Freitag, 21. August 2015

Siegmund Gottliebs journalistische Visionen


Die ungewollten Satiren sind ja immer die schönsten - frei nach dem Motto: Man muss sie einfach nur reden lassen!

Da berichtet der Online-Branchendienst "Newsroom" am 21. August über die Vorstellungen, die Siegmund Gottlieb, Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens , von der journalistischen Entwicklung seines Programms hat. 

"Gottlieb sagte im Interview mit Maria Goblirsch und Michael Anger für den "BJV-Report" (...), dass in den Redaktionen auch zukünftig Fachleute gefragt sind. Aber: "Natürlich braucht es im aktuellen Geschäft auch eine eierlegende Wollmilchsau: Den Reporter, der redaktionell und technisch so gut ausgebildet ist, dass er heute nach Rom fährt und uns vom Hotelzimmer aus einen Beitrag ins Netz oder in die Rundschau einspielt.“
  
Genau, deshalb berichten seine Korrespondenten immer entweder vom Dach oder dem Syntagmaplatz in Athen - im Hintergrund das Athener Parlament. Sehr bequem, denn vom Dach des Luxushotels "Grande Bretagne" kann man schöne Aufsager ablassen, oder von dem vor der Tür des Hotels liegenden Syntagma Platz. Daher rührt die journalistische Tiefe der Berichterstattung über Griechenland - nun hab' ich es begriffen!

Das erinnert mich an die berühmten Kriegs-Korrespondenten aus dem Vietnam-Krieg in den 1960er und 70er Jahren. Da recherchierten die Journalisten oft direkt von der Hotelbar aus....

Warum überlässt Gottlieb eigentlich nicht gleich die Berichterstattung einer 'BR-Drohne', deren Bilder dann von München aus kommentiert werden?!

Nachtrag: Die von Gottlieb gepriesene "Eierlegende Wollmilchsau" war einst ein Riesenflopp. So bezeichete man in den 1970er Jahren den Kampfjet "Tornado". Er sollte gleichzeitig die Aufgaben eines Jägers und Bombers erledigen. In Wirklichkeit hat der Flieger nie die ihm zugeschriebenen Qualitäten erfüllen können. Er war vielmehr eines der teuersten Rüstungsprojekte der SPD/FDP-Regierung von Helmut Schmidt.

Donnerstag, 20. August 2015

SWR: Frischer Wind im neuen Rundfunkrat?


Die Landesregierungen von Baden-Württemberg (Grün-Rot) und Rheinland Pfalz (Rot-Grün) haben mit der 2013 erfolgten Novellierung des Staatsvertrages über den Südwestrundfunk (SWR) auch die Zusammensetzung seiner Kontrollgremien (Rundfunk- und Verwaltungsrat) verändert. So gehören dem Rundfunkrat des SWR (74 Personen) jetzt keine Vertreter der beiden Landesregierungen mehr an. Die Zahl der Frauen im Rundfunkrat wurde von 25 auf 35 deutlich erhöht.


Rundfunkräte in der Orientierungsphase...
Auch die im Rundfunkrat vertretenen gesellschaftlichen Gruppen wurden bei der Novellierung des Staatsvertrages den Realitäten angepasst. So verloren die Vertriebenen einen ihrer bisher zwei Sitze. Dagegen wurde die die 'Bank' der Migranten im Rundfunkrat gestärkt. Sie nehmen anstatt einem, nunmehr drei Sitze ein. Zwei Mitglieder vertreten die kommunalen Migrantenvertretungen aus Baden-Württemberg, ein Platz ging an die Vertreter der Muslime. Diese Änderung war längst überfällig, denn immerhin haben in Baden-Württemberg 3 Millionen Einwohner, also mehr als ein Viertel der 11 Millionen im Ländle Lebenden, einen Migrationshintergrund (2012). In Rheinland-Pfalz sind es mit gut 780 000 knapp ein Fünftel der 4 Millionen Einwohner (2011)

Jacques Delfeld Sen.
Argyri Paraschaki - Rino-Gennaro Iervolino
Bemerkenswert ist, dass im Rundfunkraft des SWR auch der Verband der Sinti und Roma vertreten ist. Damit verfügen sie erstmals in einem Gremium einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt über Sitz und Stimme. Noch 1998 hatte das Bundesverfassungsgericht eine Klage auf Berücksichtigung der Sinti und Roma in den Rundfunkgremien abgelehnt. Begründung: Der Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma könne nicht mit der einheitlichen Religionsgemeinschaft des Zentralrats der Juden in Deutschland verglichen werden. Erst die Änderung des SWR-Staatsvertrages hat hier jetzt für Abhilfe gesorgt.


Am 10. Juli 2015 traf sich der neue SWR-Rundfunkrat zu seiner konstitutierenden Sitzung in Stuttgart. Die 'Neuen' im Gremium mussten sich dabei erst einmal zurechtfinden. Diverse Abstimmungen über den Verwaltungsrat und die Leitung des Rundfunkrates mussten absolviert werden. Da die die Vertreter der gesellschaftlichen Gruppen aber in der Regel aus den Leitungskadern ihrer Organisationen entsandt wurden, ging dies ziemlich geräuschlos über dier Bühne.

Ach ja, einen der über 335 000 Arbeitslosen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sucht man in den SWR-Gremien weiterhin vergebens - daran hat Grün-Rot oder Rot-Grün  nichts geändert....

Künftig vielfältigere und offenere Debatten?


Wird der neu zusammen gesetzte Rundfunkrat für mehr öffentliche Debatte und Vielfalt
Öffentlicher Aushang: Sitzung des SWR-Rundfunkrates
sorgen? Betrachtet man die Realität, erscheint dies eher unwahrscheinlich. Schon am Eingang der SWR-Zentrale weist eine Tafel auf die der öffentlichen Versammlung des Rundfunkrates 'vorgeschalteten' Sitzungen sogenannter "Arbeitskreise" hin. Auf diesen nicht öffentlichen Sitzungen der 'Freundeskreise' treffen sich die den Parteien nahestehenden Mitglieder von SPD/Grünen sowie der CDU. Offiziell sind diese Arbeitskreise aber nicht parteilich gekennzeichnet, sondern nach bestimmten Mitgliedern des Rundfunkrates benannt. So trifft sich Rot/Grün im "Arbeitskreis Drexler" - Wolfgang Drexler ist SPD-Landtagsabgeordneter in Stuttgart und Mitglied des SWR-Verwaltungsrates. Die CDU-Nahen treffen sich im Arbeitskreis Krüger/Klöckner - Julia Klöckner ist die CDU-Fraktionschefin im Mainzer Landtag. Und dann gibt es noch die 'Grauen', die offiziell keine Parteipräferenz haben, sie treffen sich im Arbeitskreis Kälberer-Müller, Heinz Kälberer ist Vertreter der Freien Wählervereinigungen in Baden-Württemberg, Gottfried Müller sitzt für die Evangelische Kirche in Rheinland-Pfalz im SWR-Gremium. Allerdings trifft sich die Gruppe der 'Grauen' auch zu Sitzungen mit der CDU-Gruppe.

