Sonntag, 22. März 2020

Wie die Polizei einen Polizisten fertigmacht


Caroline Wenzel  - Ernst Kappel
Es gibt bemerkenswerte Bücher und bemerkenswerte Veranstaltungen - so am 10. März 2020 im Hospitalhof in Stuttgart. An diesem Abend wurde das Buch: "System Polizei - Der Kommissar und der Amoklauf von Winnenden" (1) der Öffentlichkeit vorgestellt. Autoren sind die Fernsehjournalistin Caroline Wenzel und der Kriminaloberkommissar im Ruhestand Ernst Kappel. Sie lasen vor den rund 100 Besuchern im Evangelischen Bildungszentrum Hospitalhof in Stuttgart aus dem Buch, darauf folgte eine lebhafte Diskussion. 

Die Geschichte des Ernst Kappel ist die eines Beamten, der sich selber als "Vollblutbulle" bezeichnet. Seit seinem Einstieg bei der Polizei Mitte der 1980er Jahre war er bei vielen gefährlichen Einsätzen an 'vorderster Front' eingesetzt - und war stolz darauf. (PS: Wer weiß, ob wir uns am Bauzaun begegnet sind.....) Dann kam der 11. März 2009, der sein Leben völlig veränderte. An diesem Tag erschoss ein Amok laufender Jugendlicher in Winnenden bei Stuttgart insgesamt 15 Menschen und zum Schluss sich selbst. Ernst Kappel war damals sechzehn Stunden lang im Einsatz. Dazu gehörte am Ende des Tages die Leichenschau im Bosch-Krankenhaus in Stuttgart. Danach litt Kappel zunehmend unter psychischen und körperlichen Problemen, die aber von seinen Vorgesetzten und dem 'System Polizei' ignoriert wurden. Er musste jahrelang gegen seinen Dienstherren prozessieren, damit seine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) als Dienstunfall anerkannt wurde. Heute ist Ernst Kappel im Ruhestand und leidet an einem  heimtückischen Hirntumor im Endstadium. Er hat nie den Kampf um sein Recht aufgegeben - was der Abend im Hospitalhof zeigte.

Jürgen Röhr
Kappel hatte sich 2012 nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit seinem Dienstherren entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen - 'Der Spiegel' brachte einen großen Artikel, es folgten TV-Berichte bei Report-Mainz und im Regionalfernsehen des Südwestrundfunks (SWR). Danach sah man ihn in der Polizei als 'Nestbeschmutzer', es begann ein Kesseltreiben gegen Ernst Kappel. Das es sich nicht um einen Einzelfall handelt, verdeutlichte auf dem Podium Jürgen Röhr. Er war 2003 im Einsatz angeschossen worden und hatte monatelang in Koma gelegen. Im Jahr 2007 hatte er dann mit anderen Betroffenen eine Selbsthilfegruppe für im Dienst verletzte Polizisten gegründet. Sein Statement in Stuttgart zeigte, dass Ernst Kappel kein Einzelfall ist. Die Devise der Führung lautet: Vertuschen, Verschweigen, Druck ausüben - dabei hilft falsch verstandener Korpsgeist vieler Polizisten, gemischt mit Angst um die Karriere. 

Nach etwa einer Stunde Diskussion war im Publikum deutliche Fassungslosigkeit und Erschütterung spürbar. Kurz vor Schluss ergriff dann eine Frau das Wort und sofort war klar, hier sprach keine Einzelperson, sondern das "System Polizei". Schon ihre Wortwahl "wir" - die Polizei habe sich dem Problem angenommen, machte das deutlich. Demnach habe "man" überall 'Soziale Berater' in den Dienststellen - "man" kümmere sich. In seiner Antwort wies Jürgen Röhr, darauf hin, dass solche 'Berater' in den Dienststellen nach dem Motto rekrutiert würden, wer dafür Zeit habe. Laut den Autoren gibt es in den Revieren und Dienststellen in Baden-Württemberg 3 ausgebildete Psychologen. 

