Montag, 16. Februar 2015

1945: Dresden - Panorama des Untergangs einer Stadt


Es ist der 13. Januar 1945 - Faschingsdienstag. Um 21.45 Uhr wird in Dresden Luftalarm ausgelöst.* Die Nacht ist wolkenlos und kalt. Eine Viertelstunde später, um 22.03 Uhr, leuchten über dem Zentrum der Stadt die ersten "Christbäume". So nannte man die von alliierten Fliegern abgeworfenen Leuchtzeichen, die als Zielmarken für die nachfolgenden Bomber dienten. Innerhalb von nicht einmal einer Viertelstunde verwandeln die den 'Pfadfindern' folgenden 244 Lancaster Bomber der ersten Staffel der Royal Airforce das Stadtzentrum in ein Inferno aus Flammen, Rauch und Trümmern. 
Fotoaufnahme nach dem Angriff
Um 1.23 Uhr erreichte dann die zweite Welle der RAF das Stadtgebiet. Bis zum 15. Januar wurde Dresden insgesamt viermal von Bombern angegriffen. 


Dresden war vor dem Krieg mit knapp 630 000 Einwohnern (1939) die siebtgrößte Stadt des deutschen Reiches. Bis zum Sommer 1944 hatte die Stadt nur wenige Fliegerangriffe erlebt. Dresden lag bis zu diesem Zeitpunkt außerhalb der Reichweite alliierter Bombergeschwader. Die deutschen Militärbehörden entschieden sich deshalb Ende 1944, die leichten und  schweren Flakbatterien aus der Stadt ins Ruhrgebiet zu verlegen. Damit lieferten sie Dresden faktisch schutzlos den Bombern aus. Auf dem nahegelegenen Wehrmachtsflughafen Klotzsche standen nur wenige Jäger und ihnen fehlte es an Treibstoff. Die NS-Verantwortlichen wollten andererseits die Elbe zur letzten Front gegen die Rote Armee machen und die dort liegenden Städte zu "Festungen" ausbauen, die der Volkssturm verteidigen sollte. Anfang Dezember 1944 erließ Generaloberst Heinz Guderian den Befehl, rund um Dresden Verteidigungsstellungen zu errichten. In der Stadt befanden sich Anfang 1945 eine Infanteriedivision, Einheiten von Waffen-SS, Luftwaffe und Marine. 


 

 

"DRESDEN 1945 - Tragik und Hoffnung einer europäischen Stadt"


Den Besucher beeindruckt die zylindrisch gebaute Rotunde des 1880 erbauten Gasometers im Stadtteil Reick, nur wenige Kilometer von Dresdens Innenstadt entfernt. Hinter dem Eingangsbereich beginnt eine Ausstellung, die an Hand von Einzelschicksalen über die Nazizeit in Dresden informiert. Vorbei an Wänden, auf die Filmaufnahmen fallender Bomben projiziert werden, erreicht man die große Halle im Inneren des einstigen Gasometers. An den Wänden der Rotunde sind auf 3000 Quadratmetern über 107 Meter die Planen mit dem Panorama des untergehenden Dresdens befestigt. Das Dach in etwa 40 Metern Höhe sieht man nur undeutlich, da es hier ziemlich dunkel ist.
In der Mitte der Raumes steht ein etwa 15 Meter hoher Stahlturm, auf dessen Plattformen der Besucher das Panorama der brennenden Stadt betrachten kann. Neben der Dunkelheit in der Rotunde löst auch die Geräuschkollage der Lautsprecher Beklemmungen aus. Zu dem Dröhnen der Flugzeuge und den Explosionsgeräuschen hat Eric Babak eine unheimlich-sphärische Musik komponiert.  

„© asisi“
„© asisi“
Schöpfer dieses Panoramas über den Untergang der barocken Innenstadt von Dresden ist Yadegar Asisi. Der Architekt und Künstler lebt heute in Berlin.  Er kam 1955 in Wien als Kind iranischer Eltern zur Welt und wuchs zu DDR-Zeiten in Leipzig auf. Heute lehrt er an der Hochschule für Technik in Berlin. Er hat das moderne Konzept für die Ausstellung großer Panoramen entwickelt und will damit diese alte Tradition neu beleben: "Das Panorama war das erste visuelle Massenmedium". Am Ende des 19. Jahrhunderts seien sie überall in europäischen Metropolen eine Publikumsattraktion gewesen, betont Asisi. Damals habe man hauptsächlich bedeutende Schlachten oder ferne Länder dem Publikum präsentiert. "Ihre Popularität endete mit der Erfindung der bewegten Bilder, des Kinos." Asisi kritisiert, der Mensch werde heute über die Medien mit Reizen überflutet und komme kaum noch dazu, etwas bewusst zu betrachten: "Die Panoramen  sind deshalb für mich eine Art Gegenbewegung. (...) Da gibt es nur ein Bild, in das man eintauchen kann. Der Betrachter selbst bestimmt, wie lange er diese oder jene Stelle betrachtet."  


Asisi hat bisher neun Panoramen konzipiert, die in fünf Städten realisiert worden sind. Für den Ausstellungsort im alten Gasspeicher von Dresden prägte er den Namen "Panometer" - ein Mix aus Gasometer und Panorama. Dort hatte er zuvor mit dem Projekt "Dresden 1756" großen Erfolg. Dieses Panorama erweckte die einstige Pracht der Residenzstadt August des Starken optisch erneut zum Leben. Dazu wurden als Vorlagen Bilder des Malers Canaletto (Bernardo Bellotto) verwendet. Um das Panorma mit Leben zu fülle, zogen Komparsen Kleidung der Epoche an, wurden dann fotografiert und danach in die Straßenszenen des Panoramas per Computer eingefügt. Deshalb wirkt das Barock-Panorama nicht wie gemalt, sondern wie eine 360° Fotografie der Stadt an der Elbe. Asisi erweckt sie für einen Tag zum Leben, diesen Effekt erzielte er durch wechselnde Beleuchtung und Geräuschkollagen. Das Morgenlicht begrüßt ein Hahnenschrei, den Mittag läuten Kirchenglocken ein und am Abend wird es einfach ruhig in der Stadt. Wer dieses Panorama gesehen hat, den erschüttert das neue Projekt über den Untergang Dresdens im Februar 1945.   http://www.asisi.de/de/homepage.html


In der großen Halle des Gasometers wirkt das Panorama an den Wänden der Rotunde erst einmal auf den Betrachter irritierend.Gedruckt auf Polyester-Planen, sehen die Bilder vom Boden betrachtet verzerrt aus. Den richtigen Blick erhält man erst von einer der Aussichtsplattformen. Das Panorama zeigt den Blick auf die Innenstadt, vom Standort des Turm des Dresdner Rathauses am Rand der Altstadt. Zeitpunkt: Nachmittag, 15. Februar 1945. Die letzten britischen Bomber hatten ihren Angriff beendet und waren abgeflogen. Die Innenstadt brannte an allen Ecken und Enden. Asisi geht es dabei aber nicht um eine dokumentarische Momentaufnahme der Stadt. Das Panorama erhebe nicht den Anspruch auf hunderprozentige faktische Adäquatheit, betont der Pressesprecher. Die Macher verließen sich bei der Recherche nicht alleine auf zugängliches Archivmaterial. Über einen öffentlichen Aufruf wurden Zeitzeugen gebeten, ihre Bilder und Dokumente zur Verfügung zu stellen - 70 Dresdner folgten der Bitte. Darüber hinaus arbeitete man eng mit historischen Beratern zusammen, betont der Pressesprecher.



