Dienstag, 16. August 2016

Erster Weltkrieg - Leben unter deutscher Besatzung - Teil II: Panik und Chaos



Deutsches Propaganda-Plakat 1919 (Bundesarchiv)
Französische Truppen in Mainz Quelle Bundesarchiv
Anfang 1919 besetzten Truppen der siegreichen Entente die linksrheinischen Gebiete des Deutschen Reiches. Die fremde Besatzung blieb vielen Einwohnern als Zeit der Fremdbestimmung, Unterdrückung und Ausbeutung in Erinnerung. Im Jahr 2009 zeigte der Westdeutsche Rundfunk (WDR) die TV-Dokumentation "Der Feind am Rhein". Dort  berichteten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse (youtube). Ein beeindruckendes Filmdokument zeigt eine französische Militäreinheit, die durch die Straße einer deutschen Stadt marschiert. Am Rand stehen deutsche Zivilisten, darunter viele Männer mit einer Kopfbedeckung. Sie verfolgen die Parade und auf einmal läuft ein französischer Soldat zu einem Mann und schlägt ihm den Hut vom Kopf - er hatte ihn nicht abgenommen. Ein Dokument der öffentlichen Demütigung.


Was war aber während der vierjährigen Besetzung Belgiens und Nordfrankreichs durch die deutsche Armee geschehen? Einhundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges beschäftigen sich deutsche Historiker und Autoren mit dem Thema nur am Rande. Lange habe ich nach deutschsprachiger Literatur über die Besatzung gesucht - ohne Erfolg. Dann stieß ich auf das Buch "The long silence - Te tragedy of occupied France in World War I" der britischen Autorin Helen McPhail. Erstmals 1999 in Großbritannien veröffentlicht, schildert die Autorin anhand von Tagebüchern und Dokumenten, wie die Besatzungszeit von der Zivilbevölkerung erlebt wurde. (1) Bezeichnenderweise hat sich bis heute bei uns kein Verlag für eine deutsche Ausgabe gefunden. Ein deutscher Historiker, den ich anlässlich seines Vortrags im Stuttgarter Staatsarchiv 2015 auf das Buch ansprach urteilte herablassend: "ziemlich oberflächlich". 

Gewalt und Schrecken


Die Zivilbevölkerung erlebte während der deutschen Besatzung weitaus Schlimmeres, als die Deutschen im Rheinland nach Kriegsende erdulden mussten. 1914-1918 lebten 2,5 Millionen Menschen in Nordfrankreich, sowie 6 Millionen Belgier unter deutscher Besatzung. Schon damals zeigte sich, das viele Deutsche die Belgier und Franzosen als 'Minderwertig' ansahen, dem der überlegene deutsche  'Herrenmensch' gegenüberstand. Selbstüberschätzung und Hybris* prägten das Selbstbild der deutschen Eliten und großer Teile der Bevölkerung bereits im Kaiserreich und sie waren ein Grund für die militärische wie politische Niederlage im Ersten Weltkrieg.


Die Gewaltexzesse der deutschen Soldaten beim Einmarsch in Belgien und in Nordfrankreich in den ersten Kriegsmonaten hatte mehrere Ursachen. Der sogenannten 'Schlieffen-Plan', der die Umzingelung der französischen Armee vorsah, war von Anfang an unrealistisch. "Der Schlieffen-Plan sah eine Wehr des Gegners nicht vor" sagt Gerd Krumeich, emeritierter Professor für Geschichte an der Universität Düsseldorf. (2) Die unerwartet heftige Gegenwehr der Belgier und der Franzosen, die großen deutschen Verluste schon in den ersten Tagen des Krieges, dies enthemmte die deutschen Soldaten wie auch ihre Offiziere. Die kriegsunerfahrenen Soldaten, durch Gewaltmärsche ausgelaugt, gerieten oft in Panik und beschossen sich gegenseitig. Dies wurde später als Partisanenangriff verschleiert, wie im Fall der zerstörten belgischen Stadt Löwen. Dazu kam die Furcht vor den Freischärlern, dem Mythos des 'Franktireurs' des 1870er Krieges gegen Frankreich. Damals hatte es in von Deutschen besetzten Gebieten immer wieder Aktionen gegen die Soldaten gegeben. Die Folge war, das zwischen August und Oktober 1914 über 6500 Zivilisten - Männer, Frauen und Kinder - von deutschen Soldaten in Belgien und Nordfrankreich ermordet wurden. (3) Auch nach dem Krieg fand sich in deutschen Antikriegs-Romanen das Bild des hinterhältigen belgischen Zivilisten. (4)

Meine französische Großmutter erlebte den Einmarsch und die Besatzung am eigenen Leib - und sie erzählte uns, wie sie als junges Mädchen den Krieg erlebt hatte. Auch wenn ihre Geschichten nicht immer historisch genau waren, so konnten wir erahnen, wie ihr Alltag unter deutscher Besatzung ausgesehen hatte. Flore Gaspard (später Aubry) wurde 1900 im Dorf St.Benin, im Departement Nord, nur wenige Kilometer von der nordfranzösischen Kleinstadt Le Cateau, geboren. Auf dem Dachboden ihres Häuschens fanden wir noch alte Uniformknöpfe der Bayerischen Armee, die als Besatzer hier einquartiert waren. Mit gerade 14 Jahren war das Arbeiterkind Flore vom Krieg in ihrem Dorf überrascht worden

