Donnerstag, 2. April 2020

SWR 2020: Spätzlesender auf Speed



Entspanntes Team: Clemens Bratzler, Anke Mai, Kai Gniffke
Muss ein neues Management die Entscheidungen ihrer Vorgänger vertreten, kann das manchmal paradox wirken. Die Führungsriege steht dann für Produkte gerade, die sie nicht zu verantworten hat. Vor diesem Problem stand am 7.Februar in Stuttgart die neue Chefetage des Südwestrundfunks (SWR) auf der Programmpressekonferenz 2020. Regelmäßig werden zu Jahresbeginn die Highlights des Saison vorgestellt. Intendant, Kai Gniffke war sich der besonderen Situation bewusst und meinte zu Beginn selbstironisch, er schmücke sich hier ja eigentlich mit 'fremden Federn'. Das Programmangebot sei schließlich vom alten Management des Senders auf die Schiene gesetzt worden. Er und sein neues Team mit den Programmdirektoren, Anke Mai (Kultur) und Clemens Bratzler (Information) wollten diese Pressekonerenz deshalb vor allem dazu nutzen, ihre Vorstellung vom künftigen SWR zu skizzieren. So möchte man die oft abschätzig als 'Spätzlesender' geschmähte zweitgrößte ARD-Anstalt künftig als die Online-Adresse der Arbeitsgemeinschaft positionieren. Dementsprechend offensiv verkündete die Pressemitteilung: "Der SWR 2020: Innovativ, investigativ und lebensnah".

Die neue Führungsspitze will den oft behäbig wirkenden SWR künftig als 'Spätzlesender auf Speed' tunen. Intendant Gniffke betonte daher, das von ihm eingesetzte "Innovationslabor" in Baden-Baden werde bis zum Sommer neue Formate und Programmideen präsentieren. Dabei setze er nicht mehr primär auf lineares Fernsehen, sondern um Präsenz auf allen digitalen Plattformen. Demnach konnte die ARD-Mediathek, die der SWR verantwortet, eine Anstieg der Abrufe von 65 Millionen im Oktober 2019 auf 87 Millionen im Januar 2020 verzeichnen. Die Nummer Zwei im neuen SWR-Direktorium, Clemens Bratzler, geizte ebenfalls nicht mit anvisierten Superlativen. Er will mit großen Partnern außerhalb des SWR das Programmangebot ausbauen - dabei schwebt ihm als Ziel eine Art 'National Geographic' für jüngere Zuschauer vor. Mit dem im Juni 2019 auf Youtube gestartete SWR Doku-Channel, der aktuell auf 32.000 Abonnenten hat, sieht er den SWR auf dem richtigen Weg. Derzeit bietet der Online-Kanal 81 Dokumentationen per Abruf und wöchentlich kommen zwei neue hinzu. Der Intendant unterstütze Bratzlers Kurs und betonte, bei neuen Koproduktionen seien für ihn die Erstausstrahlungsrechte weniger wichtig. Da folgt er dem Modell der ARD, die "Berlin Babylon" gemeinsam mit dem Bezahlkanal Sky produzierte und erst ein Jahr nach Ausstrahlung im Pay TV im Ersten und ihrer Mediathek anbieten durfte.