Erstmals tauchte an der Infotafel im Foyer des SWR-Funkhauses auch eine Einladung des Arbeitskreises "Lila Frauen" auf. Eine der Organisatorinnen ist Ruth Weckenmann, einst SPD-Landtagsabgeordnete und heute für den Landesfrauenrat im SWR-Rundfunkrat. Auf Nachfrage erklärte sie, dieses überfraktionelle Treffen gebe es schon seit einigen Jahren, man habe sich jetzt nur erstmals 'geoutet'. An den Treffen nähmen etwa ein Dutzend Frauen teil und das unabhängig von ihrer sonstigen politischen Zuordnung. Man wolle aus Sicht der Frauen die größtenteils männlichen SWR-Leitungsebenen problematisieren. Außerdem wolle man beobachten, ob und wie im Programm für Frauen wichtige Themen behandelt würden. Was wurde bisher erreicht? "Der Intendant antwortet jetzt immerhin auf unsere Schreiben," meint Frau Weckenmann und lächelt.

Die Praxis der politischen Freundeskreise gibt es in allen Gremien öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten - dabei gibt es sie offiziell überhaupt nicht. In diesen nichtöffentlich Sitzungen der Arbeitskreise fallen die wirklich wichtigen Entscheidungen. So ist es selbstverständlich, dass bei der Wahl des Intendanten die Kandidaten vor der dem Rundfunkrat zustehenden Wahl durch die Arbeitskreise 'tingeln'. Auch die Zustimmung zur Besetzung der SWR-Direktoren sowie der Verwaltungräte wird hier 'abgekaspert'. Kein Wunder also, dass es dann im Rundfunkrat bei den Wahlen kaum Debatten und nie Überraschungen gibt. Da aber alle Beteiligten dieses fragwürdige System akzeptiert haben, gibt es keinen Widerspruch - auch nicht bei den neuen Mitgliedern.




Mit den beiden Vertretern der Migrantenvertretungen aus Baden-Württemberg, Argyri Paraschaki und Rino Gennaro Iervolino sowie dem Vertreter der Sinti und Roma aus Rheinland-Pfalz, Jacques Delfeld, sprach ich am 10 Juli in Stuttgart über ihre Arbeit im Rundfunkrat: 
 

Jacques Delfeld Sen.



  
Sie sind der erste Vertreter der Sinti und Roma in einem Rundfunkgremium einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt in Deutschland. Wo sehen Sie ihre Hauptaufgabe als Mitglied des SWR-Rundfunkrates?



Delfeld: Erst einmal geht es mir darum, im SWR-Rundfunkrat zu zeigen, dass hier jetzt ein Vertreter der Sinti und Roma Sitz und Stimme hat. Wir sind damit als eine gesellschaftlich wichtige Gruppe in diesem Gremium vertreten. In der konkreten Arbeit als Mitglied im Rundfunkrat werde ich versuchen, über meine persönliche Meinung auch Einfluss zu nehmen für die Sinti und Roma. Wir werden ja oft immer noch in den Medien sehr kritisch behandelt – um es vorsichtig zu formulieren. Erinnern Sie sich, vor gut 20 Jahren mussten der Landesverband und der Zentralrat der Sinti und Roma einen Prozess gegen den Südwestfunk führen. Damals ging es um eine Sendung „Kinder des Windes“, in der Stereotype und Klischees über Sinti und Roma verbreitet wurden. Durch meine Arbeit im SWR-Rundfunkrat möchte ich positiv darauf einwirken, wie mit dem Thema Sinti und Roma in der Öffentlichkeit umgangen wird. 


SWR-Intendant Peter Boudgoust sagte bei der Sitzung, die Gremienmitglieder hätten auch die Aufgabe eines ‚Botschafters’ für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in die Gesellschaft. Stimmen Sie dem zu und wie wollen Sie ihre Arbeit an ihre Verbände vermitteln?

Delfeld:  Da hat Herr Bodugoust vollkommen Recht. Es ist für uns als in Deutschland anerkannte Minderheit sehr wichtig, das ich unseren Verbänden vermitteln kann, dass wir im Rundfunkrat mitarbeiten - Sitz und Stimme haben. Wir sind nicht mehr ausgestoßen, sondern als Minderheit der Gesellschaft anerkannt und gestalten mit – das wird positiv bei unseren Verbänden aufgenommen werden. Meine Stimme im Rundfunkrat hat genauso viel Gewicht, wie die anderer gesellschaftlicher Gruppen, das ist ein starkes und positives Signal für unsere Gemeinschaft.

Der SWR ist ein riesiger Apparat, den man als normaler Zuschauer oder Hörer kaum durchblickt. Wie wollen Sie sich jetzt für ihre Aufgabe Fit machen?

Delfeld: Viel viel lesen, wir bekommen ja eine Unmenge Post vom Sender. Darüber hinaus bin ja neben der Arbeit als Rundfunkrat auch Vorsitzender unseres Landesverbandes und damit auch stellvertretender Vorsitzender des Zentralrates der Sinti und Roma. Andererseits kann ich auf die Erfahrung als Mitglied der Landesmedienanstalt LMK für Rheinland-Pfalz aufbauen. Vor diesem Hintergrund weiß ich schon, was da auf mich zukommt. Jetzt schon bin ich positiv überrascht über die gute Organisation des Rundfunkrates. Auch die durchaus auch kontrovers geführte Debatte im Gremium gefällt mir sehr gut.

Auch sie wurden ja hier mit dem ‚Phänomen’ der ‚Freundeskreise’ konfrontiert – eine Einrichtung, die es offiziell für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gar nicht gibt. Auf diese Treffen weist der SWR sogar per Aushang hin. Waren Sie bei einem dieser Treffen?

Delfeld: Ja ich war bei dem Kreis der Rot-Grünen. Ich wurde dorthin nominiert, wehre mich auch nicht dagegen. Da ich aber von meiner Einstellung her eher parteilos bin, könnte ich eigentlich in jede Gruppe gehen – abgesehen vielleicht von den ‚lila Frauen’.

Bedeutet das, dass Sie beim nächsten Rundfunkrat vielleicht auch zu einer anderen Gruppe gehen?

Delfeld: Die Möglichkeit zumindest besteht, dort darf man ja als nicht stimmberechtigter teilnehmen. Da werde ich bestimmt einmal in eine andere Gruppe hineinschauen.

Wenn Sie aber ein Stimmrecht nutzen wollen, müssen Sie sich schon einer Gruppe fest zuordnen?

Delfeld: Ja.

Hat Ihr Verband beschlossen, dass sie zu den rot-grünen gehen?

Delfeld: Eigentlich nicht, es war aber die rot-grüne Landesregierung die uns erstmals ermöglicht hat, einen Sitz im Rundfunkrat einnehmen zu können – was wir ja viele Jahre lang politisch gefordert haben.


Argyri Paraschaki
  
Sie vertreten zusammen mit ihrem Kollegen Herrn Iervolino im SWR-Rundfunkrat die Migranten in Baden-Württemberg – wo liegen ihre Wurzeln?

