Freitag, 21. August 2015
Siegmund Gottliebs journalistische Visionen
Die ungewollten Satiren sind ja immer die schönsten - frei nach dem Motto: Man muss sie einfach nur reden lassen!
Da berichtet der Online-Branchendienst "Newsroom" am 21. August über die Vorstellungen, die Siegmund Gottlieb, Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens , von der journalistischen Entwicklung seines Programms hat.
"Gottlieb sagte im Interview mit Maria Goblirsch und Michael Anger für den "BJV-Report" (...), dass in den Redaktionen auch zukünftig Fachleute gefragt sind. Aber: "Natürlich braucht es im aktuellen Geschäft auch eine eierlegende Wollmilchsau: Den Reporter, der redaktionell und technisch so gut ausgebildet ist, dass er heute nach Rom fährt und uns vom Hotelzimmer aus einen Beitrag ins Netz oder in die Rundschau einspielt.“
Genau, deshalb berichten seine Korrespondenten immer entweder vom Dach oder dem Syntagmaplatz in Athen - im Hintergrund das Athener Parlament. Sehr bequem, denn vom Dach des Luxushotels "Grande Bretagne" kann man schöne Aufsager ablassen, oder von dem vor der Tür des Hotels liegenden Syntagma Platz. Daher rührt die journalistische Tiefe der Berichterstattung über Griechenland - nun hab' ich es begriffen!
Das erinnert mich an die berühmten Kriegs-Korrespondenten aus dem Vietnam-Krieg in den 1960er und 70er Jahren. Da recherchierten die Journalisten oft direkt von der Hotelbar aus....
Warum überlässt Gottlieb eigentlich nicht gleich die Berichterstattung einer 'BR-Drohne', deren Bilder dann von München aus kommentiert werden?!
Nachtrag: Die von Gottlieb gepriesene "Eierlegende Wollmilchsau" war einst ein Riesenflopp. So bezeichete man in den 1970er Jahren den Kampfjet "Tornado". Er sollte gleichzeitig die Aufgaben eines Jägers und Bombers erledigen. In Wirklichkeit hat der Flieger nie die ihm zugeschriebenen Qualitäten erfüllen können. Er war vielmehr eines der teuersten Rüstungsprojekte der SPD/FDP-Regierung von Helmut Schmidt.
Donnerstag, 20. August 2015
SWR: Frischer Wind im neuen Rundfunkrat?
Die Landesregierungen von Baden-Württemberg (Grün-Rot) und Rheinland Pfalz (Rot-Grün) haben mit der 2013 erfolgten Novellierung des Staatsvertrages über den Südwestrundfunk (SWR) auch die Zusammensetzung seiner Kontrollgremien (Rundfunk- und Verwaltungsrat) verändert. So gehören dem Rundfunkrat des SWR (74 Personen) jetzt keine Vertreter der beiden Landesregierungen mehr an. Die Zahl der Frauen im Rundfunkrat wurde von 25 auf 35 deutlich erhöht.
| Rundfunkräte in der Orientierungsphase... |
| Jacques Delfeld Sen. |
| Argyri Paraschaki - Rino-Gennaro Iervolino |
Am 10. Juli 2015 traf sich der neue SWR-Rundfunkrat zu seiner konstitutierenden Sitzung in Stuttgart. Die 'Neuen' im Gremium mussten sich dabei erst einmal zurechtfinden. Diverse Abstimmungen über den Verwaltungsrat und die Leitung des Rundfunkrates mussten absolviert werden. Da die die Vertreter der gesellschaftlichen Gruppen aber in der Regel aus den Leitungskadern ihrer Organisationen entsandt wurden, ging dies ziemlich geräuschlos über dier Bühne.
Ach ja, einen der über 335 000 Arbeitslosen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sucht man in den SWR-Gremien weiterhin vergebens - daran hat Grün-Rot oder Rot-Grün nichts geändert....
Künftig vielfältigere und offenere Debatten?
Wird der neu zusammen gesetzte Rundfunkrat für mehr öffentliche Debatte und Vielfalt
| Öffentlicher Aushang: Sitzung des SWR-Rundfunkrates |
Erstmals tauchte an der Infotafel im Foyer des SWR-Funkhauses auch eine Einladung des Arbeitskreises "Lila Frauen" auf. Eine der Organisatorinnen ist Ruth Weckenmann, einst SPD-Landtagsabgeordnete und heute für den Landesfrauenrat im SWR-Rundfunkrat. Auf Nachfrage erklärte sie, dieses überfraktionelle Treffen gebe es schon seit einigen Jahren, man habe sich jetzt nur erstmals 'geoutet'. An den Treffen nähmen etwa ein Dutzend Frauen teil und das unabhängig von ihrer sonstigen politischen Zuordnung. Man wolle aus Sicht der Frauen die größtenteils männlichen SWR-Leitungsebenen problematisieren. Außerdem wolle man beobachten, ob und wie im Programm für Frauen wichtige Themen behandelt würden. Was wurde bisher erreicht? "Der Intendant antwortet jetzt immerhin auf unsere Schreiben," meint Frau Weckenmann und lächelt.
Die Praxis der politischen Freundeskreise gibt es in allen Gremien öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten - dabei gibt es sie offiziell überhaupt nicht. In diesen nichtöffentlich Sitzungen der Arbeitskreise fallen die wirklich wichtigen Entscheidungen. So ist es selbstverständlich, dass bei der Wahl des Intendanten die Kandidaten vor der dem Rundfunkrat zustehenden Wahl durch die Arbeitskreise 'tingeln'. Auch die Zustimmung zur Besetzung der SWR-Direktoren sowie der Verwaltungräte wird hier 'abgekaspert'. Kein Wunder also, dass es dann im Rundfunkrat bei den Wahlen kaum Debatten und nie Überraschungen gibt. Da aber alle Beteiligten dieses fragwürdige System akzeptiert haben, gibt es keinen Widerspruch - auch nicht bei den neuen Mitgliedern.
Mit den beiden Vertretern der Migrantenvertretungen aus Baden-Württemberg, Argyri Paraschaki und Rino Gennaro Iervolino sowie dem Vertreter der Sinti und Roma aus Rheinland-Pfalz, Jacques Delfeld, sprach ich am 10 Juli in Stuttgart über ihre Arbeit im Rundfunkrat:
Sie sind der erste Vertreter der
Sinti und Roma in einem Rundfunkgremium einer öffentlich-rechtlichen
Rundfunkanstalt in Deutschland. Wo sehen Sie ihre Hauptaufgabe als Mitglied des
SWR-Rundfunkrates?