Den Besucher ziehen die in blau-grauen Farbtönen gehaltenen Bilder sofort in ihren Bann.
Das Hallbdunkel und die Tonkollagen wie auch die Musik verstärken das bedrückende und unheimliche Gefühl, das sich schnell einstellt. Fast automatisch spricht man nur noch im  Flüsterton miteinander oder schweigt. Dem Betrachter erscheint es, als würden die Rauchschwaden im Feuersturm vorbeiziehen und Brände wild auflodern. Dieser Effekt wird durch die wechselnde Beleuchtung und Lichtblitze erzielt, die die Bombeneinschläge simulieren. Gebannt vom Blick auf das Geschehen verliere im Halbdunkel fast meine Begleiterin aus den Augen.

Viele Besucher treffen ihre Freunde oder Angehörigen oft erst am Fuß des Aussichtsturmes wieder und wirken zumeist sichtlich erschüttert. Kein Wunder, die Bilder der brennenden Innenstadt Dresdens erinnern an die mittelalterlichen Höllen- und Alptraumvisionen des Malers Hieronymus Bosch. Aber die Ausstellung belässt es nicht alleine bei der emotionalen Wirkung."Asisí stellt mit Dresden 1945 nicht die Opfersituation Dresdens in den Vordergrund, sondern lenkt den Blick auf einen weiteren Kontext: Schon mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 hatten die innere Zerstörung Dresdens, die Vernichtung von zig Menschenleben und ab 1939 zahlreicher Städe in Europa begonnen", erläutert der Pressetext. Dazu dienen auch die Stelen mit Informationen über Einzelschicksale. Anhand alter Fotos wird die Geschichte Dresdner Juden und einiger Nazi-Gegner erzählt, von Kindern, die ihre Eltern im Feuersturm verloren. Ein Dokument zeigt das nach dem Angriff von der NS-Verwaltung benutztes Formular zur Erfassung der Opfer. Akribisch sollten Namen, Adressen und die Todesursachen erfasst werden. Auch im Untergang blieb die deutsche Bürokratie gründlich... 



Besonders ein Bild prägte sich mir ein, weil es irritiert: Vor einem zerstörten Haus, oberhalb einer ausgebrannten Straßenbahn, fliegen zwei bunte Papageien über die brennenden Stadt. Phantasie oder Realität? Auf Nachfrage teilt mir das Projektbüro dazu mit: "Sie symbolisieren die Freiheit, die nur durch die Zerstörung möglich wurde (wie z.B. bei inhaftierten Juden und Sozialdemokraten oder Kommunisten)." Darüber hinaus lägen dem Bild entsprechende Erlebnisberichte von Zeitzeugen zugrunde. Tiere aus dem zerstörten Zoo wären umhergeirrt, zumeist dann im Inferno umgekommen. 
Vor vielen Jahren las ich den Roman: "Schlachthof 5" des US-Schriftstellers, Kurt Vonnegut. Im Buch verarbeitet er auf teilweise ziemlich bizarre Art die Wirkungen, die der Angriff auf Dresden bei ihm einst auslöste. Vonnegut war als Kriegsgefangener in der Stadt, als sie Bombardiert wurde. Der Roman ist eine teilweise groteske Kollage aus Kriegsdrama, Satire auf die spießige US-Mittelschicht der 60ies plus schräge Science-Fiction-Story. Im Hintergrund steht der Mensch, der das Erlebte nichtlos wird, sein Leben lang unter dem Trauma leidet. 


Der letzte Triumph des Joseph Goebbels


In der Ausstellung wird auch auf die Entwicklung nach dem Krieg behandelt. In der DDR wollte man einen modernen und funktionalistischen Wideraufbau der Innenstadt. Damit sollte man auch ein Zeichen für den Triumph des Sozialismus über den maroden Kapitalismus in Beton gegossen werden.
Die Innenstadt nach Beseitigung der Trümmer in den 1950ern 
Deshalb prägen heute noch große Plattenbauten, breite Ausfallstraßen und die einstige 'Stalin-Allee' die Innenstadt. Mittlerweile haben aber Kaufhäuser und Shopping-Center ihren 'Siegeszug' auch hier vollendet. An vielen Stellen wirkt das Zentrum unpersönlich - wie die meisten deutschen Innenstädte. Rund um die wieder aufgebaute Frauenkirche hat man dagegen Gebäude im alten Stil neu hochgezogen. Keine einzige Ruine blieb im Zentrum als Mahnmal stehen - als wollte man die ungeliebte Geschichte tilgen. Umgehend machten sich nach der 'Wiedervereinigung'  Politiker, Stadtplaner und Architekten aus West- und Ost daran, das alte Dresden wiederauferstehen zu lassen.Viele Dresdner begrüßten es, man wollte endlich die hässlichen Wunden des Krieges - und damit die Mahnung vergessen machen. Während etwa in meiner Heimatstadt Hamburg heute zumindest noch die Ruine der durch den Bombenangriff 1943 zerstörten Nicolai-Kirche als Mahnmal steht, zieht man in Dresden eine Art 'Disney-Barock' vor. Der Zuspruch durch Touristen scheint ihnen leider auch noch Recht zu geben.


Einerseits pflegt man in Dresden einen ausgeprägten Opfermythos im Zusammenhang mit dem Bombenangriff, andererseits verdrängt man, wer der Urheber der Legende ist. Das Thema wird auch nicht in der Ausstellung im 'Panometer' behandelt. Nach der Zerstörung Dresdens witterte NS-Propagandaminister Joseph Goebbels umgehend die Chance für einen letzten Propaganda-Coup. Er ließ seinen Propagandaapparat anlaufen, der die Presse vor allem im neutralen Schweden mit Horrorzahlen von mehreren hunderttausend Opfern des Angriffs versorgte. Die Zahl der Toten lag deutlich niedriger, das war Goebbels zumindest bekannt. Am 6. März 1945 bezifferte er die Verluste auf einer Konferenz in Görlitz auf geschätzte 40 000 Tote. In seiner Propagandawerkstatt wurde auch der Mythos des angeblich militärisch sinnlosen Bombenterrors auf die Kulturstadt durch Briten und Amerikaner geschaffen.

Goebbels überlebte zwar das Kriegsende nicht, die von ihm in die Welt gesetzten Mythen über Dresden dagegen schon. Vielen Deutschen kam es, angesichts des Holocausts gerade recht, den Alliierten mit Dresden ihre eigenes Kriegsverbrechen vorhalten zu können. So musste man sich dem von Deutschen organisierten industriellen Massenmord nicht stellen: 'Die waren ja auch nicht besser'. Dieser Mechanismus funktionierte nicht nur in der BRD, auch in der DDR benutzte man die Folie der Goebbels-Propaganda als Vorlage. Hatte man in der DDR kurz nach Kriegsende noch die Mitschuld Deutschlands am Luftkrieg thematisiert, wurde dies im 'Kalten Krieg' ab 1950 ausgeblendet. Jetzt diente das Beispiel Dresden als Beleg für den barbarischen Kapitalismus amerikanischer Prägung. DDR-Politiker benutzten Nazi-Phrasen über die "anglo-amerikanischen Luftgangster". Die eigene Verantwortung Deutschlands für die Barbarisierung des Luftkrieges - kein Thema im Zusammenhang mit Dresden. Dabei waren die deutschen Bombardements von Guernica, Warschau, Rotterdam und Coventry die Beispielgeber für den Bombenterror.
Im Opfer-Mythos Dresden waren sich 'Wessis' und 'Ossis' erschreckend ähnlich.

„© asisi“

Nach 1989 dauerte es in Dresden fast 15 Jahre, bis 2004 eine Historikerkommission beauftragt wurde, die wirkliche Zahl der Opfer festzustellen. Mittlerweile hatte sich Dresden nämlich zum 'Wallfahrtsort' der Neonazis gemausert. Weitere sechs Jahre später veröffentlichten die Fachleute ihre Ergebnisse: Demnach fielen den Bombardement zwischen 18 000 und 25 000 Menschen zum Opfer. Zur Erinnerung: Bereits am 22. März 1945 hatte der Befehlshaber der Berliner Ordnungspolizei (ORPO) in Dresden insgesamt 18 357 "Gefallene" genannt. ** Im Bundesarchiv in Koblenz fand man den "Tagesbefehl 47", der von höchstens 25 000 Opfern des Bombenangriffs auf Dresden ausgeht.  