Paraschaki: In Griechenland – Ich hoffe wir führen das Interview jetzt zum Thema SWR und nicht zum Thema Griechenland (lacht). Ich bin auf Rhodos geboren und in Esslingen aufgewachsen. Ich wurde vom Landesverband der Kommunalen Migrantenvertretungen in Baden-Württemberg in den Rundfunkrat entsandt. Wir sind ja seit mehreren Jahren durch Herrn Iervolino bereits im Rundfunkrat vertreten, durch die Änderung des SWR-Staatsvertrages dürfen wir jetzt zwei Personen entsenden.
 

Was motiviert sie für die Arbeit im SWR-Rundfunkrat?

Paraschaki: Zum einen ist für mich das Thema Stärkung der Integration, die Vertretung integrationspolitischer Positionen im Rundfunkrat wichtig. Zum anderen will ich die Menschen vertreten, die hier zwar schon lange leben, aber kein Wahlrecht haben. Außerdem geht es mir darum, in unseren regelmäßig stattfindenden Versammlungen Informationsarbeit über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu leisten. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ich über meine Arbeit in den SWR-Gremien Referenten gewinnen kann, von deren Input wir bei unserer politische Arbeit profitieren könnten.
 

Rundfunk ist eine komplexe Materie – Gesetze, Organistation, Technik und Politik. Wie wollen sie sich da fit machen?
 
Paraschaki: Natürlich vor allem durch Einlesen in die Materie – das steht mir jetzt bevor. Außerdem will ich viele Gespräche führen, ich kenne ja einige Vertreter anderer gesellschaftlicher Organisation und Politiker im Rundfunkrat. Da hole ich mir Input. Darüber hinaus verfolge ich natürlich die aktuelle öffentliche Diskussion über Medien in den Medien.
 

Es gibt im SWR-Rundfukrat die sogenannten 'Freundeskreise'. Einen ‚schwarzen’ für die CDU-Nahen, einen ‚roten’ für SPD-Anhänger, sowie einen für die ‚grauen’, die sich keinem politischen Lager zuordnen wollen. Außerdem hat sich jetzt erstmals mit den ‚lila Frauen’ ein parteiübergreifender Freundinnenkreis geoutet. In keinem Rundfunkstaatsvertrag sind diese Gruppen vorgesehen – wie sehen Sie das und sind Sie Mitglied eines Kreises?

Paraschaki: In der Tat war ich auf der Sitzung des Freundeskreises von Herrn Drexler (Rot-Grün). Wir haben dort Dinge besprochen, die ich heute in der großen Sitzung des Rundfunkrates nicht erfragen konnte. Ob diese Freundeskreise legitimiert sind oder nicht, kann ich nicht sagen – ich muss das für mich selber herausfinden. Ich fand das Treffen gestern jedenfalls nicht schlecht, konnte da ein paar Dinge ‚mitnehmen’.

Immerhin wird kritisiert, dass in solchen, rundfunkrechtlich nicht vorgesehenen 'Vorgremien' oft Personalentscheidungen fallen, bevor sie der Rundfunkrat offiziell beschließt?

Paraschaki: Also ich war im Freundeskreis von Herrn Drexler, weil ich dazu eingeladen wurde. Wie ich das künftig handhaben werde, das fragen sie mich bitte in einem halben Jahr wieder. Ich bin ja lange in der Politik mit dabei deshalb ist mir nicht unbekannt, das Diskussionen und Absprachen oft vor offiziellen Sitzungen stattfinden.  


Rino-Gennaro Iervolino

Sie sind ja schon seit 2008 Vertreter der Migranten im SWR-Rundfunkrat - mittlerweile auch stellvertretender Vorsitzender des Gremiums – welche Erfahrungen haben sie gemacht?



Iervolino: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist ein sehr komplexes Thema, da muss man sich reinarbeiten. Für jeden Newcomer im Rundfunkrat bedeutet das viel Arbeit, um in die Tiefe gehen zu können. Heute habe ich natürlich eine entsprechende Routine zu den Themen und entsprechenden Ausschüssen des Gremiums.


Gibt es etwas, wo sie heute sagen würden, das habe ich mir ganz anders vorgestellt?

Iervolino: Also über die Bandbreite bei Themen und Tiefgang der Diskussion des Rundfunkrates, das habe ich mir zu Beginn meiner Arbeit so nicht vorgestellt.

Wie versuchen sie das, was sie hier erleben den Verbänden die sie entsandt haben zu vermitteln?

Iervolino: Auf den zweimal im Jahr stattfindenden Treffen unserer Verbände berichte ich über die Arbeit im Rundfunkrat. In der letzten Legislaturperiode des Rundfunkrates gab es darüber hinaus viel Aktuelles zu berichten – etwa die Änderung des SWR-Staatsvertrages mit den daraus folgenden Konsequenzen. Dazu gehört, dass wir mit jetzt zwei Mitgliedern im Rundfunkrat uns jetzt besser vertreten fühlen als vorher. Das wurde natürlich sofort in unseren Verbänden besprochen. Auch die Frage, wie werden Migranten im Programm abgebildet hat uns beschäftigt, wir stellen ja mittlerweile fast 30 Prozent der Bevölkerung in Baden-Württemberg.

In den SWR-Programmen dominiert doch immer noch ein Bild vom Ländle, das die große Zahl der Einwohner mit ausländischen Wurzeln ausblendet. Gibt es da nicht Kritik an dieser medialen Darstellung des Landes durch den SWR?

Iervolino: Die Realität ist natürlich heute eine andere, als ländliche Idylle mit Schwarzwald-Bollenhut. Das spielt in meiner Programmbeobachtung, sei es Radio, Fernsehen oder Internet, eine Rolle. So gab es auch aus den Reihen der Migranten Kritik an der Berichterstattung bei Kriminalfällen, in denen die Herkunft der Täter oder Verdächtigten benannt wurde. Dabei hatte dies nichts mit der Tat zu tun und das wird von den Migranten schon wahrgenommen und Kritik geäußert.

Spiegelt für Sie das Programm des SWR insgesamt die Vielfalt im Zusammenhang der unterschiedlichen Kulturen die hier leben wieder?

Iervolino: Aus dem Bauch heraus gesagt: Nein. Das müsste sich im Programm schon deutlich anders abbilden. Aber das kann man nicht schematisch beurteilen, das wird dann dem Programm im Einzelnen nicht gerecht. Die Informationsangebote des SWR sind für Migranten genauso wichtig, wie für alle anderen Bewohner.

Satelliten und Internet ermöglichen es vielen Menschen mit ausländischen Wurzeln, heute Programme aus der Heimat zu sehen oder zu hören. Bringt das auch Änderungen bei der Nutzung etwa des SWR mit sich?

Iervolino: Sicher ist, durch die Möglichkeit, Satellitenprogramme zu empfangen, hat man sich die Heimat hierher nach Hause geholt. Ich schaue beispielsweise Nachrichten im italienischen Fernsehen und beim SWR, da habe ich die Möglichkeit zu vergleichen. So geht es heute vielen Migranten in Deutschland.

