Sonntag, 31. Mai 2015

Chios: Einstige Lepra-Kolonie muss als Denkmal erhalten bleiben



Heute noch versetzt das Wort Lepra viele Menschen in Angst und Schrecken. (1) In der  Mittelmeerregion grassierte diese Krankheit bereits im Altertum, bereits 1500 vor Christus erwähnen sie alte Schriften. Im Gegensatz zur Pest und anderen Krankheiten, an denen die Opfer relativ schnell starben, bedeutete Lepra jahrelanges Siechtum und entstellte die Kranken. Diese 'Aussätzigen' wurden gesellschaftlich isoliert und oft in einsame Gegegenden oder auf Inseln deportiert. (2) Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die Ursache der Krankheit unbekannt, erst dann entdeckte man die Lepra-Bakterien. Wirksame Heilmittel konnten Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt werden. Auch heute ist das Kapitel Lepra nicht abgeschlossen, in Asien und Afrika grassiert die Krankheit immer noch. Hauptursachen für die Verbreitung der Lepra sind immer noch Armut, Hunger, schlechte hygienische Verhältnissen und beengte Wohnbedingungen.

Lepra bedeutete für die Betroffenen zumeist gnadenlose Ausgrenzung aus ihrer dörflichen- oder städtischen Gemeinschaft. Das galt für Nordeuropa genauso, wie für das Mittelmeer und die Ägäis. Bekannt ist die Lepra-Kolonie auf der Halbinsel Spinalonga (Kalygon) bei Kreta. (3)  Oft wurden in solchen Lagern nicht nur Leprakranke eingesperrt, sondern auch Menschen mit Haut- oder Stoffwechselkrankheiten. Da Lepra früher unheilbar war und für eine 'Strafe Gottes'  gehalten wurde, machten Katholiken und Orthodoxe den Heiligen Lazarus zum Schutzpatron der Aussätzigen.


Die Lepra-Kolonie auf Chios

Heute ein idyllischer Ort
Auf Chios, der fünftgrößten Insel Griechenlands, wenige Kilometer vor der türkischen Küste bei Cesme gelegen, steht heute noch eine alte Lepra-Kolonie. Eingerichtet wurde dieses Leprosorium bereits im Mittelalter um 1378. Sie war somit die erste Einrichtung für Leprakranke in der gesamten Ägäis. Noch während des 2. Weltkrieges lebten hier etwa 30 Menschen, die vom schwedischen Roten Kreuz mit Nahrungsmitteln versorgt wurden. * Erst im Jahr 1958 wurde das Lager geschlossen. Früher lebten die Kranken, versteckt in einem kleinen Tal unweit der Inselhauptstadt, in dörflicher Gemeinschaft. Seit der Schließung verfällt dieses kulturhistorisch wichtige Denkmal der Inselgeschichte.

Lagereingang
Man braucht schon die Hilfe eines Einheimischen, um das kleine Tal zu finden. Es liegt direkt neben der Umgehungsstraße der  Inselhauptstadt - Hinweisschilder sucht man  vergebens. Am Straßenrand sieht man eine der orthodoxen Mini-Kapellen vor einer Schranke. Dahinter führt eine von Platanen bestandenen Allee zum etwa 200 Meter entfernten Lagereingang. Über dem schmiedeeisernen Gittertor steht auf Griechisch 'Asylum Lepron'. Vor einigen Monaten versuchten es Schrottdiebe aus seiner Verankerung zu reißen - glücklicherweise waren sie erfolglos.

Hinter dem Tor rechts verlaufen am Hang die alten Häuser des Lagers. Sie wurden Anfang des 20. Jahrhunderts durch großzügige Spenden ausgewanderter Chioten aus London und Paris neu erbaut. Die früheren Gebäude aus dem Mittelalter wurden bei dem großen osmanischen Massaker 1822 auf der Insel und durch das schwere Erdbeben 1881 völlig zerstört. Nur der alte gepflasterte Weg und die Reste der steinernen Wasserleitungen, sowie die Ruine einer orthodoxen Kirche am Ende des Camps stammen noch aus dem Mittelalter.

Im Frühling blüht es hier überall, die gut erhaltenen Häuser im neoklassischen Stil mit ihren rot-gelben Streifen wirken repräsentativ und einladend. Wenn man daran denkt, wozu die Anlage einst gedient hat, kommen aber schnell Beklemmungen auf. Irgendwo klappert im Wind, der durch das Tal weht, ein alter Fensterladen. Auch bei Sonnenschein bleibt dies ein etwas unheimlicher Ort... 


Früher lebten die Männer und Frauen 
getrennt in den kleinen
Enistige Wohngebäude der Kranken
Häusern. Sie hatten jeweils eigene sanitäre Anlagen und so findet man noch alte Badehäuser mit Wannen aus Marmor sowie die Öfen für das heiße Wasser. Auch uralte elektrische Schalttafeln hängen noch an den Wänden. Zwischen den Wohngebäuden für die Männer und Frauen steht noch das frühere Verwaltungsgebäude mitsamt der alten Lagerküche und dem Gemeinschaftsraum. Daneben befindet sich das einzige renovierte Gebäude der Anlage, die orthodoxe Kapelle mitsamt dem Kirchturm. Hier erinnert eine Gedenktafel an die ausgewanderten Chioten aus Paris und London, die Anfang des 20. Jahrhunderts den Wiederaufbau durch ihre Spenden ermöglichten. 


Die alte Apotheke
Das ganze Gelände der Kolonie wirkte, als sei es fluchtartig verlassen worden. In einigen Räumen stapelten sich alte Bettgestelle, die seit Jahrzehnten vor sich hinrosten. Auf manchem lagen noch alte Matrazen, Decken und alte Kleidungsstücke. Am erstaunlichsten und zugleich unheimlichsten war der Besuch der einstige Lager-Apotheke. In den Schränken stehen heute noch alte Töpfe und Tiegel mit Medikamenten und Salben sowie Verbandsmaterial. Sogar der typische Medizin-Geruch hing noch in der Luft. Alles wirkt, als hätten die Ärzte und Pfleger das Gelände nicht bereits vor mehr als 50 Jahren verlassen. Unwillkürlich fürchteten wir uns davor, hier etwas zu berühren - die Angst vor der unheimlichen Krankheit sitzt tief... 

Die Kolonie wurde durch einen Bach mit Wasser versorgt, das ermöglichte auch den Anbau von Gemüse und Obst für das Camp. Jeder Kranke betreute hier seinen eigenen kleinen Garten. Damit versorgte sich das Lager nicht nur selbst, Gemüse, Früchte und selbstgemachter Schafskäse wurden auf der Insel verkauft - ob die Käufer damals wussten, woher das stammte? 

Folgt man dem alten Weg entlang der verfallenen Wasserleitung und den Gärten zum Ende des Tales, stößt man auf die Ruine einer orthodoxen
Orthodoxe Ruine
Kirche. Während der Massaker der Osmanen blieben auch die Leprakranken nicht verschont. Sie wurden getötet und die alte Kirche geplündert. Heute stehen nur noch die Mauern, an einigen Stellen erkennt man die Reste orthodoxer Heiligenbilder an den Wänden. Die Mitte des einstigen Kirchenraums beherrscht jetzt eine alte Kiefer – daneben befindet sich eine Mauer mitsamt einer kleinen Gedenkkapelle.

Hierher trafen wir Georgios Paparios. Er wohnt in der Nachbarschaft und kommt täglich hierher, um nach dem Rechten zu sehen. Er kennt alle Geschichten über das  Dorf der Leprakranken. Ihn ärgert vor allem der Vandalismus einiger ungebetener Besucher. Regelmäßig würden hier Parties der Drogenszene gefeiert, beschwert sich Georgios. Dies  belegen die vielen Graffitis und Schmierereien an den Wänden der alten Häuser. Diebe haben darüber hinaus längst die alten Wasserhähne aus Messing in allen Häusern herausgebrochen. Offiziell kümmert sich niemand um das Gelände, das der orthodoxen Kirche gehört. Nur die Kapelle strahlt in frischem Glanz....

