Samstag, 31. Dezember 2016

Digitalradio: Privatsender wollen 500 Millionen Euro Subventionen



Die im Verband Privater Rundfunkt und Telekommunikation (VPRT) zusammengeschlossenen kommerziellen Radioveranstalter geben der digitalen Radiotechnik DAB plus auf absehbare Zeit kaum Erfolgschancen. In einem am 30. November 2016 veröffentlichten Positionspapier heißt es deshalb ultimativ: "Eine Abschaltung von UKW steht angesichts der unverändert überragenden Bedeutung dieses Übertragungsweges (...) nicht zur Diskussion." Ein Ausstieg aus der UKW-Verbreitung sei "erst anzudenken, wenn eine nachgewiesene tatsächliche Nutzung - und nicht bloß eine technische Reichweite - eines Digitalstandards von 40 Prozent (...) nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten erreicht wird." Erst ab 80 Prozent Digitalnutzung seien dann erst "konkrete Parameter für einen Umstieg (...) denkbar".

Bis 2025 investieren für DAB plus die öffentlich-rechtlichen Sender 600 Millionen Euro. Auf den Münchner Medientagen hatte am 26. Oktober 2016 Karlheinz Hörhammer - Geschäftsführer des Privatsenders Antenne Bayern - eine jährliche Subvention von 25 Millionen Euro für das Digitalengagemnt der Privaten gefordert (Handelsblatt online 26.10.2016) Jetzt fordert der VPRT für die nächsten zehn Jahre "eine vergleichbare Summe" wie die der Öffentlich-Rechtlichen. Zur Begründung heißt es, die Kosten für die gleichzeitige Verbreitung der Privatprogramme über UKW und DAB (simulcast) ließen sich aus dem Werbemarkt nicht finanzieren. Wer aber soll die 500 Millionen Euro in den nächsten zehn Jahren bezahlen? Der VPRT fordert dazu indirekt Mittel aus der Rundfunkabgabe der Öffentlich-Rechtlichen. Daraus erhalten die Medienanstalten einen Anteil, aus dem das DAB Engagement der Privaten bezahlt werden soll. Außerdem wünscht sich der VPRT einen Anteil der Einnahmen, die der Staat aus dem dem Verkauf der Mobilfunkfrequenzen (Digitale Dividende) erzielt hat.


Nachtrag: Ein beliebtes Argument für DAB ist, dass durch die Technik die Zahl verfügbarer Radioprogramme für den Hörer steigt. Aber gibt es dafür eine relevante Nachfrage? Ein Blick in die Radio Media Analyse (MA 2016/II) zeigt, dass ein Durchschnittshörer täglich 1,6 Programme nutzt, innerhalb von zwei Wochen sind es 4 verschiedene Programme. Diese Werte sind damit seit zehn Jahren relativ konstant geblieben. "Wellenreiter", also Menschen die täglich zwischen vielen Sendern hin und her schalten sind weiterhin eher selten", stellen die Autoren fest. Demnach hören über 60% der täglichen Nutzer - ziemlich unabhängig vom Alter - nur ein Programm. Dagegen wechseln nur etwa 12% täglich zwischen den Programmangeboten. (Media Perspektiven 9/2016, S. 464 ff)

 

DAB plus ein Pyrrhus-Sieg auf Kosten anderer


Im Jahr 279 vor Christus sagte der griechische König Pyrrhus nach einer Schlacht gegen die Römer: „Noch so ein Sieg, und wir sind verloren!“ Die Förderer des digitalen Radios, allen voran die Medienanstalten, müssen sich darüber keine Gedanken machen. Ihre 'Pyrrhus-Siege' müssen andere bezahlen. Die Medienanstalten üben sich lieber darin, die Situation des digitalen Hörfunks öffentlich schön zu reden. In dem aktuellen Digitalisierungsbericht vom Juni 2016 wird stolz verkündet: Zum dritten Mal sei ein positives Wachstum des Digitalradios gelungen (s. 53). Gleichzeitig muss aber eingeräumt werden: "im Vergleich zum Fernsehen führte die Digitalisierung des Hörfunks bisher ein Schattendasein. Dies scheint sich nunmehr allmälich zu ändern." Zuversicht klingt anders.

Angesichts der Tatsache, dass in bundesdeutschen Haushalten weiterhin mehr als 139 Millionen UKW-Empfänger sehen, besteht beim Digitalradio allerdings Grund zur Bescheidenheit. Immer noch hören fast 65 Millionen der 69 Millionen Einwohner Deutschlands (+14 Jahre) Radio per UKW. DAB nutzen dagegen gerade einmal 9,5 Millionen, Radio per Internet hat mit 23,6 Millionen Hörer DAB mittlerweile deutlich abgehängt. 

