Freitag, 5. August 2016

Erster Weltkrieg - Leben unter deutscher Besatzung - Teil I




Der Erste Weltkrieg, die Urkatastrophe Europas im 20. Jahrhundert, ist bei uns ein Medienthema, wenn es um große Schlachten geht: Marne, Ypern, Verdun, Somme, Chemin des Dames. Das zwischen 1914 – 1918 etwa 6 Millionen Belgier und rund 2,5 Millionen Franzosen unter deutscher Besatzung leben mussten, erhält bei uns dagegen kaum mediale Aufmerksamkeit. (1) Auch in der Flut der Buchveröffentlichungen zum Ersten Weltkrieg, sucht man das Thema – zumindest im deutschsprachigen Raum – vergebens.

Zwischen 1914 – 1918 hatte die Armee des Kaisers etwa 3,7% des französischen
Deutsche Parade in Lille - Quelle: Bundesarchiv
Staatsgebietes (1914) besetzt und sie bestimmten den Alltag von 6,3 % aller Franzosen, die dort lebten. Die besetzten Regionen Nordfrankreichs gehörten zu den großen Industriestandorten des Landes. So lebten im nahe der belgischen Grenze gelegenen Lille damals rund eine halbe Million Menschen. Die Stadt gehörte zu den größten Frankreichs. Lille im französischen Flandern war ein wichtiger Standort der Textilindustrie, mehr als 43 000 Menschen arbeiteten hier, produzierten 90% der französischen Textilien und 17% des Weltbedarfs. Ein Sechstel der französischen Industrie befand sich in den nun besetzten Gebieten Nordfrankreichs.

Betrachtet man die Praxis der deutschen Besatzungspolitik 1914-1918, zeigten sich ‚Vorstufen’ dessen, was der Rassen- und Vernichtungskrieg des NS-Reiches 1939-1945 bringen sollte. „In der deutschen Herrschaft während des Ersten Weltkrieges klangen Aspekte der ‚Bevölkerungspolitik’ der Nationalsozialisten an…“, schreibt etwa der britische Historiker Roger Chickering. (2)  Sein Kollege Jörg Leonhard konstatiert: „Die von deutschen Truppen besetzten Teile Nordfrankreichs erlebten seit Sommer 1914 eine Praxis der administrativen, kulturellen und ökonomischen Germanisierung.“ (3)

Das Gefühl deutscher Überlegenheit über die minderwertigen Franzosen und Belgier spielte eine nicht unwichtige Rolle im Umgang mit der Zivilbevölkerung der besetzten Gebiete. Diese Hybris existierte bereits vor Kriegsausbruch, so meinte 1913 der junge Albert Schweitzer: "Frankreich ist ein verdorbenes Volk, das Deutschland nicht wiederstehen kann". Nach Kriegsbeginn erklärte die Rheinisch-Westfälische Zeitung ihren Lesern über die Franzosen: "Das Übel ist in dieser Rasse. Es ist ein sterbendes Volk." (4)

Die Kriegssituation verschärfte diese Vorurteile, so nannte man 1916 in Berlin die 10 000  zur Zwangsarbeit deportierten Arbeiter nur „belgische Faulenzer“. Im März desselben Jahres verfrachtete man junge Mädchen und Frauen aus Lille zwangsweise nach Deutschland. Damit sollten die Einwohner gefügig gemacht und die Stadt von „unnötigen Mäulern“ sowie „Unruhestiftern und Panikmachern“ gesäubert werden. (5) In den deutschen Frontzeitungen wurde zum "Rassenkampf" des deutschen „Herrenvolk“
Der 'Herrenmensch' bedient sich selbst - Quelle Bundesarchiv
aufgefordert. Der NS-Übermensch hatte seine Vorfahren im Kaiserreich, so konnte man in einer Feldzeitung lesen: „(…) wenn ein Volk die Weltherrschaft, nach der wir nicht streben, beschieden sein sollte, so kann es nur das Deutsche sein“. (6) Die Hybris von der rassischen Überlegenheit der ‚Germanen’ findet sich bereits 1915 in der „Champagne-Kriegszeitung“. Nordfranzosen seien demnach „infolge germanischer Einwanderung“ an ihrem „germanischem Äußeren“ erkennbar, während Südfranzosen klein, dunkelhäutig und verschlagen seien. Damit war der 'richtige Umgang' mit der Zivilbevölkerung vorgegeben: „Sie sollten deutsch reden, die Unterlegenen, wenn sie mit ihren Bezwingern sprechen dürfen“, fordert 1917 die in Lille produzierte 'Kriegszeitung'. Selbstzweifel waren dem 'Herrenmenschen' fremd, so ruft 1915 der in Münster lehrende Professor Johann Plenge den Kämpfern zu: „Wir sind ein vorbildliches Volk. Unsere Ideen werden die Lebensziele der Menschheit bestimmen.“ (7)    