Delfeld: Erst einmal geht es mir darum, im
SWR-Rundfunkrat zu zeigen, dass hier jetzt ein Vertreter der Sinti und Roma
Sitz und Stimme hat. Wir sind damit als eine gesellschaftlich wichtige Gruppe
in diesem Gremium vertreten. In der konkreten Arbeit als Mitglied im Rundfunkrat werde ich
versuchen, über meine persönliche Meinung auch Einfluss zu nehmen für die Sinti
und Roma. Wir werden ja oft immer noch in den Medien sehr kritisch behandelt –
um es vorsichtig zu formulieren. Erinnern Sie sich, vor gut 20 Jahren mussten
der Landesverband und der Zentralrat der Sinti und Roma einen Prozess gegen den
Südwestfunk führen. Damals ging es um eine Sendung „Kinder des Windes“, in der
Stereotype und Klischees über Sinti und Roma verbreitet wurden. Durch meine
Arbeit im SWR-Rundfunkrat möchte ich positiv darauf einwirken, wie mit
dem Thema Sinti und Roma in der Öffentlichkeit umgangen wird.
SWR-Intendant Peter Boudgoust sagte
bei der Sitzung, die Gremienmitglieder hätten auch die Aufgabe eines
‚Botschafters’ für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in die Gesellschaft.
Stimmen Sie dem zu und wie wollen Sie ihre Arbeit an ihre Verbände vermitteln?
Delfeld:
Da hat Herr Bodugoust vollkommen Recht. Es ist für uns als in
Deutschland anerkannte Minderheit sehr wichtig, das ich unseren Verbänden
vermitteln kann, dass wir im Rundfunkrat mitarbeiten - Sitz und Stimme haben.
Wir sind nicht mehr ausgestoßen, sondern als Minderheit der Gesellschaft
anerkannt und gestalten mit – das wird positiv bei unseren Verbänden
aufgenommen werden. Meine Stimme im Rundfunkrat hat genauso viel Gewicht, wie
die anderer gesellschaftlicher Gruppen, das ist ein starkes und positives
Signal für unsere Gemeinschaft.
Der SWR ist ein riesiger Apparat,
den man als normaler Zuschauer oder Hörer kaum durchblickt. Wie wollen Sie sich
jetzt für ihre Aufgabe Fit machen?
Delfeld: Viel viel lesen, wir bekommen ja
eine Unmenge Post vom Sender. Darüber hinaus bin ja neben der Arbeit als
Rundfunkrat auch Vorsitzender unseres Landesverbandes und damit auch
stellvertretender Vorsitzender des Zentralrates der Sinti und Roma.
Andererseits kann ich auf die Erfahrung als Mitglied der Landesmedienanstalt
LMK für Rheinland-Pfalz aufbauen. Vor diesem Hintergrund weiß ich schon, was da
auf mich zukommt. Jetzt schon bin ich positiv überrascht über die gute
Organisation des Rundfunkrates. Auch die durchaus auch kontrovers geführte
Debatte im Gremium gefällt mir sehr gut.
Auch sie wurden ja hier mit dem
‚Phänomen’ der ‚Freundeskreise’ konfrontiert – eine Einrichtung, die es
offiziell für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gar nicht gibt. Auf diese Treffen weist der SWR sogar per Aushang hin. Waren Sie bei einem dieser Treffen?
Delfeld: Ja ich war bei dem Kreis der
Rot-Grünen. Ich wurde dorthin nominiert, wehre mich auch nicht dagegen. Da ich
aber von meiner Einstellung her eher parteilos bin, könnte ich eigentlich in
jede Gruppe gehen – abgesehen vielleicht von den ‚lila Frauen’.
Bedeutet das, dass Sie beim nächsten
Rundfunkrat vielleicht auch zu einer anderen Gruppe gehen?
Delfeld: Die Möglichkeit zumindest besteht,
dort darf man ja als nicht stimmberechtigter teilnehmen. Da werde ich bestimmt
einmal in eine andere Gruppe hineinschauen.
Wenn Sie aber ein Stimmrecht nutzen
wollen, müssen Sie sich schon einer Gruppe fest zuordnen?
Delfeld: Ja.
Hat Ihr Verband beschlossen, dass
sie zu den rot-grünen gehen?
Delfeld: Eigentlich nicht, es war aber die
rot-grüne Landesregierung die uns erstmals ermöglicht hat, einen Sitz im
Rundfunkrat einnehmen zu können – was wir ja viele Jahre lang politisch
gefordert haben.
Argyri Paraschaki
Sie vertreten zusammen mit ihrem Kollegen Herrn Iervolino im SWR-Rundfunkrat die Migranten in Baden-Württemberg – wo liegen ihre
Wurzeln?
Paraschaki: In Griechenland – Ich hoffe wir führen das Interview jetzt zum Thema SWR und nicht zum Thema Griechenland (lacht). Ich bin auf Rhodos geboren und in Esslingen aufgewachsen. Ich wurde vom Landesverband der Kommunalen Migrantenvertretungen in Baden-Württemberg in den Rundfunkrat entsandt. Wir sind ja seit mehreren Jahren durch Herrn Iervolino bereits im Rundfunkrat vertreten, durch die Änderung des SWR-Staatsvertrages dürfen wir jetzt zwei Personen entsenden.
Was motiviert sie für die Arbeit im SWR-Rundfunkrat?
Paraschaki: Zum einen ist für mich das Thema Stärkung der Integration, die Vertretung integrationspolitischer Positionen im Rundfunkrat wichtig. Zum anderen will ich die Menschen vertreten, die hier zwar schon lange leben, aber kein Wahlrecht haben. Außerdem geht es mir darum, in unseren regelmäßig stattfindenden Versammlungen Informationsarbeit über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu leisten. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ich über meine Arbeit in den SWR-Gremien Referenten gewinnen kann, von deren Input wir bei unserer politische Arbeit profitieren könnten.
Rundfunk ist eine komplexe Materie – Gesetze, Organistation, Technik und Politik. Wie wollen sie sich da fit machen?
Paraschaki: Natürlich vor allem durch Einlesen in die Materie – das steht mir jetzt bevor. Außerdem will ich viele Gespräche führen, ich kenne ja einige Vertreter anderer gesellschaftlicher Organisation und Politiker im Rundfunkrat. Da hole ich mir Input. Darüber hinaus verfolge ich natürlich die aktuelle öffentliche Diskussion über Medien in den Medien.
Es gibt im SWR-Rundfukrat die sogenannten 'Freundeskreise'. Einen ‚schwarzen’ für die CDU-Nahen, einen ‚roten’ für SPD-Anhänger, sowie einen für die ‚grauen’, die sich keinem politischen Lager zuordnen wollen. Außerdem hat sich jetzt erstmals mit den ‚lila Frauen’ ein parteiübergreifender Freundinnenkreis geoutet. In keinem Rundfunkstaatsvertrag sind diese Gruppen vorgesehen – wie sehen Sie das und sind Sie Mitglied eines Kreises?