Erstaunlicherweise konstatieren die Medienanstalten bei DAB aber einen positiven Trend. Beleg: Die Zahl der DAB-Empfänger in den 39,4 Millionen bundesdeutschen Haushalten wuchs demnach innerhalb eines Jahres um 30% auf 8,24 Millionen Geräte. Allerdings fand der Löwenanteil mit +1,17 Millionen bei Automobilen statt - mittlerweile drei Millionen Fahrzeuge haben ein DAB-Autoradio. Dagegen stieg die Zahl der DAB-Geräte in Haushalten mit +680 000 (+15%) deutlich langsamer - auf 5,2 Millionen DAB-Radioempfänger

Internet-Radio hängt DAB ab

 

Zwischen 2015 und 2016 nahm der Anteil der Online-Radiogeräte in bundesdeutschen Haushalten samt Fahrzeugen um gut ein Drittel zu. Von 4,6 Millionen Empfängern stehen über 4 Millionen in Haushalten, nur eine halbe Million WLAN-Radios finden sich bisher in Fahrzeugen. Laut Medienanstalten hören "zumindest gelegentlich" 9,5 Millionen Einwohner DAB-Programme, während Internetradio über 23,6 Millionen erreicht. "Dabei erweist sich das Smartphone als immer bedeutsamer für das Radiohören" (S. 57). Zwei Seiten später wird eingeräumt: "Durch die Vielfältigkeit, mit der Radiohören über das Internet möglich ist, ist das Internet für die Radioindustrie derzeit die wichtigste Verbreitungsart nach UKW." (S.59)

Die Online Musikstreamings und Plattformen bedrohen vor allem kommerzielle Radiosender, sie sind auf große Hörerzahlen angewiesen, um ihre Werbezeiten verkaufen zu können. Sie setzen selber auf das Internet, während die weitere Zersplitterung des Radiomarktes durch zusätzliche DAB-Programme wenig zukunftsträchtig erscheint. Vielleicht erklärt dies, warum der VPRT in seinem Positionspapier für einen Umstieg von UKW auf DAB 80% tatsächliche Nutzung des DAB fordert. Das klingt nach 'Sanktnimmerleinstag' - wahrscheinlich spielen die Privaten auf Zeit. Sollen DAB doch Gebühren- und Steuerzahler finanzieren, beim VPRT setzt man vielleicht längst auf ein langsames Sterben des DAB. 

Nachtrag: In den USA besitzt mittlerweile ein Fünftel aller Hörer kein Radiogerät mehr. Sie benutzen für das Radio das Internet. (Medienkorrespondenz, 14. Oktober 2016). Ein Blick in die ARD/ZDF-Onlinestudie 2016 dürfte den DAB-Radiomachern Kopfschmerzen bereiten, denn Smartphones sind die digitalen Allroundgeräte. Das Telefonieren steht hier bei Jüngeren (14-29) erst an vierter Stelle, auf dem zweiten Platz rangiert das Hören von Musik, gefolgt vom Internetsurfen. Unangefochtener Spitzenreiter der Smartphonenutzung ist das Verschicken von Nachrichten. (Media-Perspektiven, Heft 9/16, S. 425ff) 

Radioprogramme werden von 14% der Surfer wöchentlich Online gehört (+3 Punkte). Dabei stieg der Anteil bei Jüngeren (14-29) um 5 Punkte auf 17 Prozent stärker (S. 431). Insgesamt hat die Radionutzung über das Internet deutlicher zugenommen, als Musikstreaming-Dienste. Aber Vorsicht: Die Jüngeren (14-29) klicken sich pro Woche mit 33% in einen Musikstream, während die Nutzung eines Radio-Livestream bei ihnen nur die Hälfte ausmacht (17%). 

Erstmals hat die Online-Studie auch die Nutzung von Musik per Youtube oder Musikerkennungsdienste (Shazam) gemessen. "Mit 26 Prozent mindestens wöchentlicher Nutzung wird (...) ein Wert ermittelt, der die Nutzung von Live Radio im Internet und musik Streamingdienste erheblich übersteigt." Bei Jüngeren erreicht das Hören von Musik per Youtube zwei Drittel dieser Onliner. (Dabei muss berücksichtigt werden, dass per Youtube vorwiegend Musik Videos verbreitet werden). 

   


https://medienfresser.blogspot.de/2016/09/ard-thementag-digitalradio-pr.html
https://medienfresser.blogspot.de/2016/07/digitalradio-wird-dab-vom-internet.html 

Mittwoch, 21. Dezember 2016

SWR-Rundfunkrat Dezember 2016 - Ab in die Weihnachtsruhe....





Jahrelang wurde um die Öffentlichkeit der Sitzungen der Rundfunkgremien bei ARD und ZDF gerungen. Der Widerstand vor allem der Parteipolitiker, die sich beim Machtgekungel nicht auf die Finger sehen lassen wollten, verhinderte dies. Mittlerweile und auch bedingt durch die das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu den ZDF-Gremien, ist deren Einfluss etwas zurückgegangen. Doch wer hoffte, es werde eine freie Debatte entstehen, wird bei den öffentlichen Sitzung etwa des SWR-Rundfunkrates (Südwestrundfunk) enttäuscht. Die wichtigen Diskussionen, finden immer noch in nichtöffentlichen Sitzungen der Ausschüsse sowie den  – rundfunkrechtlich nicht legitimierten – politischen „Freundeskreise“ statt. Beim SWR gibt es den der ‚Roten’ (SPD), den ‚Schwarzen’ (CDU) und den der ‚Grauen’ (parteipolitisch ungebunden). Deren Treffen finden beim SWR in der Regel am Abend vor der öffentlichen Sitzung des Rundfunkrates statt. Die Sitzung selbst dient in der Regel dann nur noch der Akklamation zuvor getroffener Entscheidungen. 














