/2006/11/10070.html
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Erhard_Deutelmoser
(4) http://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht/?PPN=PPN71981930X 
(5) http://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht/?PPN=PPN71981930X&PHYSID=PHYS_0007&USE=800
(6) https://de.wikipedia.org/wiki/Institut_f%C3%BCr_Gemeinwohl