Paraschaki: In der Tat war ich auf der Sitzung des Freundeskreises von Herrn Drexler (Rot-Grün). Wir haben dort Dinge besprochen, die ich heute in der großen Sitzung des Rundfunkrates nicht erfragen konnte. Ob diese Freundeskreise legitimiert sind oder nicht, kann ich nicht sagen – ich muss das für mich selber herausfinden. Ich fand das Treffen gestern jedenfalls nicht schlecht, konnte da ein paar Dinge ‚mitnehmen’.
Immerhin wird kritisiert, dass in solchen, rundfunkrechtlich nicht vorgesehenen 'Vorgremien' oft Personalentscheidungen fallen, bevor sie der Rundfunkrat offiziell beschließt?
Paraschaki: Also ich war im Freundeskreis von Herrn Drexler, weil ich dazu eingeladen wurde. Wie ich das künftig handhaben werde, das fragen sie mich bitte in einem halben Jahr wieder. Ich bin ja lange in der Politik mit dabei deshalb ist mir nicht unbekannt, das Diskussionen und Absprachen oft vor offiziellen Sitzungen stattfinden.
Paraschaki: In Griechenland – Ich hoffe wir führen das Interview jetzt zum Thema SWR und nicht zum Thema Griechenland (lacht). Ich bin auf Rhodos geboren und in Esslingen aufgewachsen. Ich wurde vom Landesverband der Kommunalen Migrantenvertretungen in Baden-Württemberg in den Rundfunkrat entsandt. Wir sind ja seit mehreren Jahren durch Herrn Iervolino bereits im Rundfunkrat vertreten, durch die Änderung des SWR-Staatsvertrages dürfen wir jetzt zwei Personen entsenden.
Was motiviert sie für die Arbeit im SWR-Rundfunkrat?
Paraschaki: Zum einen ist für mich das Thema Stärkung der Integration, die Vertretung integrationspolitischer Positionen im Rundfunkrat wichtig. Zum anderen will ich die Menschen vertreten, die hier zwar schon lange leben, aber kein Wahlrecht haben. Außerdem geht es mir darum, in unseren regelmäßig stattfindenden Versammlungen Informationsarbeit über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu leisten. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ich über meine Arbeit in den SWR-Gremien Referenten gewinnen kann, von deren Input wir bei unserer politische Arbeit profitieren könnten.
Rundfunk ist eine komplexe Materie – Gesetze, Organistation, Technik und Politik. Wie wollen sie sich da fit machen?
Paraschaki: Natürlich vor allem durch Einlesen in die Materie – das steht mir jetzt bevor. Außerdem will ich viele Gespräche führen, ich kenne ja einige Vertreter anderer gesellschaftlicher Organisation und Politiker im Rundfunkrat. Da hole ich mir Input. Darüber hinaus verfolge ich natürlich die aktuelle öffentliche Diskussion über Medien in den Medien.
Es gibt im SWR-Rundfukrat die sogenannten 'Freundeskreise'. Einen ‚schwarzen’ für die CDU-Nahen, einen ‚roten’ für SPD-Anhänger, sowie einen für die ‚grauen’, die sich keinem politischen Lager zuordnen wollen. Außerdem hat sich jetzt erstmals mit den ‚lila Frauen’ ein parteiübergreifender Freundinnenkreis geoutet. In keinem Rundfunkstaatsvertrag sind diese Gruppen vorgesehen – wie sehen Sie das und sind Sie Mitglied eines Kreises?
Paraschaki: In der Tat war ich auf der Sitzung des Freundeskreises von Herrn Drexler (Rot-Grün). Wir haben dort Dinge besprochen, die ich heute in der großen Sitzung des Rundfunkrates nicht erfragen konnte. Ob diese Freundeskreise legitimiert sind oder nicht, kann ich nicht sagen – ich muss das für mich selber herausfinden. Ich fand das Treffen gestern jedenfalls nicht schlecht, konnte da ein paar Dinge ‚mitnehmen’.
Immerhin wird kritisiert, dass in solchen, rundfunkrechtlich nicht vorgesehenen 'Vorgremien' oft Personalentscheidungen fallen, bevor sie der Rundfunkrat offiziell beschließt?
Paraschaki: Also ich war im Freundeskreis von Herrn Drexler, weil ich dazu eingeladen wurde. Wie ich das künftig handhaben werde, das fragen sie mich bitte in einem halben Jahr wieder. Ich bin ja lange in der Politik mit dabei deshalb ist mir nicht unbekannt, das Diskussionen und Absprachen oft vor offiziellen Sitzungen stattfinden.
Rino-Gennaro Iervolino
Sie sind ja schon seit 2008 Vertreter der Migranten
im SWR-Rundfunkrat - mittlerweile auch stellvertretender Vorsitzender des Gremiums – welche Erfahrungen haben sie gemacht?
Iervolino: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist ein sehr
komplexes Thema, da muss man sich reinarbeiten. Für jeden Newcomer im
Rundfunkrat bedeutet das viel Arbeit, um in die Tiefe gehen zu können. Heute
habe ich natürlich eine entsprechende Routine zu den Themen und entsprechenden
Ausschüssen des Gremiums.
Gibt es etwas, wo sie heute sagen würden, das habe
ich mir ganz anders vorgestellt?
Iervolino: Also über die Bandbreite bei Themen und Tiefgang
der Diskussion des Rundfunkrates, das habe ich mir zu Beginn meiner Arbeit so
nicht vorgestellt.
Wie versuchen sie das, was sie hier erleben den
Verbänden die sie entsandt haben zu vermitteln?
Iervolino: Auf den zweimal im Jahr stattfindenden Treffen
unserer Verbände berichte ich über die Arbeit im Rundfunkrat. In der letzten
Legislaturperiode des Rundfunkrates gab es darüber hinaus viel Aktuelles zu
berichten – etwa die Änderung des SWR-Staatsvertrages mit den daraus folgenden Konsequenzen.
Dazu gehört, dass wir mit jetzt zwei Mitgliedern im Rundfunkrat uns jetzt
besser vertreten fühlen als vorher. Das wurde natürlich sofort in unseren
Verbänden besprochen. Auch die Frage, wie werden Migranten im Programm
abgebildet hat uns beschäftigt, wir stellen ja mittlerweile fast 30 Prozent der
Bevölkerung in Baden-Württemberg.