Anfang Dezember sagte mein Chefredakteur (Ich) zum  Reporter (Ich): „Wenn Du schon hingehst, dann bring was mit!“ Leichter gesagt, als getan: Was fiel auf? 



Weihnachtsbaum am Eingang



 
SWR-Weihnachtsgeschenke für die Rundfunkräte




 


Männer bekommen beim SWR auch einen Blumenstrauß. Gerold Hug (Kulturdirektor) und Christoph Hauser (Informationsdirektor).













 War’s das!?

„An erster Stelle steht für mich nicht die Höhe des Rundfunkbeitrags, sondern der Anspruch auf Programm“ – so eröffnete Gottfried Müller, Vorsitzender des Rundfunkrates die Sitzung. Kürzlich haben haben die Ministerpräsidenten der Länder den Rundfunkbeitrag bestätigt, aber von den ARD-Anstalten Vorschläge für eine umfassende Strukturreform bis Ende 2017 eingefordert. 

Im SWR-Rundfunkrat entspann sich eine Debatte über die bisherige Praxis der Zusammensetzung von Arbeitsgruppen. Dort sind die Vorsitzenden der Ausschüsse des Rundfunkrates quasi 'geborene Mitglieder' und haben die Federführung inne. Dabei geht es bei der aktuell geplanten Arbeitsgruppe nicht um die große ARD-Reform, sondern die Organisation der künftigen Arbeit des SWR-Rundfunkrates. Einigen der neuen Mitglieder im SWR-Rundfunkrat schien aber der Automatismus der Besetzung mit den Ausschussvorsitzenden nicht zu behagen. Eigentlich nicht schlecht, wenn eingefahrene Wege in Frage gestellt werden, aber der Teufel steckt doch im Detail. So wurde in der Diskussion auch deutlich, dass große Arbeitsgruppen in der Vergangenheit durch heftige Fluktuation und mangelnde personelle Kontinuität gekennzeichnet waren.

Eine Ursache des auf der Sitzung bei einigen Gremienmitgliedern spürbaren Unmuts dürfte
in den am Abend zuvor tagenden politischen 'Kungelrunden ' gelegen haben. Dort wurden anscheinend im Vorab die Mitglieder für die geplante Gremien-Arbeitsgruppe automatisch die Vorsitzenden der Ausschüsse nominiert. Da mangelte es anscheinend einigen Gremienmitgliedern an Transparenz und Partizipation. So richtig zur Sache gehen wollte dann in der öffentlichen Sitzung aber anscheinend niemand. Die Abstimmung über die Zusammensetzung der Arbeitsgruppe ergab eine knappe Mehrheit dafür, dass alle Interessierten  mitmachen könnten. Anfang Februar will man sich erstmals in Mannheim zusammensetzen.
 
Nach dieser etwas zeitraubenden Debatte, kam dann Intendant Peter Boudgoust zu seinem üblichen Statement. Er nutzte es zu einem Appell: Nie habe der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk unter einem derartigen Legitimationsdruck gestanden wie heute und das beunruhige ihn zutiefst. Nach 70 Jahren Öffentlich-Rechtliche Rundfunks werde diese wichtige Säule des demokratischen Staates zunehmend in Frage gestellt. Boudgoust fragte auch selbstkritisch, ob man in den Gremien der Rundfunkanstalten noch mitbekomme, was draußen ablaufe. Früher hätten die Privatsender hauptsächlich die Finanzausstattung der Öffentlich-Rechtlichen angegriffen und eine Reduzierung auf eine ‚Grundversorgung’ gefordert. Heute sei die Kritik in Teilen der Gesellschaft dagegen fundamental und pauschal. Künftig müsse der Öffentlich Rechtliche Rundfunk seine Bedeutung für die Gesellschaft und die Demokratie stärker herausstellen, forderte Boudgoust. Er fürchte in Europa um den Konsens der demokratischen Errungenschaften, die aus der Erfahrung des Weltkriegs und der Diktaturen den Konsens enstanden seien. Das Rundfunk Staatsfern und der Gesellschaft insgesamt verpflichtet seien, diese Einschätzung verschwinde im gesellschaftlichen Bewusstsein. 


Chronistenpflicht: 

Der neue Etat des SWR für 2017 sieht einen ausgeglichenen Aushalt vom 1,336 Mrd € vor. Zwischen 2010-2017 werden 100 Mio € eingespart - was einen Rückgang um 311 "Beschäftigungsverhältnisse" bedeutet. Horcht man in den Sender rein, stöhnen viele Mitarbeiter der Redaktionen über Arbeitsverdichtung.

Der SWR schafft zum Jahresbeginn 2017 die bisherigen Fernseh- und Hörfunkdirektionen ab: "Anstatt der bislang nach Ausspielwegen aufgestellten Direktionen entstehen ab Januar 2017 thematisch und medienübergreifend aufgestellte Programmdirektionen" heißt es dazu in einer SWR-Mitteilung. Demnach stünden künftig die Themengebiete im Vordergrund, es gehe also nicht mehr darum, ob für ein Radio- oder Fernsehprogramm gearbeitet wird. Aber die beiden Landessenderdirektionen für Baden-Württemberg (Stuttgart) und Rheinland-Pfalz (Mainz) behalten ihre Kompetenzen für ihre Landesprogramme. Dafür werden "Landes Content-Zentren" in Stuttgart und Mainz eingerichtet. Abgesehen von dem Wortungetüm, für die Journalisten bedeutet dies, künftig gleichzeitig Radio, Fernsehen und Internet zu belieferen - ob das der publizistischen Qualität dient? 

Die Debatte bekam ich leider nicht mehr mit, denn ich musste zu meinem geparkten Auto - das bezahlte Ticket war abgelaufen. Mein Controller (Ich) hätte mir bei einem Strafmandat das Fell über die Ohren gezogen - na dann, Frohes Fescht.....

Dienstag, 15. November 2016

Erster Weltkrieg - Leben unter deutscher Besatzung Teil III: Fremdbestimmt und Ausgebeutet


Nachdem im Oktober 1914 der Bewegungskrieg an der Westfront zum Stellungskrieg erstarrt war, wurde den Verantwortlichen im Reich klar, dass ein schnelles und siegreiches Kriegsende in weite Ferne gerückt war. Deshalb begannen sich die Besatzer in Nordfrankreich auf Dauer einzurichten. Es ging darum, einerseits die Ressourcen für die Kriegsführung zu nutzen, also Nahrungsmittel, Rohstoffe, Güter und Arbeitskräfte. Andererseits sollte jeder Widerstand der Zivilbevölkerung im Keim erstickt werden, erinnerte sich doch
Zivilbevölkerung vor einer Kommandantur (Bundesarchiv)
manch Altgedienter an die Franctireur-Aktionen im Besetzen Frankreich während des Krieges 1870/71. Zügig wurde deshalb hinter der Front ein dichtes Netz von Kommandanturen eingerichtet. Dabei sollten die französischen Bürgermeister und ihre Zivilverwaltung im Amt bleiben und die deutschen Befehle durchführen. Für ein eigenes Regime fehlten der Besatzungsmacht eigene Kräfte. (1) In und um La Capelle, einem kleinen Ort nahe der Belgischen Grenze, lebten damals etwa 7000 Menschen. Hier bestand die deutsche Besatzungsmacht aus einem kommandierenden Major samt einem Leutnant. Ihnen unterstanden ein Schreiber, ein Richter, zwei Kassierer, ein Sergeant sowie vier Unteroffiziere, zwei Sekretärinnen und weitere vier Mitarbeiter. Sie verfügten zur Umsetzung ihrer Befehle über arbeitsverpflichtete Franzosen und einen Trupp russischer Kriegsgefangener. (2) 


Zur Legitimation ihres Besatzungsregimes berief sich das Deutsche Reich auf die 1907 im niederländischen Den Haag verabschiedete Abmachung „betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkriegs". Laut dieser von 28 Staaten beschlossenen Landkriegsordnung war es einer Besatzungsmacht erlaubt (§52), seine Truppen aus den eroberten Gebieten zu versorgen. (3) Faktisch wurde dies aber in Nordfrankreich und Belgien zum Freibrief für Ausplünderung und Zwangsarbeit. Die polizeiliche Gewalt vor Ort übte die deutsch Militärpolizei - die Landjäger -
Militärkontrolle (Bundesarchiv)

aus. Diese Einheiten bestanden aus Soldaten, die entweder für den Frontdienst untauglich oder zu alt waren. Die Kommandanten in den Gemeinden verfügten damit faktisch über kaum beschränkte Machtbefugnisse und viele nutzten sie zu ihrem privaten Wohlbefinden. Aus diesem Grund waren die "Etappenschweine" bei  Frontsoldaten verhasst. Während sie in den Schützengräben lagen, ließen sich die 'Kleinen Könige' es im sicheren Hinterland gut gehen. Mit zunehmender Kriegsdauer wurden neben Militärs auch Zivilisten aus Deutschland in die Kommandanturen versetzt. Wichtig war für die Besatzer, einheimische Kollaborateure zu gewinnen. Sie konnten bei ihren Landsleuten unerkannt Informationen sammeln über Spione, untergetauchte Soldaten der Entente, und im Untergrund agierenden Widerstand.


Leben im Dreiklang: Hunger - Zwang - Demütigung


Wie sah der Alltag unter der Besatzung für die Zivilbevölkerung aus? Sie war einem strengen Reglement unterworfen, erhielt keine Nachrichten aus dem unbesetzten Frankreich oder dem neutralen Ausland. Man lebte fremdbestimmt und überwacht, musste in der Regel Zwangsarbeit leisten und Hungern. Am schlimmsten war der allgemeine Mangel, der Hunger traf dabei vor allem die Ältesten und Jüngsten, Städte stärker als Dörfer. Ohne internationale Hilfe neutraler Staaten - wie aus den bis 1917 neutralen USA - wären dem Hunger und Krankheiten viel mehr Menschen zum Opfer gefallen
Aushang der Kommandantur Valenciennes (Bundesarchiv)
. Durch die internationale Hilfe wurden in Nordrankreich und Belgien regelmäßig 6 Millionen Menschen versorgt, darunter 1,5 Millionen Kinder. Die permanenten Requirierungen der Besatzer betrafen nicht nur Lebensmittel, auch Haushaltsgegenstände, wie Bettgestelle, Öfen oder Matratzen mussten abgegeben werden. In der Großstadt Lille, durften nur über 65-Jährige ihre Betten behalten. 


In der Folge wachsender Versorgungsprobleme kam es immer wieder zum Ausbruch von Epidemien in der Zivilbevölerung. So brachen in Lille im Jahr 1915 gleichzeitig Typhus, Diphterie, Scharlach und Masern aus. Die Besatzer schoben darauf hin 100 französische Kinder in die Schweiz ab. Zunehmend erlaubte man Alten, Frauen und  Kindern die Ausreise in das unbesetzte Frankreich. Sie mussten allerdings den Transport mit der Bahn aus eigener Tasche bezahlen. Sie verlorane dabei ihre gesamte Habe, Häuser, Höfe und Felder. Die Ausreisenden wurden zuerst über Belgien nach Deutschland transportiert und später dann über die neutrale Schweiz ins unbesetzte Frankreich weitergeleitet. Im freien Frankreich angekommen, erlebten sie oft die Ablehnung durch Einheimische. Viele Flüchtlinge mussten in Lagern leben und wurden von der Bevölkerung gehässig als 'Boche du Nord' (Schimpfwort für Deutsche) verhöhnt. In Paris fielen sie oft wegen ihrer altmodischen Kleidung aus der Vorkriegszeit auf und wurden verspottet. Trotzdem kehrten nach Kriegsende nicht aller in die alte Heimat zurück. Insgesamt sollen etwa 200 000 Menschen aus dem Nordosten Frankreichs abgeschoben worden sei - zu ihnen gehörte auch meine Großmutter Flore.

Alle Männer in den Besatzungsgebieten zwischen 16- und 60 Jahren wurden, wenn sie nicht freiwillig für die Besatzer arbeiteten, ab 1916 in sogenannte "Zivil-Arbeiter Bataillone (ZAB)" eingezogen. Sie kamen in Lager, die mit Absicht weit entfernt von ihren Wohnorten lagen, viele wurden sogar ins Deutsche Reich deportiert. Man geht von mindestens 100 000 Zwangsarbeitern aus, die in Deutschland eingesetzt wurden - darunter befanden sich auch
Fröhliche Zwangsarbeiterinnen? - Propagandabild (Bundesarchiv)
Arbeit junge Mädchen und Frauen. Es gab in Siegburg bei Bonn ein spezielles Frauengefängnis, in dem man 600 Französinnen inhaftierte. Sie waren wegen angeblicher Spionage oder anderen Vergehen von den Besatzern zu Haftstrafen verurteilt worden.  (4) Viele der Deportierten starben aufgrund der katastrophalen Lebensbedingungen in den Arbeitslagern. In den Fabriken wurden sie von deutschen Vorarbeitern oft schikaniert und manche auch geschlagen. Man hatte den Deutschen eingetrichtert, es handele sich bei den Gefangenen um gefährliche Verbrecher. Wer die Qualen überlebte, litt oft noch nach Kriegsende unter gesundheitlichen und seelischen Problemen.




Einquartierung - Propagandabild (Bundesarchiv)
Meine Großmutter Flore, die den Krieg als 14-jähriges Mädchen in ihrem Dorf St.Benin erlebt hatte, erzälhe uns 60 Jahre später am liebsten über komische Erlebnisse mit den Besatzern. (http://1913familienalbum.blogspot.de/2014/08/le-cateau-1914-der-krieg-kommt-zu.html ) So habe eines Tages ein bei ihrer Mutter einquartierte deutscher Soldat versucht, ein ‚Spiegelei’ zu bekommen. Die Mutter verstand nicht, was er wollte und so schleppte der Soldat aus dem Wohnzimmer einen Spiegel heran. Dann zeigte er darauf und nahm ein Ei – sie begriffen aber nicht, was er meinte. Auf Französisch nennt man ein Spiegelei, einfach "oef frit" - gebratenes Ei. Lachend erzählte sie auch von dem Soldaten, der seinen Hund im Haus immer laut "Ruhig!" rief – deshalb glaubten sie, dies sei sein Name. Solche Geschichten erzählte die alte Frau und lachte dabei wie ein junges Mädchen. 
 

Militiärkontrolle (Bundesarchiv)
Über schlimme Erlebnisse sprach sie nur selten. So erzählte sie einmal davon, wie sie mit ihrer Mutter Ende August 1914 während der Schlacht von Le Cateau mit im winzigen Keller des Häuschens in der Rue Faidherbe im Dorf St-Benin Schutz vor dem Beschuss gesucht hatten. Tief in ihr Gedächtnis eingeprägt - sie weinte, als sie uns davon erzählte - sprach sie davon, wie sie durch deutsche Soldaten verhaftet wurde. Die damals 14-Jährige war eines Tages außerhalb ihres Dorfes von einer Militärkontrolle angehalten und festgenommen worden, da sie keinen Passierschein besaß. Kein Zivilist durfte damals seinen Wohnort ohne Genehmigung verlassen. Die Soldaten nahmen das junge Mädchen mit und sperrten sie mehrere Tage lang ein. An einem Morgen sah sie aus ihrem Zellenfenster, wie im Innenhof ein Mann hingerichtet wurde. Sie erzählte, es habe sich wohl um einen deutschen Flieger gehandelt, der Desertiert und wieder eingefangen worden sei. Ob es so war, weiß ich nicht, allerdings wurden während des Krieges im besetzten Frankreich etwa 300 Todesurteile vollstreckt, darunter 11 an Frauen. (5)

