Montag, 11. November 2013

Thessaloniki: 54. Filmfestival - Weiter Horizont


Unter Cineasten sind die internationalen Filmfestspiele von Cannes, Venedig oder Berlin eine stehende Größe. Weniger bekannt, aber mittlerweile ein Treffpunkt der Independent-Filmszene, ist das jährlich veranstaltete Filmvestival in der zweitgrößten Stadt Griechenlands - Thessaloniki. Hier finden seit mehr als fünfzig Jahren Regisseure und Produzenten aus aller Welt eine Plattform für ihre Filme. Sie erzählen ihre Geschichten oft auf unkonventionelle Art - dem folgt auch ein Slogan des Festivals: "Open Horizons".

Das diesjährige Festival-Plakat mit dem unendlichen Horizont symbolisierte nicht nur die weltoffene Hafenstadt Thessaloniki. Es ist auch ein Synonym für die Vielfalt der vom 1. bis 10. November gezeigten 150 Filme aus 54 Ländern. Das Festival bot Regisseuren, aber auch unabhängigen Produzenten und Filmunternehmen einen internationalen Treffpunkt. Der Großteil der gezeigten Produktionen kam aus der Mittelmeer-Region, es gab einen Rückblick auf 20 Jahre Filmschaffen der Balkan-Ländern. Aber das Fest in Thessaloniki bietet auch Produktionen aus entfernten Ländern, wie Süd-Korea, den USA oder dem Iran ein Podium. Schwerpunkt in diesem Jahr war das Filmland Argentinien. Mit 43 Produktionen aus Griechenland zeigte sich, dass trotz Wirtschaftskrise ess immer noch eine lebhafte Filmszene gibt. Zum 54. Filmfestival hatten sich 500 Teilnehmer angemeldet - 300 aus dem Ausland und 200 aus Griechenland. Die meisten Zuschauer der Screenings in den sechs Kinosälen waren aber Filmfans aus Thessaloniki. Sie sorgten hier für vollbesetzte Säle - dabei starteten einige Filme bereits am Vormittag. Für das Filmfest war das in alten Lagerhäusern am Hafen untergebrachte Kulturzentrum ein attraktiver Ort. Hallen wurden vor einigen Jahren zum Kino- und Kulturzentrum umgebaut. Hier findet man neben den vier Kinosälen eine Halle für Kunstausstellungen, ein Restaurant sowie ein Film- und ein Fotomuseum.

http://www.medienfresser.blogspot.de/2013/04/thessaloniki-besuch-im-film-und-im.html


Dimitris Eipides*

Natürlich hat die Wirtschaftskrise auch das Filmfestival in Thessaloniki nicht ungeschoren lassen. Konnte man das 50. Filmfest im Jahr 2009 noch pompös feiern, müssen die Organisatoren seit dem mit deutlich weniger staatlicher Unterstützung auskommen. Dies wurde auch bei der Eröffnung des Filmfestes am 1. November deutlich. Ohne die Mittel aus der europäischen Filmförderung, die immerhin 80% des Etats abdecken, hätte es wohl auf der Kippe gestanden. Der Direktor des Filmfestivals, Dimitris Eipides betonte, durch die Hilfe der verschiedenen EU-Filmfonds sei es gelungen, den angespannten Staatsetat zu entlasten. Die angespannte politische Situation in Griechenland konnte man bei der Eröffnung des Filmfestivals deutlich spüren. Der Auftritt des aus Athen angereisten
Das Olympion Kino
stellvertretenden Ministers für Kultur und Sport, Yiannis Andrianos, wurde vom Publikum im vollbesetzten Saal des prächtigen Olympion-Kinos nur mit spärlichem Applaus honoriert. Dagegen stieß die Begrüßung durch Demosthenes Davettas, Mitglied des Parlaments in Athen und Berater von Premierminister Samaras auf heftigen Widerspruch im Saal. Mit salbungsvollen Sätzen wie: "Der Premierminister ist an Ihrer Seite - praktisch wie mit dem Gefühl" provozierte er zornige Zwischenrufe aus dem Publikum. Danach wurde der Bürgermeister der Stadt Thessaloniki, Yannis Boutaris mit großem Beifall begrüßt. Er traf den richtigen Ton als er bekannte: "Ich bin ein Filmfan und Ich gehe oft ins Kino..."  Dabei betonte er: "Wir kennen den Beitrag, den das Filmfest für Thessaloniki leistet."

