Sonntag, 21. August 2016

2016: St.Pauli beim VfB - As time goes by...


Frustrierte 11 mit Ewald
Wie die Zeit vergeht - 8. August 2016. Bei meinen jährlichen Besuchen der Auftritte des FC.St.Pauli in Baden-Württemberg spüre ich das. Nicht nur, das Ewald gerade mal ein Jahr älter ist als ich, auch das Publikum hat sich gewandelt. Dabei war es doch gar nicht so lange her, dass ich am Millerntor die alten Knaben der 'Vor-Hafenstraße-Ära' belächelte. Und nun ist man selbst ein Silberrücken, den das junge Volk irritiert.

Aber: Im Vergleich mit den Durchschnitts-VfB-Fans fallen die St Paulianer immer noch auf, manche verströmen immer noch den etwas heruntergekommenen Charme von: "Wir sind Zecken, asoziale Zecken, wie schlafen unter Brücken, oder in der Bahnhofsmission!" Und da sind wir auch bei dem, was mir auffällt und nicht unbedingt gefällt.

http://1913familienalbum.blogspot.de/2016/08/2016-fc-stpauli-vfb-as-time-goes-by.html 

Dienstag, 16. August 2016

Erster Weltkrieg - Leben unter deutscher Besatzung - Teil II: Panik und Chaos



Deutsches Propaganda-Plakat 1919 (Bundesarchiv)
Französische Truppen in Mainz Quelle Bundesarchiv
Anfang 1919 besetzten Truppen der siegreichen Entente die linksrheinischen Gebiete des Deutschen Reiches. Die fremde Besatzung blieb vielen Einwohnern als Zeit der Fremdbestimmung, Unterdrückung und Ausbeutung in Erinnerung. Im Jahr 2009 zeigte der Westdeutsche Rundfunk (WDR) die TV-Dokumentation "Der Feind am Rhein". Dort  berichteten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse (youtube). Ein beeindruckendes Filmdokument zeigt eine französische Militäreinheit, die durch die Straße einer deutschen Stadt marschiert. Am Rand stehen deutsche Zivilisten, darunter viele Männer mit einer Kopfbedeckung. Sie verfolgen die Parade und auf einmal läuft ein französischer Soldat zu einem Mann und schlägt ihm den Hut vom Kopf - er hatte ihn nicht abgenommen. Ein Dokument der öffentlichen Demütigung.


Was war aber während der vierjährigen Besetzung Belgiens und Nordfrankreichs durch die deutsche Armee geschehen? Einhundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges beschäftigen sich deutsche Historiker und Autoren mit dem Thema nur am Rande. Lange habe ich nach deutschsprachiger Literatur über die Besatzung gesucht - ohne Erfolg. Dann stieß ich auf das Buch "The long silence - Te tragedy of occupied France in World War I" der britischen Autorin Helen McPhail. Erstmals 1999 in Großbritannien veröffentlicht, schildert die Autorin anhand von Tagebüchern und Dokumenten, wie die Besatzungszeit von der Zivilbevölkerung erlebt wurde. (1) Bezeichnenderweise hat sich bis heute bei uns kein Verlag für eine deutsche Ausgabe gefunden. Ein deutscher Historiker, den ich anlässlich seines Vortrags im Stuttgarter Staatsarchiv 2015 auf das Buch ansprach urteilte herablassend: "ziemlich oberflächlich". 

Gewalt und Schrecken


Die Zivilbevölkerung erlebte während der deutschen Besatzung weitaus Schlimmeres, als die Deutschen im Rheinland nach Kriegsende erdulden mussten. 1914-1918 lebten 2,5 Millionen Menschen in Nordfrankreich, sowie 6 Millionen Belgier unter deutscher Besatzung. Schon damals zeigte sich, das viele Deutsche die Belgier und Franzosen als 'Minderwertig' ansahen, dem der überlegene deutsche  'Herrenmensch' gegenüberstand. Selbstüberschätzung und Hybris* prägten das Selbstbild der deutschen Eliten und großer Teile der Bevölkerung bereits im Kaiserreich und sie waren ein Grund für die militärische wie politische Niederlage im Ersten Weltkrieg.