In den SWR-Programmen dominiert doch immer noch ein Bild
vom Ländle, das die große Zahl der Einwohner mit ausländischen Wurzeln
ausblendet. Gibt es da nicht Kritik an dieser medialen Darstellung des Landes
durch den SWR?
Iervolino: Die Realität ist natürlich heute eine andere, als
ländliche Idylle mit Schwarzwald-Bollenhut. Das spielt in meiner
Programmbeobachtung, sei es Radio, Fernsehen oder Internet, eine Rolle. So gab
es auch aus den Reihen der Migranten Kritik an der Berichterstattung bei
Kriminalfällen, in denen die Herkunft der Täter oder Verdächtigten benannt
wurde. Dabei hatte dies nichts mit der Tat zu tun und das wird von den
Migranten schon wahrgenommen und Kritik geäußert.
Spiegelt für Sie das Programm des SWR insgesamt die
Vielfalt im Zusammenhang der unterschiedlichen Kulturen die hier leben wieder?
Iervolino: Aus dem Bauch heraus gesagt: Nein. Das müsste sich
im Programm schon deutlich anders abbilden. Aber das kann man nicht schematisch
beurteilen, das wird dann dem Programm im Einzelnen nicht gerecht. Die
Informationsangebote des SWR sind für Migranten genauso wichtig, wie für alle
anderen Bewohner.
Satelliten und Internet ermöglichen es vielen
Menschen mit ausländischen Wurzeln, heute Programme aus der Heimat zu sehen
oder zu hören. Bringt das auch Änderungen bei der Nutzung etwa des SWR mit
sich?
Iervolino: Sicher ist, durch die Möglichkeit,
Satellitenprogramme zu empfangen, hat man sich die Heimat hierher nach Hause
geholt. Ich schaue beispielsweise Nachrichten im italienischen Fernsehen und
beim SWR, da habe ich die Möglichkeit zu vergleichen. So geht es heute vielen
Migranten in Deutschland.
Könnte der SWR da nicht mehr für Migranten tun, die
mit der deutschen Sprache Schwierigkeiten haben?
Iervolino: Ja. Das würde in den Bereich Abbau von Barrieren gehen. Allerdings halte ich das aus der Perspektive Integration für problematisch. Wer hier lebt, aber schlecht Deutsch spricht, schaut schon aus Bequemlichkeit eher Heimatsender. Die bekommen sie auch mit Untertitelungen nicht in das SWR-Programm und es besteht die Gefahr, dass sie sich nicht darum bemühen, besser Deutsch zu lernen.
Wichtig ist, die Migranten betreffen alle Themen in den
Medien - wie die deutschen Bewohner im Ländle. Sie sind alle davon betroffen
und deshalb interessiert. Deshalb wollen wir ja auch Mitreden und
Mitentscheiden – etwa im Rundfunkrat. Das tun wir auch und gerade in der
Programmbeobachtung beim SWR – aber das weniger aus der Perspektive eines
Migranten, sondern als ganz normaler Bürger.
Nur wenn wir mit Klischees konfrontiert werden, beobachten wir das aus
unserer speziellen Sicht eines Migranten.
Befindet sich der SWR durch die geänderte
Zusammensetzung des Rundfunkrates da auf einem besseren Weg?
Iervolino: Auf dem Weg zu einer Normalität, er berücksichtigt
insgesamt ja deutlich mehr Verbände als früher. Von der Einwohnerzahl sind die
Migranten allerdings immer noch nicht entsprechen ihrem Anteil abgebildet. Aber
wir gehören jetzt dazu.
Hat man im SWR mitbekommen, dass es jetzt auch
Vertreter der Migranten im Rundfunkrat gibt?
Iervolino: Der SWR hatte einen Integrationsbeauftragten ja
bereits, bevor es eine Vertretung der Migranten im Rundfunkrat gab.
Wie stehen Sie zu den politischen ‚Freundeskreisen’
die sich um den Rundfunkrat gebildet haben?
Iervolino: Zu
Beginn meiner Tätigkeit im Rundfunkrat, habe ich die verschiedenen
„Freundes- oder Arbeitskreise“ besucht um mich inhaltlich und in Bezug
auf die Arbeitsweise zu orientieren, wobei diese keine konkrete
politische Abbildung darstellen. Zwischenzeitlich arbeite ich in dem
Freundeskreis mit, mit welchem ich inhaltlich die größte Schnittmenge
teile. Aber sind die „Freundes- oder Arbeitskreise“ sind ausnahmslos
sehr offen, so dass einige Rundfunkräte auch in mehreren dieser Kreise
tätig sind. Das ist aber tatsächlich eine Frage der zeitlichen
Möglichkeiten, weshalb ich persönlich an dieser Stelle kürzer getreten
bin. Loyalitätskonflikte gibt es hierbei nicht, zumal an keiner Stelle
und von niemanden Vorgaben gemacht werden, auch wenn ein solches gerne
kolportiert wird. Inhalt der Arbeit sind die Themen, die den Rundfunkrat
und die Programmausschüsse beschäftigen, also im Wesentlichen der
Haushalt und das Programm des SWR.J
Dienstag, 4. August 2015
2015 Fc St.Pauli - KSC: Animateure in der Fankurve
Einmal im Jahr freue ich mich in meiner südwestdeutschen Diaspora als St.Pauli-Fan auf den
| Jubel nach dem Sieg... |
Beim KSC ist man jetzt voll modern, denn als Auswärtsfan zahlt man beim Kauf des Tickets am Stadion einen Euro "Kassenzuschlag" - wie die Verkäuferin lächelnd erklärt. Nun ja, die Bahn kassiert ja auch zwei Euro zusätzlich, wenn man das Baden-Württemberg-Ticket am Schalter und nicht am Automaten kauft.
Wer mehr erfahren will, wechselt zu meinem zweiten Blog:
http://1913familienalbum.blogspot.de/2015/08/2015-fc-stpauli-ksc-animateure-in-der.html
Sonntag, 28. Juni 2015
"1864 Liebe und Verrat in Zeiten des Krieges" - Dänisches TV Epos beeindruckt
In Deutschland erinnert sich kaum jemand an den Krieg gegen Dänemark im Jahr 1864. Um so begrüßenswerter ist, dass der deutsch-französische Kulturkanal ARTE jetzt die acht Folgen der dänischen TV-Serie: "1864 Liebe und Verrat in Zeiten des Krieges" gezeigt hat (Dänischer Originaltitel: "1864" Im August 2018 hat ARTE die Serie wiederholt und in die Mediathek gestellt. Beim zweiten Anschauen beeindrucken die epische Qualität des Drehbuchs, die Darsteller, Kameraführung, Schnitt und Soundtrack.