Er kümmert sich um das Gelände - allein!
Dabei hat die Kirche lange vom Betrieb solcher Lepra-Station profitiert. Von der heimtückischen Krankheit waren nicht nur Arme betroffen. Beengte Wohnverhältnisse und mangelnde Hygiene  in mittelalterlichen Siedlungen machte auch Wohlhabende zu Opfern. Von den einst beengten Lebensverhältnissen kann man heute noch auf Chios bei einem Besuch der mittelalterlichen Dörfer Mesta und Olymbi einen Eindruck bekommen. Mancher Insasse einer solchen Lepra-Kolonie stammte aus einer reichen Familie. Nach seinem Tod fiel das Vermögen oft an die Kirche. Wohl auch aus diesem Grund engagierte sich neben der orthodoxen auch die kleine katholische Gemeinde auf Chios um das Camp. Von ihrer Kirche zeugen heute nur noch ein paar Mauerreste am Hang und ein kleiner katholischer Friedhof in der Nähe. 

 Anscheinden interessiert sich auf Chios heute
niemand mehr für
Graffities verschandeln das Dorf
 den Erhalt dieses einmaligen Kulturdenkmals der Insel. Während heute auf Kreta Spinalonga zum Touristenziel geworden ist, verschweigt man auf Chios lieber seine Existenz. So meinte ein Freund zu uns: "Das ist doch keine schöne Sehenswürdigkeit für Touristen!" Damit erklärt sich wohl, warum in keiner Touristeninformation ein Hinweis auf das einstige Lepra-Dorf zu finden ist.


Mittlerweile droht der über Jahrhunderte existierdenden Siedlung der endgültige Verfall. Sie wird ein Opfer der Verantwortungslosigkeit von Kirche und Staat und des Vandalismus gedankenloser Zeitgenossen... 

Ein beeindruckender Film über die Kolonie von Yiannis Zafeiris findet sich auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=_BeTyoLcyps


Text und Fotos dürfen nur mit Zustimmung des Autors genutzt werden
* Bericht des SRK zur Versorgungslage auf Chios, September 1943, in: "The occupation of Chios by the Germans...." Philip P.Argenti Cambridge 1966, Seite 174

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Lepra
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Leprakolonie
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Spinalonga

Dienstag, 24. März 2015

SWR-Image: 'Piep, piep, piep - Sie ham' uns alle lieb!'


Dem Rundfunkrat des Südwestrundfunks (SWR) wurden am 20. März in Stuttgart die Ergebnisse einer hausinternen Studie über das öffentliche Image des Senders präsentiert. Dr. Walter Klingler, Chef der SWR-Medienforschung referierte den Gremienmitgliedern die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von rund 900 Einwohnern in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.



Margit Rupp (2.v.l.) neben Intendant Peter Boudgoust
Für die stellvertretende Vorsitzende des Rundfunkrats, Margit Rupp war danach klar: "Die hohe Akzeptanz zeigt, dass die Zuschauer, Hörer und Nutzer den SWR als verlässlichen medialen Partner in einer sich ständig wandelnden Gesellschaft schätzen." *

Laut Befragung nutzen 89% der Bevölkerung über 14 Jahre ein Programmangebot des SWR**. Allerdings erreicht man mit 83% weniger Zuspruch bei Jüngeren (14-29). Dagegen schalten 95% aller Befragten über 65 die SWR-Programme ein. Hauptsächlich trägt dazu das Radioangebot bei, das über 80% aller Befragten nutzen. Mit insgesamt sechs formatierten Radiowellen (SWR 1, SWR 2, SWR 3, SWR 4, Das Ding, Inforadio***) gelingt es leichter, als mit dem einheitlichen SWR-Fernsehen, die Menschen im Sendegebiet zu erreichen.

Demgegenüber kommt das Dritte SWR-Fernsehen nur auf eine Reichweite von 55% bei allen Befragten, es wird also nur von gut der Hälfte eingeschaltet. Bei Jüngeren werden sogar nur knapp ein Fünftel erreicht, während die 50-64-Jährigen mit 87% die treuesten Zuschauer stellen. Alarmieren muss den SWR, dass 17% der Jüngeren überhaupt kein SWR-Medienangebot nutzen. Bei allen Befragten sind es immerhin 11%, die nicht vom SWR erreicht werden


Wie beurteilen die Menschen den SWR?

Auf fast die Hälfte der Befragten macht das 'Unternehmen' SWR "den Eindruck einer Behörde" die "unbeweglich" erscheint. Gleichzeitig sind aber drei Viertel der Ansicht, der SWR biete "die besten Informationen". Bei den 14-29-Jährigen stimmt dem aber nur etwa die Hälfte zu. Das der SWR das beste Programm anbietet, meinen rund 60% aller Befragten, jedoch nur etwa ein Drittel der Jüngeren. "Für mich unverzichtbar" ist der SWR zwar für gut 70% aller Befragten, aber nur ein Drittel der Jüngeren teilt diese Ansicht. Sie halten den SWR auch für deutlich weniger modern, dynamisch, innovativ, unabhängig und mutig.  


Vertrauen: SWR liegt vor der Post

Der SWR hat auch erfragt, welchen Institutionen die Bürger in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz am meisten vertrauen. Erstaunlicherweise findet sich auf Platz Eins das ZDF (86%), gefolgt vom SWR (85%) und der Deutschen Post (83). Ganz unten rangieren dagegen facebook (34%), Apple (46%) und die Parteien (51%) Auch bei den Sympathiewerten liegen ZDF und SWR an der Tabellenspitze, gefolgt von der Stiftung Warentest und der Verbraucherzentrale. Auf den 'Abstiegsplätzen' stehen wieder facebook, apple und die Parteien. Fragt man, wie wichtig die Institution sind, steht die Post auf Platz Eins, gefolgt von der Polizei und den Behörden vor Ort, erst danach folgen ZDF und SWR. Schlusslichter sind erneut facebook und apple, auf dem 'Relegationsplatz' steht der kommerzielle Privatsender RTL, während sich die Parteien im gesicherten Mittelfeld finden.



SWR: 'Du darfst so bleiben, wie Du bist?'

Dem Rundfunkrat scheint´s zu genügen
Das Fazit der Medienforscher lautet: "Der SWR ist nach wie vor in der Bevölkerung (...) erkennbar positiv verankert - gute Basis für weitere Schritte, beispielsweise auch in Richtung der jüngeren Generation"  

Die Reform der TV-Landesschau für Baden-Württemberg hat dazu geführt, dass im  Magazin fast nur noch launige Berichte aus der Heimat und entsprechende Studiogäste  präsentiert werden. Beim Hörfunk beherrschen Dampfplauderer die populären Werbewellen (SWR 1, SWR 3, SWR 4). Die Verantwortlichen schielen nur noch nach  Marktanteilen. Lustig, dass immer noch das Märchen von den unterschiedlichen Programminteressen der verschiedenen Altersgruppen erzählt wird. Dabei weiß es die SWR-Medienforschung besser. Soziale- und kulturelle Unterschiede sind wichtigere Kriterien für Programmnutzung als das Alter. Ich bin über 60, mein Geschmack reicht von Jethro Tull bis Schostakowitsch, 'The big bang theorie' bis zur 'ARTE-Doku'. Regionales interessiert mich schon, nicht aber eine "TV-Wärmestube" für Baden-Württemberg-Klischees, deren Moderatoren mich wie Verkäufer auf Kaffefahrten behandeln. 





* SWR-Pressemitteilung vom 20.03.2015
** Weitester Nutzerkreis, damit sind alle gemeint, die innerhalb von 14 Tagen ein SWR-Programmangebot einschalten
*** Zwei Wellen sind im gesamten Sendegebiet, zwei jeweils landesweit und zwei nur in bestimmten Gebieten empfangbar.)