Die Gewaltexzesse der deutschen Soldaten beim Einmarsch in Belgien und in Nordfrankreich in den ersten Kriegsmonaten hatte mehrere Ursachen. Der sogenannten 'Schlieffen-Plan', der die Umzingelung der französischen Armee vorsah, war von Anfang an unrealistisch. "Der Schlieffen-Plan sah eine Wehr des Gegners nicht vor" sagt Gerd Krumeich, emeritierter Professor für Geschichte an der Universität Düsseldorf. (2) Die unerwartet heftige Gegenwehr der Belgier und der Franzosen, die großen deutschen Verluste schon in den ersten Tagen des Krieges, dies enthemmte die deutschen Soldaten wie auch ihre Offiziere. Die kriegsunerfahrenen Soldaten, durch Gewaltmärsche ausgelaugt, gerieten oft in Panik und beschossen sich gegenseitig. Dies wurde später als Partisanenangriff verschleiert, wie im Fall der zerstörten belgischen Stadt Löwen. Dazu kam die Furcht vor den Freischärlern, dem Mythos des 'Franktireurs' des 1870er Krieges gegen Frankreich. Damals hatte es in von Deutschen besetzten Gebieten immer wieder Aktionen gegen die Soldaten gegeben. Die Folge war, das zwischen August und Oktober 1914 über 6500 Zivilisten - Männer, Frauen und Kinder - von deutschen Soldaten in Belgien und Nordfrankreich ermordet wurden. (3) Auch nach dem Krieg fand sich in deutschen Antikriegs-Romanen das Bild des hinterhältigen belgischen Zivilisten. (4)

Meine französische Großmutter erlebte den Einmarsch und die Besatzung am eigenen Leib - und sie erzählte uns, wie sie als junges Mädchen den Krieg erlebt hatte. Auch wenn ihre Geschichten nicht immer historisch genau waren, so konnten wir erahnen, wie ihr Alltag unter deutscher Besatzung ausgesehen hatte. Flore Gaspard (später Aubry) wurde 1900 im Dorf St.Benin, im Departement Nord, nur wenige Kilometer von der nordfranzösischen Kleinstadt Le Cateau, geboren. Auf dem Dachboden ihres Häuschens fanden wir noch alte Uniformknöpfe der Bayerischen Armee, die als Besatzer hier einquartiert waren. Mit gerade 14 Jahren war das Arbeiterkind Flore vom Krieg in ihrem Dorf überrascht worden

Zivilbevölkerung auf der Flucht (Bundesarchiv)
Im August 1914 herrschte in Nordfrankreich ein unvorstellbares Chaos. Nach den verlustreichen Grenzschlachten fluteten die geschlagenen französischen Soldaten nach Süden, verfolgt von einer Million deutscher Soldaten der Ersten und Zweiten Armee. Mit den französischen. belgischen und britischen Soldaten verstopften die Flüchtlingstrecks der Zivilisten die Straßen. Sie versuchten mit Pferdewagen oder zu Fuß und schwer bepackt, den Deutschen zu entkommen. Die Älteren erinnerten sich noch mit Schrecken an die deutsche Besatzung im Krieg von 1870/71

In der zweiten Augusthälfte erreichte der Krieg auch St.Benin. In dem Dorf lebten etwa 800 Menschen, zumeist Bauern, Landarbeiter und Fabrikarbeiter. Nachdem das Britische Expeditionskorps (BEF) die Deutschen im belgischen Mons nicht hatte aufhalten konnte, zog es sich wieder in Richtung Süden zurück. Mit ihnen flohen auch viele belgische Zivilisten, so erschien in Le Cateau ein belgischer Bankier, der den Goldschatz seines Instituts mit sich führte. Er ließ Geldscheine im Wert von 8 Millionen belgischer Francs verbrennen und übergab sein Gold an einen französischen Armeezahlmeister. (5)