Paul v. Hindenburg und Erich Ludendorff Quelle Bundesarchiv
Historiker sind sich heute darüber einig, dass die Herrschenden im Kaiserreich bei Kriegsbeginn keine einheitlichen Kriegsziele verfolgten. Entsprechend unterschiedlich war zuerst der Umgang mit der Zivilbevölkerung in den eroberten Gebieten Belgiens und Nordfrankreichs: „Das Hauptanliegen bestand in der Nutzbarmachung der wirtschaftlichen Ressourcen der besetzten Länder.“ (8) Es ging darum, die Fronttruppen und die Besatzungsarmee aus den besetzten Gebieten zu versorgen. Aus diesem Grund blieb die französische Zivilverwaltung im Amt, sie musste die Befehle der deutschen Kommandanten ausführen. (9) In Belgien versuchte man den alten Konflikt zwischen dem flämischen und wallonischen Bevölkerungsteil anzuheizen. Aber die Praxis der immer massiveren wirtschaftlichen Ausbeutung verhinderte den Erfolg dieser Politik. Mit dem Antritt der 3. Obersten Heeresleitung (OHL) Ende August 1916, begann unter Hindenburg und Ludendorff die totale Kriegsführung. Bewohner Belgiens und Nordfrankreichs wurden zur Zwangsarbeit herangezogen, viele davon nach Deutschland deportiert. Alleine aus Belgien wurden zwischen 60 000 und 100 000 Menschen zur Arbeit für die Besatzer verpflichtet (10) Außerdem versuchte man ‚unnütze Esser’ loszuwerden, also Kinder, Alte, Kranke und viele Frauen. So wurden etwa 200 000 Bewohner Nordfrankreichs über die neutralen Niederlande oder die Schweiz in das unbesetzte Frankreich abgeschoben. (11)

Ruiniertes Land Quelle: Bundesarchiv
Die massive Ausbeutung der besetzten Gebiete, vor allem ihrer Nahrungsressourcen, bedeutete für die Zivilbevölkerung Hunger, Krankheiten und oft den Tod. Ohne die Unterstützung durch Stiftungen neutraler Staaten, hätte die Besatzung Belgiens und Nordfrankreichs noch mehr Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert. Sie versorgten regelmäßig 6 Millionen Menschen mit dem Lebensnotwendigsten - aber der Hunger blieb. Beim Rückzug der deutschen Truppen 1918 wurde systematisch die Infrastruktur in der Region zerstört. Außerdem wurden viele Bewohner gezwungen, den abziehenden deutschen Truppen zu folgen. Manche kamen erst nach langer Zeit zurück, viele nie wieder. Wer nach dem Waffenstillstand und der Befreiung in seine Heimat zurückkehrte, fand dort zerstörte Bauernhöfe, Dörfer und Städte sowie systematisch unbrauchbar gemachte Verkehrs- und Kommunikationswege vor. Über 850 000 Gebäude waren zerstört, 62 000 km² Land waren verwüstet. Die sozialen Verhältnisse hatten sich geändert, was sich aber schwer beziffern lässt. Die Besatzungsherrschaft hatte die Menschen in einen von ihren 'Herrschern' abhängigen Zustand gebracht, der dem im Mittelalter ähnelte. Einst wohlbehütete Kinder und Jugendliche waren zur Zwangsarbeit verschleppt oder durch den Kampf ums Überleben zu früh Erwachsen geworden. Frauen hatten sich prostituieren müssen, um sich und ihre Kinder durchzurbringen - manche hatten sich auch in einen deutschen Soldaten verliebt. Viele Männer hatten durch die Zwangsarbeit ihre Gesundheit verloren und fanden nie ins normale Leben zurück. Der Sieg Frankreichs über Deutschland bieb deshalb für viele der einst Besetzten nur ein schaler Triumph.

Zweiter Teil: Panik und chaotische Zustände in den ersten Kriegsmonaten.

(1) Jörg Leonhard, Die Büchse der Pandora, Beck, 2014, S. 282
(2) Roger Chickering, Das Deutsche Reich und der Erste Weltkrieg, Beck 2002, S. 102 ff
(3) Siehe Anmerkung 1
(4) Ignaz Miller, Mit vollem Risiko in den Krieg, Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2014, S. 84 ff
(5) Jean Jacques Becker/Gerd Krumeich, Der große Krieg, Klartext Verlag, 2010, S. 86 ff
(6) Anne Lipp, Meinungslenkung im Krieg, Kriegserfahrung deutscher Soldaten und ihre Deutung 1914-1918, V&R Verlag 2003, S. 190
(7) Oliver Janz, Der große Krieg, Campus-Verlag 2013, S. 211 
(8) siehe Anmerkung 2
(9) Larissa Wegener, Occupation during the war (Belgium and France), International Encyclopedia of the first world war, online 1914-1918.
(10) Leonhard, a.a.O S. 284 und Chickering ebenda, S. 105.
(11) Helen McPhail, "The long silence", 2001 Taschenbuchausgabe I.B. Tauris Verlag, London-New York, S. 184 ff

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