Donnerstag, 19. März 2015

Griechenland: Aufklärung statt 'Stinkefinger'-Demagogie



Allüberall in deutschen Medien und an den Stamtischen debattiert man darüber, ob der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis den ‚Effenberg’ gemacht hat, oder nicht. Das durchschaubare Manöver dient vor allem dazu, von Ursachen und Hintergründen der Krise in Griechenland und in Europa abzulenken. Wer es dagegen versucht, mit Argumenten und Analysen aufzuklären, hat es schwer – erst recht, wenn er Grieche ist.

Professor Dr. Athanasios Marvakis
Diesen Versuch unternahm Athanasios Marvakis, Psychologieprofessor an der Universität Thessaloniki am 12. März in Ludwigsburg. Marvakis ist einer vielen Grecco-Schwaben, aus einer Griechischen Familie stammend aber im Schwäbischen aufgewachsen, promovierte er in Tübingen. In Thessaloniki engagiert er sich, neben seiner Lehrtätigkeit, in der Flüchtlingsarbeit.

Für Marvakis ist der Wahlsieg von Syriza bei den Parlamentswahlen nicht nur für Griechenland sondern für ganz Europa wichtig. Erstmals setze eine Regierung dem realpolitischen Dogma: ‚Es gibt keine Alternative’ etwas entgegent. „Durch den Sieg von Syriza kommen die politischen Probleme Europas endlich auf den Tisch“, hofft der Proffessor. Der von Oben erklärte  Klassenkampf zeige sich mittlerweile übergreifend in aller Brutalität und voller Zynismus. In Griechenland  könne das Signal geben: "Es gibt eine Alternative zur neoliberalen Politik in Europa"

Marvakis warnte vor den begrenzten Möglichkeiten der neuen Regierung: „Es ist mehr als naiv zu glauben, dass der Kampf um ein anderes Europa in Griechenland und von dieser Regierung ausgefochten werden kann.“  Bestenfalls eröffne der Sieg von Syriza die Chance für einen politische Debatte mit dem Ziel, die Öffentliche Meinung in Europa für eine neue Form sozialdemokratischer Politik zu gewinnen. Revolutionären Hoffnungen und Barrikadenromantik erteilt er eine Absage. Die Griechen seien stockkonservatv und das Wahlprogramm von Syriza sei auf minimale Ziele ausgerichtet: "Aber das wäre schon viel!"


Thessaloniki - Promenade
Der Professor kennt seine Landsleute. Die Hafenstadt Thessaloniki, nach Athen größte Stadt Griechenlands, ist das Industriezentrum. Die Einwohner gelten als sehr Konservativ, trotzdem wählte man hier 2012 mit Yannis Boutaris einen progressiven Bürgermeister. Er war so erfolgreich, dass er im letzten Jahr mit großer Mehrheit wiedergewählt wurde. 

Marvakis kritisiert auch den bei seinen Landsleuten weit verbreiteten Nationalismus. Dieser Chauvinismus im Alltag erkläre, warum seine Landsleute die eigene wirtschaftliche Talfahrt nie im Zusammenhang mit der Entwicklung der letzten Jahre auf dem Balkan gesehen hätten: „Da läuft diese Krise seit 20 Jahren, nur die Griechen haben sich kaum dafür interessiert.“ Voll Selbstüberheblichkeit seien viele der Ansicht gewesen: ‚Wir sind doch nicht mit den faulen Bulgaren, Mazedoniern oder Albanern vergleichbar!’


 

Syriza-Büro: Insel Chios (2)
Er warnt vor der Annahme, nach den Wahlen sei die griechische Bevölkerung nach Links gerutscht. „Die Griechen sind ihn ihrer Mehrheit weiterhin sehr konservativ und rückwärtsgewandt.“ Der Wahlsieg von Syriza erkläre sich vor allem daraus, dass die Altparteien PASOK (Sozialisten) und Nea Demokratia (Konservative) ihre Wählerschaft verprellt hätten. Insgesamt sei die Bindung der Griechen an Parteien deutlich gesunken. „Die Wähler haben Syriza jetzt einen Blankoscheck ausgestellt mit dem Auftrag: ‚macht etwas anderes!’ Viele Wähler hätten bei Syriza ihr Kreuz aus „Notwehr“ gemacht und nicht aus Überzeugung. 

Positiv sei, dass sich aktuell die Stimmungslage in Griechenland geändert habe. Die Zeit der totalen Niedergeschlagenheit sei vorbei, das Interesse an Politik und politischen Informationen sei deutlich gewachsen. „Die Leute haben das Gefühl: Es ist eine andere Politik möglich.“ Derzeit stünden etwa 80% der Wähler hinter der Regierung, egal aus welchem politischen Lager. 

Die Reaktionen aus dem Ausland über das Wahlergebnis Erbittere viele Griechen, werde als versuchte Kolonialisierung empfunden. Dies könnte aufgrund des latenten Nationalismus – den es auch innerhalb der Linken gebe – noch ein Problem werden. Es sei ein Glücksfall gewesen, dass die Mehrheit Links gewählt habe. Es besteht für Marvakis die Gefahr, dass sie sich bei einem Misserfolg von Syriza hin zur Nazi-Partei Chryssi Avghi (Neue Morgenröte) wenden könnte. Sie sei immerhin drittstärkste Fraktion im Parlament - obwohl ihre Führung im Gefängnis sitzen würde. Die CA propagiere puren Rassismus: Seid Stolz darauf, wie wir in den letzten 20 Jahren mit den Immigranten umgegangen sind! Deshalb warnt Marvakis: „Die Nazis ernten dass, was andere jahrelang gesät haben.“ Rassistische und chauvinistische Töne hatten schon frühere Regierungen in Athen benutzt, wenn es darum ging, von eigenen Fehlern abzulenken.

Der Universitätsprofessor aus Thessaloniki beobachtet die Regierungskoalition zwischen Syriza und der rechtspopulistischen Partei ANEL (Unabhängige Griechen) mit Unbehagen. Man müsse genau auf eine Zunahme rechter Tendenzen in der Bevölkerung achten und dies sei die Aufgabe der griechischen Linken. Das in der deutschen Öffentlichkeit die rassistischen Ausfälle von ANEL-Politikern kritisch registriert würden, kommentierte Marvakis sarkastisch. Viele ANEL-Leute, wie der Vorsitzende und jetzige Verteidigungsminister, Pannos Kammenos, kämen schließlich aus der Nea Demokratia. Zu Zeiten der ND-Regierung von Antonis Samaras habe es aus ihren Reihen immer wieder üble Polemiken gegeben: „Die deutsche Schwesterpartei CDU hat nie dagegen protestiert!“  

Realpolitisch kann Marvakis den Deal zwischen der Führung von Syriza und ANEL nachvollziehen. Dieser Schritt habe es ermöglicht, bereits am Tag nach der Wahl eine handlungsfähige Regierung zu bilden. Damit habe man die Politiker in Europa überrascht, diese hätten langwierigen Koalitionsverhandlungen und eine damit nicht handlungsunfähige Regierung erwartet. 

Worauf setzt Marvakis seine Hoffnungen für Griechenland und Europa? „Alles muss und wird politisch in Bewegung kommen. Bewegt sich aber in Europa nichts, bewegt sich auch in Griechenland nichts.“ und "Wenn die deutsche Tageszeitung ‚Die Welt’ schreibt: ‚Die Troika ist eine Katastrophe für Europa’ dann freue ich mich!“  


Sonntag, 15. März 2015

ZDF: "The Team" - Tummelplatz für Schleichwerbung?