Am 26. August 1914 stellte sich zwischen Le Cateau und Cambrai das Britische Expeditionskorps erneut zum Kampf, um damit den deutschen Vormarsch aufzuhalten. Meine Großmutter erlebte die Schlacht direkt vor ihrer Haustür. http://1913familienalbum.blogspot.de/2014/08/le-cateau-1914-der-krieg-kommt-zu.html Noch heute findet man überall in der Region verstreut kleine britische
Franzosen werden durchsucht... (Bundesarchiv)
Soldatenfriedhöfe. Das Britische Expeditionskorps konnte General von Klucks 1. Armee nur kurze Zeit aufhalten. Deshalb zog sich die BEF am Abend weiter nach Süden - Richtung Guise zurück. Die Rückzüge der Alliierten Truppen erfolgte in großer Hast. Deshalb waren viele kriegsfähige Männer aus der Region noch nicht zur französischen Armee eingezogen worden. Dazu gehörte mein Urgroßvater Paul Gaspard. Der damals 40-Jährige wollte sich der Gefangennahme durch die Deutschen entziehen.  Er hatte früher als Kolonialsoldat der französischens Armee gedient und verstand etwas Deutsch. So verkleidete sich Paul als Landarbeiter und machte sich, mit einer Hacke 'bewaffnet', auf den Weg nach Süden.
Veteranen Ausweis Paul Gaspard
Eine Nacht verbrachte er versteckt in einem stillgelegten Hochofen, am nächsten Tag aber lief er einer deutschen Patrouille in den Weg. Er gab spielte den Soldaten den etwas naiven und 'geistig minderbemittelten' Landarbeiter vor, der auf dem Weg aufs Feld war. Die Offiziere diskutierten, was er  verstand, dann ließ man ihn laufen. Später erreichte er die französischen Linien und kämpfte bis Kriegsende in der französischen Armee.Flore und ihre Mutter blieben alleine zurück in St.Benin. (6)


Beim Rückzug der BEF-Truppen wurden auch viele britische Soldaten versprengt. Sie versteckten sich in Bauernhöfen und Wäldern der Region und versuchten, mit Hilfe der französischen Zivilbevölkerung, in die neutralen Niederlande zu entkommen. Manche blieben auch in den Dörfern, dabei drohten die deutschen Besatzer ihnen und ihren Helfern mit standrechtlicher Erschießung. Bekannt ist die Geschichte des britischen Schützen Robert Digby, der sich 18 Monate lang im Dorf Villeret bei Peronne verstecken konnte. Er verliebte sich in ein Mädchen des Dorfes, die von ihm ein Kind bekam. Im Mai 1916 wurde er aber verraten - man weiß nicht genau durch wen - und verhaftet. Wenige Wochen danach wurde er als Spion verurteilt und erschossen. (7) Während der deutschen Besatzung wurden insgesamt 300 Todesurteile in den besetzten Gebieten vollstreckt, darunter befanden sich 11 Frauen. (8)

Siehe auch Teil III 

* Hochmut, Überheblichkeit, Vermessenheit - Duden

(1) Helen McPhail, The long silence - The tragedy of occupied France in World War I, Ibtauris publishers London-New York, 1999, Neuauflage 2001. 

(2) Analyse von Professor Gerd Krumeich auf youtube: https://www.youtube.com/watch?v=9OW6RPYnpyo
(3) John Horne, Alan Kramer, Deutsche Kriegsgreuel 1914 - die Umstrittene Wahrheit, Hamburger Edition 2004.  
(4) Ludwig Renn, Krieg, 4. Auflage 1929, Fankfurter Societäts-Druckerei/Verlag

(5) McPhail a.a.O. S. 22
(6) Erzählung Flore Aubry 
(7) Ben McIntyre, Ein Dorf in der Picardie, Blessing Verlag 2003
(8) Larissa Wegener: Occupation during the War (Belgium and France), International Encyclopedia of the First World War (englisches Summary ihrer Doktorarbeit an der Universität Freiburg), Juni 2016 

Freitag, 5. August 2016

Erster Weltkrieg - Leben unter deutscher Besatzung - Teil I




Der Erste Weltkrieg, die Urkatastrophe Europas im 20. Jahrhundert, ist bei uns ein Medienthema, wenn es um große Schlachten geht: Marne, Ypern, Verdun, Somme, Chemin des Dames. Das zwischen 1914 – 1918 etwa 6 Millionen Belgier und rund 2,5 Millionen Franzosen unter deutscher Besatzung leben mussten, erhält bei uns dagegen kaum mediale Aufmerksamkeit. (1) Auch in der Flut der Buchveröffentlichungen zum Ersten Weltkrieg, sucht man das Thema – zumindest im deutschsprachigen Raum – vergebens.