Der Krieg zwischen den verbündeten Monarchien Preußen und Österreich gegen das Königreich Dänemark war zwar kurz (1. Februar bis 30. Oktober 1864). Für Dänemark bedeutet die Niederlage das Ende seiner politischen Rolle in Europa, während das Preußen Bismarcks einen wichtigen Schritt zur deutschen Hegemonialmacht machte. Die Serie zeigt exemplarisch für seine Epoche die Entwicklung vom freiheitlichen zum nationalistischen Liberalismus mit imperialen Gelüsten. '`Blut und Eisen' war nicht nur Bismarcks Vision, mit dem die drohende soziale Revolte eingedämmt werden sollte.
Vordergründig ist die dänische TV-Serie ein opulentes TV-Spektakel voll Liebe, Blut und Schlachtendonner. Regie, Darsteller, Kamera und Schnitt aus einem Guß - damit braucht "1864 Liebe und Verrat" den Vergleich mit der US-Serie "Band of Brothers" oder "Parades End" BBC/HBO nicht zu scheuen. Die Serie geht aber darüber hinaus - ein dänisches "Krieg und Frieden" oder "Vom Winde verweht". Viele der hier agierenden dänischen Schauspieler sind deutschen Zuschauern aus Serien wie "Borgen" oder skandinavischen Thriller-Produktionen bekannt. Ihre Leistung in dem Historiendrama überzeugt. Verglichen mit der Qualität der bei uns so hochgelobten ZDF-Weltkriegssoap "Unsere Mütter - Unsere Väter" (1) - schneidet diese Dänische Serie um Längen besser ab.
| Im Kaiserreich war das Massaker ein Heldenepos |
Das ändert sich auch nicht, wenn man die Schwächen des Drehbuchs benennt. So verbindet es den Krieg von 1864 mit einer aktuellen Handlungsebene, erreicht dort aber nicht die Tiefe der historischen Erzählung. Die junge Frau, die im Dänemark 2014 sozial abzurutschen droht, pflegt den im Sterben liegenden Gutsbesitzer. Ihr Bruder fiel als Soldat in einem Kriegseinsatz, das hat ihre Familie zerstört. Gemeinsam lesen sie das Tagebuch von Inge - stark: Marie Tourell Søderberg - die einstmals hier als Tochter des Gutsverwalters gelebt hat. Darin schildert sie ihre seit der Kindheit bestehende Freundschaft zu den beiden Bauernsöhnen Peter (Jens Frederik Sætter-Lassenet ) und et Laust (Jakob Oftebro). Kurz bevor der Krieg 1864 beginnt, verliebt sie sich in et Laust und wird von ihm schwanger, was der Bruder erst durch Zufall erfährt.
Es geht einerseits um die Geschichte der Brüder und Inges, sowie dem zwangsläufig folgenden Zerwürfnis der beiden Männer. Trotz Love-Story geht es aber andererseits um nationalen Chauvinismus, einen sinnlosen Krieg und verantwortungslose Politiker. Davon erzählt die zweite Erzählebene - von der ihrer Hybris erlegenen Politikern, die Dänemark in einen aussichtslosen Krieg treiben.
Der im heutigen Dänemark spielende Parallelgeschichte wirkt dagegen blass, spielt mit dem 'Clash der Kulturen'. Das Aufeinandertreffen einer 'unerzogenen' Göre aus der Unterschicht und eines 'arroganten' Greises voller Standesdünkel. Gemeinsam entdecken sie dann aber, dass sie über ihre Vorfahren von 1864 miteinander verwandt sind.
Es hätte der Serie gut getan, wenn die Autoren den Versuch unternommen hätten, den historischen Ereignissen, politisches Handeln 2014 gegenüberzustellen. Immerhin beteiligte sich Dänemark an dem politisch fragwürdigen und militärisch sinnlosen Krieg der USA gegen Irak- und Afghanistan. Dieses zweifelhafte Engagement bezahlten über 80 dänische Soldaten mit ihrem Leben.
| Die Mühle 1864 |
![]() |
| Die Mühle 1964 |
In der letzten Folge wird es dann etwas sehr harmonisch. Der Oberfies- und Feigling Didrich (Pilou Asbæk), Erbe des Gutshofes, läutert sich als Ehemann Inges. Sie verzeiht ihm, obwohl sie den mit ihrer großen Liebe, dem vor Düppel gefallenen Bauernsohn et Laust, gezeugten Sohn für die Heirat weggeben muss. Ihn adoptiert der überlebende Bruder Peter, der das Roma-Mädchen heiratet, dass Didrich einst vergewaltigte und dessen Kind sie austrug. Auf den zweiten Blick beschreibt dies aber auch die Wirklichkeit eines Frauenlebens in dieser Zeit - das durch Anpassung und Abhängigkeit geprägt war.
Insgesamt ein Fernseherlebnis voll großer Bilder und starker Akteure.
Wieder einmal hat das kleine TV-Land Dänemark großes Fernsehen produziert. Zumindest war das ZDF an der Produktion beteiligt - Kompliment.
![]() |
| Düppeler Schanzen einhundert Jahre danach (1964) |
(1) http://www.medienfresser.blogspot.de/2013/03/unsere-mutter-unsere-vater-funf-freunde.html
Sonntag, 31. Mai 2015
Chios: Einstige Lepra-Kolonie muss als Denkmal erhalten bleiben
Heute noch
versetzt das Wort Lepra viele Menschen in Angst und Schrecken. (1) In der
Mittelmeerregion grassierte diese Krankheit bereits im Altertum, bereits 1500 vor Christus erwähnen sie alte Schriften. Im Gegensatz
zur Pest und anderen Krankheiten, an denen die Opfer relativ schnell starben, bedeutete Lepra jahrelanges Siechtum und
entstellte die Kranken. Diese 'Aussätzigen' wurden gesellschaftlich isoliert und oft in einsame Gegegenden oder auf Inseln deportiert. (2) Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die Ursache der Krankheit unbekannt, erst dann entdeckte man die Lepra-Bakterien. Wirksame Heilmittel konnten Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt werden. Auch heute ist das Kapitel Lepra nicht abgeschlossen, in Asien und
Afrika grassiert die Krankheit immer noch. Hauptursachen für die Verbreitung der Lepra sind immer noch Armut, Hunger, schlechte hygienische Verhältnissen und beengte Wohnbedingungen.