Wie diese Innovationen, angesichts des seit Jahren laufenden Sparkurses beim SWR, umgesetzt werden und was das für die Arbeitsbelastung im SWR bedeutet, dazu gab sich die Führungsriege einsilbig. Bereits heute beklagen Journalisten wachsenden Arbeitsdruck durch Trimedialität (TV, Radio, Internet). Einen Tag vor der Pressekonferenz berichtete eine Tageszeitung, künftig werde die Produktion der Radionachrichten für alle Wellen in Baden-Baden erfolgen. Dies bestätigte die Landessenderdirektorin für Baden-Württemberg, Stefanie Schreiber, betonte aber, es werde keine Einheitsnews geben. Dem schloss
Stefanie Schreiber vertrat die Landessender
 sich auch Clemens Bratzler an, räumte dann aber ein, dass künftig ein Redakteur für die Nachrichtenauswahl der jeweiligen Wellen zuständig sein soll. Für den Intendanten ist diese Konzentration nur der Anfang, auch auf anderen 'Feldern' sei ähnliches geplant - was er damit meinte, behielt er für sich. Kurz und etwas farblos blieb der Auftritt der Programmdirektorin Kultur, Anke Mai.  Dies dürfte nicht nur daran gelegen haben, dass sie erst eine Woche zuvor den 'Dienst' angetreten hatte. Ihr Statement zum Hörfunk bezog sich alleine auf die anvisierten jüngeren Hörer. Sie stellte den TV-Stream der Pop-Welle SWR 3 und das Angebot des Online-Jugendkanals 'Funk' in ihren Focus. Keine Rolle spielte in der Präsentation das Kulturprogramm SWR 2, einst immer ein Thema auf den  Programmpräsentationen des SWR. Auf entsprechende Nachfrage zur Zukunft der anspruchsvollen Programme meinte der Intendant, er strebe eine verstärkte Zusammenarbeit der ARD-Kulturwellen an. Da dürften einigen in Baden-Baden - dem Stammsitz von SWR 2 - die Ohren geklungen haben. Immerhin investiert der SWR in sein Kulturprogramm den Großteil des Radiobudgets - bei überschaubaren Hörerzahlen. Ein harter Sparkurs per ARD-Kooperation könnte hier schnell zu Lasten der Programmvielfalt gehen...


Ein Novum dieser Pressekonferenz war, dass der Intendant und die Direktoren nach Ende der Veranstaltung für Einzelgespräche zur Verfügung standen. Hatte Gründungsintendant Peter Voss einst eher majestätische Audienzen abgehalten, war dies unter seinem Nachfolger Peter Boudgoust abgeschafft worden. Der Verwaltungsfachmann war immer freundlich aber auch verschlossen bis einsilbig zu den Medien. Das Gesprächsangebot der neuen Führungscrew dürfte ein Signal gewesen sein, mehr die Öffentlichkeit erreichen zu wollen - allerdings nutzte nur eine Handvoll der 25 anwesenden Journalisten die Möglichkeit. 

Die Kulturdirektorin Anke Mai, zuvor beim Bayerischen Rundfunk, räumte ein, es gebe beim SWR komplexere Strukturen als in München. So muss sie sich mit den zwei Landessenderdirektorinnen für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz absprechen, denn hier werden die regionalen Radiowellen SWR 1 und SWR 4 produziert. Direkten Zugriff hat die neue SWR-Kulturdirektorin eigentlich nur auf die in Baden-Baden für das gesamte Sendegebiet produzierten Programme SWR 2 und SWR 3. Anke Mai betonte daher, sie wolle sich um weniger kompliziert Strukturen zwischen Mainz, Stuttgart und Baden-Baden bemühen. Über digitale Verbreitungswege will sie neue Hörergruppen für das Kulturprogramm SWR 2 erschließen. Dabei setzt auch sie auf die verstärkte Kooperation mit anderen Kulturwellen der ARD-Anstalten.

