Sonntag, 2. Februar 2020

Babylon Berlin - Das Boot - TV- Erfolgsmodell?


Geht bei der dritten Staffel der Hut hoch?! 
Foto: Frédéric Batier/X Filme Creative Pool / 
ARD Degeto/ WDR/Sky/Beta Film 2019
Mit großem publizistischem Getrommel ist jetzt beim Pay-TV-Anbieter Sky die, gemeinsam mit der ARD produzierte, dritte Staffel von "Babylon Berlin" gestartet. Mich persönlich haben die 16 Folgen der ersten und zweiten Krimistaffel über das Berlin der 1920er Jahre nicht fesseln können. Ein Blick auf die Neuauflage von "Das Boot" (ZDF/Sky) bestärkt mich in meiner Skepsis, ob solche Kooperationen zwischen Öffentlich-Rechtlichen und Kommerziellen anspruchsvolles  Fernsehen bieten. Bei den als 'TV-Events' bezeichneten Serien geht es vor allem um hohe Zuschauerzahlen. Gerade die jüngeren Zielgruppen und Vielseher sollen mit umfangreichen Serienstaffeln angelockt werden. Bei ihnen ist oft das Phänomen des 'binge watching', auf deutsch: 'Komaglotzen' feststellbar. Sie schauen sich Serien aus Mediatheken oder von Streaming-Anbietern en bloc an. Um sie bei der Stange  zu halten, werden Dramaturgie und Inhalte zumeist eingängig konstruiert, der Zuschauer soll ja nicht das Interesse verlieren und 'aussteigen'. Die Drehbücher sind oft klischeereich, mit eindimensionalen Charakteren und die einzelnen Folgen sollen mit kurzen Spannungsbögen fesseln. Wirtschaftlich entscheidend für die großen und teuren Koproduktionen ist ihre internationale Vermarktung, daher werden 'Eventserien' oft in englischer Sprache gedreht. Die Produzenten von "Babylon Berlin" dürften mit dem Ergebnis zufrieden sein. die rund 40 Millionen Euro teuren Staffeln konnten bisher in 60 Länder verkauft werden.

"Das Boot" im Soap-Design... 
Foto ZDF, Nick Konietzsky/Stefan Rabold


DIe Qualitätsmängel zeigen sich für mich am besten an der Neuauflage von "Das Boot". Produziert wurde die Serie von Sky und Bavaria Fiction, einer gemeinsamen Tochter von ZDF-Enterprises und der ARD-Tochter Bavaria Film. Zuerst lief sie auf Sky, jetzt im ZDF-Hauptprogramm. Im Jahr 1981 hatte Wolfgang Petersen die Romanvorlage von Lothar-Günther Bucheim für die ARD verfilmt. Damals kostete die Produktion die ARD umgerechnet über 34 Millionen Euro - die Neuauflage wurde dagegen mit rund 25 Millionen Euro deutlich günstiger. Während Petersens Filmepos in verschiedenen Versionen heute noch im Fernsehen läuft und einst für mehrere Oscars nominiert war, bin ich mit der ZDF-Serie nicht warm geworden. Die Charaktere der Crew wirkten auf mich, wie aus einer daily soap - smart, hünsch und jugendlich. Es gelang ihnen kaum vielschichte Persönlichkeiten darzustellen - sie wirkten wie Vorabend-TV Abziehbilder. Anstatt das tägliche Elend des U-Bootkrieges zu zeigen, mühen sich die Darsteller im ZDF durch hölzerne Dialoge und einen Plot, der an billige Agentenfilme erinnert. Es gelingt der Serie nicht, die dunkle und oft dämonische Athmosphäre des Films von 1981 zu erzeugen. Während Petersen beim Zuschauer Atemlosigkeit erreichte - war das Produkt von Sky/ZDF dagegen einschläfernd.

Roaring 20ies simuliert. 
Foto: Frédéric Batier/X Filme Creative Pool / 
ARD Degeto/ WDR/Sky/Beta Film 2019
Ähnlich bemüht, ein jüngeres Publikum anzusprechen, scheinen die beiden ersten Staffeln von "Babylon Berlin", die zuerst bei Sky und ein Jahr später im Ersten der ARD ausgestrahlt wurden. Hoher  technischer Aufwand, aber eine mässig spannende Story. Bizarre Krönung: Ein Kesselwagen der Eisenbahn aus Gold sollte aus der Sowjetunion geschmuggelt werden. Die ARD nutzte alle ihre zur Verfügung stehenden Kanäle, um die Serie als das 'TV-Event' des Jahres zu bewerben. So drückte der Südwestrundfunk in seinem Pop-Radio für Ältere (SWR 1) den, textlich wie musikalisch, verquasten Soundtrack der Serie, "Zu Asche zu Staub" in seine Hitparade. Im Film durfte dann Bryan Ferry einen Kurzauftritt absolvieren. 

