Dienstag, 23. Dezember 2014

Ralph Giordano 1946


Sommer 1946 - Hamburg liegt immer noch in Trümmern, britische Besatzungstruppen kontrollieren die Stadt. Ein wichtiger Schritt für den Wiederaufbau der Demokratie sind funktionierende Medien und so erscheint am 2. April 1946 unter britischer Aufsicht die Tageszeitung "Die Welt". Produziert von deutschen Journalisten, darunter mein Vater, Karl Heinrich Ressing *, soll die Zeitung vor allem ein Ort intensiver Diskussion werden. Deshalb wird Leserbriefen breiter Raum eingeräumt. Der Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels hatte nach der Machtübernahme Leserbriefe in deutschen Zeitungen generell verboten. Nach dem Ende der Naziherrschaft, wollten die Briten die Leser aktivieren, damit wollte man die demokratischen Erziehung im Nachkriegsdeutschland fördern. Für die Betreuung der Leser in der Welt waren als Redakteure Heinz Ressing und der spätere Manager des Axel-Springer Verlages, Christian Kracht zuständig.

An Resonanz bestand kein Mangel, vor allem junge Leute beteiligten sich mit Leserbriefen und Heinz lud einige zu Gesprächen in die Wohnungen seiner Mutter in der Magdalenenstrasse 22 im Stadtteil Pöseldorf an der Aussenalster ein. So traf sich im August 1946 eine Gruppe, zu der auch der der junge Ralph Giordano gehörte.

Ich schickte Giordano 1998 Kopien der dabei gemachten Fotos und er antwortete umgehend: "Mir ist jene Zeit vor nunmehr 50 Jahren und mehr noch in bester Erinnerung, wie auch Ihr Vater (...), der damals so etwas wie der Fixstern war, um den die Jüngeren, darunter auch ich, kreisten und zu denen Conrad Ahlers zählte und seine spätere Frau Heilwig von der Mehden, Christian Kracht und viele andere, die später von sich reden machten." Damals diskutierten in der Magdalenenstrasse Konservative, Liberale gemeinsam mit dem damaligen KPD-Mitglied Giordano: "Wir saßen noch alle an einem Tisch. Der Kalte Krieg und die Verhärtung der Fronten haben dieser Idylle bald ein Ende gesetzt." 

Die 'Welt' bekam später eine eigene Jugendseite, die "junge Welt" und die britischen Kontrolloffiziere genehmigten ihr eine Suchaktion, in der Bilder von Kindern veröffentlicht wurden, die während des Kriegsendes ihre Angehörigen verloren hatten. Aus den Erfahrungen mit der Welt-Jugendseite entstand die Idee eines Magazins für junge Leser, das ab Februar 1948 unter dem Namen "Benjamin" in die Kioske kam. 


Das Blatt sollte vor allem die 17- bis 30-Jährigen ansprechen, also die Generation der unter dem NS-Regime Aufgewachsenen. Die Redaktionsräume des Benjamins befanden sich unweit des Stephansplatzes, über dem Waterloo-Kino. Die Auflage in der britischen Zone lag bei 70 000 Exemplaren. Früh beschäftigte man sich mit NS-Verbrechen, so berichtete man vom SS-Mord an jüdischen Kindern, die kurz vor Kriegsende im Keller der Schule am Bullenhuser Damm erhängt worden waren. 

Im Juli 2013 fand ich noch ein paar Fotos, auf denen Giordano im Kreis um meinen Vater zu sehen war und schickte ihm Abzüge. In seiner Antwort erinnerte er sich an: "das kluge Gesicht ihres Herrn Vaters, Mittelpunkt und spiritus rector des 'benjamin'-Kreises, Redaktion in der Nähe des Gänsemarktes." Conrad Ahlers und Heilwig von der Mehden seien "sympatische Menschen" gewesen, über den Fotografen und späteren Leiter der Hamburger Landesbildstelle, Fritz Kempe erinnerte er sich eher negativ: "Er war belastet aus der Nazizeit, was aber erst später herauskam."   