Plusminus-Moderatorin Alev Seker leitet die Pressekonferenz
In Baden-Württemberg leben mehr als elf Millionen Menschen (Statistisches Landesamt 2017), über 3,3, Millionen mit einem  Migrationshintergrund. Während bei anderen ARD-Anstalten mittlerweile ModeratorInnen mit Migrationshintergrund aul ModeratorInnen selbstverständllich sind (NDR-WDR) gilt für den SWR: Fehlanzeige. Außerdem ist das im Programm vermittelte Bild des Bundeslandes immer noch stark Brauchtum und ländlicher Idylle orientiert - mit schwäbischem Schwerpunkt. Dessen ist sich Clemens Bratzler durchaus bewusst. Er will die Vielfalt künftig auch bei den Presentern auf dem Bildschirm fördern. Vielleicht wurde deshalb die SWR-Pressekonferenz durch die neue SWR-Moderatorin der Wirtschaftssendung Plusminus im Ersten, Alev Seker, geleitet. Aber ach Bratzler sthet vor dem Problem, sich beim Landesprogramm mit den beiden Landessendern in Mainz und Stuttgart verständigen zu müssen, denn hier werden die regionalen TV-Fenster im Südwestfernsehen verantwortet. Nicht besonders Innovationsfördernd scheint auch der Altersduchschnitt der Zuschauer zu sein - liegt er doch deutlich über 60 Jahren. Hinzu kommt, dass Baden-Württemberg immer noch stark ländlich und konservativ geprägt ist. Der neue TV-Chef ist aber in Stuttgart schon lange 'im Geschäft' und kennt die Widerständen. Mangelndes Selbstbewusstsein zeichnet Bratzler nicht aus, hatte er sich doch letztes Jahr ebenfalls um den Intendantenposten beworben.

Mittlerweile hat der SWR, wie andere öffentlich-rechtliche Anstalten mit journalistischen Nachwuchsproblemen zu kämpfen. Einst standen die Bewerber für ein Volontariat Schlange, das ist heute nicht mehr so, bestätigte der TV-Chef. Die Gründe sind für Bratzler klar, für viele Jüngere seien die Angebote von ARD und ZDF heute kaum noch Bestandteil ihres Medienalltags. Dem will er mit einem verstärkten Online-Engagement, wie dem Doku-Kanal auf Youtube, etwas entgegensetzen. Das das Angebot ankomme, zeige die Dokumentation zum zehnjährigen Gedenken an das Schulmassaker in Winnenden. Während der Film im Südwestfernsehen rund 100 000 Zuschauer erreicht habe, seien die Abrufe im SWR-Dokukanal um ein Vielfaches höher gewesen. Der Trend geht zur zeitunbhängigen TV-Nutzung über Mediatheken.

Kenner des SWR kritisieren seit seiner Gründung das komplexe Standort- und Gremiengeflecht des Senders. So gibt es zwei Landessender mit entsprechenden Direktionen (Stuttgart, Mainz), die Intendanz sitzt in Stuttgart, Kultur wird vor allem in Baden-Baden produziert, der Justiziar wurde in Mainz angesiedelt. Im SWR machte lange das Bonmot die Runde, die Direktoren würden mehr Zeit in der Bahn oder im Dienstwagen verbringen, als am Schreibtisch. Neben dem Rundfunkrat gibt es zwei Landesrundfukräte in den beiden Bundesländern. Dessen ist sich Kai Gniffke bewusst als er betonte, frühere Reibungen im Direktorium gehörten der Vergangenheit an, das Verhältnis sei mittlerweile sehr entspannt. Auf die Frage, welche Rolle der SWR künftig in der ARD spielen solle, verwies er auf den Schwerpunkt Online - schon heute sei man für die Mediathek des Senderverbundes zuständig. Gniffke will, dass der SWR künftig als innovativer, nonlinearer und schnell agierender Sender gesehen wird. Auf die aktuelle Entwicklung der Rundfunkabgabe angesprochen meinte er, die einst diskutierte Index-Lösung, also eine automatische Steigerung entlang der Preisentwicklung, sei 'tot'. Er setzt darauf, dass der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk den Bürgern vermitteln muss, wofür das System steht. Das erklärt wohl auch, warum er als einziger Intendant einen eigenen Blog hat.

Abwarten, ob 2021 die Stimmung auch noch so fröhlich sein wird.....

Abschließend kann man festhalten, das neue SWR-Führungspersonal wollte in Stuttgart ein Zeichen für einen Aufbruch geben. Ob und wie sich das im Programm niederschlägt, bleibt abzuwarten - in einem Jahr wissen wir mehr.....

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