Nach den Offiziellen betrat der Ehrengast des Filmfestivals, US-Regisseur Jim Jarmusch, die Bühne.Er wurde vom Publikum mit Ovationen überschüttet. Von diesem Empfang sichtlich gerührt, bedankte er sich für die Einladung - immerhin ein erster Aufenthalt in Griechenland: "Ich bin Stolz, das mein Film die internationalen Filmfestspiele in Thessaloniki eröffnen darf und fühle mich geehrt."

Jim Jarmusch*
Seine in Deutschland erst im Dezember anlaufende hommage an das Genre des Vampir-Films: "Only lovers left alive" eröffnete das 54. Filmfestivals von Thessaloniki. Bereits im Mai auf dem Filmfest in Cannes gezeigt, beeindruckt der Film durch seine technische Perfektion sowie die Leistung seiner Schauspieler, Tilda Swinton, Tom Hiddleston und John Hurt. Vielleicht ein bisschen zu lang, bietet er dem Zuschauer einen typischen Jarmusch-Film. Zumindest Liebhabern düsterer Vampir-Filme dürfte "Only lovers left alive" Vergnügen bereiten.

Angekommen im 21. Jahrhundert müssen sich die Untoten nicht mehr selber auf die Suche nach 'Blutspendern' machen, sondern können ihren 'Stoff' über korrupte Krankenhausmitarbeiter oder Blut-Dealer beziehen. Die im marokkanischen Tanger und der US-Stadt Detroit heimischen Vampire kommunizieren - ganz modern - per Smartphone miteinander. Tom in den USA wirkt frustriert über den Niedergang des 'Amerikanischen Traums'. Nachts fährt er regelmäßig durch die Ruinen der einstigen Auto-Metropole Detroit. Seine 'unsterbliche' Liebe, Tilda lebt in Tanger wie ein Alt-Hippie und lässt sich dort vom Blut-Dealer John Hurt versorgen. Die Story ist nicht besonders tief gehend: Vampire versus Globalisierung und leiden unter dem damit verbundenen Niedergang der Gesellschaft. Nett ist auf jeden Fall der Schlussgag - insgesamt wirken die beiden Vampire etwas verloren und damit anrührend.
Jarmusch hat dem Film mit der Musik seiner Band "Sqürl" den richtigen Sound verpasst - kalte Gitarrenklänge scheppern durch eine nächtliche Szenerie...

Nach der Premierenfeier begann dann ab dem Sonnabend (2.11.) die 'Arbeit' - die ersten Vorführungen starteten bereits am Vormittag. Zuvor galt es, unter den Filmen auszuwählen, sich dann Karten zu besorgen um rechtzeitig in den Kinosälen einen Platz zu finden.
Das Kulturzentrum in den alten Lagerhallen 
Mit Eintrittspreisen von 6 € pro Filmwaren sie für uns akzeptabel - für Griechen allerdings, die deutlich weniger verdienen als bei uns waren sie nicht unbedingt billig. Trotzdem, in den Kinosälen traf man vor allem viele junge Zuschauer - kein Wunder - Thessaloniki ist eine Universitätsstadt. Aber überall saßen auch viele ältere Cineasten, die sich die unkonventionelle Filme aus aller Welt nicht entgehen lassen wollten.

Nach drei Filmen pro Tag hatte man einen lädierten Rücken vom vielen Sitzen und quadratische Augen vom Zuschauen. Wenn es einem aber zu viel wurde, konnte man sich einfach in das kleine Kaffee im Pressezentrum setzen oder einen sonnigen Platz am Meer suchen. Die Terrasse des Restaurants "kitchen bar", untergebracht in einer der alten Backstein-Lagerhallen, bot einen grandiosen Blick auf die Promenade bis zum Wahrzeichen der Stadt - dem "Weißen Turm". Bei gutem Wetter konnte man sogar in der Ferne den Berg Athos erkennen...

Blick über die Promenade bis zum "Weißen Turm"

Viel Zeit zum Sinnieren mit Meerblick hatte man aber nicht - denn schon musste der nächste Kinosaal angesteuert werden. Alle Filme auf dem Fest wurden in der Originalfassung mit englischen und griechischen Untertiteln gezeigt. Griechen sind daran gewöhnt, denn teure Synchronisationen lohnen sich für das kleine Land nicht - das gilt auch für das Fernsehen. In Deutschland erwarten wir synchronisierte Filme - allerdings verlieren sie damit oft ihre Atmosphäre. So war es ein Erlebnis in Jarmusch´s-Film die Schauspieler Englisch- oder US-Amerikanisch sprechen zu hören.

