Freitag, 4. Januar 2019

Chios 2018 - Weihnachten: Weiß, Grün, Orange

Der Pelineo (1297m)


"Es ist nie kalt in Griechenland", so heißt es in einem Song der auch bei uns bekannten Athener Band Locomondo. Nun ja, so ganz stimmt das nicht, Weihnachten 2018 wurde es im Norden der Insel Chios jedenfalls wieder mal ganz schön frostig. Der höchste Berg der Insel, der Pelineo mit fast 1300 Metern, begrüßte uns mit einer weißen Schneehaube unter Wolken. Näher zur Küste wurde es dann deutlich milder und bei Sonne konnte man windgeschützt ein kleines Sonnenbad nehmen. 

Direkt vor dem Balkon unserer Unterkunft, im nordwestlich der Insel gelegenen Dorf Volissos, entdeckten wir eine Staude mit grünenden Bananen. Im Dorf gaben sich die Einwohner wieder alle Mühe, den Ort weihnachtlich zu schmücken. Nach Einbruch der Dunkelheit erstrahlten überall die Lichter - vorneweg das Fischerboot, das am Platz vor der zentralen Kirche stand.

Kleine und große Schiffe sind auf Chios ein Symbol für das neue Jahr. Erst am 1. Januar gibt es in Griechenland die Geschenke. Den Nachbarn wird am Neujahrstag ein Schiffchen als Symbol für ein glückliches Jahr überreicht. So feiern die Chioten, denn die Insel lebt ja seit Jahrhunderten von der Seefahrt. Der bei uns in Nordeuropa so wichtige Heilige Abend am 24. Dezember spielt in Griechenland dagegen keine besondere Rolle.  Erst einen Tag später wird gefeiert - daheim und auch außerhalb. Marianna erzählte uns beim Essen, wie sie einst über Weihnachten mit Freunden nach Wien gereist sei. Sie sei völlig überrascht gewesen, dass sie nirgendwo am späteren Abend noch ein offenes Restaurant finden konnten. Dazu muss man wissen, dass Griechen eigentlich erst so gegen 22 Uhr  Essen gehen - während dann bei uns die meisten Küchen bereits geschlossen sind.

Ach ja und eine traurige Neuigkeit gibt es zu vermelden. Unsere Freundin Despina hat ihre Taverne in Mesta aufgegeben und ist mit ihrem Sohn nach New York ausgewandert. Es macht traurig und zornig zugleich, dass nach zehn Jahren Krise so viele Menschen Griechenland verlassen müssen, um überleben zu können. Despina, Marianthi und  Evghenia bleiben tief in unserem Herzen.



Auf jeden Fall lassen sich die Menschen auf der Insel während der Feiertage bis ins neue Jahr gut gehen. Überall wird gekocht und weihnachtlich gebacken - nicht zu süß aber heavy! Als wir am Heilig Abend zu unseren Freunden Georgios und Marianna fahren wollten, klopfte es an die Tür unseres Apartments. Vor der Tür stand Michalis, unser Vermieter (Lydia Lithos Homes), in der Hand hielt er zwei Teller mit Weihnachtsleckereien. Ich war so gerührt und bedankte mich mit Händen, Lachen und Gesten - man verstand sich. So fühlten wir uns für die Feiertage mit Süßem gut versorgt.

Volissos ist für uns der ideale Ort um der Weihnachtshektik und dem grellen Geschenkerummel bei uns zu entkommen. Kurz vor unserer Abreise sah ich in Stuttgart eine Plakatwerbung, die alles auf den Punkt brachte: Das Wort 'Sale' bildete die Form eines Weihnachtsbaumes - Konsum, das ist von Weihnachten geblieben... In unserem kleinen Dorf konnten wir die Feiertage ohne großen Spektakel verbringen, mit Freunden, Lachen und gutem Essen. Die Dorfbewohner schmückten Plätze und Häuser zwar mit vielen Lichterketten, aber insgesamt ging es sehr ruhig zu. Dagegen zeigte unser Besuch der Inselhauptstadt, dass es den bei uns üblichen Vorweihnachtsstress auch hier gibt. 

Bald neues Leben im Kinopalast?!
Diejenigen, denen es auf der wohlhabenden Insel gut geht, stürzten sich in den weihnachtlichen Konsumrummel, die Geschäfte waren voll. "Die kaufen wie verrückt", sagte unsere Freundin Natalia, die in einem Spielzeugladen arbeitet. Allerdings bemerkten wir beim Bummel durch die weihnachtlichen Gassen der Hauptstadt an vielen Stellen leerstehende Geschäfte. Viele Besitzer haben den Kampf gegen die zehn Jahre dauernde Krise verloren und aufgeben müssen. Dagegen verbreiten sich in der Fußgängerzone, der Aplotarias, immer mehr Boutiquen und Ladenketten mit ihrer Einheitsware.

Weihnachtlicher Straßenschmuck
Auch unser Freund George musste nach langen Jahren  letztes Jahr sein Geschäft für Haushaltswaren schließen. Seine Freude ist das neue Hotel 'Chios City Inn', das sein Sohn im Sommer nahe am Hafen eröffnet hat. Genau das bewundern wir bei vielen Freunden hier, sie lassen sich nicht unterkriegen und haben immer neue Ideen! Allerdings breitet sich mit den Ladenketten und Boutiquen von der Stange die Eintönigkeit in der City aus, die wir in Deutschland schon lange kennen. Gleichzeitig bemüht sich die Stadt allerdings, ihre Sehenswürdigkeiten  herauszuputzen. So wird in der alten Zitadelle eifrig an der Restauration der venezianischen Mauern gearbeitet, zur Meereseite sind sie bereits fertig und bieten einen Blick auf die nahegelegene türkischen Küste bei Cesme. Über eine Nachricht haben wir uns sehr gefreut: Das seit Jahren leerstehende alte Kino am Hafen, erbaut in den 1930er Jahren im Art-Deco-Stil, soll renoviert werden. Der Inselbürgermeister hat erreicht, dass das verfallene Gebäude saniert und später als Kulturzentrum mit Ladengeschäften wiedereröffnet werden kann. Dafür wurden jetzt die Mittel bereitgestellt, bleibt abzuwarten, wann und wie das gelingen wird. 