Zivilbevölkerung auf der Flucht (Bundesarchiv)
Im August 1914 herrschte in Nordfrankreich ein unvorstellbares Chaos. Nach den verlustreichen Grenzschlachten fluteten die geschlagenen französischen Soldaten nach Süden, verfolgt von einer Million deutscher Soldaten der Ersten und Zweiten Armee. Mit den französischen. belgischen und britischen Soldaten verstopften die Flüchtlingstrecks der Zivilisten die Straßen. Sie versuchten mit Pferdewagen oder zu Fuß und schwer bepackt, den Deutschen zu entkommen. Die Älteren erinnerten sich noch mit Schrecken an die deutsche Besatzung im Krieg von 1870/71

In der zweiten Augusthälfte erreichte der Krieg auch St.Benin. In dem Dorf lebten etwa 800 Menschen, zumeist Bauern, Landarbeiter und Fabrikarbeiter. Nachdem das Britische Expeditionskorps (BEF) die Deutschen im belgischen Mons nicht hatte aufhalten konnte, zog es sich wieder in Richtung Süden zurück. Mit ihnen flohen auch viele belgische Zivilisten, so erschien in Le Cateau ein belgischer Bankier, der den Goldschatz seines Instituts mit sich führte. Er ließ Geldscheine im Wert von 8 Millionen belgischer Francs verbrennen und übergab sein Gold an einen französischen Armeezahlmeister. (5)

Am 26. August 1914 stellte sich zwischen Le Cateau und Cambrai das Britische Expeditionskorps erneut zum Kampf, um damit den deutschen Vormarsch aufzuhalten. Meine Großmutter erlebte die Schlacht direkt vor ihrer Haustür. http://1913familienalbum.blogspot.de/2014/08/le-cateau-1914-der-krieg-kommt-zu.html Noch heute findet man überall in der Region verstreut kleine britische
Franzosen werden durchsucht... (Bundesarchiv)
Soldatenfriedhöfe. Das Britische Expeditionskorps konnte General von Klucks 1. Armee nur kurze Zeit aufhalten. Deshalb zog sich die BEF am Abend weiter nach Süden - Richtung Guise zurück. Die Rückzüge der Alliierten Truppen erfolgte in großer Hast. Deshalb waren viele kriegsfähige Männer aus der Region noch nicht zur französischen Armee eingezogen worden. Dazu gehörte mein Urgroßvater Paul Gaspard. Der damals 40-Jährige wollte sich der Gefangennahme durch die Deutschen entziehen.  Er hatte früher als Kolonialsoldat der französischens Armee gedient und verstand etwas Deutsch. So verkleidete sich Paul als Landarbeiter und machte sich, mit einer Hacke 'bewaffnet', auf den Weg nach Süden.
Veteranen Ausweis Paul Gaspard
Eine Nacht verbrachte er versteckt in einem stillgelegten Hochofen, am nächsten Tag aber lief er einer deutschen Patrouille in den Weg. Er gab spielte den Soldaten den etwas naiven und 'geistig minderbemittelten' Landarbeiter vor, der auf dem Weg aufs Feld war. Die Offiziere diskutierten, was er  verstand, dann ließ man ihn laufen. Später erreichte er die französischen Linien und kämpfte bis Kriegsende in der französischen Armee.Flore und ihre Mutter blieben alleine zurück in St.Benin. (6)


Beim Rückzug der BEF-Truppen wurden auch viele britische Soldaten versprengt. Sie versteckten sich in Bauernhöfen und Wäldern der Region und versuchten, mit Hilfe der französischen Zivilbevölkerung, in die neutralen Niederlande zu entkommen. Manche blieben auch in den Dörfern, dabei drohten die deutschen Besatzer ihnen und ihren Helfern mit standrechtlicher Erschießung. Bekannt ist die Geschichte des britischen Schützen Robert Digby, der sich 18 Monate lang im Dorf Villeret bei Peronne verstecken konnte. Er verliebte sich in ein Mädchen des Dorfes, die von ihm ein Kind bekam. Im Mai 1916 wurde er aber verraten - man weiß nicht genau durch wen - und verhaftet. Wenige Wochen danach wurde er als Spion verurteilt und erschossen. (7) Während der deutschen Besatzung wurden insgesamt 300 Todesurteile in den besetzten Gebieten vollstreckt, darunter befanden sich 11 Frauen. (8)

Siehe auch Teil III 

* Hochmut, Überheblichkeit, Vermessenheit - Duden

(1) Helen McPhail, The long silence - The tragedy of occupied France in World War I, Ibtauris publishers London-New York, 1999, Neuauflage 2001. 

(2) Analyse von Professor Gerd Krumeich auf youtube: https://www.youtube.com/watch?v=9OW6RPYnpyo
(3) John Horne, Alan Kramer, Deutsche Kriegsgreuel 1914 - die Umstrittene Wahrheit, Hamburger Edition 2004.  
(4) Ludwig Renn, Krieg, 4. Auflage 1929, Fankfurter Societäts-Druckerei/Verlag

(5) McPhail a.a.O. S. 22
(6) Erzählung Flore Aubry 
(7) Ben McIntyre, Ein Dorf in der Picardie, Blessing Verlag 2003
(8) Larissa Wegener: Occupation during the War (Belgium and France), International Encyclopedia of the First World War (englisches Summary ihrer Doktorarbeit an der Universität Freiburg), Juni 2016 

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