Könnte der SWR da nicht mehr für Migranten tun, die mit der deutschen Sprache Schwierigkeiten haben?

Iervolino: Ja. Das würde in den Bereich Abbau von Barrieren gehen. Allerdings halte ich das aus der Perspektive Integration für problematisch. Wer hier lebt, aber schlecht Deutsch spricht, schaut schon aus Bequemlichkeit eher Heimatsender. Die bekommen sie auch mit Untertitelungen nicht in das SWR-Programm und es besteht die Gefahr, dass sie sich nicht darum bemühen, besser Deutsch zu lernen.
Wichtig ist, die Migranten betreffen alle Themen in den Medien - wie die deutschen Bewohner im Ländle. Sie sind alle davon betroffen und deshalb interessiert. Deshalb wollen wir ja auch Mitreden und Mitentscheiden – etwa im Rundfunkrat. Das tun wir auch und gerade in der Programmbeobachtung beim SWR – aber das weniger aus der Perspektive eines Migranten, sondern als ganz normaler Bürger.  Nur wenn wir mit Klischees konfrontiert werden, beobachten wir das aus unserer speziellen Sicht eines Migranten.

Befindet sich der SWR durch die geänderte Zusammensetzung des Rundfunkrates da auf einem besseren Weg?

Iervolino: Auf dem Weg zu einer Normalität, er berücksichtigt insgesamt ja deutlich mehr Verbände als früher. Von der Einwohnerzahl sind die Migranten allerdings immer noch nicht entsprechen ihrem Anteil abgebildet. Aber wir gehören jetzt dazu.

Hat man im SWR mitbekommen, dass es jetzt auch Vertreter der Migranten im Rundfunkrat gibt?

Iervolino: Der SWR hatte einen Integrationsbeauftragten ja bereits, bevor es eine Vertretung der Migranten im Rundfunkrat gab.

Wie stehen Sie zu den politischen ‚Freundeskreisen’ die sich um den Rundfunkrat gebildet haben?

Iervolino: Zu Beginn meiner Tätigkeit im Rundfunkrat, habe ich die verschiedenen „Freundes- oder Arbeitskreise“  besucht um mich inhaltlich und in Bezug auf die Arbeitsweise zu orientieren, wobei diese keine konkrete politische Abbildung darstellen. Zwischenzeitlich arbeite ich in dem Freundeskreis mit, mit welchem ich inhaltlich die größte Schnittmenge teile. Aber sind die „Freundes- oder Arbeitskreise“ sind ausnahmslos sehr offen, so dass einige Rundfunkräte auch in mehreren dieser Kreise tätig sind. Das ist aber tatsächlich eine Frage der zeitlichen Möglichkeiten, weshalb ich persönlich an dieser Stelle kürzer getreten bin. Loyalitätskonflikte gibt es hierbei nicht, zumal an keiner Stelle und von niemanden Vorgaben gemacht werden, auch wenn ein solches gerne kolportiert wird. Inhalt der Arbeit sind die Themen, die den Rundfunkrat und die Programmausschüsse  beschäftigen, also im Wesentlichen der Haushalt und das Programm des SWR.J

Dienstag, 4. August 2015

2015 Fc St.Pauli - KSC: Animateure in der Fankurve


Einmal im Jahr freue ich mich in meiner südwestdeutschen Diaspora als St.Pauli-Fan auf den
Jubel nach dem Sieg...
Besuch des Auswärtsspiels in Karlsruhe. Das beginnt bereits mit der Bahnfahrt von Stuttgart nach Karlsruhe, denn schon in der 'Schwabenmetropole' oder an so 'unmöglichen' Orten wie Pforzheim oder Mühlacker steigen Fans im St.Pauli outfit zu. Kein Wunder also, wenn man dann in der Fankurve viele Leute schwäbisch oder badisch schwätzen hört.

Beim KSC ist man jetzt voll modern, denn als Auswärtsfan zahlt man beim Kauf des Tickets am Stadion einen Euro "Kassenzuschlag" - wie die Verkäuferin lächelnd erklärt. Nun ja, die Bahn kassiert ja auch zwei Euro zusätzlich, wenn man das Baden-Württemberg-Ticket am Schalter und nicht am Automaten kauft.

Wer mehr erfahren will, wechselt zu meinem zweiten Blog: 

http://1913familienalbum.blogspot.de/2015/08/2015-fc-stpauli-ksc-animateure-in-der.html

Sonntag, 28. Juni 2015

"1864 Liebe und Verrat in Zeiten des Krieges" - Dänisches TV Epos beeindruckt


In Deutschland erinnert sich kaum jemand an den Krieg gegen Dänemark im Jahr 1864. Um so begrüßenswerter ist, dass der deutsch-französische Kulturkanal ARTE jetzt die acht Folgen der dänischen TV-Serie: "1864 Liebe und Verrat in Zeiten des Krieges" gezeigt hat (Dänischer Originaltitel: "1864" Im August 2018 hat ARTE die Serie wiederholt und in die Mediathek gestellt. Beim zweiten Anschauen beeindrucken die epische Qualität des Drehbuchs, die Darsteller,  Kameraführung, Schnitt und Soundtrack.  

Der Krieg zwischen den verbündeten Monarchien Preußen und Österreich gegen das Königreich Dänemark war zwar kurz (1. Februar bis 30. Oktober 1864). Für Dänemark bedeutet die Niederlage das Ende seiner politischen Rolle in Europa, während das Preußen Bismarcks einen wichtigen Schritt zur deutschen Hegemonialmacht machte. Die Serie zeigt exemplarisch für seine Epoche die Entwicklung vom freiheitlichen zum nationalistischen Liberalismus mit imperialen Gelüsten. '`Blut und Eisen' war nicht nur Bismarcks Vision, mit dem die drohende soziale Revolte eingedämmt werden sollte.

Vordergründig ist die dänische TV-Serie ein opulentes TV-Spektakel voll Liebe, Blut und Schlachtendonner. Regie, Darsteller, Kamera und Schnitt aus einem Guß - damit braucht "1864 Liebe und Verrat" den Vergleich mit der US-Serie "Band of Brothers" oder "Parades End" BBC/HBO nicht zu scheuen. Die Serie geht aber darüber hinaus - ein dänisches "Krieg und Frieden" oder "Vom Winde verweht". Viele der hier agierenden dänischen Schauspieler sind deutschen Zuschauern aus Serien wie "Borgen" oder skandinavischen Thriller-Produktionen bekannt. Ihre Leistung in dem Historiendrama überzeugt. Verglichen mit der Qualität der bei uns so hochgelobten ZDF-Weltkriegssoap "Unsere Mütter - Unsere Väter" (1) - schneidet diese Dänische Serie um Längen besser ab. 