Lepra bedeutete für die Betroffenen zumeist gnadenlose Ausgrenzung aus ihrer dörflichen- oder städtischen Gemeinschaft. Das galt für Nordeuropa genauso, wie für das Mittelmeer und die Ägäis. Bekannt ist die Lepra-Kolonie auf der Halbinsel Spinalonga (Kalygon) bei Kreta. (3) Oft wurden in solchen Lagern nicht nur Leprakranke eingesperrt, sondern auch Menschen mit Haut- oder Stoffwechselkrankheiten. Da Lepra früher unheilbar war und für eine 'Strafe Gottes' gehalten wurde, machten Katholiken und Orthodoxe den Heiligen Lazarus zum Schutzpatron der Aussätzigen.
Auf Chios, der fünftgrößten Insel Griechenlands, wenige Kilometer vor der türkischen Küste bei Cesme gelegen, steht heute noch eine alte Lepra-Kolonie. Eingerichtet wurde dieses Leprosorium bereits im Mittelalter um 1378. Sie war somit die erste Einrichtung für Leprakranke in der gesamten Ägäis. Noch während des 2. Weltkrieges lebten hier etwa 30 Menschen, die vom schwedischen Roten Kreuz mit Nahrungsmitteln versorgt wurden. * Erst im Jahr 1958 wurde das Lager geschlossen. Früher lebten die Kranken, versteckt in einem kleinen Tal unweit der Inselhauptstadt, in dörflicher Gemeinschaft. Seit der Schließung verfällt dieses kulturhistorisch wichtige Denkmal der Inselgeschichte.
Die Lepra-Kolonie auf Chios
| Heute ein idyllischer Ort |
| Lagereingang |
Hinter dem Tor rechts verlaufen am Hang die alten Häuser des Lagers. Sie wurden Anfang des 20. Jahrhunderts durch großzügige Spenden ausgewanderter Chioten aus London und Paris neu erbaut. Die früheren Gebäude aus dem Mittelalter wurden bei dem großen osmanischen Massaker 1822 auf der Insel und durch das schwere Erdbeben 1881 völlig zerstört. Nur der alte gepflasterte Weg und die Reste der steinernen Wasserleitungen, sowie die Ruine einer orthodoxen Kirche am Ende des Camps stammen noch aus dem Mittelalter.
Im Frühling blüht es hier überall, die gut erhaltenen Häuser im neoklassischen Stil mit ihren rot-gelben Streifen wirken repräsentativ und einladend. Wenn man daran denkt, wozu die Anlage einst gedient hat, kommen aber schnell Beklemmungen auf. Irgendwo klappert im Wind, der durch das Tal weht, ein alter Fensterladen. Auch bei Sonnenschein bleibt dies ein etwas unheimlicher Ort...
Früher lebten die Männer und Frauen
getrennt in den kleinen
Häusern. Sie hatten jeweils eigene sanitäre Anlagen und so findet man noch alte Badehäuser mit Wannen
aus Marmor sowie die Öfen für das heiße Wasser. Auch uralte elektrische Schalttafeln hängen noch an den Wänden. Zwischen den Wohngebäuden für die Männer und Frauen steht noch das frühere
Verwaltungsgebäude mitsamt der alten Lagerküche und dem Gemeinschaftsraum. Daneben befindet sich das einzige renovierte Gebäude der Anlage, die orthodoxe Kapelle mitsamt dem Kirchturm. Hier erinnert eine Gedenktafel an die ausgewanderten Chioten aus Paris und London, die Anfang des 20. Jahrhunderts den Wiederaufbau durch ihre Spenden ermöglichten.
Früher lebten die Männer und Frauen
getrennt in den kleinen
| Enistige Wohngebäude der Kranken |
| Die alte Apotheke |
Die Kolonie wurde durch einen Bach mit Wasser versorgt, das ermöglichte auch den Anbau von Gemüse und Obst für das Camp. Jeder Kranke betreute hier seinen eigenen kleinen Garten. Damit versorgte sich das Lager nicht nur selbst, Gemüse, Früchte und selbstgemachter Schafskäse wurden auf der Insel verkauft - ob die Käufer damals wussten, woher das stammte?
Folgt man dem alten Weg entlang der verfallenen Wasserleitung und den Gärten zum Ende des Tales, stößt man auf die Ruine einer orthodoxen
| Orthodoxe Ruine |
Hierher trafen wir Georgios Paparios. Er wohnt in der Nachbarschaft und kommt täglich hierher, um nach dem Rechten zu sehen. Er kennt alle Geschichten über das Dorf der Leprakranken. Ihn ärgert vor allem der Vandalismus
einiger ungebetener Besucher. Regelmäßig würden hier Parties der Drogenszene gefeiert, beschwert sich Georgios. Dies belegen die vielen Graffitis und
Schmierereien an den Wänden der alten Häuser. Diebe haben darüber hinaus längst die alten Wasserhähne aus Messing in allen Häusern herausgebrochen. Offiziell kümmert sich niemand um das Gelände, das der orthodoxen Kirche gehört. Nur die Kapelle strahlt in frischem Glanz....
Dabei hat die Kirche lange vom Betrieb solcher Lepra-Station profitiert. Von der heimtückischen Krankheit waren
nicht nur Arme betroffen. Beengte Wohnverhältnisse und mangelnde Hygiene in
mittelalterlichen Siedlungen machte auch Wohlhabende zu Opfern. Von den einst beengten Lebensverhältnissen kann man heute noch auf Chios bei einem Besuch der mittelalterlichen Dörfer Mesta und Olymbi einen Eindruck bekommen. Mancher Insasse einer solchen Lepra-Kolonie stammte aus einer reichen Familie. Nach seinem Tod fiel das Vermögen oft an die Kirche. Wohl auch aus diesem Grund engagierte sich neben der orthodoxen auch die kleine katholische Gemeinde auf Chios um das Camp. Von ihrer Kirche zeugen heute nur noch ein paar
Mauerreste am Hang und ein
kleiner katholischer Friedhof in der Nähe.
Anscheinden interessiert sich auf Chios heute
niemand mehr für
den Erhalt dieses einmaligen Kulturdenkmals der Insel. Während heute auf Kreta Spinalonga zum Touristenziel geworden ist, verschweigt man auf Chios lieber seine Existenz. So meinte ein Freund zu uns: "Das ist doch keine schöne Sehenswürdigkeit für Touristen!" Damit erklärt sich wohl, warum in keiner Touristeninformation ein Hinweis auf das einstige Lepra-Dorf zu finden ist.
Mittlerweile droht der über Jahrhunderte existierdenden Siedlung der endgültige Verfall. Sie wird ein Opfer der Verantwortungslosigkeit von Kirche und Staat und des Vandalismus gedankenloser Zeitgenossen...
| Er kümmert sich um das Gelände - allein! |
niemand mehr für
| Graffities verschandeln das Dorf |
Mittlerweile droht der über Jahrhunderte existierdenden Siedlung der endgültige Verfall. Sie wird ein Opfer der Verantwortungslosigkeit von Kirche und Staat und des Vandalismus gedankenloser Zeitgenossen...