In ihrem Statement betonte die Unbekannte am Mikrophon, es gebe keinen Zusammenhang zwischen Frühverrentung betroffener Beamter und dem Ziel, über deren Planstellen zu verfügen. Im Expertenteil des Buches sagt Kappels Anwalt Oliver Leuze: "Es ist allgemein im Beamtenrecht so, dass Beamte, die nicht voll arbeiten können, eine Stellen besetzen und den Haushalt belasten. Und wenn sie zur Ruhe gesetzt würden, dann beträfe es einen anderen Haushalt. Und dann ist man sie los. Es ist ein anderer Geldtopf und man hat wieder Mittel für eine Stelle." Entsprechend äußerte sich Mitte März auf Nachfrage ein Sprecher des Finanzministeriums in Stuttgart: Die Rentenzahlungen der Landesbeamten im Ruhestand würden über den Etatplan 12 des Finanzministeriums zentral finanziert. Die Menge der Verrentungen in den Ressorts hätten dagegen keinen Einfluss auf deren Finanzausstattung und die Zahl der Planstellen. 

Wer war die Dame, die im Hospitalhof versuchte, mit argumentativen Nebelkerzen die Polizei reinzuwaschen? Erst später erfuhr ich, dass sich Dr. Stefanie Hinz, Landespolizeipräsidentin in Baden-Württemberg zu Wort gemeldet hatte - ihre Funktion hatte sie wohlweislich verschwiegen. Sonst hätte sie sicherlich dem Publikum Rede und Antwort stehen müssen, was sie wohl vermeiden wollte. Ein Zuhörer fragte danach, ob sich seitens der Polizei nie jemand bei Herrn Kappel entschuldigt habe - Frau Hinz schwieg und verließ nach Ende der Veranstaltung zügig den Saal. Die Courage, einige Worte mit Ernst Kappel zu wechseln, hatte sie nicht.   


Uwe Schill
Berührend war der Auftritt von Uwe Schill, er hatte seine Tochter bei dem Amoklauf in Winnenden verloren. Jahre später las er zufällig den Artikel über Ernst Kappel und nahm Kontakt zu ihm auf. Heute verbindet Schill und Kappel eine tiefe Freundschaft und man konnte sehen, wie schwer es Uwe Schill fiel, einen Auszug aus seinem Buchbeitrag vorlesen - der Tag nach der Lesung war der elfte Jahrestag von Winnenden......


Eine Sternstunde der 'Vierten Gewalt' - der Medien - wurde der Abend im Hospitalhof nicht. Dabei hätte man hier ein Lehrstück in Staatsbürgerkunde publizistisch aufarbeiten können. Niemand von den marktführenden Tageszeitungen in Stuttgart war  erschienen. die "Stuttgarter Zeitung" hatte in ihrem Kalender keinerlei Hinweis gebracht. Zwei andere Veranstaltungen an diesem Tag im Hospitalhof hatte man angekündigt. Wer die jahrelange Protektion von Stuttgart 21 durch die beiden Stuttgarter Tageszeitungen kennt, wundert sich nicht - man geriert sich Staatstragend und nicht der Öffentlichkeit verpflichtet. Aber auch die Kollegen vom 'Alternativen' Online-Wochenblatt "Kontext" glänzten am Abend durch Abwesenheit - damit ging ihnen der Auftritt von Frau Hinz durch die Lappen. Nun ja, es hatte zuvor schon einiger Bemühungen bedurft, dass die Redaktion das Thema aufgreift. Zumindest war auf die Veranstaltung hingewiesen und ein Buchauszug verlinkt worden. Löbliche publizistische Ausnahme: Der TV-Sender regio.tv aus dem Stuttgarter Umland hatte ein Team geschickt und sendete danach einen sehenswerten Bericht. 

Nach Ende der Veranstaltung  ließen sich viele Besucher das Buch von den beiden Autoren signieren.....



(1): Verlag Kloepfer und Narr, Tübingen 333 Seiten hardcover - 25 € 

https://www.regio-tv.de/mediathek/video/der-amoklauf-von-winnenden-polizist-berichtet-ueber-erfahrungen/ 
https://www.swrfernsehen.de/landesschau-bw/Amoklauf-Winnenden-Schicksal-Ernst-Kappel-Uwe-Schill,av-o1210966-100.html?fbclid=IwAR0e5Tl6C4wJPAUgbhKihv-O6cwWhExOkKhvGb5tI6VfFdOIeOIkhIQsFO4 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen