Montag, 30. Juni 2014

Erster Weltkrieg – Medienkrieg Teil III – Beispiel Württemberg






Stuttgart, Sonntag, 28. Juni 1914

Der „Schwäbische Merkur" (1) unterhält seine Leser an diesem Sommertag mit dem Bericht:  „Wunder der Funktelegrafie“. Weiter wird über den Streit wegen Äußerungen des katholischer Klerus in Lothringen berichtet, das damals zum Deutschen Reich gehörte. Auch die Pläne zur Einführung eines 20-Reichsmark-Scheines erscheinen berichtenswert. Aus dem Ausland gibt es Neuigkeiten vom Feldzug der Truppen des Königreichs Italien in Libyen. Und in Wien bereitet sich Kaiser Franz-Josef zur Abreise nach Bad Ischl vor, wo er alljährlich den Sommer verbringt.


Sarajevo, Sonntag, 28. Juni 1914

Gegen 10 Uhr trifft der Sonderzug mit dem österreich-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie am Bahnhof ein. Nicht einmal eine Stunde später sind beide Tot, erschossen vom 19-Jährigen Studenten Gavrilo Princip.


Stuttgart, 21. 30 Uhr

Die Nachricht vom Attentat kursierte bereits am Nachmittag in der Hauptstadt des Königreichs Württemberg. Gegen 21.30 Uhr erscheint ein Extrablatt des "Schwäbischen Merkurs".  

Reproduktion von Mikroform. Original: Württembergische Landesbibliothek, Signatur: I 35 A

Der Attentäter wird nur „Individuum“ genannt, zu diesem Zeitpunkt scheint der Redaktion weder der Name, noch Alter und Herkunft bekannt zu sein. Wo die Verantwortlichen sitzen, darüber ist man sich einig, da Österreich-Ungarns „Verhältnis zum Königreich Serbien, (...) sowieso nur mühsam auf einem erträglichen Fuße zu halten war“. Jetzt gilt es den Schulterschluss mit Wien zu demonstrieren: „In Deutschland wird der jähe Hingang des österreichischen Fürsten fast wie der eines einheimischen gefühlt...“


Stuttgart, Montag, 29. Juni 1914

Einen Tag nach dem Anschlag wird nachgelegt: „(...) dass ruchlose Attentat (...) hat in Großserbisch-nationalistischen Treibereien seinen Sitz und Ursprung.“ Weiter berichtet der Merkur:es treten jetzt auch Nachrichten auf, die von einem besonderen Anschwellen der hochverräterischen Bewegung in Bosnien wissen wollen. Der Erzherzog soll gewarnt gewesen sein“  War man in Wien mit der Reise nach Bosnien zu leichtsinnig umgegangen? Der Berliner Korrespondent meldet, der 28. Juni sei für das Reich: „ein Datum von einschneidender Bedeutung“. Kaiser Wilhelm II habe sofort seine Teilnahme an der Regatta der Kieler Woche abgebrochen und dann wird hinzugefügt: „trotzdem der Meteor einen Vorsprung von über 15 Minuten hatte.“ Der Kaiser hat also einen sicheren Sieg der Solidaritär mit seinem Verbündeten geopfert; wie edelmütig....
In Stuttgart spricht Württembergs Ministerpräsident Karl Hugo von Weizsäcker dem österreichischen Gesandten das Beileid aus: Weiter wird mitgeteilt, dass Herzog Abrecht - Thronfolger des Württembergischen Königs Willhelm II – zur Beisetzung nach Wien fahren wird.

Auch in der liberalen Tageszeitung "Stuttgarter Neues Tagblatt" (2) beherrscht das Attentat die Titelseite mit zwei Portraitzeichnungen des Erzherzogs und seiner Frau. In einem, von Sarajevo per Telegraph übermittelten Bericht, wird der Name Gavrilo Princip genannt und der Ablauf des Anschlags geschildert. 

Reproduktion von Mikroform. Original: Württembergische Landesbibliothek, Signatur: I 55
  Auch die Redakteuere des Tagblatts wissen, wo die Schuldigen zu suchen sind: "Niemand zweifelt daran, daß das Attentat auf die serbische Propaganda zurückzuführen sei."


Das Militär kontrolliert die Medien

Im Hauptstaatsarchiv des Landesarchivs Baden-Württemberg in Stuttgart geben Dokumente Einblicke in die Zensur-Praxis. Hier befinden sich Akten des Stellvertretenden Generalkommandos des XIII. Armeeoberkommandos. Zu seinen Aufgaben gehörte im Kriegsfall die Überwachung der 'Öffentlichen Ordnung' im Königreich Württemberg. Da das Militärarchiv in Potsdam in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges in Flammen aufging, gibt es heute neben Stuttgart nur noch in Bayern und Sachsen solche Aktenbestände.

Am 1. August 1914 ermächtigte der Bundesrat Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg zur Kriegserklärung an Frankreich und Russland. Damit galt auch in Württemberg der Belagerungszustand und die vollziehende Gewalt wurde dem Militär übertragen. Von Stuttgart aus befehligte das XIII. Armeekorps je eine Division in der Hauptstadt und in Ulm. Während die Armee an die Westfront zog, war das Stellvertretende Generalkommando in Stuttgart für die innere Sicherheit verantwortlich und damit auch für die Zensur der Medien. Das Generalkommando befand sich zu Kriegsbeginn in der Kriegsbergstrasse 32 und wurde von General von Hüge befehligt. Dabei standen ihm zu Beginn nur sieben Offiziere und 14 Unterbeamte zur Cerfügung - bei Kriegsende hatte sich der Verwaltungsapparat auf 317 Mitarbeiter aufgebläht. (3) 

Anfang August 1914 gab das Generalkommando an die lokalen Behörden  "Ausführungsbestimmungen zu dem Merkblatt für die Presse“. (4)
Vorlage: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, M 77/1 Bü 429
 


„Das Kgl. stellv. Generalkommando sieht sich infolge verschiedener Vorkommnisse bei der Veröffentlichung militärischer Nachrichten durch die württ. Presse veranlaßt, die Redaktionen sämtlicher Zeitungen (....) zur gewissenhaften Beachtung folgender Ausführungsbestimmungen anzuhalten:

  1. Nachrichten, die einer Zensur (...) nicht mehr bedürfen, werden ausschl. von Wolff´s telegraphischem Bureau (W.T.B.) verbreitet (...) und sind im genauen Wortlaut wiederzugeben.
  2. Alle übrigen Veröffentlichungen militärischen Inhalts, wie Feldpostbriefe, -karten und aus fremdländischen Zeitungen übernommene Mitteilungen (...) unterliegen ausschließlich (im Original fett-unterstrichen) der vorgängigen Zensur des Generalkommandos und sind an dessen Presseabteilung (...) zu richten.“

Am 8. August 1914 wurden der Zivilverwaltung „Regeln der Aufsicht über das Zeitungswesen im Königreich während der Dauer des Kriegszustandes“ ausgehändigt.
Vorlage: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, M 77/1 Bü 429
Als Aufsichts- und Prüfbehörden vor Ort waren die Stadtdirektoren, Oberämter und die Ortspolizei zuständig. Sie unterlagen der Befehlsgewalt der Militärorgane, also dem Stellvertretenden Generalkommando in Stuttgart, sowie den untergeordneten Garnisons- und Bezirkskommandanten.

Die Zivilbehörden hatten die Aufgabe: „alle in ihrem Bereich erscheinende Zeitungen alsbald nach dem Erscheinen (...) auch in Beziehung auf den sonstigen, namentlich politischen Inhalt zu prüfen.“ Bei Verstößen mussten diese der nächst höheren Militärbehörde gemeldet werden. Dabei waren die zivilen Behörden „befugt (...) wo Eile ist (...) die beanstandete Nummer eines Blattes zu beschlagnahmen, sowie eine dem Erscheinen der Zeitung vorangehende Zensur anzuordnen“.

Am 28. September 1914 heißt es in einem Erlass des Stuttgarter Innenministeriums: „Zufolge des (einfachen) Kriegszustands ist (...) die vollziehende Gewalt gegenüber den Zeitungen (wozu auch Flugblätter zu rechnen sein werden) und politischen Zeitschriften zur Ergreifung jeder Massregel ermächtigt, die unter den Begriff „Zensur“ fällt.“ Mit dem "uneingeschränktem Beanstandungsrecht, ohne deren vorherige Prüfung kein Druckerzeugnis (...) erscheinen darf“, bestimmten die Militärs, wie die Bevölkerung informiert und was ihr vorenthalten wurde. Die Zensur beschränkte sich nicht auf gedruckte Medien, auch: „Malen, Zeichnen, Fotografieren und der Verkauf von Landkarten wurden strengen Bestimmungen unterworfen. (...) Die Zensur wurde zu einem nützlichen Instrument, um die Stimmung im Volk im Sinne der Machthaber zu beeinflussen. Sie erstreckte sich auf die Vor- und Nachzensur der Presse, auf Briefe, Telegramme und Postsendungen sowie auf die Einfuhr von Zeitungen und Zeitschriften.“ (5)


Beispiele (6)

Am 30. Oktober 1914 monierte der Stuttgarter Stadtdirektor den von der SPD gedruckten Kalender für das Jahr 1915. Der Chef des Stabes des Generalkommandos ordnete am 11. November an: „die Unterdrückung des zufolgenden Kalenders der Schwäbischen Tagwacht halte ich mit Rücksicht auf die darin enthaltenen politischen Verhetzenden Artikel unter den gegenwärtigen Zeitverhältnissen für angeregt und zulässig.“


Die in den ersten Kriegsmonaten überall im Reich auftretende Panik vor Spionage und Sabotage bediente auch der "Schwäbische Merkur"
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Reproduktion von Mikroform. Original: Württembergische Landesbibliothek, Signatur: I 35 A


So sei ein junger Mann in Stuttgart wegen seines "ausgesprochen slawischem Typus". festgenommen worden. Auch ein "angeblich französisches Ehepaar" wurde verhaftet und konnte dabei nicht vor der "Volkswut" geschützt werden. Erst Offizieren sei es gelungen, die "übel Zugerichteten" in die Polizeiwache am Hauptbahnhof zu bringen. Auch vor Greuelpropaganda schreckte man nicht zurück. So wird berichtet, in Berlin habe man drei Franzosen erschossen, die versucht hätten, Brunnen mit Choleraerregern zu vergiften. 

Die allgemeine Befürchtung, Zeitungsberichte könnten dem Feind wertvolle Informationen liefern, brachten auch unverdächtige Publikationen ins Visier der Militärzensur. In der
Vorlage: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, M 77/1 Bü 429
Werkszeitung der NSU-Motorradwerke Ulm erschien am 28. Dezember 1914 ein Bericht über die „Neubildung von Kraftradfahrer-Abteilungen“ beim Heer. Dazu sind auf einem Foto Kriegsfreiwillige auf ihren NSU-Motorrädern abgebildet. Das Generalkommando in Stuttgart verbot die Ausgabe, wegen Veröffentlichung militärischer Geheimnisse. Auch die Stuttgarter „Musikalienhandlung Auer“ bekam im Dezember 1914 Ärger. Der Geschäftsinhaber hatte, ohne vorher eine Genehmigung einzuholen, in seinem Schaufenster „Zeichnungen aus dem Felde“ ausgestellt. Das Stellvertretende Generalkommando ordnete die umgehende Entfernung an.

Die Zensurbehörden befürchteten auch negative wirtschaftliche Auswirkungen. So beanstandete das Kriegsministerium in Berlin am 21.November 1914 einen Artikel, in dem Möglichkeit erörtert wurden, begehrte Rohstoffe aus neutralen Ländern zu beziehen. Da man Repressionen der Entente gegen solche Länder befürchtete, schritt die Zensur ein. Auch Berichte über Probleme bei der Versorgung mit Metallen wurden zensiert, schließlich könne der Feind damit „auf möglicherweise eintretende Knappheit aufmerksam“ gemacht werden.

Es kam auch vor, dass die Presse ihrerseits bei den Zensurbehörden vorstellig wurde. So informierte am 13. Juni 1915 der „Schwäbische Merkur" das Stellvertretende Generalkommando über ein anonym zugesandtes Pamphlet. Darin prangerte der "Geheimbund Volksgericht“ Kriegsgewinnler und schlechte Versorgung der Zivilbevölkerung an. In dem hektographierten Schreiben wurden die Verantwortlichen aufgefordert, innerhalb von 14 Tagen zu reagieren, sonst werde man dies „international und an der Front bekannt machen“ und „im schlimmsten Fall vor keinen Gewalttaten zurück schrecken.“

Angesichts der sich häufenden Todesanzeigen wurden die Zeitungen abgemahnt, wenn sie diese ohne Genehmigung der Zensurbehörde abgedruckt hatten. Es war verboten, bei Traueranzeigen den Ort des Todes und die militärische Einheit des Gefallenen zu nennen. Das „Heidenheimer Tagblatt“ veröffentlichte im Dezember 1914 Verlustzahlen der württembergischen Truppen, Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: „Laut Verfügung (...) sind derartige Veröffentlichungen verboten (... ). Ein nochmaliger Verstoss müsste eine erhebliche Strafe zu Folge haben“. Auch eine Kurznachricht konnte die Zensur auf den Plan rufen, so erging am 6. Dezember 1914 folgende Rüge: „Die von der Rems-Zeitung veröffentlichten Notiz über das Erscheinen einer aus der Richtung Ulm kommenden Flugmaschine ist unstatthaft. Gegen das Blatt ist das Geeignete verfügt worden“. In der Regel kamen die Zeitungen mit Ermahnungen oder Bußgeldern davon - in diesem Fall 10 Reichsmark.

Die Zensoren versuchten auch unerwünschte Themen zu unterdrücken. So verbot die Oberzensurstelle in Ulm am 2. Dezember 1914 einer örtliche Zeitung, über eine Choleraepidemie unter russischen Kriegsgefangenen zu berichten. Häufig wurden Zeitungen gemaßregelt, weil sie Presseberichte aus dem neutralen Ausland ausgewertet hatten. So verwarnte das Generalkommando in Stuttgart am 16. Dezember 1914 die „Gmünder Zeitung“, da sie ohne Genehmigung einen Bericht einer Schweizer Zeitung benutzt hatte.

Das Generalkommando in Stuttgart war auch für das reibungslose Funktionieren
Vorlage: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, M 77/1 Bü 429
kriegswichtiger Betriebe verantwortlich. Der 'Burgfrieden' bedeutete das Verbot von Arbeitskämpfen. (7) Die Zensurbehörden schritt aber schon ein, wenn über die Möglichkeit gewerkschaftlicher Organisierung berichtet wurde. Am 13. Juli 1915 schrieb die Zensurabteilung an das Kriegsministerium in Stuttgart: „Das stellv. Generalkommando beehrt sich mitzuteilen, dass die Redaktion des „Deutschen Volksblatts“ angewiesen worden ist, weitere Erörterungen über die Frage des Koalitionsrechts der Arbeiter bei der Pulverfabrik Rottweil zu unterlassen.“ Die Leitung der Pulverfabrik Köln-Rottweil hatte zuvor am 30. Juni bei der Zensur interveniert, es werde „der Burgfriede am besten gewahrt, wenn solche Bestrebungen vorerst ruhen bleiben“.


Linke Kriegsgegner im Visier

Die Mehrheit der SPD- und Gewerkschaftsfunktionäre hatte sich im August 1914 für einen „Burgfrieden“ mit der Reichsregierung und den Arbeitgebern entschieden. Auf politische Demonstrationen und Streiks wurde während des Krieges verzichtet, im Gegenzug wurde man als Tarifpartner anerkannt. Die Führer der Arbeiterbewegung hofften im Gegenzug auf eine Demokratisierung und das allgemeine Wahlrecht. Bei Widerstand gegen den Kriegskurs befürchteten die Funktionäre ein Verbot ihrer Organisationen und eine Verfolgung wie 1878 durch Bismarcks Sozialistengesetz. Dabei hätte die SPD-Presse im Reich, mit 73 Zeitungen - darunter 49 Tageszeitungen - und einer Auflage von 400 000 Exemplaren (8) gegen den Krieg mobilisieren können. Am 29. Juli 1914 wies die Parteiführung aus Berlin alle Parteimedien an, ihre Propaganda gegen den Krieg abzuschwächen und Friedensbemühungen des Reichstages hervorzuheben. "Diese inoffizielle Verständigung führte dazu, dass die Militärbehörden geplanten Maßnahmen gegen die Arbeiterbewegung abblasen ließen" (9) Auch die geschickte Regierungspropaganda vom schuldlos von bösen Nachbarn überfallenen Reich, fiel bei nationalistisch eingestellten SPD- und Gewerkschaftsmitglieder auf fruchtbaren Boden. Letztlich nutzte die Anpassung der Funktionäre aber nichts, denn für die Herrschenden blieben sie nach wie vor die „vaterlandslose Gesellen“.

In Stuttgart hatten vor dem Krieg linke Sozialdemokraten Einfluss, noch am 28. Juli 1914 hatten sie in drei Sälen der Stadt Massenkundgebungen gegen den Krieg organisiert. Zuvor war in Esslingen bei der Landesversammlung der SPD zum Kampf gegen den Krieg aufgerufen worden. Sie hatte einem Antrag Clara Zetkins zugestimmt: „Das Proletariat fordert den Frieden“. Die von linken Soialdemokraten kontrollierte „Schwäbische Tagwacht“ lag von Kriegsbeginn an in einem Kleinkrieg mit der Zensur. Der tödliche Schlag gegen sie kam aber aus den eigenen Reihen. Der von den Kriegsbefürwortern beherrschte SPD-Landesvorstand löste den linken Redaktionsleiter Friedrich Westmeyer ab und ersetzte ihn durch einen linientreuen Genossen. Daraufhin gründete die Linke mit „Der Sozialdemokrat“ eine eigene Zeitung und wählte Westmeyer an die Spitze. Die Spaltung der SPD manifestierte sich in Württemberg bereits im Juni 1915, als Westmeyer aus der SPD-Landtagsfraktion ausgeschlossen wurde. Um ihn politisch kaltzustellen, zog man ihn im Frühjahr 1917 zum Militär ein, er starb wenige Monate später, mit 44 Jahren, in einem Lazarett an der Westfront. (10)

Die SPD-Presse im Königreich Württemberg wurde von der Zensur scharf überwacht, der Kleinkrieg gegen sie auch mit rhetorischen Feinheiten geführt. Am 27. Oktober 1914 schreibt
Vorlage: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, M 77/1 Bü 429
das Königliche Oberamt in Göppingen an das militärische Bezirkskommando: „Die sozialdemokratische „Freie Volkszeitung“ setzt seit neuerer Zeit an den Kopf ihrer Zeitung die Aufschrift: „Der Krieg um die Vorherrschaft der Welt“ und „der Krieg um die Weltherrschaft“. Da diese Aufschriften keinerlei Erläuterungen darüber folgen, w e r diesen Krieg (...) führt, ist es möglich, das dem Leserkreis dieser Zeitungen falsche Auffassungen über die Ursachen und den Zweck des von uns geführten Krieges Platz greifen.“ Aus diesem Grund „sollten derartige zweifellos bewusst irreführende Aufschriften (...) mit allem Nachdruck verboten werden. Die Zensurbehörde forderte am 31. Oktober das Oberamt auf zu Handeln, da: "gegen die Freie Volkszeitung schon mehrfach Verwarnungen ergangen sind, ohne dass in der Haltung des verantwortlichen Redakteurs eine merkliche Änderung eingetreten ist. Es dürfte daher schärferes Vorgehen etwa in der Weise angezeigt sein, dass das Erscheinen der Zeitung auf bestimmte Zeit verboten wird.“

Die Zensoren beobachteten mit Argusaugen subversive Publikationen aus der neutralen
Vorlage: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, M 77/1 Bü 429
Schweiz. Am 7. März 1915 warnte das Kriegsministerium in Stuttgart in einem „Geheim“ gekennzeichneten Schreiben vor der Broschüre: „Der Krieg und die Internationale“. Der Autor und russische Emigrant, Leo Trotzki, habe darin „hochverräterische Ausführungen“ getan. Das Ministerium in Stuttgart befürchtete Versuche, diese Schrift „auch im Heere zu verbreiten“. Aus diesem Grund forderte man das Generalkommando auf: „das weitere zu veranlassen (...) um die Verbreitung der Broschüre zu verhindern. Vorgefundene Exemplare sind zu beschlagnahmen.“

Vorlage: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, M 77/1 Bü 432
Die Zensur nahm zum Teil groteske Formen an. So durften nicht über Zensurmaßnahmen berichtet werden. Die Redaktion der SPD-Frauenzeitschrift „Gleichheit“ wollte am 17. März 1916 folgenden Text abdrucken: „Die angekündigte Frauenwahlrechtsnummer der Gleichheit ist von der Zensur nicht genehmigt worden. Die heutige Nummer erscheint deshalb verspätet und ohne in Inhalt und Form der Bedeutung des sozialistischen Frauentages gerecht werden zu können.“ Der Zensor erlaubte nur den Satz: „Die heutige Nummer erscheint verspätet.“


: Vorlage HSTAS, M 77/1 Bü 432
Vorlage: HSTAS, M 77/1 Bü 432
Seit 1892 gab die SPD die Frauenzeitschrift "Die Gleichheit" heraus. Clara Zetkin leitete sie bis zur Spaltung der SPD Anfang 1917. Sie brachte kritische Artikel über den Kriegsalltag im Reich, Mangel und Not. Dmait war "Die Gleichheit" der Zensur ein besonderer Dorn im Auge. Jede Ausgabe wurde genauestens geprüft und vieles verboten. Manchmal strich der Zensor mit seinem Kopierstift einfach den ganzen Artikel durch - wie für den 10. Dezember 1915. 