Die Ausgangsbeschränkungen für die Zivilbevölkerung waren rigide, man brauchten sogar einen Passierschein, um auf die Felder zur Arbeit zu gelangen. Reisen waren in der Regel für Zivlilisten verboten - der Besuch von Kranken etwa, wurde nicht genehmigt. Die Benutzung eines Fahrrades war Zivilisten ebenso verboten, wie das Telefonieren. Es bestand keine Möglichkeit, Briefe in das unbesetzte Frankreich zu schicken. Mit ihrem harten Regiment wollten die Besatzer die Menschen buchstäblich unterwerfen. Außerdem grassierte bei den Deutschen allgemeine Furcht vor Spionen, Man schreckte auch nicht vor Terror zurück. So wurden im März 1916 Frauen und junge Mädchen aus der Stadt Lille deportiert, Historiker beurteilen solche Methoden heute als "ebenso zufällig wie grausam - vollkommen sinnlos". (6) In ländlichen Gebieten wurden später auch Kinder zur Zwangsarbeit auf den Feldern eingesetzt. Oft ging es bei den Schikanen darum, der Zivilbevölkerung ihren Stolz zu nehemen. So wurden ab 1915 die Namen von Straßen- und Plätzen eingedeutscht. In einigen Regionen war es der Zivilbevölkerung verboten, in der Öffentlichkeit Französisch zu sprechen. An jedem Haus wurde eine Liste der Zahl der Bewohner mit Angabe ihrer Berufe ausgehängt. Alle wehrfähigen Männer mussten sich regelmäßig auf der Kommandantur melden. Jeder Landwirt mit war gezwungen, den Besatzern eine Liste der Tiere auf seinem Hof abzuliefern, kein Tier durfte ohne Genehmigung verkauft werden. Den Taubenzüchtern wurde befohlen, alle Vögel zu töten – die Besatzer fürchteten, sie könnten zur Spionage genutzt werden. Als sich in Le Cateau ein Züchter weigerte, wurde er öffentlich hingerichtet. (7) 

Viele Regelungen oder Beschränkungen dienten damit der Demütigung und oft der Befiedigung der Machtgelüste örtlicher Militärkommandanten.
Die Besatzer ließen es sich gut gehen (Bundesarchiv)
So befahl einer von ihnen in einem Dorf, dass jeder Franzose auf der Straße vor einem Deutschen den Hut zu ziehen habe. Verstieß jemand, wurde er mit 20 Mark Strafe (damals eine hohe Summe) oder drei Tagen Gefängnis bestraft. Kriegsgefangene französische und britische Soldaten wurden von den Besatzern mit Absicht durch die Städte getrieben - um die Zivilbevölkerung zu demütigen. Ein Franzose wurde ins Gefängnis geworfen, weil er vor den Gefangenen seinen  Hut gezogen hatte. Es war Verboten, dass Zivilisten im Gespräch mit einem deutschen Offizier die Hand in der Hosentasche behielt. Wer an den von der Kommandanten angeordneten Paraden und Aufmärschen nicht teilnahm, wurde zwei Wochen lang eingesperrt, auf den Straßen durften nicht mehr als drei Zivilisten zusammen stehen. Wer in der Öffentlichkeit die Farben der französischen Trikolore trug, kam ins Gefängnis. Für alle Zivilisten galt täglich ein Ausgehverbot zwischen 18 Uhr und 7 Uhr am nächsten Morgen. Wer in dieser Zeit im Haus Licht machte, wurde bestraft.


Der tägliche Überlebenskampf beherrschte den Alltag, denn vor allem in den Städten war die Versorgungslage katastrophal. Pro Tag bekam die Zivilbevölkerung pro Jopf 150 Gramm Roggenmehl und 250 Gramm Kartoffeln. Fleisch gab es höchstens einmal die Woche – 150 Gramm. Überall blühte der Schwarzhandel und die Kriminalität breitete sich aus, die allgemeine Moral sank und nicht wenige Frauen versuchten, mit Prostitution sich und ihre Kinder zu ernähren - oft kämpften ihre Männer auf französischer Seite, waren gefallen oder in detuscher Gefangenschaft. In Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" findet sich eine Szene, in der deutsche Soldaten dafür Französinnen mit Brot und Wurst 'bezahlen'. Der 1928 erschienene Roman "Schlump" von Hans Herbert Grimm bietet ebenfalls Einblicke in das Leben in den besetzten Gebieten

Nach der Befreiung Ende 1918 kam es jedoch nicht zur blutigen 'Abrechnung' mit Kollaborateuren. Die Frauen, die sich im Ersten Weltkrieg mit den Besatzern eingelassen hatten, kamen meist glimpflich davon, wurden vielleicht sozial geächtet, und manchmal auch körperlich mißhandelt - aber dies erreichte nie das Ausmaß, wie 1944 nach der Befreiung. Die zwischen 1914-1918 unehelich geborenen Kinder wurden von den Standesämtern ohne Angabe der Vaterschaft registriert. Man geht von etwa 10 000 Kindern aus, die aus solchen deutsch-französischen Beziehungen stammte. Während der Besatzung stieg die Zahl der Abtreibungen stark - es gibt allerdings darüber keine sicheren Zahlenangaben. Als sich die Deutschen 1918 zurückziehen mussten, versuchten einige Soldaten den französischen Müttern die von ihnen gezeugten Söhne (!) abzukaufen. Zwar waren Eheschließungen deutscher Soldaten mit Französinnen nicht direkt verboten, aber man versetzte sie umgehend an die Ostfront. (7a)  