Wie der Mythos der bis 500 000 Toten in Dresden, so war es ebenso eine Lüge, die Stadt sei ein barockes Baudenkmal ohne militärischen Wert gewesen. Alleine ein Blick auf das umfangreiche Kasernengelände im Norden der Stadt - hier befindet sich das neue Militärmuseum - bezeugt das Gegenteil.
Militärmuseum auf dem Bundeswehrgelände
Dresden war 1945 ein bedeutender Industriestandort des Reiches, in rund 100 Fabriken arbeiteten etwa 50 000 Menschen für die Rüstung,wie etwa bei Zeiss Ikon. Dabei wurden auch Zwangsarbeiter eingesetzt und es gab hier Außenstellen der Konzentrationslager Flossenbürg und Auschwitz. Darüber hinaus war die Stadt ein großer Verkehrsknotenpunkt der Reichsbahn, über den nicht nur Militärzüge, sondern auch Transporte in die Vernichtungslager liefen.



Die Machthaber der DDR ließen die Ruine der zerstörten Frauenkirche als Mahnmal stehen, während die Semperoper zwischen 1977 und 1948 aufwändig restauriert wurde.
Ruine der Frauenkirche 1945
Nach der 'Wiedervereinigung' ging man im neuen Deutschland daran, alle Spuren an die DDR-Zeit zu tilgen. Während meines ersten Besuchs der Stadt, wenige Wochen nach Grenzöffnung, waren überall im Zentrum  noch Ruinen. 

An dem Gehweg der heutigen Ostra-Alle - stand in Sichtweite des 'Dresdner Zwingers' ein kleiner Gedenkstein für den spanischen Antifaschisten Julián Grimau. Die Straße trug damals noch seinen Namen. Der Kommunist Grimau war nach Francos Sieg im Jahr 1939 aus Spanien geflüchtet, kehrte aber 1959 illegal zurück. Er wurde 1963 verhaftet und trotz internationaler Proteste am 20. April 1963 mit dem Würgeeisen (Garotte) hingerichtet. *** Flugs wurde dieses Denkmal nach der 'Deutschen Einheit' beseitigt und der Name aus dem Stadtplan getilgt. 

Victor Klemperer legt Zeugnis ab

 

Für das Leiden der Opfer des NS-Regimes in Dresden, sind die Tagebücher Victor Klemperers ein eindrucksvolles Zeugnis. **** Im 'Panometer' suchte ich seinen Namen vergebens, keine Gedenkstele erinnert an diesen mutigen Chronisten. Dabei hatte er den Untergang der Stadt 1945 direkt im Stadtzentrum miterlebt.
Victor Klemperer nach dem Krieg
Klemperer hatte zwischen 1920 und 1935 als Professor an der Technischen Hochschule gelehrt. Die Nazis 'entfernten' ihn dann aus dem Staatsdienst, da er aus einer jüdischen Familie stammte. In seinen Tagebüchern schildert er die schrittweise Entrechtung der Juden Dresdens seit 1933 bis zum Ende des Krieges. Hatte die Jüdische Gemeinde 1933 etwa 5000 Mitglieder, so lebten bei Kriegsende noch 41 von ihnen in Dresden. 
In seinem Eintrag vom 22. Februar 1945 schildert der, mittlerweile mit seiner Frau nach Piskowitz bei Bautzen entkommene Klemperer, das Bombardement. Am Tag des Angriffs dachte er noch angstvoll daran, dass die NS-Behörden am kommenden Freitag alle noch in der Stadt lebenden Juden deportieren wollten. Das hätte mit Sicherheit den Tod des 64-Jährigen bedeutet und er wusste das. Auf den folgenden Seiten beschreibt er das Erlebnisse des Angriffs: "Die Straße war taghell und fast leer, es brannte, der Sturm blies (...)." Klemperer wird verletzt "etwas schlug glutheiß an meine rechte Gesichtsseite. Ich griff hin, die Hand war voller Blut, ich tastete das Auge ab, es war noch da." Er und seine Frau versuchten dem Feuer zu entkommen, sie liefen hinunter zu Brühlschen Terrassen oberhalb des Elbufers: "Ich stand dann oben, im Sturmwind und Funkenregen. Rechts und links flammten Gebäude, das Belvedere und (...) die Kunstakademie." Er hatte seine Frau aus den Augen verloren und irrte alleine weiter durch das brennende Dresden.   


„© asisi“

Von den Terrassen aus beobachtete er Menschen, die versuchten sich am Elbufer in Sicherheit zu bringen. Für ihn aber drohte noch eine ganz andere Gefahr: "ich getraute mich (...) nicht hinunter", denn Juden war der Aufenthalt hier verboten. Glücklicherweise fand er seine Frau wieder und erreichte mit ihr am 15. Februar den Wehrmachtsflughafen Klotzsche. Dorthin hatten sich viele Ausgebombte geflüchte. "Die Gefahr der Bomben und der Russen teile ich mit allen anderen; die der Stella ist meine eigene und die weitaus größere." Mit der 'Stella' war sein Judenstern gemeint, den er eigentlich offen tragen musste. Er hatte ihn aber mittlerweile vom Mantel entfernt. Ein Leidensgenosse hatte ihm dazu geraten, sonst "würde ich sofort ausgesondert und getötet" werden.

Die Bombardierung Dresdens rettete das Leben mancher Verfolgter, denn auch die Gestapo-Zentrale wurde getroffen. Die geplante Deportation der letzten 198 Dresdener Juden in die Vernichtungslager konnte deshalb nicht mehr durchgeführt werden.      


* https://de.wikipedia.org/wiki/Luftangriffe_auf_Dresden
**  Die ORPO umfasste alle uniformierten Polizeikräfte des Reiches, bis zur Kapitulation kommandierte sie SS-Obergruppenführer Alfred Wünnenberg. Er unterstand dem Reichsführer SS und Polizei, Heinrich Himmler.

*** https://de.wikipedia.org/wiki/Juli%C3%A1n_Grimau  

**** Victor Klemperer, Tagebücher 1945, Aufbau Taschenbuch-Verlag 1999, S.31 - 47

Dienstag, 10. Februar 2015

Charlie Hebdo - Mediale Leichenfledderer


Man mag es kaum glauben, zwei Tage nach dem Attentat auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" in Paris, gingen am 9. Januar 2015 beim Deutschen Marken- und Patentamt in München zwei Anmeldungen ein. Mit ihnen sollte der Slogan: "Je suis Charlie" für Bleistifte und T-Shirts als Marke rechtlich geschützt werden. Dies berichtete am 23.Januar 2015 die Fachzeitschrift "Werben und Verkaufen". 

Mediale Leichenfledderer, die in der Tragödie ein Geschäft wittern, gab es aber demnach nicht nur in Deutschland. So soll in Belgien jemand umgehend versucht haben, sich den Slogan für Weihnachtsbaumschmuck urheberrechtlich zu sichern. Wie üblich hinken wir da dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten hinterher, denn in den USA wurde noch am Tag des Attentats auf das World-Trade-Center der Begriff "September 11" als Marke angemeldet.

Am 27. Januar 2015 wurde an den 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz erinnert. Was für ein Glück, dass dies so lange her ist. Heute würde sofort jemand versuchen, sich die "Endlösung" und weitere Begriffe aus dem Wörterbuch des Unmenschen als 'Marke' zu sichern. Mir fällt dazu nur der Ausspruch des Malers Max Liebermann ein, den er am 30. Januar 1933 angesichts eines SA-Fackelzuges getan haben soll: "Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte." 
 