Leider ist zu befürchten, dass viele der in Thessaloniki gezeigten Filme keinen Weg in deutsche Kinos oder Fernsehprogramme finden werden. Dabei konnte man im Abspann vieler Produktionen feststellen, das sie oft mit Mitteln deutscher Filmförderungen oder von ARD und ZDF mitfinanziert wurden. So hat die sonst für TV-Schmonzetten berüchtigte ARD-Tochter Degeto das Vampir-Epos von Jim Jarmusch mitfinanziert. Insgesamt stellte die Bundesrepublik mit 38 Produktionen auf dem Filmfestival nach Griechenland und Frankreich das drittgrößte Filmkontingent. Wenn man bedenkt, für welchen Mist ARD und ZDF sonst Gebührengelder ausgeben, konnte man hier mehr als zufrieden sein.

Filme die ins Auge fielen:

"Stop the Pounding Heart"


USA-Italien-Belgien 2013, 98 Minuten. 
Roberto Minervini
Der Regisseur Roberto Minervini zeigt dokumentarische Einblicke in das Leben der ultra-religiösen Farmerfamilie Carlson im ländlichen Texas. Die 14-Jährige Tochter Sara lernt den jungen Colby Tritchell kennen, der als Bullenreiter bei ländlichen Rodeos sein Glück sucht. Aufgrund ihrer konservativen Erziehung, kommen sie aber nicht zusammen. Sara kann nicht aus ihrer 'Haut' heraus. Beklemmend ist die Szene, in der die Mutter ihren Töchtern predigt, die Bibel schreibe jeder Frau vor, dem Manne Untertan zu seinen. Die in ihrer Gehemmtheit fast erstickende Sara flüchtet sich in die Geborgenheit ihrer Sippe und den religiösen Ritualen - und gerät weiter in die Isolation. Manchmal hatte man den Eindruck, dem Regisseur habe der nötige Abstand zu seinen Protagonisten gefehlt. Oft wirkt das Leben der von ihren Ziegen lebenden Bauern allzu idyllisch. Nur an einer Stelle ist für einen Moment eine dunkle Seite dieser armen Weißen des tiefen Südens - den 'Rednecks' - zu spüren. Nachts läuft Sara zu einer Wiese, auf der brennend ein großes Kreuz steht. Es handelt sich um das Symbol des rassistischen Ku Klux Klans - der nach dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) im Süden gegründet wurde. Was es damit auf sich hat und inwieweit die Familie hinter dem Klan steht - darüber erfährt der Zuschauer leider nichts.

Insgesamt ist der Film nicht uninteressant. Man hat aber den Eindruck, dass der Film nur das zeigt, womit die Familie einverstanden war. Auch filmisch ist diese Dokumentation nicht unbedingt ein Genuss...

https://www.festivalscope.com/film/stop-the-pounding-heart 


"L´escale - Stop-Over"

Schweiz-Frankreich 2013, 90 Min.
Kaveh Bakhtiari
Eine fesselnde Dokumentation über das Leben in Athen lebender Flüchtlinge aus dem Iran. Autor und Regisseur Kaveh Bakhtiari, in Teheran geboren und lebt seit seinem 9. Lebensjahr in der Schweiz. Der Film zeigt ungeschminkt den Dauerstress der Männer, die darauf warten, mit Hilfe von Schleppern Griechenland verlassen zu können. Bis es soweit ist, müssen sie gemeinsam in einer Kellerwohnung warten. Sie haben keinen Kontakt mit Einheimischen und auf der Straße beherrscht sie immer in Angst von einer Polizeistreife verhaftet zu werden. Der permanente Druck lastet auf ihnen und entlädt sich in gegenseitigen Aggressionen. "Das einzige was man hier werden kann, ist Alt." sagt einer.
Bakhtiari gelang diese beeindruckende 'Nahaufnahme' da einer der Männer sein Cousin Mohsen aus Teheran ist. Er wird von der Polizei verhaftet und Bakhtiari gelingt es, das er wieder frei gelassen wird. Später zeigt Mohsen seinen Leidensgenossen blaue Flecken, die er von Schlägen griechischer Polizisten auf der Wache zurückbehalten hat. Später gibt er auf und kehrt nach Teheran zurück - dort wird er wenige Tage später bei einem nächtlichen Überfall ausgeraubt und stirbt. Die Iraner versuchen, von der UN-Organisation in Athen als Flüchtlinge anerkannt zu werden - doch die lassen sich Zeit. Deshalb startet einer der Flüchtlinge einen ultimativen Hungerstreik und näht sich dafür seinen Mund zu. Griechische Medien haben aber kein Interesse am Thema, nur ein paar örtliche Ärzte helfen dem Hungerstreikenden. Seine Situation wird lebensbedrohlich - er steht kurz vor dem Koma. Ein Rettungswagen bringt ihn ins Krankenhaus - er erfährt, dass er endlich einen Flüchtlingspass bekommt. Bei allem ist Bakhtiari dabei und Filmt das Geschehen und damit wird der Mensch hinter dem 'Flüchtling' erkennbar.