 

Widerstand und Fluchthilfe

 

Nach Munitions-Explosion in Lille: 1000 Mark Belohnung für Informationen
Organisierten Widerstand, wie in der ‚Resistance’ im Zweiten Weltkrieg, gab es während des Ersten Weltkrieges nicht. Ein Grund dafür war die große Zahl deutscher Soldaten vor Ort. Es entstanden in den ersten Kriegsmonaten aber kleine Gruppen, die etwa der deutschen Propaganda etwas entgegensetzen wollten. Im September 1914 erschien in Lille die von der Besatzungsmacht heausgegebene "Gazette des Ardennes" (4000 Exemplare - 1917: 175 000). Dbei wurde sie von einem französischen Journalisten unterstützt. Im Gegenzug erschien Anfang 1915 das von einer kleinen Widerstandsgruppe in Lille produzierte "Le Journal des occupés...inoccupés". Das wenige Seiten umfassende Blatt zirkulierte nur in 80 Exemplaren, vor allem unter den gebildeten Schichten - aber seine Nachrichten wurden auf vielen Wegen weitergegeben. Die franzöische Gruppe in Lille nutzte dazu einen Funkempfänger. Damit emfping man die, Informationen des vom Eiffelturm in Paris ausstrahlenden Senders. Sie wurden von dort mit dem Morse-System verbreitet, ein Vorläufer des Radios. Die Widerstandgruppe versuchte ihrerseits Informationen aus den besetzten Gebieten ins das freie Frankreich zu funken. In der Folge kam es zu Sabotageaktionen oder Luftangriffen der Entente etwa auf Bahnstrecken.  

Wichtig waren die Organisationen, die versprengten Soldaten der britischen Armee zur Flucht verhalfen. Auch junge Franzosen im wehrfähigen Alter versuchten den Deutschen zu entkommen, da sie festgenimmen und wie Kriegsgefangene behandelt wurden. Ende 1914 entstand so eine verzweigte Untergrundorganisation, die diesen Männern über Belgien zur Flucht in die neutralen Niederlande verhalfen. Damals waren nach den Grenzschlachten und den oft chaotischen Rückzugsgefechtenviele britische und französische Soldaten von ihren Einheiten versprengt und versteckten in Wäldern, Bauernhöfen - aber auch Städten. Die Helfer lebten dabei immer in der Gefahr der Todesstrafe, die die Besatzungsmacht dafür androhte. So forderten ab Herbst 1914
deutsche Plakate die untergetauchte Soldaten der Entente auf, sich bis zum 4. Dezember zu stellen – danach werde jeder gefasste Soldat wie ein Spion behandelt und erschossen werden. (8) Gemeinden, die Versprengten halfen, wurden mit hohen Geldstrafen belegt und ihre Honoratioren mit Deportation bedroht. Im Februar 1915 verkündete der deutsche Kommandant von Nouvion en Thierache, auf seinen Befehl habe man elf versteckte britische Soldaten zusammen mit ihren Unterstützern festgenommen und exekutiert. (9) An der Suche nach Untgergetauchten, beteiligten sich in Zivil auftretende deutsche  Agenten. (10) Im Sommer 1915 wurden alleine in Lille 200 angebliche Fluchthelfer festgenommen, der Chef der Gruppe, Eugène Jacquet, wurde deshalb am 22. September hingerichtet – heute erinnert in der Stadt ein Denkmal an ihn und seine Helfer. (11) Auch Frauen beteiligten sich an diesem Widerstand, am bekanntesten wurde die britische Krankenschwester Edith Cavell, die 1915 wegen Spionage von den Besatzern hingerichtet wurde. 

Kriegsende - Narben

 

Im September 1918 brach die deutsche Westfront weitgehend zusammen, das kaiserliche Heer zog sich in Richtung Deutschland zurück. Dabei hinterließ es eine Spur der Verwüstung. Noch einen Tag bevor Lille am 17. Oktober befreit wurde, sprengte deutsches Militär dort Brücken und Bahngleise. Die Bevölkerung wurde sogar noch aufgefordert, für deutsche Soldaten Unterwäsche abzuliefern. (12) Zehn Tage, nachdem die ersten britischen und französischen Truppen die seit vier Jahren besetzte Stadt befreit hatten, nahm am 28. Oktober der britische Munitionsmininster, Winston Churchill, die Siegesparade der Entente in Lille ab. 

Bei ihrem Rückzug setzten die Deutschen die Innenstadt von Cambrai in Brand und vertrieben die Bevölkerung. Für viele von ihnen war diese Zeit voller Not, überall grassierte die 'Spanische Grippe'. Viele Menschen starben daran, vor allem weil sie vom Hunger geschwächt waren und das betraf am härtesten Kinder und Alte. Oft wurde die Zivilbevölkerung von den Deutschen gezwungen, den abziehenden Besatzern zu folgen. Da sie aber in dem Chaos kaum verpflegt wurden, fand man viele, die am Straßenrand gestorben waren. (13) Im Herbst 1918 kehrte außerdem der Krieg in die besetzten Regionen zurück, die bereits im August 1914 verwüstet worden waren. So war es auch bei Le Cateau und St. Benin - die Region wurde erneut zum Kampfgebiet. Die Opfer der Schlacht am Flüßchen Selle findet man überall auf den Friedhöfen, so etwa auch auf dem kleinen Dorffriedhof von St. Benin. Dort liegen in einer Reihe die Gräber australischer Soldaten, die 1918 hier gefallen waren. Das weinge Kilometer entfernte Le Cateau wurde bei den Rückzugskämpfen schwer in Mitleidenschaft gezogen.