Im Kaiserreich war das Massaker ein Heldenepos

Das ändert sich auch nicht, wenn man die Schwächen des Drehbuchs benennt. So verbindet es den Krieg von 1864 mit einer aktuellen Handlungsebene, erreicht dort aber nicht die Tiefe der historischen Erzählung. Die junge Frau, die im Dänemark 2014 sozial abzurutschen droht, pflegt den im Sterben liegenden Gutsbesitzer. Ihr Bruder fiel als Soldat in einem Kriegseinsatz, das hat ihre Familie zerstört. Gemeinsam lesen sie das Tagebuch von Inge - stark: Marie Tourell Søderberg - die einstmals hier als Tochter des Gutsverwalters gelebt hat. Darin schildert sie ihre seit der Kindheit bestehende Freundschaft zu den beiden Bauernsöhnen Peter (Jens Frederik Sætter-Lassenet )  und et Laust (Jakob Oftebro).  Kurz bevor der Krieg 1864 beginnt, verliebt sie sich in et Laust und wird von ihm schwanger, was der Bruder erst durch Zufall erfährt.    

Es geht einerseits um die Geschichte der Brüder und Inges, sowie dem zwangsläufig folgenden Zerwürfnis der beiden Männer. Trotz Love-Story geht es aber andererseits um nationalen Chauvinismus, einen sinnlosen Krieg und verantwortungslose Politiker. Davon erzählt die zweite Erzählebene - von der ihrer Hybris erlegenen Politikern, die  Dänemark in einen aussichtslosen Krieg treiben. 

Der im heutigen Dänemark spielende Parallelgeschichte wirkt dagegen blass, spielt mit dem 'Clash der Kulturen'. Das Aufeinandertreffen einer 'unerzogenen' Göre aus der Unterschicht und eines 'arroganten' Greises voller Standesdünkel. Gemeinsam entdecken sie dann aber, dass sie über ihre Vorfahren von 1864 miteinander verwandt sind. 


Es hätte der Serie gut getan, wenn die Autoren den Versuch unternommen hätten, den historischen Ereignissen, politisches Handeln 2014 gegenüberzustellen. Immerhin beteiligte sich Dänemark an dem politisch fragwürdigen und militärisch sinnlosen Krieg der USA gegen Irak- und Afghanistan. Dieses zweifelhafte Engagement bezahlten über 80 dänische Soldaten mit ihrem Leben.


Die Mühle 1864
Die Mühle 1964
Die vorletzte Folge über die Schlacht an den Düppeler Schanzen, in der die Dänen gegen die preußische Übermacht keine Chance hatten, zeigt die Realität des Krieges mit dämonischer Wucht. Diesem Elend in der Schützengräben steht eine politische Elite gegenüber, die dem nationalen Wahn ihre Soldaten opfert und jede Verbindung zur Wirklichkeit verloren hat. Obwohl der dänische Premierminister vor den Trümmern seiner Politik steht, wehrt er sich dagegen, die Niederlage einzugestehen. Als Ergebnis muss Dänemark einen demütigenden Frieden abschließen. Die Folgen politischen Größenwahns tragen die körperlich und seelisch versehrten Kriegsheimkehrer und ihre Angehörigen. Wie grotesk Krieg ist, zeigt sich in Folge Acht, als die in Düppel belagerten dänischen Soldaten den Auftrag bekommen, eine preußische Militärkapelle zum Schweigen zu bringen. Diese spielt auf Befehl des Kronprinzen regelmäßig vor den dänischen Schanzen, um seine Soldaten aufzumuntern und die Gegner zu demoralisieren. Der dänische Oberst gibt einem Kommando deshalb den Befehl: "Sie töten die Musik!" Die Szenerie ist bizarr, während die Kapelle im Graben spielt, greifen die Dänen an und schlachten die Musiker ab. Die Metapher: Alles im Krieg wird zu Waffe - auch die Musik... 

In der letzten Folge wird es dann etwas sehr harmonisch. Der Oberfies- und Feigling Didrich (Pilou Asbæk), Erbe des Gutshofes, läutert sich als Ehemann Inges. Sie verzeiht ihm, obwohl sie den mit ihrer großen Liebe, dem vor Düppel gefallenen Bauernsohn et Laust, gezeugten Sohn für die Heirat weggeben muss. Ihn adoptiert der überlebende Bruder Peter, der das Roma-Mädchen heiratet, dass Didrich einst vergewaltigte und dessen Kind sie austrug. Auf den zweiten Blick beschreibt dies aber auch die Wirklichkeit eines Frauenlebens in dieser Zeit - das durch Anpassung und Abhängigkeit geprägt war.

Insgesamt ein Fernseherlebnis voll großer Bilder und starker Akteure.


Wieder einmal hat das kleine TV-Land Dänemark großes Fernsehen produziert. Zumindest war das ZDF an der Produktion beteiligt - Kompliment.

Düppeler Schanzen einhundert Jahre danach (1964)

(1) http://www.medienfresser.blogspot.de/2013/03/unsere-mutter-unsere-vater-funf-freunde.html

Sonntag, 31. Mai 2015

Chios: Einstige Lepra-Kolonie muss als Denkmal erhalten bleiben



Heute noch versetzt das Wort Lepra viele Menschen in Angst und Schrecken. (1) In der  Mittelmeerregion grassierte diese Krankheit bereits im Altertum, bereits 1500 vor Christus erwähnen sie alte Schriften. Im Gegensatz zur Pest und anderen Krankheiten, an denen die Opfer relativ schnell starben, bedeutete Lepra jahrelanges Siechtum und entstellte die Kranken. Diese 'Aussätzigen' wurden gesellschaftlich isoliert und oft in einsame Gegegenden oder auf Inseln deportiert. (2) Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die Ursache der Krankheit unbekannt, erst dann entdeckte man die Lepra-Bakterien. Wirksame Heilmittel konnten Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt werden. Auch heute ist das Kapitel Lepra nicht abgeschlossen, in Asien und Afrika grassiert die Krankheit immer noch. Hauptursachen für die Verbreitung der Lepra sind immer noch Armut, Hunger, schlechte hygienische Verhältnissen und beengte Wohnbedingungen.

Lepra bedeutete für die Betroffenen zumeist gnadenlose Ausgrenzung aus ihrer dörflichen- oder städtischen Gemeinschaft. Das galt für Nordeuropa genauso, wie für das Mittelmeer und die Ägäis. Bekannt ist die Lepra-Kolonie auf der Halbinsel Spinalonga (Kalygon) bei Kreta. (3)  Oft wurden in solchen Lagern nicht nur Leprakranke eingesperrt, sondern auch Menschen mit Haut- oder Stoffwechselkrankheiten. Da Lepra früher unheilbar war und für eine 'Strafe Gottes'  gehalten wurde, machten Katholiken und Orthodoxe den Heiligen Lazarus zum Schutzpatron der Aussätzigen.


Die Lepra-Kolonie auf Chios

Heute ein idyllischer Ort
Auf Chios, der fünftgrößten Insel Griechenlands, wenige Kilometer vor der türkischen Küste bei Cesme gelegen, steht heute noch eine alte Lepra-Kolonie. Eingerichtet wurde dieses Leprosorium bereits im Mittelalter um 1378. Sie war somit die erste Einrichtung für Leprakranke in der gesamten Ägäis. Noch während des 2. Weltkrieges lebten hier etwa 30 Menschen, die vom schwedischen Roten Kreuz mit Nahrungsmitteln versorgt wurden. * Erst im Jahr 1958 wurde das Lager geschlossen. Früher lebten die Kranken, versteckt in einem kleinen Tal unweit der Inselhauptstadt, in dörflicher Gemeinschaft. Seit der Schließung verfällt dieses kulturhistorisch wichtige Denkmal der Inselgeschichte.

Lagereingang
Man braucht schon die Hilfe eines Einheimischen, um das kleine Tal zu finden. Es liegt direkt neben der Umgehungsstraße der  Inselhauptstadt - Hinweisschilder sucht man  vergebens. Am Straßenrand sieht man eine der orthodoxen Mini-Kapellen vor einer Schranke. Dahinter führt eine von Platanen bestandenen Allee zum etwa 200 Meter entfernten Lagereingang. Über dem schmiedeeisernen Gittertor steht auf Griechisch 'Asylum Lepron'. Vor einigen Monaten versuchten es Schrottdiebe aus seiner Verankerung zu reißen - glücklicherweise waren sie erfolglos.

Hinter dem Tor rechts verlaufen am Hang die alten Häuser des Lagers. Sie wurden Anfang des 20. Jahrhunderts durch großzügige Spenden ausgewanderter Chioten aus London und Paris neu erbaut. Die früheren Gebäude aus dem Mittelalter wurden bei dem großen osmanischen Massaker 1822 auf der Insel und durch das schwere Erdbeben 1881 völlig zerstört. Nur der alte gepflasterte Weg und die Reste der steinernen Wasserleitungen, sowie die Ruine einer orthodoxen Kirche am Ende des Camps stammen noch aus dem Mittelalter.

Im Frühling blüht es hier überall, die gut erhaltenen Häuser im neoklassischen Stil mit ihren rot-gelben Streifen wirken repräsentativ und einladend. Wenn man daran denkt, wozu die Anlage einst gedient hat, kommen aber schnell Beklemmungen auf. Irgendwo klappert im Wind, der durch das Tal weht, ein alter Fensterladen. Auch bei Sonnenschein bleibt dies ein etwas unheimlicher Ort... 


Früher lebten die Männer und Frauen 
getrennt in den kleinen
Enistige Wohngebäude der Kranken
Häusern. Sie hatten jeweils eigene sanitäre Anlagen und so findet man noch alte Badehäuser mit Wannen aus Marmor sowie die Öfen für das heiße Wasser. Auch uralte elektrische Schalttafeln hängen noch an den Wänden. Zwischen den Wohngebäuden für die Männer und Frauen steht noch das frühere Verwaltungsgebäude mitsamt der alten Lagerküche und dem Gemeinschaftsraum. Daneben befindet sich das einzige renovierte Gebäude der Anlage, die orthodoxe Kapelle mitsamt dem Kirchturm. Hier erinnert eine Gedenktafel an die ausgewanderten Chioten aus Paris und London, die Anfang des 20. Jahrhunderts den Wiederaufbau durch ihre Spenden ermöglichten. 


Die alte Apotheke
Das ganze Gelände der Kolonie wirkte, als sei es fluchtartig verlassen worden. In einigen Räumen stapelten sich alte Bettgestelle, die seit Jahrzehnten vor sich hinrosten. Auf manchem lagen noch alte Matrazen, Decken und alte Kleidungsstücke. Am erstaunlichsten und zugleich unheimlichsten war der Besuch der einstige Lager-Apotheke. In den Schränken stehen heute noch alte Töpfe und Tiegel mit Medikamenten und Salben sowie Verbandsmaterial. Sogar der typische Medizin-Geruch hing noch in der Luft. Alles wirkt, als hätten die Ärzte und Pfleger das Gelände nicht bereits vor mehr als 50 Jahren verlassen. Unwillkürlich fürchteten wir uns davor, hier etwas zu berühren - die Angst vor der unheimlichen Krankheit sitzt tief... 

Die Kolonie wurde durch einen Bach mit Wasser versorgt, das ermöglichte auch den Anbau von Gemüse und Obst für das Camp. Jeder Kranke betreute hier seinen eigenen kleinen Garten. Damit versorgte sich das Lager nicht nur selbst, Gemüse, Früchte und selbstgemachter Schafskäse wurden auf der Insel verkauft - ob die Käufer damals wussten, woher das stammte? 

Folgt man dem alten Weg entlang der verfallenen Wasserleitung und den Gärten zum Ende des Tales, stößt man auf die Ruine einer orthodoxen
Orthodoxe Ruine
Kirche. Während der Massaker der Osmanen blieben auch die Leprakranken nicht verschont. Sie wurden getötet und die alte Kirche geplündert. Heute stehen nur noch die Mauern, an einigen Stellen erkennt man die Reste orthodoxer Heiligenbilder an den Wänden. Die Mitte des einstigen Kirchenraums beherrscht jetzt eine alte Kiefer – daneben befindet sich eine Mauer mitsamt einer kleinen Gedenkkapelle.

Hierher trafen wir Georgios Paparios. Er wohnt in der Nachbarschaft und kommt täglich hierher, um nach dem Rechten zu sehen. Er kennt alle Geschichten über das  Dorf der Leprakranken. Ihn ärgert vor allem der Vandalismus einiger ungebetener Besucher. Regelmäßig würden hier Parties der Drogenszene gefeiert, beschwert sich Georgios. Dies  belegen die vielen Graffitis und Schmierereien an den Wänden der alten Häuser. Diebe haben darüber hinaus längst die alten Wasserhähne aus Messing in allen Häusern herausgebrochen. Offiziell kümmert sich niemand um das Gelände, das der orthodoxen Kirche gehört. Nur die Kapelle strahlt in frischem Glanz....

Er kümmert sich um das Gelände - allein!
Dabei hat die Kirche lange vom Betrieb solcher Lepra-Station profitiert. Von der heimtückischen Krankheit waren nicht nur Arme betroffen. Beengte Wohnverhältnisse und mangelnde Hygiene  in mittelalterlichen Siedlungen machte auch Wohlhabende zu Opfern. Von den einst beengten Lebensverhältnissen kann man heute noch auf Chios bei einem Besuch der mittelalterlichen Dörfer Mesta und Olymbi einen Eindruck bekommen. Mancher Insasse einer solchen Lepra-Kolonie stammte aus einer reichen Familie. Nach seinem Tod fiel das Vermögen oft an die Kirche. Wohl auch aus diesem Grund engagierte sich neben der orthodoxen auch die kleine katholische Gemeinde auf Chios um das Camp. Von ihrer Kirche zeugen heute nur noch ein paar Mauerreste am Hang und ein kleiner katholischer Friedhof in der Nähe. 