Mai 2015
Die provisorischen Zeltlager für Flüchtlinge sind verschwunden, wo noch 2015 Menschen im Stadtzentrum am Stadtpark kampierten, wurde jetzt Weihnachtsstimmung geboten - für mich hatte das auch einen etwas bitteren Beigeschmack. Die Flüchtlinge sind ja nicht weg, man hat sie nur in ein Camp im Südosten der Insel transportiert. Per Bus-Shuttle können sie in die Inselhauptstadt fahren, müssen dann aber wieder zurückkehren. Mich deprimierte der Anblick heimatloser Familien,
Dezember 2018
die mit ihren Kindern im Stadtzentrum durch das nasskalte Wetter liefen - es ist beschämend für ganz Europa! Auf Chios leben heute immer noch rund 2500 Flüchtlinge und fast jeden Tag erreichen Boote vom türkischen Festland die Insel. (Stuttgart beherrbergt weniger als 7000 Flüchtlinge, gemessen an der Einwohnerzahl von Chios, müssten es 25 000 sein)


Zwar werden mittlerweile Frauen und Kinder von Chios auf das griechische Festland gebracht, die Zustände im Lager sollen aber weiterhin unerträglich sein. Zurück bleiben vor allem diejenigen, die keine Chance auf Asyl haben, sie dürfen die Insel nicht verlassen. Kein Wunder, wenn sich da bei Inselbweohnern und Asylsuchenden zunehmend Aggression ansammelt. Aber weder die Regierung in Athen, noch in Deutschland interessiert das. Auf der Insel sieht es aktuell optisch nett und aufgeräumt aus und immer noch bemühen sich Freiwilige von Nichtregierungsorganisationen (NGO) um die Flüchtlinge. Das Lager im Süden ist hermetisch abgeriegelt - kein Zutritt. Im Hafen ankern derzeit noch Schiffe der griechischen Küstenwache und der Marine, die ausländischen Boote waren nicht zu sehen - anscheinend wohl auf 'Weihnachtsurlaub'... Ich kann mittlerweile nicht mehr ungetrübt die Faszination des wildbewegten Meeres zwischen Chios und der türkischen Küste genießen. Sofort muss ich an die Schlauchboote denken, die versuchen, bei jedem Wetter dass europäische Festland zu erreichen. Aktuell meldeten die Vereinten Nationen, dass 2018 fast 2300 Menschen die versuchte Überfahrt über das Mittelmeer nach Europa mit dem Leben bezahlt habe. Und das verkauft man dann noch als Erfolg! Im Jahr davor hatte man fast 3250 Opfer gezählt. Weihnachtliche Freude konnte da bei mir nur begrenzt aufkommen. Aber Schönheit und Tragik liegen eben nah beieinander....


Da wir dem urbanen Weihnachtsrummel entgehen wollten, fuhren wir wieder mal in den Kambos. Das Plantagengebiet für Zitrusfrüchte im Süden der Inselhauptstadt ist immer ein Erlebnis. Inmitten der alten Herrenhäuser und hinter den Mauern aus rötlichem Sandstein von Thimiana standen überall Bäume an denen Orangen, Mandarinen und Zitronen hingen. Der Regen der letzten Tage hatte überall auf der Insel frisches Grün aus dem Boden sprießen lassen, Für uns Nordeuropäer, die im Winter an kahle Bäume und schmuztiges braungrau gewöhnt sind, war das einfach schön. Dabei ist auch der Sommer und Herbst attraktiv, mit seinen Braun- und Ockertönen, die dann die Inselfarben beherrschen. 



Wir fühlten uns in der Cafeteria des kleinen Zitrusmuseums im Kambos wohl, aber bald zog es uns wieder in die ruhige Einsamkeit des Insel-Nordwestens zurück. Zwar blieb das Wetter kalt, aber es war trocken und so konnte man durch die Natur wandern und die Schönheit des Inselnordens voll genießen. Wenn die Sonne herauskam, wurde es angenehm warm und wir konnten bis zur Nachbarinsel Psara blicken, in der Ferne erkannte man sogar Mytilini

Körperliche Bewegung war mehr als angebracht, denn wir ahnten schon, was unsere Freunde George und Marianna für kulinarische Überraschungen für uns vorbereitet hatten - sie sind wahrlich maitres des cuisines und es macht Spaß zuzuhören, wenn sie die Zubereitung erklären. Am schönsten an den abendlichen Vergnügen am Kamin, war die unkomplizierte Art und Weise. Da gab es keine weihnachtlichen Kleiderordnung, man vergnügte sich beim Essen, tauschte deutsch/griechischen Tratsch und Klatsch aus und ließ es sich einfach gut gehen. Und deshalb gibt es zum Schluss nur Bilder ohne Worte mit den Köstlichkeiten, die uns aufgetischt wurden. (Ziege, Spanferkel, Stallhase, Risotto, Zuppa Inglese, Gebäck).  

Vielen Dank George und Marianna!  

Σας ευχαριστούμε πολύ






 

Siehe auch: https://medienfresser.blogspot.com/2018/01/chios-2017-weihnachts-impressionen.html

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