Nach der Befreiung registrierte man in Lille, das fast alle Kleinkinder Untergewicht hatten, 80% der Jugendlichen litten unter Entwicklungsstörungen - viele unter Tuberkulose - junge Mädchen kamen später in die Pubertät. Noch 20 Jahre nach Kriegsende konstatierte ein Beobachter, die Generation der Kriegskinder in Nordfrankreich sei geschwächt und körperlich sowie geistig "ruiniert". (14) Der Sieg war für die unter Besatzung Lebenden bitter erkauft, ihre Erlebnisse interessierten die Franzosen im freien Teil des Landes nicht - und so schwiegen die Betroffenen über ihre Erlebnisse.


Schlachtfeld 1916
Die Zurückkehrenden fanden eine zerstörte Heimat vor. Standen ihre Häuser, Wohnungen oder Bauernhöfe noch, dann lebten darin jetzt andere - zumeist auch Flüchtlinge. Die Felder waren vom Krieg verwüstet und überall mussten die Spuren der Kämpfe beseitigt werde - dazu gehörten auch die vielen Toten. Insgesamt stellte man in den einst besetzten Gebieten einen Bevölkerungsrückgang gegenüber 1913 von 8% bis 50% fest. Es mussten daher zur Räumung der Schlachtfelder Arbeiter aus Indochina angeworben werden, ab 1919 setzte man dazu auch deutsche Kriegsgefangene ein. Diese Arbeiten liefen noch, als 1939 der Zweite Weltkrieg begann und die Region zwischen 1940-1944 erneut Besetzt wurde. 

Meine Großmutter Flore kehrte nach 1918 in die Heimat zurück wurde Arbeiterin in einer Mühle und später in einer
Verdun 1964
Fabrik für Keramikfliesen. Sie heiratete und bekam 1923 eine Tochter, doch der Krieg ließ sie nicht frei. Ihr Mann Clotaire starb zehn Jahre nach Kriegsende an einer Gasvergiftung, die er im September 1918 bei Cambrai erlitten hatte. Im Mai 1940 kehrten dann die Deutschen - diesmal die Nazi-Wehrmacht - zurück in ihre Region. Sie erzählte, dass sie im Sommer 1940 in Lille auf dem Marktplatz einen großen Aufzug deutscher Offiziere sah. Unter ihnen sei einer mit "einem Bart wie "Charlot" (Charlie Chaplin) gestanden. Es war Adolf Hitler, der die Region besuchte, in der er während des Ersten Weltkrieges als Melder hinter der Front gelebt hatte... 



Auf Youtube kann man die spannende Dokumentation von Olivier Sarrazin aus dem Jahr 2014 sehen. Hier wird auf die Besatzungseit eingegangen: "Der ferne nahe Krieg" 
 
 



(1) www.wegedererinnerung-nordfrankreich.com - Homepage der Region Pas de Calais.

(2) Helen McPhail: The long silence, Tauris Publisher, 2001 S. 41

(3) siehe Anmerkung 2

(4) https://de.wikipedia.org/wiki/Haager_Landkriegsordnung 

"In den Artikeln 42 bis 56 sind Regelungen zum Verhalten einer Besatzungsmacht auf besetztem feindlichen Gebiet festgelegt. Ein Besatzer ist unter anderem verpflichtet, die öffentliche Ordnung und das öffentliche Leben wiederherzustellen und aufrechtzuerhalten (Artikel 43). Die Bevölkerung eines besetzten Gebietes darf nicht zu Kriegshandlungen gegen ihr eigenes Land gezwungen werden (Artikel 44 beziehungsweise 45 in den Fassungen von 1899 beziehungsweise 1907). Entsprechend Artikel 44 der Fassung von 1907 ist es darüber hinaus verboten, die Bevölkerung eines besetzten Territoriums zu Herausgabe von Informationen über das eigene Heer oder über dessen Verteidigungsmittel zu zwingen. Die Einziehung von Privateigentum ist ebenso verboten wie Plünderungen (Artikel 46 und 47). Kollektivstrafen an der Bevölkerung für die Taten Einzelner sind verboten (Artikel 50)."

(4) siehe Anmerkung 2 

(5) Larissa Wegener, Occupation during the war, International Encyclopedia of the Forst World War, Juni 2016

(6) Jean Jacques Becker/Gerd Krumeich, Der große Krieg, Klartext Verlag, 2010, S. 86ff.

(7) McPhail, a.a.O. S.

(7a) Wegener a.a.O

(8) Mc Phail a.a.O S. 27

(9) a.s.O. S. 30 ff

(10) a.a.O. S. 42 ff

(11) ebenda S. 120 ff
(12) ebenda S. 190 ff
(13) a.a. O 199ff 
(14) ebenda. S. 204ff