Am 8.März hat das ZDF mit der Ausstrahlung ihrer internationalen Krimiproduktion "The Team" begonnen. An vier Sonntagen ermittelt ab 22 Uhr ein Polizeiteam aus Dänemark, Belgien und Deutschland in einem Mordfall an vier Prostituierten. Federführend verantwortet für das ZDF die Produktionsfirma Network Movie in Köln die Serie. Als Besonderheit gibt es die Folgen im Internet in Originalfassung mit deutschen Untertiteln zu sehen. 

Die Ermittler von "The Team" Foto: ZDF Mathias Botor (m)

Die erste Doppelfolge war nur mäßig spannend, da hatte der aufwändig produzierte
Trailer deutlich mehr versprochen. Das ZDF versucht hier an die Erfolge der skandinavischen Serien "Die Brücke - Transit in den Tod"; "Komissarin Lund-Das Verbrechen"; "Der Adler" oder "GSI Spezialeinheit Göteborg" anzuknüpfen, was aber bisher nicht gelingt. Der Plot und die Charaktere der ersten Doppelfolge sind zäh und damit langweilig. Irgendwie ist ein 'Bastard' zwischen "Bella Block" und  ARD-Tatort herausgekommen, betulich und platt. Anscheinend könne sie es nicht in Deutschland *.  Beim Casting haben die Verantwortlichen anscheinend alle gute Geister verlassen. Sunnyie Melles zum x-ten mal wieder als hysterische Knallcharge. Ich will nicht beleidigen, aber diese Schauspielerin bietet seit Jahren nur Variationen zu diesem Thema.
Sunnyie Melles, Foto: ZDF Frederic Batier
Zusammengefasst: Die erste Folge von "The Team" erinnert an die früheren Versuche internationaler TV-Krimi-Koproduktionen öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten, einst auch als "Europudding" geschmäht.


Den Verantwortlichen in Mainz scheint´s egal zu sein. Laut ZDF-Pressesprecherin haben mehr als 3,9 Millionen Zuschauer (19,8% Marktanteil) die erste Doppelfolge gesehen.
  

Versteckte Werbung nervt auf dem Schirm


Wenn mich etwas in "The Team" aufregte, dann die penetrante visuelle Präsentation von Produkt-Logos. Da diskutieren die Kommissare per Videokonferenz und auf ihren aufgeklappten Laptops sind prominent die Logos von HP und Vaio zu sehen. Als der dänische Kommissar nach Österreich fliegen muss, landet deutlich sichtbar eine Maschine der "Austrian Airlines". Auf dem Flughafen telefoniert der Komissar, während im Hintergrund deutlich sichtbar ein Flieger mit  „Air Berlin“ Logo herumfurwerkt. Audi darf seine vier Ringe frontal ins Bild fahren. Am ulkigsten ist die Fahrt der Kommissare durch eine verschneite Berglandschaft in Österreich. An einer Brücke steht inmittem der Einsamkeit ein riesiges Schild: „Willkommen im Grossartal“. Damit es auch der verschlafenste Zuschauer mitbekommt, wird dieEinstellung nochmal gezeigt.


Für mich 'stinkt' das allerdings nach Schleichwerbung oder Product Placement. Aber bei Network Movie in Köln betont Produzent Andi Wecker auf Nachfrage am 10. März, es gebe keine Verträge über Product Placement oder Sponsoring für "The Team". Dies habe man auch gegenüber den internationalen Partnern der Koproduktion klargestellt. Da hat dann wohl doch jemand nicht genau aufgepasst? Wecker räumt ein, dass in einzelnen Szenegezeigte Logos später nicht entfernt wurden. Dies sei technisch aufwändig und damit zu teuer gewesen, betont der sparsame Produzent in Köln. Zum Straßenschild meinte er, "The Team" habe Unterstützung aus Österreich erhalten, als 'Gegenleistung' habe man dafür dort gedreht. 
 
Der für die Krimiserien am Sonntag Abend zuständige ZDF-Redakteur, Wolfgang Feindt, gab sich problembewusst. Am 13. März betonte er in einem Telefonat, man habe sich den Rohschnitt der Serie deshalb genau angesehen: "Wir sind da ganz sauber!" Das Werbeschild an der Brücke in Österreich stehe dort wirklich und sei nicht extra für den Film aufgebaut worden. 

Die Deutlichkeit, mit der die Network Movie und das ZDF hier jede Form von Product Placement verneinen, dürfte auch einen rechtlichen Grund haben. Der § 15 des Rundfunkstaatsvertrages erlaubt zwar ARD und ZDF Kinofilme, Serien, Sportsendungen und leichte Unterhaltung mit Product Placement zu zeigen. Aber das gilt nicht für Sendungen, die die Rundfunkanstalt selber oder ein Tochterunternehmen produziert haben. Die 1998 gegründete Network Movie GmbH & Co KG ist eine 100% Tochter der ZDF-Enterprises. Die 1993 gegründete ZDF Enterprises gehört wiederum zu 100% dem ZDF. Ihre Aufgabe ist die Produktion und der internationale Verkauf von ZDF-Fernsehsendungen.

Meine beiden Gesprächspartner reagierten am Telefon etwas überrascht auf den Hinweis zu der Einschränkung in § 15 Rundfunkstaatsvertrags. Also habe ich eine Anfrage an das Justitiariat des ZDF geschickt - mal abwarten, wann ich welche Antwort erhalte? 


18. März, fünf Tage nach meiner Mail an das ZDF-Justitiariat. Ich rufe in Mainz an und lasse mich mit zur Rechtsabteilung durchstellen. Dort verbindet man mich mit dem für dieses Thema zuständigen Mitarbeiter. Zuerst fragt er, wer ich eigentlich sei - ich verweise auf meinen Blog. Ihm lag meine Mail vor. Dann belehrt er mich, wenn ich eine Beschwerde habe, solle ich mich an den Fernsehrat wenden. Aber es gehe mir nur um die Information bezüglich der Überwachung der Tochterunternehmen des ZDF bei möglichem Product Placement, wende ich ein. Jetzt wird es hitzig zwischen uns. Er 'bürstet mich ab': "Ich kann nicht den ganzen Tag so etwas beantworten". Er habe schließlich anderes zu tun, müsse seine Arbeit erledigen. Außerdem sei meine Nachfrage auch nicht wichtig genug. 

Barsch werde ich darauf hingewisen, ich hätte mich zuerst an die Pressestelle wenden sollen. Abschließend betont der Herr knapp: Natürlich halte sich das ZDF an alle rechtlichen Vorgaben des Rundfunkstaatsvertrages.

"Heute-Show": Übernehmen Sie!


In meiner fast dreißigjährigen Praxis als Medienjournalist habe ich so etwas noch nicht erlebt!


Nachtrag 16. März 2015

 

Und wie war die zweite Doppelfolge am 15. März? Tja das aufdringliche Vaio-Logo auf dem Notebook der Kopenhagener Computerspezialistin wurde überklebt. Also alles im 'grünen Bereich'? Mitnichten! Nach dem Mord an einem Zuhälter und seiner Stieftochter in Berlin, muss sich der Killer neue Klamotten kaufen - er hatte sich danach auf seine Hose gekotzt.
Also geht er flugs in eine Nobelboutiqe der SØR-Kette, das Geschäft wird schön in Großeinstellung präsentiert. 

Da die Pressestelle mitteilt, dass screenshots der Serie nicht gezeigt werden dürfen, habe ich hier ein Foto der SØR Filiale in Stuttgart eingefügt. Ähnlich prominent erscheint das Geschäft der Kette in Berlin in "The Team" .** 

Als der Kommissar in Antwerpen im "Ramada Plaza Hotel"  absteigt, werden Eingang und Logo samt roter Leuchtschrift am Hotel prominent  ins Bild gesetzt.