Zwischen 1914 – 1918 hatte die Armee des Kaisers etwa 3,7% des französischen
Deutsche Parade in Lille - Quelle: Bundesarchiv
Staatsgebietes (1914) besetzt und sie bestimmten den Alltag von 6,3 % aller Franzosen, die dort lebten. Die besetzten Regionen Nordfrankreichs gehörten zu den großen Industriestandorten des Landes. So lebten im nahe der belgischen Grenze gelegenen Lille damals rund eine halbe Million Menschen. Die Stadt gehörte zu den größten Frankreichs. Lille im französischen Flandern war ein wichtiger Standort der Textilindustrie, mehr als 43 000 Menschen arbeiteten hier, produzierten 90% der französischen Textilien und 17% des Weltbedarfs. Ein Sechstel der französischen Industrie befand sich in den nun besetzten Gebieten Nordfrankreichs.

Betrachtet man die Praxis der deutschen Besatzungspolitik 1914-1918, zeigten sich ‚Vorstufen’ dessen, was der Rassen- und Vernichtungskrieg des NS-Reiches 1939-1945 bringen sollte. „In der deutschen Herrschaft während des Ersten Weltkrieges klangen Aspekte der ‚Bevölkerungspolitik’ der Nationalsozialisten an…“, schreibt etwa der britische Historiker Roger Chickering. (2)  Sein Kollege Jörg Leonhard konstatiert: „Die von deutschen Truppen besetzten Teile Nordfrankreichs erlebten seit Sommer 1914 eine Praxis der administrativen, kulturellen und ökonomischen Germanisierung.“ (3)

Das Gefühl deutscher Überlegenheit über die minderwertigen Franzosen und Belgier spielte eine nicht unwichtige Rolle im Umgang mit der Zivilbevölkerung der besetzten Gebiete. Diese Hybris existierte bereits vor Kriegsausbruch, so meinte 1913 der junge Albert Schweitzer: "Frankreich ist ein verdorbenes Volk, das Deutschland nicht wiederstehen kann". Nach Kriegsbeginn erklärte die Rheinisch-Westfälische Zeitung ihren Lesern über die Franzosen: "Das Übel ist in dieser Rasse. Es ist ein sterbendes Volk." (4)

Die Kriegssituation verschärfte diese Vorurteile, so nannte man 1916 in Berlin die 10 000  zur Zwangsarbeit deportierten Arbeiter nur „belgische Faulenzer“. Im März desselben Jahres verfrachtete man junge Mädchen und Frauen aus Lille zwangsweise nach Deutschland. Damit sollten die Einwohner gefügig gemacht und die Stadt von „unnötigen Mäulern“ sowie „Unruhestiftern und Panikmachern“ gesäubert werden. (5) In den deutschen Frontzeitungen wurde zum "Rassenkampf" des deutschen „Herrenvolk“
Der 'Herrenmensch' bedient sich selbst - Quelle Bundesarchiv
aufgefordert. Der NS-Übermensch hatte seine Vorfahren im Kaiserreich, so konnte man in einer Feldzeitung lesen: „(…) wenn ein Volk die Weltherrschaft, nach der wir nicht streben, beschieden sein sollte, so kann es nur das Deutsche sein“. (6) Die Hybris von der rassischen Überlegenheit der ‚Germanen’ findet sich bereits 1915 in der „Champagne-Kriegszeitung“. Nordfranzosen seien demnach „infolge germanischer Einwanderung“ an ihrem „germanischem Äußeren“ erkennbar, während Südfranzosen klein, dunkelhäutig und verschlagen seien. Damit war der 'richtige Umgang' mit der Zivilbevölkerung vorgegeben: „Sie sollten deutsch reden, die Unterlegenen, wenn sie mit ihren Bezwingern sprechen dürfen“, fordert 1917 die in Lille produzierte 'Kriegszeitung'. Selbstzweifel waren dem 'Herrenmenschen' fremd, so ruft 1915 der in Münster lehrende Professor Johann Plenge den Kämpfern zu: „Wir sind ein vorbildliches Volk. Unsere Ideen werden die Lebensziele der Menschheit bestimmen.“ (7)    