http://www.kino-zeit.de/filme/trailer/l-escale



"La voz de los silenciados"

USA 2013, 90 Min.

Maximón Monihan *
Der US-Regisseur Maximón Monihan erzählt die Geschichte der taubstummen Olga. Betrüger aus den USA locken das junge Mädchen aus Guatemala nach New York. Dort angekommen, landet sie, zusammen mit anderen Latinos, im Keller eines noblen Stadthauses. Dort leben sie wie im Gefängnis und müssen täglich in den U-Bahnen Fahrgäste um Geld anbetteln. Liefern sie dann am Abend nicht genug Dollars ab, werden sie mit einem Elektroschocker traktiert - das muss auch Olga durchmachen. Die Story basiert auf wahren Begebenheiten. Regisseur Monihan macht daraus aber kein klassisches Rührstück. Vielmehr überrascht er den Zuschauer mit einem vorwiegend ins schwarz-weiß gedrehten Stummfilm - unterlegt mit Geräuschcollagen. "Ich wollte den Zuschauern zeigen, wie sich das taube Mädchen fühlt," erläuterte Monihan nach der Aufführung seine Absicht. "Ich will, das die Zuschauer nachdenken und wütend werden, über diese Zustände", dabei wolle er auch zeigen "dass Olga stark ist".
Für den 1969 geborene Monihan ist "La voz de los silenciados" der erste Spielfilm. In Thessaloniki fand die Europapremiere statt, zuvor hatte er den Film auf zwei indischen Festivals gezeigt.  

http://www.bricolagista.com/


"Miss Violence"

Griechenland 2013, 98 Min.

Alexandros Avranas *
An ihrem 11. Geburtstag stürzt sich Angeliki vom Balkon der gutbürgerlichen Wohnung in den Tod - dabei lächelt sie. Fast lakonisch beschreibt der Film, wie sich hinter der Fassade einer gutbürgerlichen griechischen Familie ein Abgrund auftut. Auf den Freitod reagieren Eltern und Geschwister seltsam kühl und distanziert. Erst spät enthüllt der Film die Wahrheit - der patriarchalische Vater und Großvater verdient sein Geld damit, dass er seine Töchter als Prostituierte an Freunde und Bekannte verkauft. Dies erfährt der Zuschauer aber erst gegen Ende des Films. Lange Zeit fragt man sich, was mit dieser Familie los ist. Man wundert sich, dass sich seine Frau und seine Töchter diesem gewalttätigen Vater widerstandslos fügen.
Nach der Vorführung des Spielfilms von Alexandros Avranas herrschte beklemmende Stille im vollbesetzten Olympion-Kino. Er wirft mit seinem Film einen schonungslosen Blick hinter die Kulissen einer vermeintlich heilen bürgerlichen Familie und damit auch auf die immer noch patriarchalische Gesellschaft Griechenlands. Avranas, der in Berlin studiert hat, sorgte mit seinem Film bereits auf den Filmfestspielen in Venedig für Aufsehen. Dort gewann er kürzlich den Silbernen Löwen für seine Regie. Vor allem die Leistung seiner Schauspieler beeindruckt aber. Themis Panou spielt mit einer Mischung aus Gefühlskälte und explodierender Emotion den Patriarchen. Für die Darstellung des Vaters hat er in Venedig den Volpi-Preis als bester Darsteller bekommen. Eleni Roussinou spielt die älteste Tochter voll ängstlicher Lethargie und Scham mit beklemmender Intensität.


https://www.youtube.com/watch?v=rZ63JuWkSh4 


 *Fotos von: Motion Team www.motionteam.gr/

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