Keine Frage, das Casting für Babylon Berlin hatte die Schauspieler eingekauft, die im deutschsprachigen Fernsehen derzeit Top sind. Die Folgen hatten durchaus schnelle Momente und gute Dialoge, aber insgesamt wirkte die Dramaturgie insgesamt behäbig und langsam. Immerhin, "Babylon Berlin" befindet sich qualitativ Seemeilen vom ZDF-U-Boot entfernt. da war für mich nach drei Folgen Schluss. 
 
"...Quoten versenkt Kaleu?!"  
 Copyright:ZDF/Nick Konietzsky
Auf Nachfrage teilte die ARD in München mit, dass die beiden Staffeln von Berlin Babylon auf durchschnittlich 4,91 Millionen Zuschauer kamen (15,9% Marktanteil). Dabei seien die ersten drei Folgen im Ersten von 7,88 Millionen (24,4%), die letzten beiden von 3,64 Millionen (11,8%) gesehen worden. Dazu kamen noch etwa 11 Millionen Abrufe aus der ARD-Mediathek. Diese Abrufe der Serie über die Mediathek belegen aber nicht, wieviele Personen eine Folge gesehen haben - ebenso nicht, ob sie komplett angeschaut wurden. Auch ich habe mir Babylon Berlin wie das Boot online angesehen, was meinen TV-Konsum mittlerweile stärker prägt, als das lineare Programme. Die acht Folgen von "Das Boot" kamen im ZDF laut Branchendiensten auf 2,6 Millionen Zuschauer - eine Nachfrage beim ZDF blieb bisher leider ohne Antwort. Wie hoch die Seherzahl auf Sky war, das beide Serien schon ein Jahr zuvor im Pay-TV zeigen konnte, ist nicht bekannt.

Die Ausrichtung von Programmen an der Vermarktungsfähigkeit und massenorientierten Sehgewohnheiten prägt diese 'Event-Poduktionen'. Ob dies der Qualität der Produkte dient, ist für mich schon seit längerem fraglich. Das zeigte sich schon 2013 beim dreiteiligen ZDF-Drama: "Unsere Mütter unsere Väter". * Darin wurde das Schicksal fünf junger Deutscher im Zweiten Weltkrieg gezeigt. Realisiert wurde die Produktion für das ZDF von Nico Hofmann und seiner Produktionsfirma teamworx. Mittlerweile ist Hofmann Chef der Bertelsmann-Tochter UfA-Fiction.

Liegt das Problem also an der Kooperation mit Kommerziellen, die massentauglich sein soll? Ist nicht vielmehr die Behäbigkeit und mangelnde Risikofreude bei ARD und ZDF ausschlaggebend für die Trivialisierung solcher Stoffe? Arte zeigte Ende letzten Jahres die 5. Staffel der britischen Serie "Peaky Blinders - Gangs of Birmingham". Produziert von BBC 2 und Sky, die vom französischen Arte eingekauft worden war, fesselte mich vom der ersten Folge an. Der Plot dreht sich um einen kriminellen irischen Zigeuner-Clan, der im britischen Birmingham der 20er Jahre nach Oben will. Die Verquickung von Verbrechen und Politik reicht bis hinauf ins Unterhaus und zu Winston Churchill. Angefangen bei den Drehbüchern, der Dramaturige, den Dialogen, Kamera, Schnitt und Regie - Rasanz und Tiefe. Außerordentlich auch der Soundtrack, da wurde nicht versucht, Musik zum Teil der filmischen Darbietung zu machen (Babylon Berlin) oder Klaus Doldinger zu recyclen (Das Boot). Bei Peaky Blinders illustriert, kommentiert und konterkarriert die Musik den Plot. Der Titelsong ist von Nick Cave, auch Tom Waits oder Rock aus den 1970ern untermalt die Serie - und es passt!

https://www.youtube.com/watch?v=RrxePKps87k&list=PL3YrSRHtg5381EIWW0NwPGamy03A0IxtS 

Fazit: Vielleicht liegt mein Unbehagen an Babylon Berlin und Das Boot eher daran, dass ARD und ZDF wieder mal mutlos auf Gängiges gesetzt haben......

* siehe auch: https://medienfresser.blogspot.com/2013/03/unsere-mutter-unsere-vater-funf-freunde.html


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