 Anscheinden interessiert sich auf Chios heute
niemand mehr für
Graffities verschandeln das Dorf
 den Erhalt dieses einmaligen Kulturdenkmals der Insel. Während heute auf Kreta Spinalonga zum Touristenziel geworden ist, verschweigt man auf Chios lieber seine Existenz. So meinte ein Freund zu uns: "Das ist doch keine schöne Sehenswürdigkeit für Touristen!" Damit erklärt sich wohl, warum in keiner Touristeninformation ein Hinweis auf das einstige Lepra-Dorf zu finden ist.


Mittlerweile droht der über Jahrhunderte existierdenden Siedlung der endgültige Verfall. Sie wird ein Opfer der Verantwortungslosigkeit von Kirche und Staat und des Vandalismus gedankenloser Zeitgenossen... 

Ein beeindruckender Film über die Kolonie von Yiannis Zafeiris findet sich auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=_BeTyoLcyps


Text und Fotos dürfen nur mit Zustimmung des Autors genutzt werden
* Bericht des SRK zur Versorgungslage auf Chios, September 1943, in: "The occupation of Chios by the Germans...." Philip P.Argenti Cambridge 1966, Seite 174

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Lepra
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Leprakolonie
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Spinalonga

Dienstag, 24. März 2015

SWR-Image: 'Piep, piep, piep - Sie ham' uns alle lieb!'


Dem Rundfunkrat des Südwestrundfunks (SWR) wurden am 20. März in Stuttgart die Ergebnisse einer hausinternen Studie über das öffentliche Image des Senders präsentiert. Dr. Walter Klingler, Chef der SWR-Medienforschung referierte den Gremienmitgliedern die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von rund 900 Einwohnern in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.



Margit Rupp (2.v.l.) neben Intendant Peter Boudgoust
Für die stellvertretende Vorsitzende des Rundfunkrats, Margit Rupp war danach klar: "Die hohe Akzeptanz zeigt, dass die Zuschauer, Hörer und Nutzer den SWR als verlässlichen medialen Partner in einer sich ständig wandelnden Gesellschaft schätzen." *

Laut Befragung nutzen 89% der Bevölkerung über 14 Jahre ein Programmangebot des SWR**. Allerdings erreicht man mit 83% weniger Zuspruch bei Jüngeren (14-29). Dagegen schalten 95% aller Befragten über 65 die SWR-Programme ein. Hauptsächlich trägt dazu das Radioangebot bei, das über 80% aller Befragten nutzen. Mit insgesamt sechs formatierten Radiowellen (SWR 1, SWR 2, SWR 3, SWR 4, Das Ding, Inforadio***) gelingt es leichter, als mit dem einheitlichen SWR-Fernsehen, die Menschen im Sendegebiet zu erreichen.

Demgegenüber kommt das Dritte SWR-Fernsehen nur auf eine Reichweite von 55% bei allen Befragten, es wird also nur von gut der Hälfte eingeschaltet. Bei Jüngeren werden sogar nur knapp ein Fünftel erreicht, während die 50-64-Jährigen mit 87% die treuesten Zuschauer stellen. Alarmieren muss den SWR, dass 17% der Jüngeren überhaupt kein SWR-Medienangebot nutzen. Bei allen Befragten sind es immerhin 11%, die nicht vom SWR erreicht werden


Wie beurteilen die Menschen den SWR?

Auf fast die Hälfte der Befragten macht das 'Unternehmen' SWR "den Eindruck einer Behörde" die "unbeweglich" erscheint. Gleichzeitig sind aber drei Viertel der Ansicht, der SWR biete "die besten Informationen". Bei den 14-29-Jährigen stimmt dem aber nur etwa die Hälfte zu. Das der SWR das beste Programm anbietet, meinen rund 60% aller Befragten, jedoch nur etwa ein Drittel der Jüngeren. "Für mich unverzichtbar" ist der SWR zwar für gut 70% aller Befragten, aber nur ein Drittel der Jüngeren teilt diese Ansicht. Sie halten den SWR auch für deutlich weniger modern, dynamisch, innovativ, unabhängig und mutig.  


Vertrauen: SWR liegt vor der Post

Der SWR hat auch erfragt, welchen Institutionen die Bürger in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz am meisten vertrauen. Erstaunlicherweise findet sich auf Platz Eins das ZDF (86%), gefolgt vom SWR (85%) und der Deutschen Post (83). Ganz unten rangieren dagegen facebook (34%), Apple (46%) und die Parteien (51%) Auch bei den Sympathiewerten liegen ZDF und SWR an der Tabellenspitze, gefolgt von der Stiftung Warentest und der Verbraucherzentrale. Auf den 'Abstiegsplätzen' stehen wieder facebook, apple und die Parteien. Fragt man, wie wichtig die Institution sind, steht die Post auf Platz Eins, gefolgt von der Polizei und den Behörden vor Ort, erst danach folgen ZDF und SWR. Schlusslichter sind erneut facebook und apple, auf dem 'Relegationsplatz' steht der kommerzielle Privatsender RTL, während sich die Parteien im gesicherten Mittelfeld finden.



SWR: 'Du darfst so bleiben, wie Du bist?'

Dem Rundfunkrat scheint´s zu genügen
Das Fazit der Medienforscher lautet: "Der SWR ist nach wie vor in der Bevölkerung (...) erkennbar positiv verankert - gute Basis für weitere Schritte, beispielsweise auch in Richtung der jüngeren Generation"  

Die Reform der TV-Landesschau für Baden-Württemberg hat dazu geführt, dass im  Magazin fast nur noch launige Berichte aus der Heimat und entsprechende Studiogäste  präsentiert werden. Beim Hörfunk beherrschen Dampfplauderer die populären Werbewellen (SWR 1, SWR 3, SWR 4). Die Verantwortlichen schielen nur noch nach  Marktanteilen. Lustig, dass immer noch das Märchen von den unterschiedlichen Programminteressen der verschiedenen Altersgruppen erzählt wird. Dabei weiß es die SWR-Medienforschung besser. Soziale- und kulturelle Unterschiede sind wichtigere Kriterien für Programmnutzung als das Alter. Ich bin über 60, mein Geschmack reicht von Jethro Tull bis Schostakowitsch, 'The big bang theorie' bis zur 'ARTE-Doku'. Regionales interessiert mich schon, nicht aber eine "TV-Wärmestube" für Baden-Württemberg-Klischees, deren Moderatoren mich wie Verkäufer auf Kaffefahrten behandeln. 





* SWR-Pressemitteilung vom 20.03.2015
** Weitester Nutzerkreis, damit sind alle gemeint, die innerhalb von 14 Tagen ein SWR-Programmangebot einschalten
*** Zwei Wellen sind im gesamten Sendegebiet, zwei jeweils landesweit und zwei nur in bestimmten Gebieten empfangbar.)

Donnerstag, 19. März 2015

Griechenland: Aufklärung statt 'Stinkefinger'-Demagogie



Allüberall in deutschen Medien und an den Stamtischen debattiert man darüber, ob der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis den ‚Effenberg’ gemacht hat, oder nicht. Das durchschaubare Manöver dient vor allem dazu, von Ursachen und Hintergründen der Krise in Griechenland und in Europa abzulenken. Wer es dagegen versucht, mit Argumenten und Analysen aufzuklären, hat es schwer – erst recht, wenn er Grieche ist.