Spaltung der SPD – verschärfte Zensur

Der Krieg dauerte an und der Wunsch nach Frieden wurde unüberhörbar. Ende 1916 wurde die Debatte über die deutschen Kriegsziele zugelassen - allerdings durfte in den Zeitungen nur ein Siegfrieden propagiert werden. Die Februarrevolution 1917 in Russland bedeutete nicht nur das Ende des Zarenreiches, sie schürte auch in Deutschland die Unruhe in der Bevölkerung und die Hoffnungen auf Frieden. Der "Burgfrieden" war längst gescheitert und die Minderheit der Kriegsgegner wurde aus der SPD ausgeschlossen.

Sie formierte sich in der USPD und im Spartakusbund und aus den SPD-Medien wurden ihre Anhänger hinausgeworfen. Sie versuchten eigene Zeitungen zu gründen, aber dazu brauchte man die Zustimmung der Zensurbehörden.

Vorlage: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, M 77/1 Bü 432
Nachdem Karl Kautsky aus der Redaktion der „Neuen Zeit“ entlassen worden war, beantragte er am 17. Oktober 1917 beim Generalkommando in Stuttgart die Lizenz für Herausabe der "Internationalen neuen Zeit“. Auch Clara Zetkin war aus der Redaktion der „Gleichheit“ entlassen worden und versuchgte eine neue Frauenzeitschrift zu gründen. Am 2. November 1917 erging aus Berlin eine Weisung an das Generalkommando in Stuttgart: „Das Bedürfnis für die Gründung eines neuen Wochenblatts der „Internationalen neue Zeit“ durch Kautsky und seine politischen Freunde muss unter den derzeitigen Verhältnissen (...) als unerwünscht bezeichnet werden.“ Die Behörden in der Reichshauptstadt waren gut über Kautskys Projekt informiert, sie wussten sogar, wie hoch sein Gehalt als Chefredakteur sein sollte.

Vor allem die streitbare Kriegsgegnerin Zetkin war dem Generalkommando ein Dorn im Auge. In einem Schreiben vom 15. Juli 1917 heißt es: „Der Grund, weshalb ihr von der sozialdemokratischen Partei die Leitung der „Gleichheit“ entzogen wurde, liegt gerade in ihrer Hinneigung zu den radikalen Elementen der sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft.“ Der Chef des Generalkommandos in Kassel , Freiherr von Tettau, warnte das Berliner Kriegsministerium, Zetkin gehöre zum „äussersten linken Flügel der Sozialdemokratie und übte wohl eine stark verhetzende Wirkung aus.“ Am 5. Dezember 1917 wurde ihr die Zulassung verweigert, zur Begründung verwies man auf die Papierknappheit. Außerdem bestehe „kein dringendes Bedürfnis der Allgemeinheit an dem Erscheinen“. Mit einer ähnlichen Begründung erhielt Kautsky am 26. Januar 1918 eine Absage der Zensurbehörde.

Manchmal diente die Zensur gleichermaßen der rechten SPD-Führung wie auch der kriegsbegeisterten bürgerlichen Presse. In einem Artikel der „Gleichheit“ vom 28. März 1917 strich der Zensor folgenden Absatz: „In Petersburg sollen große Friedenskundgebungen der Arbeiter stattgefunden haben. Der Reichstagsabgeordnete Wilhelm Keil, Mitglied der Sozialdemokratischen Fraktion, forderte in derselben Zeit zur Zeichnung der neuen Kriegsanleihe auf – und zwar in dem nationalliberalen, hochimperialistischen Bourgeoisblatt ‚Schwäbischer Merkur’ !“



(1) Nationalliberale Zeitung, 1785 gegründet

(2) Liberale Tageszeitung, 1909 gegründet
(3) Landesarchiv Baden-Württemberg – Hauptstaatsarchiv https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/einfueh.php?bestand=5771
(4)  Alle Dokumente - Landesarchiv Baden-Württemberg, Stuttgart
(5)  siehe Anmerkung 3
(6)  Alle Beispiele - Landesarchiv Baden-Württemberg, Stuttgart
(7) siehe Anmerkung 3 

(8)  Stefan Bornost, Der Weg zur KPD, theorie21, S. 11
(9)  Oliver Janz, Der große Krieg, Campus Verlag 2013, S. 197
(10)  Kontext Wochenzeitung, 24.05.2014


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