Paul v. Hindenburg und Erich Ludendorff Quelle Bundesarchiv
Historiker sind sich heute darüber einig, dass die Herrschenden im Kaiserreich bei Kriegsbeginn keine einheitlichen Kriegsziele verfolgten. Entsprechend unterschiedlich war zuerst der Umgang mit der Zivilbevölkerung in den eroberten Gebieten Belgiens und Nordfrankreichs: „Das Hauptanliegen bestand in der Nutzbarmachung der wirtschaftlichen Ressourcen der besetzten Länder.“ (8) Es ging darum, die Fronttruppen und die Besatzungsarmee aus den besetzten Gebieten zu versorgen. Aus diesem Grund blieb die französische Zivilverwaltung im Amt, sie musste die Befehle der deutschen Kommandanten ausführen. (9) In Belgien versuchte man den alten Konflikt zwischen dem flämischen und wallonischen Bevölkerungsteil anzuheizen. Aber die Praxis der immer massiveren wirtschaftlichen Ausbeutung verhinderte den Erfolg dieser Politik. Mit dem Antritt der 3. Obersten Heeresleitung (OHL) Ende August 1916, begann unter Hindenburg und Ludendorff die totale Kriegsführung. Bewohner Belgiens und Nordfrankreichs wurden zur Zwangsarbeit herangezogen, viele davon nach Deutschland deportiert. Alleine aus Belgien wurden zwischen 60 000 und 100 000 Menschen zur Arbeit für die Besatzer verpflichtet (10) Außerdem versuchte man ‚unnütze Esser’ loszuwerden, also Kinder, Alte, Kranke und viele Frauen. So wurden etwa 200 000 Bewohner Nordfrankreichs über die neutralen Niederlande oder die Schweiz in das unbesetzte Frankreich abgeschoben. (11)

Ruiniertes Land Quelle: Bundesarchiv
Die massive Ausbeutung der besetzten Gebiete, vor allem ihrer Nahrungsressourcen, bedeutete für die Zivilbevölkerung Hunger, Krankheiten und oft den Tod. Ohne die Unterstützung durch Stiftungen neutraler Staaten, hätte die Besatzung Belgiens und Nordfrankreichs noch mehr Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert. Sie versorgten regelmäßig 6 Millionen Menschen mit dem Lebensnotwendigsten - aber der Hunger blieb. Beim Rückzug der deutschen Truppen 1918 wurde systematisch die Infrastruktur in der Region zerstört. Außerdem wurden viele Bewohner gezwungen, den abziehenden deutschen Truppen zu folgen. Manche kamen erst nach langer Zeit zurück, viele nie wieder. Wer nach dem Waffenstillstand und der Befreiung in seine Heimat zurückkehrte, fand dort zerstörte Bauernhöfe, Dörfer und Städte sowie systematisch unbrauchbar gemachte Verkehrs- und Kommunikationswege vor. Über 850 000 Gebäude waren zerstört, 62 000 km² Land waren verwüstet. Die sozialen Verhältnisse hatten sich geändert, was sich aber schwer beziffern lässt. Die Besatzungsherrschaft hatte die Menschen in einen von ihren 'Herrschern' abhängigen Zustand gebracht, der dem im Mittelalter ähnelte. Einst wohlbehütete Kinder und Jugendliche waren zur Zwangsarbeit verschleppt oder durch den Kampf ums Überleben zu früh Erwachsen geworden. Frauen hatten sich prostituieren müssen, um sich und ihre Kinder durchzurbringen - manche hatten sich auch in einen deutschen Soldaten verliebt. Viele Männer hatten durch die Zwangsarbeit ihre Gesundheit verloren und fanden nie ins normale Leben zurück. Der Sieg Frankreichs über Deutschland bieb deshalb für viele der einst Besetzten nur ein schaler Triumph.

Zweiter Teil: Panik und chaotische Zustände in den ersten Kriegsmonaten.

(1) Jörg Leonhard, Die Büchse der Pandora, Beck, 2014, S. 282
(2) Roger Chickering, Das Deutsche Reich und der Erste Weltkrieg, Beck 2002, S. 102 ff
(3) Siehe Anmerkung 1
(4) Ignaz Miller, Mit vollem Risiko in den Krieg, Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2014, S. 84 ff
(5) Jean Jacques Becker/Gerd Krumeich, Der große Krieg, Klartext Verlag, 2010, S. 86 ff
(6) Anne Lipp, Meinungslenkung im Krieg, Kriegserfahrung deutscher Soldaten und ihre Deutung 1914-1918, V&R Verlag 2003, S. 190
(7) Oliver Janz, Der große Krieg, Campus-Verlag 2013, S. 211 
(8) siehe Anmerkung 2
(9) Larissa Wegener, Occupation during the war (Belgium and France), International Encyclopedia of the first world war, online 1914-1918.
(10) Leonhard, a.a.O S. 284 und Chickering ebenda, S. 105.
(11) Helen McPhail, "The long silence", 2001 Taschenbuchausgabe I.B. Tauris Verlag, London-New York, S. 184 ff