Ein beeindruckender Film über die Kolonie von Yiannis Zafeiris findet sich auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=_BeTyoLcyps
Text und Fotos dürfen nur mit Zustimmung des Autors genutzt werden
* Bericht des SRK zur Versorgungslage auf Chios, September 1943, in: "The occupation of Chios by the Germans...." Philip P.Argenti Cambridge 1966, Seite 174
(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Lepra
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Leprakolonie
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Spinalonga
(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Lepra
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Leprakolonie
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Spinalonga
Dienstag, 24. März 2015
SWR-Image: 'Piep, piep, piep - Sie ham' uns alle lieb!'
Dem Rundfunkrat des Südwestrundfunks (SWR) wurden am 20. März in Stuttgart die Ergebnisse einer hausinternen Studie über das öffentliche Image des Senders präsentiert. Dr. Walter Klingler, Chef der SWR-Medienforschung referierte den Gremienmitgliedern die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von rund 900 Einwohnern in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.
| Margit Rupp (2.v.l.) neben Intendant Peter Boudgoust |
Laut Befragung nutzen 89% der Bevölkerung über 14 Jahre ein Programmangebot des SWR**. Allerdings erreicht man mit 83% weniger Zuspruch bei Jüngeren (14-29). Dagegen schalten 95% aller Befragten über 65 die SWR-Programme ein. Hauptsächlich trägt dazu das Radioangebot bei, das über 80% aller Befragten nutzen. Mit insgesamt sechs formatierten Radiowellen (SWR 1, SWR 2, SWR 3, SWR 4, Das Ding, Inforadio***) gelingt es leichter, als mit dem einheitlichen SWR-Fernsehen, die Menschen im Sendegebiet zu erreichen.
Demgegenüber kommt das Dritte SWR-Fernsehen nur auf eine Reichweite von 55% bei allen Befragten, es wird also nur von gut der Hälfte eingeschaltet. Bei Jüngeren werden sogar nur knapp ein Fünftel erreicht, während die 50-64-Jährigen mit 87% die treuesten Zuschauer stellen. Alarmieren muss den SWR, dass 17% der Jüngeren überhaupt kein SWR-Medienangebot nutzen. Bei allen Befragten sind es immerhin 11%, die nicht vom SWR erreicht werden.
Wie beurteilen die Menschen den SWR?
Auf fast die Hälfte der Befragten macht das 'Unternehmen' SWR "den Eindruck einer Behörde" die "unbeweglich" erscheint. Gleichzeitig sind aber drei Viertel der Ansicht, der SWR biete "die besten Informationen". Bei den 14-29-Jährigen stimmt dem aber nur etwa die Hälfte zu. Das der SWR das beste Programm anbietet, meinen rund 60% aller Befragten, jedoch nur etwa ein Drittel der Jüngeren. "Für mich unverzichtbar" ist der SWR zwar für gut 70% aller Befragten, aber nur ein Drittel der Jüngeren teilt diese Ansicht. Sie halten den SWR auch für deutlich weniger modern, dynamisch, innovativ, unabhängig und mutig.Vertrauen: SWR liegt vor der Post
Der SWR hat auch erfragt, welchen Institutionen die Bürger in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz am meisten vertrauen. Erstaunlicherweise findet sich auf Platz Eins das ZDF (86%), gefolgt vom SWR (85%) und der Deutschen Post (83). Ganz unten rangieren dagegen facebook (34%), Apple (46%) und die Parteien (51%) Auch bei den Sympathiewerten liegen ZDF und SWR an der Tabellenspitze, gefolgt von der Stiftung Warentest und der Verbraucherzentrale. Auf den 'Abstiegsplätzen' stehen wieder facebook, apple und die Parteien. Fragt man, wie wichtig die Institution sind, steht die Post auf Platz Eins, gefolgt von der Polizei und den Behörden vor Ort, erst danach folgen ZDF und SWR. Schlusslichter sind erneut facebook und apple, auf dem 'Relegationsplatz' steht der kommerzielle Privatsender RTL, während sich die Parteien im gesicherten Mittelfeld finden.SWR: 'Du darfst so bleiben, wie Du bist?'
| Dem Rundfunkrat scheint´s zu genügen |
Die Reform der TV-Landesschau für Baden-Württemberg hat dazu geführt, dass im Magazin fast nur noch launige Berichte aus der Heimat und entsprechende Studiogäste präsentiert werden. Beim Hörfunk beherrschen Dampfplauderer die populären Werbewellen (SWR 1, SWR 3, SWR 4). Die Verantwortlichen schielen nur noch nach Marktanteilen. Lustig, dass immer noch das Märchen von den unterschiedlichen Programminteressen der verschiedenen Altersgruppen erzählt wird. Dabei weiß es die SWR-Medienforschung besser. Soziale- und kulturelle Unterschiede sind wichtigere Kriterien für Programmnutzung als das Alter. Ich bin über 60, mein Geschmack reicht von Jethro Tull bis Schostakowitsch, 'The big bang theorie' bis zur 'ARTE-Doku'. Regionales interessiert mich schon, nicht aber eine "TV-Wärmestube" für Baden-Württemberg-Klischees, deren Moderatoren mich wie Verkäufer auf Kaffefahrten behandeln.
* SWR-Pressemitteilung vom 20.03.2015
** Weitester Nutzerkreis, damit sind alle gemeint, die innerhalb von 14 Tagen ein SWR-Programmangebot einschalten
*** Zwei Wellen sind im gesamten Sendegebiet, zwei jeweils landesweit und zwei nur in bestimmten Gebieten empfangbar.)
Donnerstag, 19. März 2015
Griechenland: Aufklärung statt 'Stinkefinger'-Demagogie
Allüberall in deutschen Medien und an den Stamtischen debattiert man darüber, ob der
griechische Finanzminister Yanis Varoufakis den ‚Effenberg’ gemacht hat, oder nicht. Das durchschaubare Manöver dient vor allem dazu, von
Ursachen und Hintergründen der Krise in Griechenland und in Europa abzulenken.
Wer es dagegen versucht, mit Argumenten und Analysen aufzuklären, hat es schwer
– erst recht, wenn er Grieche ist.
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| Professor Dr. Athanasios Marvakis |
Diesen Versuch unternahm Athanasios Marvakis, Psychologieprofessor an der Universität Thessaloniki am 12. März in Ludwigsburg. Marvakis ist einer vielen Grecco-Schwaben, aus einer Griechischen
Familie stammend aber im Schwäbischen aufgewachsen, promovierte er in Tübingen. In
Thessaloniki engagiert er sich, neben seiner Lehrtätigkeit, in der Flüchtlingsarbeit.