Professor Dr. Athanasios Marvakis
Diesen Versuch unternahm Athanasios Marvakis, Psychologieprofessor an der Universität Thessaloniki am 12. März in Ludwigsburg. Marvakis ist einer vielen Grecco-Schwaben, aus einer Griechischen Familie stammend aber im Schwäbischen aufgewachsen, promovierte er in Tübingen. In Thessaloniki engagiert er sich, neben seiner Lehrtätigkeit, in der Flüchtlingsarbeit.

Für Marvakis ist der Wahlsieg von Syriza bei den Parlamentswahlen nicht nur für Griechenland sondern für ganz Europa wichtig. Erstmals setze eine Regierung dem realpolitischen Dogma: ‚Es gibt keine Alternative’ etwas entgegent. „Durch den Sieg von Syriza kommen die politischen Probleme Europas endlich auf den Tisch“, hofft der Proffessor. Der von Oben erklärte  Klassenkampf zeige sich mittlerweile übergreifend in aller Brutalität und voller Zynismus. In Griechenland  könne das Signal geben: "Es gibt eine Alternative zur neoliberalen Politik in Europa"

Marvakis warnte vor den begrenzten Möglichkeiten der neuen Regierung: „Es ist mehr als naiv zu glauben, dass der Kampf um ein anderes Europa in Griechenland und von dieser Regierung ausgefochten werden kann.“  Bestenfalls eröffne der Sieg von Syriza die Chance für einen politische Debatte mit dem Ziel, die Öffentliche Meinung in Europa für eine neue Form sozialdemokratischer Politik zu gewinnen. Revolutionären Hoffnungen und Barrikadenromantik erteilt er eine Absage. Die Griechen seien stockkonservatv und das Wahlprogramm von Syriza sei auf minimale Ziele ausgerichtet: "Aber das wäre schon viel!"


Thessaloniki - Promenade
Der Professor kennt seine Landsleute. Die Hafenstadt Thessaloniki, nach Athen größte Stadt Griechenlands, ist das Industriezentrum. Die Einwohner gelten als sehr Konservativ, trotzdem wählte man hier 2012 mit Yannis Boutaris einen progressiven Bürgermeister. Er war so erfolgreich, dass er im letzten Jahr mit großer Mehrheit wiedergewählt wurde. 

Marvakis kritisiert auch den bei seinen Landsleuten weit verbreiteten Nationalismus. Dieser Chauvinismus im Alltag erkläre, warum seine Landsleute die eigene wirtschaftliche Talfahrt nie im Zusammenhang mit der Entwicklung der letzten Jahre auf dem Balkan gesehen hätten: „Da läuft diese Krise seit 20 Jahren, nur die Griechen haben sich kaum dafür interessiert.“ Voll Selbstüberheblichkeit seien viele der Ansicht gewesen: ‚Wir sind doch nicht mit den faulen Bulgaren, Mazedoniern oder Albanern vergleichbar!’


 

Syriza-Büro: Insel Chios (2)
Er warnt vor der Annahme, nach den Wahlen sei die griechische Bevölkerung nach Links gerutscht. „Die Griechen sind ihn ihrer Mehrheit weiterhin sehr konservativ und rückwärtsgewandt.“ Der Wahlsieg von Syriza erkläre sich vor allem daraus, dass die Altparteien PASOK (Sozialisten) und Nea Demokratia (Konservative) ihre Wählerschaft verprellt hätten. Insgesamt sei die Bindung der Griechen an Parteien deutlich gesunken. „Die Wähler haben Syriza jetzt einen Blankoscheck ausgestellt mit dem Auftrag: ‚macht etwas anderes!’ Viele Wähler hätten bei Syriza ihr Kreuz aus „Notwehr“ gemacht und nicht aus Überzeugung. 

Positiv sei, dass sich aktuell die Stimmungslage in Griechenland geändert habe. Die Zeit der totalen Niedergeschlagenheit sei vorbei, das Interesse an Politik und politischen Informationen sei deutlich gewachsen. „Die Leute haben das Gefühl: Es ist eine andere Politik möglich.“ Derzeit stünden etwa 80% der Wähler hinter der Regierung, egal aus welchem politischen Lager. 

Die Reaktionen aus dem Ausland über das Wahlergebnis Erbittere viele Griechen, werde als versuchte Kolonialisierung empfunden. Dies könnte aufgrund des latenten Nationalismus – den es auch innerhalb der Linken gebe – noch ein Problem werden. Es sei ein Glücksfall gewesen, dass die Mehrheit Links gewählt habe. Es besteht für Marvakis die Gefahr, dass sie sich bei einem Misserfolg von Syriza hin zur Nazi-Partei Chryssi Avghi (Neue Morgenröte) wenden könnte. Sie sei immerhin drittstärkste Fraktion im Parlament - obwohl ihre Führung im Gefängnis sitzen würde. Die CA propagiere puren Rassismus: Seid Stolz darauf, wie wir in den letzten 20 Jahren mit den Immigranten umgegangen sind! Deshalb warnt Marvakis: „Die Nazis ernten dass, was andere jahrelang gesät haben.“ Rassistische und chauvinistische Töne hatten schon frühere Regierungen in Athen benutzt, wenn es darum ging, von eigenen Fehlern abzulenken.

Der Universitätsprofessor aus Thessaloniki beobachtet die Regierungskoalition zwischen Syriza und der rechtspopulistischen Partei ANEL (Unabhängige Griechen) mit Unbehagen. Man müsse genau auf eine Zunahme rechter Tendenzen in der Bevölkerung achten und dies sei die Aufgabe der griechischen Linken. Das in der deutschen Öffentlichkeit die rassistischen Ausfälle von ANEL-Politikern kritisch registriert würden, kommentierte Marvakis sarkastisch. Viele ANEL-Leute, wie der Vorsitzende und jetzige Verteidigungsminister, Pannos Kammenos, kämen schließlich aus der Nea Demokratia. Zu Zeiten der ND-Regierung von Antonis Samaras habe es aus ihren Reihen immer wieder üble Polemiken gegeben: „Die deutsche Schwesterpartei CDU hat nie dagegen protestiert!“  

Realpolitisch kann Marvakis den Deal zwischen der Führung von Syriza und ANEL nachvollziehen. Dieser Schritt habe es ermöglicht, bereits am Tag nach der Wahl eine handlungsfähige Regierung zu bilden. Damit habe man die Politiker in Europa überrascht, diese hätten langwierigen Koalitionsverhandlungen und eine damit nicht handlungsunfähige Regierung erwartet. 

Worauf setzt Marvakis seine Hoffnungen für Griechenland und Europa? „Alles muss und wird politisch in Bewegung kommen. Bewegt sich aber in Europa nichts, bewegt sich auch in Griechenland nichts.“ und "Wenn die deutsche Tageszeitung ‚Die Welt’ schreibt: ‚Die Troika ist eine Katastrophe für Europa’ dann freue ich mich!“