Tja und der Plot? Auch die zweite Folge läuft zäh und langatmig - man muss sich als Zuschauer durch die 110 Minuten quälen. Die Darstellung der privaten Probleme der Ermittler wirkt holzig und oberflächlich. Der Däne hatte was mit der Deutschen, deren Tochter von ihm ist, was wiederum ihr Mann anscheinend nicht weiß. Und die Kommissarin aus Antwerpen hat eine alkoholkranke Mutter, vor der sie sich Ekelt. Irgendwie hatten die Autoren kein wirkliches Interesse an der  Entwicklungsfähigkeit ihrer Figuren. Kameraführung, Regie und Schnitt sind so modern wie bei den "Rosenheim-Cops".    

Die zweite Doppelfolge sahen 3,28 Millionen Zuschauer (15,4% Marktanteil), ein Minus von über 600 000 (-4,4 Prozentpunkte) gegenüber der ersten Folge.

Nachtrag 23. März 2015

 

Mit den Zuschauerzahlen der dritten Folge, konnte das ZDF wohl zufrieden sein, mit 3,6 Millionen (17,1% Marktanteil) hatte man das Minus der vorigen Woche fast ausgleichen können. Darüber gefreut haben dürften sich vor allem Edeka und das Berliner Kaufhaus des Westens (KaDeWe). Gleich zu Beginn wird die Berliner Kommissarin im Aufzug des KaDeWe angeschossen, auf dem Boden liegend, entlehrt sie ihre Tasche und der Zuschauer sieht eine Packung Papiertaschentücher der Edeka-Billigmarke "Supersoft". Damit das auch jeder merkt, wird sie in drei Einstellungen gezeigt. Derweilen hetzt der Killer die Treppe hinauf, um der Kommissarin den 'Fangschuss' zu geben. Aber kurz bevor sich die Tür des Lifts öffnet, erscheint eine Mutter mit Kind und irritiert den Killer. Sie stellt dabei die große Einkaufstüte mit dem KaDeWe Logo so vor sich und das Kind, dass jeder den Schriftzug lesen kann. Auch diese Szene wird in drei Einstellungen gezeigt.

Das Berliner Luxus-Hotel, "Westin Grand" (Übernachtung bis 1229 €), darf auch noch mit Eingang und Leuchtschrift prominent ins Bild, als der dänische Kommissar dort absteigt. Die Hotelkette rühmt sich auf ihrer Homepage diverser Film- und Fernsehproduktionen, die dort gedreht wurden. Darunter ARD-Tatorte und die ZDF-Serie "Der Kriminalist". http://assets.westingrandberlin.com/lps/assets/u/WestinGrandBerlin_Filmproduktionen2.pdf

Eigentlich sind das nur 'Peanuts' im Vergleich damit, wie haarsträubend sich die Geschichte entwickelt. Da gerät der eifersüchtige Mann der Kommissarin ins Visier der Ermittlungen, sein Handy war in der Nähe ortbar und er verstand Russisch. Das macht ihn zum Verdächtigen, da die verängstigte Mutter im KaDeWe den Killer auf Russisch um Gnade gebeten hatte. Später stellt sich dann heraus, der schwule und dazu noch adelige Schwiegersohn in Spe des Chefkriminellen hat den Anschlag begangen. Wieso aber das Handy des Ehemanns am KaDeWe eingeloggt war, der Adelssproß an eine Pistole samt Schalldämpfer kam oder er Russisch verstand, das interessiert die Autoren nicht.

Mafioso 'Loukauskis', Foto ZDF-Frederic Batier
Mit den privaten Problemen der Ermittler beschäftigt sich die Serie immer dann, wenn anscheinend überzählige Sendezeit zu füllen ist. Da bekommt die dänische Computer-Fachfrau einen prügelnden Freund zugteilt und Frau Melles darf die Zuschauer auch noch mit ihren Sangeskünsten beeindrucken. 

Völlig deplaziert wirkt der gesamte Serien-Part aus Antwerpen - ein Fremdkörper in "The Team". Die Figuren der korrupten Staatsanwältin wie des psycholgisch traumatisierten Journalisten, der die ganze Affaire um die ermordeten Prostituierten eigentlich losgetreten hatte, werden schablonenhaft 'abgewickelt'.

Und ganz zum Schluss der Dritten Folge ruft die dänische Computer-Ermittlerin zur Selbstjustiz auf: "Wir müssen dafür sorgen, dass Leute wie Loukauskis von dieser Welt verschwinden."  

Nachtrag 30. März 2015

 

"Das war's" sagt jemand am Ende des Vierteilers und der Zuschauer atmet auf, es hinter sich zu haben. Langatmig, konfus und streckenweise Langweilig. Eine krude Story, für die Herbert Reinecker höchstens eine 60-Minuten Folge im "Kommissar" oder "Derrick" geopfert hätte.

Die Auflösung ist grotesk, da entwirft man zuvor ein großes Szenario von Menschenhandel und organisierter Kriminalität und am Schluss bleibt nur ein triviales Familiendrama übrig. Der Übeltäter wird im Kellerloch gefasst, wie einst Saddam Hussein. Die hysterische Mutter (Melles) mordete dessen Ex, da sie für den Tod ihrer Tochter verantwortlich war. Und durch diese verwirrende Szenerie stolperten 440 Minuten lang die Ermittler aus Kopenhagen, Antwerpen und Berlin.

Ich habe selten eine derart unausgegorene Geschichte gesehen. Die Autoren hatten weder Interesse an der Entwicklung der Geschichte, noch an den Figuren. Da entpuppt sich die belgische Staatsanwältin als Betrügerin ohne jegliche juristische Qualifikation. Wie konnte sie im Justizsystem ohne Universitätsabschluss aufsteigen? Null Erklärung, die Enthüllung dient nur als Begründung für ihre Erpressbarkeit durch den Mafioso. Nebenbei erfährt der Zuschauer, dass dieser einen Spitzel in der deutschen Ermittlungsgruppe hat. Wer das war? Fehlanzeige. Und dann auch noch die Kitsch-Sex Szene zwischen dem 'süßen' undercover Bullen und der Gangstertochter. Bonnie ohne Kleid... Sie lieben sich im Sonnenlicht auf einer wogenden Wiese vor dem Panorama eines österreichischen Bergsees. Aua!

Und Schleichwerbung? In der letzten Doppelfolge hielt man sich da sehr zurück, nur das Berliner "Savoy-Hotel" durfte seinen Eingang samt Logo ins Bild rücken. Der Steuerzahler fragt sich, wieso die Ermittler nur in teuren Etablissements absteigen dürfen...  


Sei`s drum. Beim ZDF war man schon zu Beginn gut gelaunt. Programmdirektor Norbert Himmler: "Es macht mich ein bisschen stolz, dass wir mit "The Team" zeigen können, dass im sogenannten "Goldenen Zeitalter der TV-Serie" innovative Akzente auch aus Deutschland gesetzt werden." Zufrieden ist man beim ZDF wohl auch deshalb, weil die Serie neben den öffentlich-rechtlichen Sendern in Dänemark und Belgien auch nach Schweden und in die Schweiz verkauft wurde.

Die Zuschauer hatten an der letzten Folge geringeres Interesse, als am Anfang: 3,11 Millionen (13,3%) schalteten ein - der schlechteste Wert der vier Folgen. Online kam "The Team" auf durchschnittlich etwa 200 000 Abrufe, eingerechnet die Aufrufe der in Originalton mit deutschen Untertiteln abrufbaren Folgen in der ZDF-Mediathek.  

Wie man's besser macht


Es mag ja sein, dass bei "The Team" hinsichtlich Schleichwerbung oder Product Placement alles legal zugegangen ist. Die massive Präsenz von Produkt-Logos stört mich aber als Zuschauer immens. Umso mehr, nachdem ich die zweite Staffel der dänischen Politserie "Borgen - Gefährliche Seilschaften" bei ARTE angeschaut habe. In dieser hochgelobten Serie über 30 Folgen, werden die 'Palastintrigen' um eine fiktive Premierministerin in Kopenhagen gezeigt. Hier fand ich keine entsprechend auffälligen Produktplazierungen wie bei "The Team". Oder sind sie mir entgangen, weil die Geschichten einfach spannender und fesselnder sind?