Für Marvakis ist der Wahlsieg von Syriza bei den Parlamentswahlen nicht nur für Griechenland sondern für ganz Europa wichtig. Erstmals setze eine Regierung dem realpolitischen Dogma: ‚Es
gibt keine Alternative’ etwas
entgegent. „Durch den Sieg von Syriza kommen die politischen Probleme
Europas endlich auf den Tisch“, hofft der Proffessor. Der von Oben erklärte Klassenkampf zeige sich mittlerweile übergreifend in
aller Brutalität und voller Zynismus. In Griechenland könne das Signal geben: "Es gibt eine Alternative zur neoliberalen Politik in Europa"
Marvakis warnte vor den begrenzten
Möglichkeiten der neuen Regierung: „Es ist mehr als naiv zu glauben,
dass der Kampf um ein anderes Europa in Griechenland und von dieser Regierung
ausgefochten werden kann.“ Bestenfalls
eröffne der Sieg von Syriza die Chance für einen politische Debatte mit dem Ziel, die Öffentliche Meinung in Europa für eine neue Form sozialdemokratischer Politik zu gewinnen. Revolutionären Hoffnungen und Barrikadenromantik erteilt er eine Absage. Die Griechen seien stockkonservatv und das Wahlprogramm von Syriza sei auf minimale Ziele ausgerichtet: "Aber
das wäre schon viel!"
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| Thessaloniki - Promenade |
Der
Professor kennt seine Landsleute. Die Hafenstadt Thessaloniki, nach Athen größte Stadt Griechenlands, ist das Industriezentrum. Die Einwohner gelten als sehr Konservativ, trotzdem wählte man hier 2012 mit Yannis Boutaris einen progressiven Bürgermeister. Er war so erfolgreich, dass er im letzten Jahr mit großer Mehrheit wiedergewählt wurde.
Marvakis kritisiert auch den bei seinen Landsleuten weit verbreiteten Nationalismus. Dieser Chauvinismus im Alltag erkläre, warum seine Landsleute die eigene
wirtschaftliche Talfahrt nie im Zusammenhang mit der Entwicklung der
letzten Jahre auf dem
Balkan gesehen hätten: „Da läuft diese Krise seit 20 Jahren, nur die Griechen
haben sich kaum dafür interessiert.“ Voll Selbstüberheblichkeit seien viele der Ansicht gewesen: ‚Wir sind doch nicht mit den faulen Bulgaren,
Mazedoniern oder Albanern vergleichbar!’
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| Syriza-Büro: Insel Chios (2) |
Er warnt vor der Annahme, nach den Wahlen sei die griechische
Bevölkerung nach Links gerutscht. „Die
Griechen sind ihn ihrer Mehrheit weiterhin sehr konservativ und
rückwärtsgewandt.“ Der Wahlsieg von Syriza erkläre sich vor allem daraus, dass
die Altparteien PASOK (Sozialisten) und Nea Demokratia (Konservative) ihre
Wählerschaft verprellt hätten. Insgesamt sei die
Bindung der Griechen an Parteien deutlich gesunken. „Die Wähler haben Syriza
jetzt einen Blankoscheck ausgestellt mit dem Auftrag: ‚macht etwas anderes!’ Viele Wähler hätten bei Syriza ihr Kreuz aus „Notwehr“ gemacht und nicht aus
Überzeugung.
Positiv sei, dass sich aktuell die Stimmungslage in Griechenland geändert habe. Die Zeit der totalen Niedergeschlagenheit sei vorbei, das Interesse an Politik
und politischen Informationen sei deutlich gewachsen. „Die Leute haben das
Gefühl: Es ist eine andere Politik möglich.“ Derzeit stünden etwa 80% der
Wähler hinter der Regierung, egal aus welchem politischen Lager.
Die
Reaktionen aus dem Ausland über das Wahlergebnis Erbittere viele Griechen,
werde als versuchte Kolonialisierung empfunden. Dies könnte aufgrund des latenten
Nationalismus – den es auch innerhalb der Linken gebe – noch ein Problem werden. Es sei ein Glücksfall
gewesen, dass die Mehrheit Links gewählt habe. Es besteht für Marvakis die Gefahr, dass
sie sich bei einem Misserfolg von Syriza hin zur Nazi-Partei Chryssi Avghi (Neue
Morgenröte) wenden könnte. Sie sei immerhin drittstärkste Fraktion im Parlament - obwohl ihre Führung im Gefängnis sitzen würde. Die CA propagiere puren Rassismus: Seid Stolz darauf, wie wir in den letzten 20
Jahren mit den Immigranten umgegangen sind! Deshalb warnt Marvakis: „Die Nazis ernten dass, was andere
jahrelang gesät haben.“ Rassistische und chauvinistische Töne hatten schon frühere Regierungen in Athen benutzt, wenn es darum ging, von eigenen Fehlern abzulenken.
Der Universitätsprofessor aus Thessaloniki beobachtet die
Regierungskoalition zwischen Syriza und der rechtspopulistischen Partei ANEL (Unabhängige
Griechen) mit Unbehagen. Man müsse genau auf eine Zunahme rechter
Tendenzen in der Bevölkerung achten und dies sei die Aufgabe der griechischen Linken.
Das in der deutschen Öffentlichkeit die rassistischen Ausfälle von ANEL-Politikern kritisch registriert würden, kommentierte Marvakis sarkastisch. Viele ANEL-Leute, wie der Vorsitzende und jetzige Verteidigungsminister, Pannos Kammenos, kämen schließlich aus der Nea Demokratia. Zu Zeiten der ND-Regierung von Antonis Samaras habe es aus ihren Reihen immer wieder üble Polemiken gegeben: „Die deutsche Schwesterpartei CDU
hat nie dagegen protestiert!“
Realpolitisch kann Marvakis den Deal zwischen der Führung von Syriza und
ANEL nachvollziehen. Dieser Schritt habe es ermöglicht, bereits am Tag nach der Wahl eine handlungsfähige Regierung zu bilden. Damit habe man die Politiker in Europa überrascht, diese hätten langwierigen
Koalitionsverhandlungen und eine damit nicht handlungsunfähige Regierung erwartet.
Worauf setzt Marvakis seine Hoffnungen für Griechenland und
Europa? „Alles muss und wird politisch in Bewegung kommen. Bewegt sich aber in
Europa nichts, bewegt sich auch in Griechenland nichts.“ und "Wenn
die deutsche Tageszeitung ‚Die Welt’ schreibt: ‚Die Troika ist eine Katastrophe
für Europa’ dann freue ich mich!“
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