Nachdenklich schloss Giordano seinen Brief: "1946 - was da alles noch vor uns lag. Und 2013 lebe ich immer noch, und sogar mit Harschopf... Die Gene haben es gut mit mir gemeint, dennoch, man wird nicht ungestraft 90"

Im Rahmen meiner Recherchen über die Geschichte meiner deutsch-französischen Familie beschäftigte mich natürlich die Kriegszeit besonders. Mein Vater arbeitet in einer Propagandakompanie der Wehrmacht. Im Bundesarchiv fand ich eine Broschüre, die er 1942 verfasst hatte. Unter dem Titel. "Jungarmisten der Weltrevolution" wurde hier mit der  kommunistische Jugendarbeit 'abgerechnet'. Heinz wusste, worüber er schrieb, war er doch 1932 Mitglied einer KPD-nahen Studentengruppe gewesen. Zu der Broschüre meinte er später, der Text sei ohne sein Wissen inhaltlich "verschärft" worden, sein Protest bei Vorgesetzten habe aber nichts genutzt. Welche Textteile er damit meinte, weiß ich nicht. Besonders widerlich ist im Kontext mit dem wirklichen Ereignissen eine Passage über die 'Befreiung' der lithauischen Stadt Kaunas (Kowno) durch die Wehrmacht im Sommer 1941. Demnach hätten die Einwohner der Stadt über den Einmarsch der Wehrmacht beglückt reagiert.

Massaker von Kowno/Kaunas Quelle Bundesarchiv
Unerwähnt blieb, dass es am 28. Juni 1941 im Zentrum von Kaunas zu einem Massaker an Juden kam. Dabei erschlugen lithauische Nationalisten auf offener Straße Männer und Frauen. Wehrmachtssoldaten sahen zu und machten ungerührt  Fotos. Ende der 1970er Jahre erwähnte mein Vater, er sei damals mit seiner Einheit dort vorbeigekommen. Er sei zu seinem Divisionsstab gefahren, um dies zu melden. Einzige Reaktion: "Das ist Sache der Einsatzgruppen". Dies waren  Mordkommandos der SS, die hinter der Front Juden und vermeintliche Kommunisten liquidierten - oder wie in Kaunas dies nationalistischen Einheimischen überließen. Obwohl Mein Vater später immer wieder von seiner Kriegszeit erzählte, hat er dieses Erlebnis bis in die 1970er Jahre nie erzählt.


Hatte er nach Kriegsende im Benjamin-Kreis darüber gesprochen? Ich fragte Giordano im September 2013 in einem Brief, ob er sich erinnern konnte, dass mein Vater darüber gesprochen habe. Giordano reagierte betroffen, das Thema der Verdrängung hatte ihn sein Leben lang beschäftigte: "Nach dem, was ich jetzt aus Ihrer Feder über Heinz Ressing lese, ist es das Übliche - Verdrängung. Eben das, was ich die 'zweite Schuld' genannt habe, den 'Großen Frieden mit den Tätern', Geburtsfehler der Bundesrepublik." Mein Vater habe in dem Kreis nie über seine persönlichen Kriegserlebnisse gesprochen, ebensowenig wie die anderen Anwesenden. Für Giordano war mein Vater damit: "ein funktionierendes Rädchen im Dienste Hitlers und seines Anschlages auf Europa und die Menschenrechte.(...) Wäre ich Heinz Ressing später begnet, hätte ich ihm Fragen gestellt. Aber damals war ich noch dabei selbst Erfahrungen zu sammeln." 

Giordano ließen zeitlebens seine traumatischen Erfahrungen im 'Dritten Reich' und die allgemeine Verdrängung danach nie los. Obwohl ich seinen Standpunkt im Streit um den Moscheeneubau in Köln-Ehrenfeld nicht teile, habe ich seine Courage immer bewundert. Eine kritische und pointierte Stimme ist verstummt, sein skeptisch prüfender Blick wird uns fehlen. 
    


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