Diese Serie ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch kleine Rundfunkanstalten, wie der Dänische Rundfunk (DR) spannende Unterhaltung produzieren kann. Eigentlich ein Kammerspiel um Politik und Macht, zwischen Hamlet und Macbeth angesiedelt, überzeugen Plot wie Charaktere. Hier zeigt das kleine dänische öffentlich-rechtliche Fernsehen dem Giganten in Mainz, wie man ganz ohne 'Europudding' europäisches Fernsehen macht!



*Ausnahmen wie "Kriminaldauerdienst" oder der Tatort aus Dortmund bestätigen die Regel... 
** Als Modebanause verortete ich dieses Unternehmen in Dänemark - siehe durchgestrichenes O. Aber weit gefehlt, dahinter verbirgt sich ein 1956 in Bielefeld gegründetes Familienunternehmen mit deutschlandweit 60 Filialen. SØR residiert heute im westfälischen Oelde - zwischen Münster und Paderborn. Das Unternehmen bezeichnet sich in der ir eigenen Bescheidenheit als den deutschen Herrenausstatter http://shop.soer-online.de/ueber-uns 

http://www.die-medienanstalten.de/fileadmin/Download/Rechtsgrundlagen/Gesetze_aktuell/15_RStV_01-01-2013.pdf 
https://de.wikipedia.org/wiki/Borgen_%E2%80%93_Gef%C3%A4hrliche_Seilschaften 

Montag, 16. Februar 2015

1945: Dresden - Panorama des Untergangs einer Stadt


Es ist der 13. Januar 1945 - Faschingsdienstag. Um 21.45 Uhr wird in Dresden Luftalarm ausgelöst.* Die Nacht ist wolkenlos und kalt. Eine Viertelstunde später, um 22.03 Uhr, leuchten über dem Zentrum der Stadt die ersten "Christbäume". So nannte man die von alliierten Fliegern abgeworfenen Leuchtzeichen, die als Zielmarken für die nachfolgenden Bomber dienten. Innerhalb von nicht einmal einer Viertelstunde verwandeln die den 'Pfadfindern' folgenden 244 Lancaster Bomber der ersten Staffel der Royal Airforce das Stadtzentrum in ein Inferno aus Flammen, Rauch und Trümmern. 
Fotoaufnahme nach dem Angriff
Um 1.23 Uhr erreichte dann die zweite Welle der RAF das Stadtgebiet. Bis zum 15. Januar wurde Dresden insgesamt viermal von Bombern angegriffen. 


Dresden war vor dem Krieg mit knapp 630 000 Einwohnern (1939) die siebtgrößte Stadt des deutschen Reiches. Bis zum Sommer 1944 hatte die Stadt nur wenige Fliegerangriffe erlebt. Dresden lag bis zu diesem Zeitpunkt außerhalb der Reichweite alliierter Bombergeschwader. Die deutschen Militärbehörden entschieden sich deshalb Ende 1944, die leichten und  schweren Flakbatterien aus der Stadt ins Ruhrgebiet zu verlegen. Damit lieferten sie Dresden faktisch schutzlos den Bombern aus. Auf dem nahegelegenen Wehrmachtsflughafen Klotzsche standen nur wenige Jäger und ihnen fehlte es an Treibstoff. Die NS-Verantwortlichen wollten andererseits die Elbe zur letzten Front gegen die Rote Armee machen und die dort liegenden Städte zu "Festungen" ausbauen, die der Volkssturm verteidigen sollte. Anfang Dezember 1944 erließ Generaloberst Heinz Guderian den Befehl, rund um Dresden Verteidigungsstellungen zu errichten. In der Stadt befanden sich Anfang 1945 eine Infanteriedivision, Einheiten von Waffen-SS, Luftwaffe und Marine. 


 

 

"DRESDEN 1945 - Tragik und Hoffnung einer europäischen Stadt"


Den Besucher beeindruckt die zylindrisch gebaute Rotunde des 1880 erbauten Gasometers im Stadtteil Reick, nur wenige Kilometer von Dresdens Innenstadt entfernt. Hinter dem Eingangsbereich beginnt eine Ausstellung, die an Hand von Einzelschicksalen über die Nazizeit in Dresden informiert. Vorbei an Wänden, auf die Filmaufnahmen fallender Bomben projiziert werden, erreicht man die große Halle im Inneren des einstigen Gasometers. An den Wänden der Rotunde sind auf 3000 Quadratmetern über 107 Meter die Planen mit dem Panorama des untergehenden Dresdens befestigt. Das Dach in etwa 40 Metern Höhe sieht man nur undeutlich, da es hier ziemlich dunkel ist.
In der Mitte der Raumes steht ein etwa 15 Meter hoher Stahlturm, auf dessen Plattformen der Besucher das Panorama der brennenden Stadt betrachten kann. Neben der Dunkelheit in der Rotunde löst auch die Geräuschkollage der Lautsprecher Beklemmungen aus. Zu dem Dröhnen der Flugzeuge und den Explosionsgeräuschen hat Eric Babak eine unheimlich-sphärische Musik komponiert.  

„© asisi“
„© asisi“
Schöpfer dieses Panoramas über den Untergang der barocken Innenstadt von Dresden ist Yadegar Asisi. Der Architekt und Künstler lebt heute in Berlin.  Er kam 1955 in Wien als Kind iranischer Eltern zur Welt und wuchs zu DDR-Zeiten in Leipzig auf. Heute lehrt er an der Hochschule für Technik in Berlin. Er hat das moderne Konzept für die Ausstellung großer Panoramen entwickelt und will damit diese alte Tradition neu beleben: "Das Panorama war das erste visuelle Massenmedium". Am Ende des 19. Jahrhunderts seien sie überall in europäischen Metropolen eine Publikumsattraktion gewesen, betont Asisi. Damals habe man hauptsächlich bedeutende Schlachten oder ferne Länder dem Publikum präsentiert. "Ihre Popularität endete mit der Erfindung der bewegten Bilder, des Kinos." Asisi kritisiert, der Mensch werde heute über die Medien mit Reizen überflutet und komme kaum noch dazu, etwas bewusst zu betrachten: "Die Panoramen  sind deshalb für mich eine Art Gegenbewegung. (...) Da gibt es nur ein Bild, in das man eintauchen kann. Der Betrachter selbst bestimmt, wie lange er diese oder jene Stelle betrachtet."  


Asisi hat bisher neun Panoramen konzipiert, die in fünf Städten realisiert worden sind. Für den Ausstellungsort im alten Gasspeicher von Dresden prägte er den Namen "Panometer" - ein Mix aus Gasometer und Panorama. Dort hatte er zuvor mit dem Projekt "Dresden 1756" großen Erfolg. Dieses Panorama erweckte die einstige Pracht der Residenzstadt August des Starken optisch erneut zum Leben. Dazu wurden als Vorlagen Bilder des Malers Canaletto (Bernardo Bellotto) verwendet. Um das Panorma mit Leben zu fülle, zogen Komparsen Kleidung der Epoche an, wurden dann fotografiert und danach in die Straßenszenen des Panoramas per Computer eingefügt. Deshalb wirkt das Barock-Panorama nicht wie gemalt, sondern wie eine 360° Fotografie der Stadt an der Elbe. Asisi erweckt sie für einen Tag zum Leben, diesen Effekt erzielte er durch wechselnde Beleuchtung und Geräuschkollagen. Das Morgenlicht begrüßt ein Hahnenschrei, den Mittag läuten Kirchenglocken ein und am Abend wird es einfach ruhig in der Stadt. Wer dieses Panorama gesehen hat, den erschüttert das neue Projekt über den Untergang Dresdens im Februar 1945.   http://www.asisi.de/de/homepage.html