* Aus der Homepage des Marken und Patentamtes: http://www.dpma.de/marke/index.html

"Was ist eine Marke?

Eine Marke dient der Kennzeichnung von Waren oder Dienstleistungen eines Unternehmens. Schutzfähig sind Zeichen, die geeignet sind, Waren oder Dienstleistungen eines Unternehmens von denjenigen anderer Unternehmen zu unterscheiden. Das können z.B. Wörter, Buchstaben, Zahlen, Abbildungen aber auch Farben und Hörzeichen sein.

Markenschutz entsteht durch die Eintragung in das Register des Deutschen Patent- und Markenamtes. Vor der Eintragung muss die Anmeldung erfolgen. Markenschutz kann auch durch Verkehrsgeltung infolge intensiver Benutzung eines Zeichens im Geschäftsverkehr oder durch notorische Bekanntheit entstehen.

Mit der Eintragung der Marke erwirbt der Inhaber das alleinige Recht, die Marke für die geschützten Waren und/oder Dienstleistungen zu benutzen. Marken können vom Markeninhaber jederzeit verkauft und veräußert werden. Der Inhaber einer Marke kann überdies ein Nutzungsrecht an seiner Marke einräumen (Markenlizenz)
Das DPMA überprüft nicht, ob Ihre Marke in identischer oder ähnlicher Form bereits existiert. Sie sollten deshalb bereits im Vorfeld einer Markenanmeldung recherchieren, ob die gewünschte Marke Rechte Dritter verletzt. Sonst kann es sein, dass gegen Ihre Marke Widerspruch vor dem DPMA erhoben wird und sie eventuell zu löschen ist. Auch kann gegen Ihre Marke mit Abmahnung oder mit Klagen vor Zivilgerichten vorgegangen werden.
Eine Marke ist unbegrenzt verlängerbar. Sie kann sozusagen ewig leben. Wird die Verlängerungsgebühr nach jeweils 10 Jahren nicht mehr gezahlt, wird die Marke gelöscht."

Samstag, 31. Januar 2015

Sind SWR-Landesschau-Gucker desinteressierte Halbdackel? *


Wenn es keinen so tragischen Hintergrund hätte, könnte man folgendes für den Ausdruck tiefster Provinzialität beim öffentlich-rechtlichen Südwestrundfunk (SWR) halten.

7. Januar 2015, Paris, 11.30 Uhr: Zwei maskierte Männer dringen in die Redaktion des Pariser Satiremagazins "Charlie Hebdo" ein und erschießen dabei elf Menschen. In allen aktuellen Medien überschlagen sich bis zum Abend die Meldungen - ARD und ZDF bringen  Sondersendungen.

7. Januar 2015, Stuttgart-Mainz, 18. 45 Uhr: Wie an jedem Werktag gehen beim SWR die getrennt für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz produzierten "Landesschauen" live auf Sendung. In Stuttgart begrüßt der Moderator die Zuschauer mit dem Tagesthema: Im schwäbischen Rottweil werden jetzt die Masken für die anstehende Fastnacht "abgestaubt". Sein Kollege in Mainz eröffnet die Sendung mit dem Hinweis: Ski und Rodel gut, in den Wintersportgebieten von Rheinland-Pfalz. Auch später werden die Mordanschläge im benachbarten Frankreich nicht erwähnt. Es gibt keinerlei Hinweis auf die folgenden Sondersendungen.

    
23. Januar 2015, Stuttgart, 10.30. SWR-Jahrespressegespräch unter dem Motto: "Was die Menschen bewegt, bewegt den Südwestrundfunk".
Stefanie Schneider, Peter Boudgoust, 23.1.2015

SWR-Intendant Peter Boudgoust ließ in der dazu verteilten Pressemitteilung verlauten: "In  vielen Zeitungsredaktionen und öffentlich-rechtlichen Medienhäusern wurde der Vorwurf 'Lügenpresse' täglich Lügen gestraft. Auch die neuen Sendungen für das Jahr 2015 sind eine angemessene Antwort. Sie stehen für Regionalität und gesellschaftliche Relevanz."

Ein Jahr zuvor, am 11. Februar 2014 war es in der Jahrespressekonferenz auch um die Reformen im SWR-Vorabendprogramm gegangen. Während die Nachrichtensendung die doppelte Sendezeit (jetzt 30 Min) erhalten sollte, wurde die Landesschau um ein Viertel (nun 45 Min) verkürzt. Die von mir gestellte Frage, ob damit die Landesschau-Magazinsendungen künftig nur noch auf Unterhaltung getrimmt werden sollen, wich Boudgoust damals aus und übergab das Mikrophon an die scheidende Landessenderdirektorin für Baden-Württemberg, Ingrid Felgenträger. Zuerst verwahrte sie sich, im Charme eines "Drill Sergeant", gegen die Behauptung, die Landesschau bestehe bereits heute hauptsächlich aus Unterhaltung. Vielmehr bleibe die Landesschau auch künftig ein "journalistisches Angebot" mit politischen Themen, die aber anders präsentiert würden, als in den Nachrichten. **

Auf der SWR-Pressekonferenz am 23. Januar 2015 verkündete die neue Landessenderdirektorin, Stefanie Schneider, ihre Sicht von der Aufgabe des SWR-Programms: Es bilde die Welt ab, die Realität, die den Menschen vor den Augen stehe. "Wir zeigen, wie die Menschen hier damit umgehen."  

Gefragt, ob die Vorgänge am 7. Januar 2015 nicht meine damalige Befürchtung bestätigten, die Landesschau-Magazine würden zu entpolitisierten Unterhaltungssendungen degenerieren, wies man dies zurück. Allerdings räumte Stefanie Schneider ein, sie hätte sich den Umgang mit diesem Thema in der Landeschau Baden-Württemberg "etwas anders gewünscht. Da hätten wir einen Weg finden können." Auch SWR-Intendant Peter Boudgoust versuchte sich in Schadensbegrenzung. Er wies auf die schwierige Situation an diesem Tag hin, die Nachrichtenlage sei lange Zeit unklar gewesen. Dann fügte er aber hinzu, dass die Geschehnisse in Paris von den Moderatoren der Landesschauen hätten angesprochen werden sollen, "darin sei man sich hier einig". 

*https://de.wikipedia.org/wiki/Halbdackel
 **http://www.medienfresser.blogspot.de/2014_02_01_archive.html
       

Dienstag, 23. Dezember 2014

Ralph Giordano 1946


Ralph Giordano (Mitte) im Wohnzimmer meiner Oma 1946
Sommer 1946 - Hamburg liegt immer noch in Trümmern, britische Besatzungstruppen kontrollieren die Stadt. Ein wichtiger Schritt für den Wiederaufbau der Demokratie sind funktionierende Medien und so erscheint am 2. April 1946 unter britischer Aufsicht die Tageszeitung "Die Welt". Produziert von deutschen Journalisten, darunter mein Vater, Karl Heinrich Ressing *, soll die Zeitung vor allem ein Ort intensiver Diskussion werden. Deshalb wird Leserbriefen breiter Raum eingeräumt. Der Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels hatte nach der Machtübernahme Leserbriefe in deutschen Zeitungen generell verboten. Nach dem Ende der Naziherrschaft, wollten die Briten die Leser aktivieren, damit wollte man die demokratischen Erziehung im Nachkriegsdeutschland fördern. Für die Betreuung der Leser in der Welt waren als Redakteure Heinz Ressing und der spätere Manager des Axel-Springer Verlages, Christian Kracht zuständig.

An Resonanz bestand kein Mangel, vor allem junge Leute beteiligten sich mit Leserbriefen und Heinz lud einige zu Gesprächen in die Wohnungen seiner Mutter in der Magdalenenstrasse 22 im Stadtteil Pöseldorf an der Aussenalster ein. So traf sich im August 1946 eine Gruppe, zu der auch der der junge Ralph Giordano gehörte.

Ich schickte Giordano 1998 Kopien der dabei gemachten Fotos und er antwortete umgehend: "Mir ist jene Zeit vor nunmehr 50 Jahren und mehr noch in bester Erinnerung, wie auch Ihr Vater (...), der damals so etwas wie der Fixstern war, um den die Jüngeren, darunter auch ich, kreisten und zu denen Conrad Ahlers zählte und seine spätere Frau Heilwig von der Mehden, Christian Kracht und viele andere, die später von sich reden machten." Damals diskutierten in der Magdalenenstrasse Konservative, Liberale gemeinsam mit dem damaligen KPD-Mitglied Giordano: "Wir saßen noch alle an einem Tisch. Der Kalte Krieg und die Verhärtung der Fronten haben dieser Idylle bald ein Ende gesetzt." 

Die 'Welt' bekam später eine eigene Jugendseite, die "junge Welt" und die britischen Kontrolloffiziere genehmigten ihr eine Suchaktion, in der Bilder von Kindern veröffentlicht wurden, die während des Kriegsendes ihre Angehörigen verloren hatten. Aus den Erfahrungen mit der Welt-Jugendseite entstand die Idee eines Magazins für junge Leser, das ab Februar 1948 unter dem Namen "Benjamin" in die Kioske kam. 


Das Blatt sollte vor allem die 17- bis 30-Jährigen ansprechen, also die Generation der unter dem NS-Regime Aufgewachsenen. Die Redaktionsräume des Benjamins befanden sich unweit des Stephansplatzes, über dem Waterloo-Kino. Die Auflage in der britischen Zone lag bei 70 000 Exemplaren. Früh beschäftigte man sich mit NS-Verbrechen, so berichtete man vom SS-Mord an jüdischen Kindern, die kurz vor Kriegsende im Keller der Schule am Bullenhuser Damm erhängt worden waren. 

Ralph Giordano, Fritz Kempe, Karl-Heinz Ressing 1946
Im Juli 2013 fand ich noch ein paar Fotos, auf denen Giordano im Kreis um meinen Vater zu sehen war und schickte ihm Abzüge. In seiner Antwort erinnerte er sich an: "das kluge Gesicht ihres Herrn Vaters, Mittelpunkt und spiritus rector des 'benjamin'-Kreises, Redaktion in der Nähe des Gänsemarktes." Conrad Ahlers und Heilwig von der Mehden seien "sympatische Menschen" gewesen, über den Fotografen und späteren Leiter der Hamburger Landesbildstelle, Fritz Kempe erinnerte er sich eher negativ: "Er war belastet aus der Nazizeit, was aber erst später herauskam."   

Nachdenklich schloss Giordano seinen Brief: "1946 - was da alles noch vor uns lag. Und 2013 lebe ich immer noch, und sogar mit Harschopf... Die Gene haben es gut mit mir gemeint, dennoch, man wird nicht ungestraft 90"

Im Rahmen meiner Recherchen über die Geschichte meiner deutsch-französischen Familie beschäftigte mich natürlich die Kriegszeit besonders. Mein Vater arbeitet in einer Propagandakompanie der Wehrmacht. Im Bundesarchiv fand ich eine Broschüre, die er 1942 verfasst hatte. Unter dem Titel. "Jungarmisten der Weltrevolution" wurde hier mit der  kommunistische Jugendarbeit 'abgerechnet'. Heinz wusste, worüber er schrieb, war er doch 1932 Mitglied einer KPD-nahen Studentengruppe gewesen. Zu der Broschüre meinte er später, der Text sei ohne sein Wissen inhaltlich "verschärft" worden, sein Protest bei Vorgesetzten habe aber nichts genutzt. Welche Textteile er damit meinte, weiß ich nicht. Besonders widerlich ist im Kontext mit dem wirklichen Ereignissen eine Passage über die 'Befreiung' der lithauischen Stadt Kaunas (Kowno) durch die Wehrmacht im Sommer 1941. Demnach hätten die Einwohner der Stadt über den Einmarsch der Wehrmacht beglückt reagiert.

Massaker von Kowno/Kaunas Quelle Bundesarchiv
Unerwähnt blieb, dass es am 28. Juni 1941 im Zentrum von Kaunas zu einem Massaker an Juden kam. Dabei erschlugen lithauische Nationalisten auf offener Straße Männer und Frauen. Wehrmachtssoldaten sahen zu und machten ungerührt  Fotos. Ende der 1970er Jahre erwähnte mein Vater, er sei damals mit seiner Einheit dort vorbeigekommen. Er sei zu seinem Divisionsstab gefahren, um dies zu melden. Einzige Reaktion: "Das ist Sache der Einsatzgruppen". Dies waren  Mordkommandos der SS, die hinter der Front Juden und vermeintliche Kommunisten liquidierten - oder wie in Kaunas dies nationalistischen Einheimischen überließen. Obwohl Mein Vater später immer wieder von seiner Kriegszeit erzählte, hat er dieses Erlebnis bis in die 1970er Jahre nie erzählt.


Hatte er nach Kriegsende im Benjamin-Kreis darüber gesprochen? Ich fragte Giordano im September 2013 in einem Brief, ob er sich erinnern konnte, dass mein Vater darüber gesprochen habe. Giordano reagierte betroffen, das Thema der Verdrängung hatte ihn sein Leben lang beschäftigte: "Nach dem, was ich jetzt aus Ihrer Feder über Heinz Ressing lese, ist es das Übliche - Verdrängung. Eben das, was ich die 'zweite Schuld' genannt habe, den 'Großen Frieden mit den Tätern', Geburtsfehler der Bundesrepublik." Mein Vater habe in dem Kreis nie über seine persönlichen Kriegserlebnisse gesprochen, ebensowenig wie die anderen Anwesenden. Für Giordano war mein Vater damit: "ein funktionierendes Rädchen im Dienste Hitlers und seines Anschlages auf Europa und die Menschenrechte.(...) Wäre ich Heinz Ressing später begnet, hätte ich ihm Fragen gestellt. Aber damals war ich noch dabei selbst Erfahrungen zu sammeln." 

Giordano ließen zeitlebens seine traumatischen Erfahrungen im 'Dritten Reich' und die allgemeine Verdrängung danach nie los. Obwohl ich seinen Standpunkt im Streit um den Moscheeneubau in Köln-Ehrenfeld nicht teile, habe ich seine Courage immer bewundert. Eine kritische und pointierte Stimme ist verstummt, sein skeptisch prüfender Blick wird uns fehlen. 
    


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Mittwoch, 3. Dezember 2014

Chios - Vor 70 Jahren endete die deutsche Besatzung




Am 10. September 1944 verließen die letzten deutschen Soldaten die griechische Insel Chios. Wenige Kilometer vor dem türkischen Küstenort Cesme gelegen, war die fünftgrößte Insel Griechenlands über drei Jahre lang von deutschen Truppen besetzt gewesen. Am 4. Mai 1941 waren gegen 18 Uhr Einheiten der 164.Infanterie-Division im Hafen der Inselhauptstadt gelandet. (a) Dort hatten das Vorkommando der Präfekt, der Bürgermeister und der griechische Militärbefehlshaber der Insel empfangen und offiziell die Insel an den deutschen Bataillonskommandeur Winkler übergeben. Für die Wehrmacht war die Insel ein Etappenort, hier wurden Verwundete des Afrikakorps versorgt. Sie war aber auch ein wichtiger Kreuzungspunkt für die im Meer verlegten Unterseekabel. Diese dienten einerseits der militärische Kommunikation zwischen den nordägäischen Inseln, verbanden aber andererseits auch das griechische Festland mit der nahegelegenen Türkei. 

Chios unterstand militärisch der auf der Nachbarinsel Lesbos tätigen Ortskommandantur 982, die ab Sommer 1943 zur Heeresgruppe E gehörte. Völlig kontrollieren konnte die Wehrmacht Chios nie, dazu fehlten ihr die militärischen Kräfte. Zu Beginn waren etwa 500 Soldaten auf Chios stationiert, während des Krieges halbierte sich die Anzahl. Kampfkräftige Einheiten wurden ab 1942 an die Russlandfront geschickt, während auf Chios auch sogenannte 'Volksdeutsche' - Polen die oft zwangsweise 'eingedeutscht' worden waren, die Garnison bildeten. In mehreren Orten der Insel gab es kleine Militärposten, in denen bis zu 10 Soldaten stationiert wurden.


Griechenland wird ausgepresst





Mit dem Einzug der Wehrmacht am 27. April 1941 in Athen und dem Hissen der Hakenkreuzfahne auf der Akropolis, begann für die Zivilbevölkerung eine Zeit großer Not und Verfolgung. Vor allem im Winter 1941/42 mussten viele Menschen wegen der katastrophalen Versorgungslage hungern. Deutsche, italienische und bulgarische Truppen besetzten das Land und plüderten es systematisch aus. Sie beschlagnahmten große Mengen Nahrungsmittel, Rohstoffe und Waren. Dabei duldete die Wehrmacht durchaus Plünderungen ihrer Soldaten. So bedienten sich nach der am 20. April 1941 erfolgten Kapitulation Griechenlands deutsche Soldaten ungestraft in Geschäften der besetzten Hauptstadt.
Deutsche Soldaten Plündern in Athen
Der Führung im Reich war Ende 1941 das Elend der griechischen Zivilbevölkerung bekannt. Zeitungen aus der neutralen Schweiz hatten darüber berichtet. Dazu meinte Hermann Göring lakonisch: "Wir können uns nicht übertrieben um die hungernden Griechen kümmern. Das ist ein Unglück, das noch viele andere Völker treffen wird." (1) Deutsche Zeitungen schürten gleichzeitig rassistische Ressentiment gegen Griechen. So schrieb eine Zeitung, die Bevölkerung in den Städten bestehe "gegenwärtig nur aus Händlern, Schleichändlern, Dieben und Arbeitssscheuen." Aus diesem Grund sei fraglich: "Wie lange es sich die Achsenmächte in ihrem schweren Kampf leisten können, eine Bevökerung von Nichtstuern  zu ernähren (...)". (2) 

Juden wurden systematisch verfolgt



Die Verfolgung der Juden in Griechenland begann bereits kurz nach der Kapitulation im April 1941. An der wirtschaftlich Ausplünderung ihrer jüdischen Mitbürger bereicherten sich auch viele ihrer Nachbarn. Der Bürgermeister Thessalonikis, Jannis Boutaris, gab im Oktober 2014 ein Zeichen als er sagte, die Stadt "schämt sich für die Kollaborateure, die mit den Besatzern zusammengearbeitet haben, für die Nachbarn, die sich fremden Besitz angeeignet haben, für alle, die jene verraten haben, die davonzukommen suchten." (3) Thessaloniki hatte vor dem Krieg fast 50 000 Einwohner mit jüdischen Wurzeln. Von Ihnen überlebten weniger als 1000 die Deportation in die deutschen Vernichtungslager. (4) 

Während der deutschen Besetzung von Chios lebte eine jüdische Familie italienischer Nationalität noch auf der Insel, berichtet Philip Argenti in seinem Buch (siehe Anmerkung a). Die jüdische Gemeinde hatte demnach die Insel bereits 1912 verlassen, nachdem die Insel vom Osmanischen Reich an Griechenland übergeben worden war. Nach zwei Jahren deutscher Besatzung sollen 1943 die griechischen Inselbehörden diese jüdische Familie vor der Deportation gewarnt haben. Sie überlebten und wanderten später nach Afrika aus. Zwar existieren heute keine Listen der von Chios Verschleppten mehr, die zentrale deutsche Namenskartei in Bad Arolsen teilte auf Anfrag mit, dass 40 Personen nach Deutschland deportiert wurden, die als Geburtsort Chios angegeben hatten. Die meisten kamen zur Zwangsarbeit nach Deutschland. Bei zwei Personen konnte festgestellt werden, dass sie über das Konzentrationslager Chaidari bei Athen in ein deutsches KZ verschleppt wurden. (5)

Aktualisierung 12. Mai 2019:


1939: Ein Schiff mit jüdischen Auswanderern im Hafen von Chios 
Auf einer Facebook-Seite mit alten Fotos aus Chios fand sich im Mai 2019 folgendes Bild. Es zeigt demnach das Schiff "Utrato", das Juden aus Frankreich, Deutschland und den Niederlanden ins türkische Izmir bringen sollte und auf dem Weg im Hafen von Chios festmachte. Die Passagiere waren auf dem Weg in das von den Briten verwaltete Plästina. 

 Auf meine Nachfrage über das Schicksal der jüdischen Bewohner von Chios erhielt ich folgende Nachricht: 

"In the 1900 's there appear to have been about 250 Jewish people in Chios and a Jewish school with 40 students....There also were 8 shops, mainly selling glassware and fabrics, in the village of Aplotaria with Jewish owners.... In the corner of Aplotaria and Kalopleti streets there was a well known coffee shop belonging to a man called Abraham Ishahar (sp). .... 10 Jewish families used to live In the area of the Thymiana village, near by the football field and in 1935 there was a Jewish deputy Mayor of Chios!... In 1940 during the Italian invasion of Greece the Jewish community offered a large amount of money as a donation to the War Fund!... Most Jewish families lived in the areas of Fragomaha and Frourio where there was a Jewish Synagogue.... In 1914 during the first expulsion of Greeks from Turkey the Jewish community offered their school as a shelter to the refugees. ... In 1938-39 some of the Jewish families suspecting what was coming by the events from Germany fled for Turkey and then Palestine and some left for France (not yet occupied)!.. Only 60 people were left on Chios. Of these 60 only one family who managed to hide was able to survive the Germans. The rest were captured in November of 1941 and transported to the island of Lesvos and via Thessaloniki ended up in the Birkenau (sp) camp never to be seen again! In charge of this caprture and expulsion was an officer called Rosenburg (apparently renowned war criminal) who arrived in Chios in September of 1941 and who was, also, in charge of seisure of all Jewish properties.... One of the people who fled to France called Michel Dassen became a big name in the fashion world in the1960's. He kept returning to Chios to visit friends and relatives ( the family Desses) as Mr Fasoulakis remembers him in the years between 1965 -70..." https://www.facebook.com/groups/896961166993752/2345874942102360/?comment_id=2350015668354954&notif_id=1557652272572431&notif_t=group_comment_mention
Die Gedenkstätte Jad Vashem bietet auf ihrer Homepage eine Liste jüdischer Opfer des Holocausts, die von Chios stammten:  https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=en&s_lastName=&s_firstName=&s_place=Chios%20Greece&s_dateOfBirth=


Hungernde Zivilbevölkerung auf Chios


Auch den Menschen auf Chios brachte die deutsche Besatzung Not und Hunger. In seinen Erinnerungen an diese Zeit schreibt Demetrios Psaltakis: "Es gab kein Essen. Leute starben auf der Straße an Hunger." Im Seefahrtsmuseum auf Chios erzählte mir 2010 ein älterer Herr, der sich um das Museum kümmert: "Ich war damals ein kleines Kind und weiß noch, wie unsere Eltern mit den deutschen Soldaten Kleidung gegen Lebensmittel eintauschten. Der Hunger war so groß." Im August 1942 hieß es in einem Bericht des Internationalen Roten Kreuzes über die Zustände auf der Insel: "Auf Chios gab es praktisch kein Brot mehr, Kinder suchten am Ufer nach Fischresten" Geld war so gut wie nichts wert, eine Honorarliste der Inselärzte legte 1942 für Behandlungen eine Bezahlung in Nahrungsmitteln fest. (I) Das heutige Schifffahrts-Museum der Insel war einst Sitz einer reichen Reederfamilie. Die Villa  wurde während der Besatzung von der Wehrmacht beschlagnahmt und diente als Lazarett für Verwundete des Afrika-Korps. 


Schiffahrtsmuseum Chios

Zu Beginn der Besatzung bezahlten die Soldaten mit erbeuteten griechischen Drachmen. Diese verloren aber so sehr an Wert, dass die Soldaten auf Chios zum Tauschhandel übergingen. Gleichzeitig requierierte die Wehrmacht im Juli 1941 auf Chios rund 500 Tonnen Olivenöl, Lederwaren, Felle, Seife und Südfrüchte sowie über 100.000 Zigaretten - die per Schiff aufs Festland gebracht wurden. Dies belegen Einträge in das Kriegstagebuch der 164. Division. (b) Das Raubgut diente dem Unterhalt der Besatzungsoldaten, oder wurde weiter ins Reich transportiert. "Auf Chios bereicherten sich die Beamten der Deutschen Wirtschaftskommission und einige wenige lokale Händler durch ihr Monopol auf den Handel mit Öl, Zitrusfrüchten und Mastix" (II)
 
Die schwierige Versorgungslage auf den griechischen Inseln, die schon in Friedenszeiten auf
Deutsche Marinesoldaten landen 1941 auf Chios
Nahrungsmittellieferungen vom Festland angewiesen waren, verschärften dort operierende U-Boote und Jagdbomber der Briten. Sie machten Jagd auf die Versorgungsschiffe und verschärften damit auch die Versorgungslage auf Chios. Während der Besatzung operierten auf der Insel britisch-griechische Spezialeinheiten - die sich auf den örtlichen Widerstand stützen konnten. Ihre Aktivitäten wurden dadurch begünstigt, dass die deutsche Garnison der Insel zu schwach war, um sie überwachen zu können. Die Wehrmacht kontrollierte hauptsächlich die Inselhauptstadt mit dem wichtigen Hafen sowie die umliegenden Orte an der Westküste. Trotzdem gelang es dort Fischern, Flüchtlinge mit ihren Booten auf das nahegelegene türkische Festland überzusetzen. Dabei gelang es sogar einmal, ein deutsches Patrouillenboot samt Besatzung zu kapern. 


Die katastrophale Versorgungslage überall in Griechenland veranlasste das neutrale Schweden, zur Lieferung von Nahrungsmitteln und anderen Gütern. Anfang 1944 sollte das Schiff "Virili" auch Chios mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgen.
Hafen von Chios heute


Gedenktafel
Am 7. Februar 1944 ging das Schiff im Hafen von Chios vor Anker und hier kam es  zur Katastrophe. Britische Flugzeuge griffen die "Virili" an, hielten sie es doch für einen deutschen Truppentransporter. Der Frachter brannte und 17 Besatzungsmitglieder kamen dabei ums Leben. Neben dem Busbahnhof am Hafen erinnert heute eine Gedenktafel an das tragische Ereignis. Dabei starben neben Griechen auch zwei
Schwedisches Schiff nach dem Angriff
Mitglieder des schwedischen Roten Kreuzes und einige Soldaten der Wehrmacht. Anfang 1944 hatten sich die deutschen Truppen bereits in das Hafengebiet mit der Kommandantur zurückgezogen. Das schwerbewachte Hauptquartier hatte man im Hotel KYMA eingerichtet, es existiert heute noch. Allerdings lag es nach 1945 in Trümmern und konnte erst 1963 wiedereröffnet werden. Den Abzug der deutschen Soldaten Anfang September 1944 störten die Alliierten nicht mehr.  
 

 

 

 

 

 

Das Denkmal - Der seltsame Gedenkstein des Jason Kalambokas 

 

 

 

Nur drei Tage vor dem Abzug der Deutschen, am 7. September 1944, wude in der Innenstadt der griechische Offizier Jason Kalambokas erschossen. Wenige hundert Meter vom Hafen entfernt - gegenüber der Nationalbank - befindet sich heute, inmitten einer kleinen Grünfläche, sein Denkmal. Unweit der heutigen Einkaufsstrasse Aplotarias geriet er in einen deutschen Hinterhalt. Kalambokas gehörte zu den griechischen Soldaten, die nach der Kapitulation im Mai 1941 auf Seiten der Alliierten weiterkämpften. Etwa 20.000 Soldaten der griechischen Armee konnten sich damals der Gefangenahme entziehen und wurden von britischen Schiffen nach Ägypten gebracht. Dort wurden viele für Sabotageaktionen im besetzten Griechenland geschult. Kalambokas, der nicht von Chios kam, führte auf der Insel mehrere Aktionen gemeinsam mit britischen Kommandos und dem örtlichen Widerstand durch.  Im Buch Philip Argentis heißt es, die Umstände des Todes Kalambokas am 7. September 1944 seien unklar. So werde behaupt, er sei in eine Falle der Deutschen gelaufen. Er habe sich mit einem deutschen Soldaten treffen wollen, der beabsichtigte zu desertieren. Dann sei dieser Mann aber in Begleitung von zwei anderen Soldaten erschienen, wohl um Kalambokas Festzunehmen. Kalambokas habe seinen Revolver ziehen wollen und sei erschossen woredn. Zuerst hätten die Deutschen nicht gewusst, welche wichtige Rolle Kalambokas im Widerstand der Insel spielte. Dies sei erst nach dem Fund von Schriftstücken in seiner Kleidung klar geworden. (f)   

 

 

Da die deutschen Besatzer nicht genügend Kräfte zur Kontrolle der Insel hatten, überließ man die Verwaltung den griechischen Behörden - ein Praxis die überall inbesetzten gebieten Europas von der Wehrmacht angewandt wurde. Außerdem warb man Kollaborateure für die Miliz an. Die Angst vieler Chioten vor Repressionen war groß. So saßen zwei Fischer der benachbarten Insel Ikaria auf Chios sechs Monate im Gefängnis. Ihr Fischerboot war in einem Sturm an ihre Küste getrieben und Dorfbewohner von Pyrgie hatten sie dann der örtlichen Polizeit gemeldet. Deutsche Soldaten erpressten Lösegelder: "Unteroffizier Herbert Petzchinski verhaftete einen Chioten, um ihn gegen ein größere Mewnge Olivenöl wieder freizulassen". (III)


Viele Kollaborateure und Milizionäre wechselten nach Abzug der Deutschen die Seite und kämpften im griechischen Bürgerkrieg (1946-1949) auf Seiten der Regierung gegen die Kommunisten. Keiner wurde wegen seiner Taten für die deutschen Besatzer jemals zur Rechenschaft gezogen. Auch auf Chios kam es während des Bürgerkriegs zu Gefechten mit kommunistischen Partisanen, so bei Volissos und im Kambos nahe der Hauptstadt. Einige der gefangenen Kämpfer wurden danach in Athen zum Tode verurteilt. (6)




Direkt neben der Statue Kalambokas befindet sich, unter Plexiglas, eine Marmorplatte. Auf der Vorderseite stehen auf Griechisch der Name und das Todesdatum Kalambokas. Auf der Rückseite entdeckt man, dass er zuvor als Grabstein eines Wehrmachtssoldaten gedient hatte. So kann man noch deutlich ein großes Eisernes Kreuz erkennen - aus dem nach Protesten, erst vor einigen Jahren das Hakenkreuz herausgemeißelt wurde. Darunter steht der Name: Dr. Hermann Westhauser. Der Unteroffzier der Wehrmacht kam beim britischen Luftangriff auf die "Virili" ums Leben. Unter dem eingemeißelten Namen steht auf dem Grabstein immer noch deutlich lesbar: "Für den Führer und Großdeutschland". Nach dem Krieg wurden seine sterblichen Überreste - wie die aller in Griechenland gefallenen Wehrmachtssoldaten - auf den zentralen deutschen Soldatenfriedhof Dyonnisos-Rapentosa, 30 Kilometer nordöstlich von Athen verbracht.  



Der Unteroffizier Dr. Hermann Westhauser gehörte zur Geheimen Feldpolizei. (7) Er
Greuel in Griechenland
wurde am 4. März 1912 in Wien geboren, kam zu Kriegsbeginn zur Wehrmacht und gehörte ab Ende November 1943 zur Gruppe 621 und dann später zum Abwehrtrupp 383 der Geheimen Feldpolizei.
Bis Februar 1944 hatte diese dem militärischen Nachrichtendienst "Abwehr" unter Wilhelm Canaris unterstanden. Danach wurde sie direkt dem SS-Reichssicherheits Hauptamt unterstellt. "Die GFP ist eine bis heute eher undurchsichtige Organisation, die mit der Wehrmacht lose verbunden war und oft SS-Leute als Agenten beschäftigte." (IV) Die Aufgabe der Geheimen Feldpolizei bestand im Schutz der Truppe vor "Zersetzung", dem Kampf gegen Partisanen und Saboteure sowie der Spionage und Überwachung der Zivilbevölkerung. Dabei durften ihre Mitglieder im Dienst Zivilkleidung tragen. Auf das 'Konto' dieser Einheiten und der für sie arbeitenden griechischen Kollaborateure gingen Folter sowie die Liquidierung tausender Zivilisten. (8) Ein großer Teil der Mannschaften bestand aus Mitgliedern der deutschen Sicherheits- und Kriminalpolizei.

Auch auf Chios wurden bei Verhören Gefangene gefoltert, Dr. Hermann Westhausers  Einheit sei wegen ihres brutalen Vorgehens auf der Insel gefürchtet gewesen (d). Ihr Auftrag umfasste dabei auch Gegenspionage und das Sammeln von Informationen über das türkische Festland. Argentis nennt Westhausers Einheit deshalb die "wahre Gestapo auf Chios". (e) Das könnte den Umstand erklären, warum die Wehrmacht auf seinem Grabstein nicht nur seinen Dienstgrad, sondern auch den Doktortitel einfügen lies. Auf Nachfrage erklärte mir eine deutsche Dienststelle, dass dies damals äußerst unüblich gewesen sei. (9) 



Während der deutschen Besatzung wurden auf Chios von den Deutschen insgesamt 19 Männer hingerichtet. Davon wurden zuvor 14 von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt, die anderen kamen bei Vorfällen ums Leben. So wurden zwei Männer während einer Razzia am Stadtpark erschossen, als sie fliehen wollten. (c) 



Der Tod des Jason Kalambokas

"Eigentlich bin ich daran Schuld, dass Kalambokas erschossen wurde", erzählte lächelnd im Sommer 2014 Georgios Zachariadis (1942- 2020). Er wurde 1942 auf Chios geboren und ging Mitte der 1960er Jahre nach Österreich. Im Winter leben er und seine Frau Maria in Graz. Jeden Sommer kommen sie auf die Insel und vermieten bei Karfas Appartments an Touristen. Georgios Zachariadis war zwei Jahre alt, als Kalambokas erschosossen wurde. "Später wurde mir erzählt, Jason habe kurz vor dem Abzug der Deutschen einen Bombenanschlag auf die Besatzer versuchen wollen. Er versteckte dazu den Sprengstoff in einem Korb voller Eier. Meine Mutter wollte seine Aktion verhindern und ihn - der in unserem Haus übernachtete - einfach weiterschlafen lassen. Aber ich habe dann am frühen Morgen angefangen laut zu Weinen und so wurde er doch wach. Die Deutschen hatten von seinem Vorhaben durch Verrat erfahren und stellten Kalambokas am Morgen eine Falle. " Sie lauerten ihm am Ende der heutigen Einkaufsstrasse - Aplotarias - auf: "Er wurde dort von vier deutschen Offizieren auf offener Straße - vielleicht 50 Meter von unserem Haus entfernt - gestellt und erschossen."




Georgios Vater war einst auch Offizier gewesen und arbeitete während der Besatzung beim Zoll im Hafen von Chios. Er hatte Verbindungen zum Widerstand und die Eltern entschlossen sich zu fliehen: "Erst nachdem wir gerettet waren, zeigte meine Mutter meinem Vater, dass sie unter ihrem Rock eine Pistole hatte. Er bekam einen ziemlichen Schreck, denn ihm war klar, dass meine Mutter zweifellos geschossen hätte," Viel später fand Georgios eine alte britische Munitionskiste seiners Vaters - voller Dokumente aus dieser Zeit . Dort tauchten auch die Namen griechischer Kollaborateure auf Chios auf. Georgios meint aber: "Heute macht die Veröffentlichung keinen Sinn mehr, die Verantwortlichen sind lange tot und die Nachkommen können nichts dafür.".


Und die Sache mit dem Grabstein? "Na ja, nach dem Krieg wollte man Kalambokas ein Denkmal setzen. Aber die Insel war nach dem Krieg arm und hatte für ein Denkmal kein Geld. So kam man auf die Idee, den deutschen Grabstein aus Marmor quasi 'umzuwidmen' ". Die Statue kam erst viel später hinzu. Zacharidis bemühte sich lange darum, dass das Hakenkreuz entfernt wird. Er ärgert sich auch darüber, dass es hier keine Information für Besucher der Insel über Kalambokas und den 'janusköpfigen' Grabstein gibt. 

Siehe auch die neue Info-Page über die deutsche Besatzung und Interviews mit Zeitzeugen
http://www.occupation-memories.org/de


(a) Philip P. Argenti, The occupation of Chios by the Germans and their administration of the island, Cambridge University Press 1966
(b). a.a. O. 
(c). a.a.O. Seite 26 und 31
(d) a.a. O. Seite 28
(e) a.a.O. S. 31
(f) a.a. O S. 74

(1) Götz Aly, Hitlers Volksstaat, Fischer-Verlag 2005, S. 278
(2) siehe Wikipedia: Große Hungersnot in Griechenland
(3) Griechenland-Zeitung, 14. Oktober 2014
(4) www.medienfresser.blogspot.de/2011/11/judisches-thessaloniki-die-mutter.html

(5) Mitteilung der Deutschen Dienststelle am 30. März 2011
(6) http://en.wikipedia.org/wiki/Chios#Modern_period 
(7) Schreiben des Militärischen Forschungsamtes in Potsdam
(8) https://de.wikipedia.org/wiki/Geheime_Feldpolizei_%28Zweiter_Weltkrieg%29


Obwohl diese Spezialeinheiten vermeintliche Partisanen liquidierten  - darunter auch Kinder und Jugendliche und an der Ostfront "Vergasungswagen" betrieb, wurde sie im Nürnberger Prozess nicht als verbrecherische Organisation eingestuft.



(9) Schreiben des Internationalen Suchdienstes (ITS) Bad Arolsen vom 10. November 2010

(I) Mark Mazower: "Griechenland unter Hitler", S. Fischer Verlag 2016 S. 81 und S. 94
(II) a.a.O. S.85 
(III) a.a.O. S. 207 und 260
(IV) a.a.O S. 269