In der großen Halle des Gasometers wirkt das Panorama an den Wänden der Rotunde erst einmal auf den Betrachter irritierend.Gedruckt auf Polyester-Planen, sehen die Bilder vom Boden betrachtet verzerrt aus. Den richtigen Blick erhält man erst von einer der Aussichtsplattformen. Das Panorama zeigt den Blick auf die Innenstadt, vom Standort des Turm des Dresdner Rathauses am Rand der Altstadt. Zeitpunkt: Nachmittag, 15. Februar 1945. Die letzten britischen Bomber hatten ihren Angriff beendet und waren abgeflogen. Die Innenstadt brannte an allen Ecken und Enden. Asisi geht es dabei aber nicht um eine dokumentarische Momentaufnahme der Stadt. Das Panorama erhebe nicht den Anspruch auf hunderprozentige faktische Adäquatheit, betont der Pressesprecher. Die Macher verließen sich bei der Recherche nicht alleine auf zugängliches Archivmaterial. Über einen öffentlichen Aufruf wurden Zeitzeugen gebeten, ihre Bilder und Dokumente zur Verfügung zu stellen - 70 Dresdner folgten der Bitte. Darüber hinaus arbeitete man eng mit historischen Beratern zusammen, betont der Pressesprecher.



Den Besucher ziehen die in blau-grauen Farbtönen gehaltenen Bilder sofort in ihren Bann.
Das Hallbdunkel und die Tonkollagen wie auch die Musik verstärken das bedrückende und unheimliche Gefühl, das sich schnell einstellt. Fast automatisch spricht man nur noch im  Flüsterton miteinander oder schweigt. Dem Betrachter erscheint es, als würden die Rauchschwaden im Feuersturm vorbeiziehen und Brände wild auflodern. Dieser Effekt wird durch die wechselnde Beleuchtung und Lichtblitze erzielt, die die Bombeneinschläge simulieren. Gebannt vom Blick auf das Geschehen verliere im Halbdunkel fast meine Begleiterin aus den Augen.

Viele Besucher treffen ihre Freunde oder Angehörigen oft erst am Fuß des Aussichtsturmes wieder und wirken zumeist sichtlich erschüttert. Kein Wunder, die Bilder der brennenden Innenstadt Dresdens erinnern an die mittelalterlichen Höllen- und Alptraumvisionen des Malers Hieronymus Bosch. Aber die Ausstellung belässt es nicht alleine bei der emotionalen Wirkung."Asisí stellt mit Dresden 1945 nicht die Opfersituation Dresdens in den Vordergrund, sondern lenkt den Blick auf einen weiteren Kontext: Schon mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 hatten die innere Zerstörung Dresdens, die Vernichtung von zig Menschenleben und ab 1939 zahlreicher Städe in Europa begonnen", erläutert der Pressetext. Dazu dienen auch die Stelen mit Informationen über Einzelschicksale. Anhand alter Fotos wird die Geschichte Dresdner Juden und einiger Nazi-Gegner erzählt, von Kindern, die ihre Eltern im Feuersturm verloren. Ein Dokument zeigt das nach dem Angriff von der NS-Verwaltung benutztes Formular zur Erfassung der Opfer. Akribisch sollten Namen, Adressen und die Todesursachen erfasst werden. Auch im Untergang blieb die deutsche Bürokratie gründlich... 



Besonders ein Bild prägte sich mir ein, weil es irritiert: Vor einem zerstörten Haus, oberhalb einer ausgebrannten Straßenbahn, fliegen zwei bunte Papageien über die brennenden Stadt. Phantasie oder Realität? Auf Nachfrage teilt mir das Projektbüro dazu mit: "Sie symbolisieren die Freiheit, die nur durch die Zerstörung möglich wurde (wie z.B. bei inhaftierten Juden und Sozialdemokraten oder Kommunisten)." Darüber hinaus lägen dem Bild entsprechende Erlebnisberichte von Zeitzeugen zugrunde. Tiere aus dem zerstörten Zoo wären umhergeirrt, zumeist dann im Inferno umgekommen. 
Vor vielen Jahren las ich den Roman: "Schlachthof 5" des US-Schriftstellers, Kurt Vonnegut. Im Buch verarbeitet er auf teilweise ziemlich bizarre Art die Wirkungen, die der Angriff auf Dresden bei ihm einst auslöste. Vonnegut war als Kriegsgefangener in der Stadt, als sie Bombardiert wurde. Der Roman ist eine teilweise groteske Kollage aus Kriegsdrama, Satire auf die spießige US-Mittelschicht der 60ies plus schräge Science-Fiction-Story. Im Hintergrund steht der Mensch, der das Erlebte nichtlos wird, sein Leben lang unter dem Trauma leidet. 


Der letzte Triumph des Joseph Goebbels


In der Ausstellung wird auch auf die Entwicklung nach dem Krieg behandelt. In der DDR wollte man einen modernen und funktionalistischen Wideraufbau der Innenstadt. Damit sollte man auch ein Zeichen für den Triumph des Sozialismus über den maroden Kapitalismus in Beton gegossen werden.
Die Innenstadt nach Beseitigung der Trümmer in den 1950ern 
Deshalb prägen heute noch große Plattenbauten, breite Ausfallstraßen und die einstige 'Stalin-Allee' die Innenstadt. Mittlerweile haben aber Kaufhäuser und Shopping-Center ihren 'Siegeszug' auch hier vollendet. An vielen Stellen wirkt das Zentrum unpersönlich - wie die meisten deutschen Innenstädte. Rund um die wieder aufgebaute Frauenkirche hat man dagegen Gebäude im alten Stil neu hochgezogen. Keine einzige Ruine blieb im Zentrum als Mahnmal stehen - als wollte man die ungeliebte Geschichte tilgen. Umgehend machten sich nach der 'Wiedervereinigung'  Politiker, Stadtplaner und Architekten aus West- und Ost daran, das alte Dresden wiederauferstehen zu lassen.Viele Dresdner begrüßten es, man wollte endlich die hässlichen Wunden des Krieges - und damit die Mahnung vergessen machen. Während etwa in meiner Heimatstadt Hamburg heute zumindest noch die Ruine der durch den Bombenangriff 1943 zerstörten Nicolai-Kirche als Mahnmal steht, zieht man in Dresden eine Art 'Disney-Barock' vor. Der Zuspruch durch Touristen scheint ihnen leider auch noch Recht zu geben.


Einerseits pflegt man in Dresden einen ausgeprägten Opfermythos im Zusammenhang mit dem Bombenangriff, andererseits verdrängt man, wer der Urheber der Legende ist. Das Thema wird auch nicht in der Ausstellung im 'Panometer' behandelt. Nach der Zerstörung Dresdens witterte NS-Propagandaminister Joseph Goebbels umgehend die Chance für einen letzten Propaganda-Coup. Er ließ seinen Propagandaapparat anlaufen, der die Presse vor allem im neutralen Schweden mit Horrorzahlen von mehreren hunderttausend Opfern des Angriffs versorgte. Die Zahl der Toten lag deutlich niedriger, das war Goebbels zumindest bekannt. Am 6. März 1945 bezifferte er die Verluste auf einer Konferenz in Görlitz auf geschätzte 40 000 Tote. In seiner Propagandawerkstatt wurde auch der Mythos des angeblich militärisch sinnlosen Bombenterrors auf die Kulturstadt durch Briten und Amerikaner geschaffen.

Goebbels überlebte zwar das Kriegsende nicht, die von ihm in die Welt gesetzten Mythen über Dresden dagegen schon. Vielen Deutschen kam es, angesichts des Holocausts gerade recht, den Alliierten mit Dresden ihre eigenes Kriegsverbrechen vorhalten zu können. So musste man sich dem von Deutschen organisierten industriellen Massenmord nicht stellen: 'Die waren ja auch nicht besser'. Dieser Mechanismus funktionierte nicht nur in der BRD, auch in der DDR benutzte man die Folie der Goebbels-Propaganda als Vorlage. Hatte man in der DDR kurz nach Kriegsende noch die Mitschuld Deutschlands am Luftkrieg thematisiert, wurde dies im 'Kalten Krieg' ab 1950 ausgeblendet. Jetzt diente das Beispiel Dresden als Beleg für den barbarischen Kapitalismus amerikanischer Prägung. DDR-Politiker benutzten Nazi-Phrasen über die "anglo-amerikanischen Luftgangster". Die eigene Verantwortung Deutschlands für die Barbarisierung des Luftkrieges - kein Thema im Zusammenhang mit Dresden. Dabei waren die deutschen Bombardements von Guernica, Warschau, Rotterdam und Coventry die Beispielgeber für den Bombenterror.
Im Opfer-Mythos Dresden waren sich 'Wessis' und 'Ossis' erschreckend ähnlich.

„© asisi“

Nach 1989 dauerte es in Dresden fast 15 Jahre, bis 2004 eine Historikerkommission beauftragt wurde, die wirkliche Zahl der Opfer festzustellen. Mittlerweile hatte sich Dresden nämlich zum 'Wallfahrtsort' der Neonazis gemausert. Weitere sechs Jahre später veröffentlichten die Fachleute ihre Ergebnisse: Demnach fielen den Bombardement zwischen 18 000 und 25 000 Menschen zum Opfer. Zur Erinnerung: Bereits am 22. März 1945 hatte der Befehlshaber der Berliner Ordnungspolizei (ORPO) in Dresden insgesamt 18 357 "Gefallene" genannt. ** Im Bundesarchiv in Koblenz fand man den "Tagesbefehl 47", der von höchstens 25 000 Opfern des Bombenangriffs auf Dresden ausgeht.  

Wie der Mythos der bis 500 000 Toten in Dresden, so war es ebenso eine Lüge, die Stadt sei ein barockes Baudenkmal ohne militärischen Wert gewesen. Alleine ein Blick auf das umfangreiche Kasernengelände im Norden der Stadt - hier befindet sich das neue Militärmuseum - bezeugt das Gegenteil.
Militärmuseum auf dem Bundeswehrgelände
Dresden war 1945 ein bedeutender Industriestandort des Reiches, in rund 100 Fabriken arbeiteten etwa 50 000 Menschen für die Rüstung,wie etwa bei Zeiss Ikon. Dabei wurden auch Zwangsarbeiter eingesetzt und es gab hier Außenstellen der Konzentrationslager Flossenbürg und Auschwitz. Darüber hinaus war die Stadt ein großer Verkehrsknotenpunkt der Reichsbahn, über den nicht nur Militärzüge, sondern auch Transporte in die Vernichtungslager liefen.



Die Machthaber der DDR ließen die Ruine der zerstörten Frauenkirche als Mahnmal stehen, während die Semperoper zwischen 1977 und 1948 aufwändig restauriert wurde.
Ruine der Frauenkirche 1945
Nach der 'Wiedervereinigung' ging man im neuen Deutschland daran, alle Spuren an die DDR-Zeit zu tilgen. Während meines ersten Besuchs der Stadt, wenige Wochen nach Grenzöffnung, waren überall im Zentrum  noch Ruinen. 

An dem Gehweg der heutigen Ostra-Alle - stand in Sichtweite des 'Dresdner Zwingers' ein kleiner Gedenkstein für den spanischen Antifaschisten Julián Grimau. Die Straße trug damals noch seinen Namen. Der Kommunist Grimau war nach Francos Sieg im Jahr 1939 aus Spanien geflüchtet, kehrte aber 1959 illegal zurück. Er wurde 1963 verhaftet und trotz internationaler Proteste am 20. April 1963 mit dem Würgeeisen (Garotte) hingerichtet. *** Flugs wurde dieses Denkmal nach der 'Deutschen Einheit' beseitigt und der Name aus dem Stadtplan getilgt. 

Victor Klemperer legt Zeugnis ab

 

Für das Leiden der Opfer des NS-Regimes in Dresden, sind die Tagebücher Victor Klemperers ein eindrucksvolles Zeugnis. **** Im 'Panometer' suchte ich seinen Namen vergebens, keine Gedenkstele erinnert an diesen mutigen Chronisten. Dabei hatte er den Untergang der Stadt 1945 direkt im Stadtzentrum miterlebt.
Victor Klemperer nach dem Krieg
Klemperer hatte zwischen 1920 und 1935 als Professor an der Technischen Hochschule gelehrt. Die Nazis 'entfernten' ihn dann aus dem Staatsdienst, da er aus einer jüdischen Familie stammte. In seinen Tagebüchern schildert er die schrittweise Entrechtung der Juden Dresdens seit 1933 bis zum Ende des Krieges. Hatte die Jüdische Gemeinde 1933 etwa 5000 Mitglieder, so lebten bei Kriegsende noch 41 von ihnen in Dresden. 
In seinem Eintrag vom 22. Februar 1945 schildert der, mittlerweile mit seiner Frau nach Piskowitz bei Bautzen entkommene Klemperer, das Bombardement. Am Tag des Angriffs dachte er noch angstvoll daran, dass die NS-Behörden am kommenden Freitag alle noch in der Stadt lebenden Juden deportieren wollten. Das hätte mit Sicherheit den Tod des 64-Jährigen bedeutet und er wusste das. Auf den folgenden Seiten beschreibt er das Erlebnisse des Angriffs: "Die Straße war taghell und fast leer, es brannte, der Sturm blies (...)." Klemperer wird verletzt "etwas schlug glutheiß an meine rechte Gesichtsseite. Ich griff hin, die Hand war voller Blut, ich tastete das Auge ab, es war noch da." Er und seine Frau versuchten dem Feuer zu entkommen, sie liefen hinunter zu Brühlschen Terrassen oberhalb des Elbufers: "Ich stand dann oben, im Sturmwind und Funkenregen. Rechts und links flammten Gebäude, das Belvedere und (...) die Kunstakademie." Er hatte seine Frau aus den Augen verloren und irrte alleine weiter durch das brennende Dresden.   


„© asisi“

Von den Terrassen aus beobachtete er Menschen, die versuchten sich am Elbufer in Sicherheit zu bringen. Für ihn aber drohte noch eine ganz andere Gefahr: "ich getraute mich (...) nicht hinunter", denn Juden war der Aufenthalt hier verboten. Glücklicherweise fand er seine Frau wieder und erreichte mit ihr am 15. Februar den Wehrmachtsflughafen Klotzsche. Dorthin hatten sich viele Ausgebombte geflüchte. "Die Gefahr der Bomben und der Russen teile ich mit allen anderen; die der Stella ist meine eigene und die weitaus größere." Mit der 'Stella' war sein Judenstern gemeint, den er eigentlich offen tragen musste. Er hatte ihn aber mittlerweile vom Mantel entfernt. Ein Leidensgenosse hatte ihm dazu geraten, sonst "würde ich sofort ausgesondert und getötet" werden.

Die Bombardierung Dresdens rettete das Leben mancher Verfolgter, denn auch die Gestapo-Zentrale wurde getroffen. Die geplante Deportation der letzten 198 Dresdener Juden in die Vernichtungslager konnte deshalb nicht mehr durchgeführt werden.      


https://de.wikipedia.org/wiki/Luftangriffe_auf_Dresden
**  Die ORPO umfasste alle uniformierten Polizeikräfte des Reiches, bis zur Kapitulation kommandierte sie SS-Obergruppenführer Alfred Wünnenberg. Er unterstand dem Reichsführer SS und Polizei, Heinrich Himmler.

*** https://de.wikipedia.org/wiki/Juli%C3%A1n_Grimau  

**** Victor Klemperer, Tagebücher 1945, Aufbau Taschenbuch-Verlag 1999, S.31 - 47