Mittwoch, 28. Oktober 2015

Digitaler Fernsehempfang wächst - aber nicht bei Alten und Armen


Die Digitalisierung aller Medien und Kommunikationswege galt bisher bei vielen als eine Entwicklung, die alle von uns gleichmäßig betrifft. Kritik gab es bisher nur wegen unzureichender technischer Online-Versorgung ländlicher Regionen. Der kürzlich veröffentlichte Digitalisierungsbericht 2015 der Medienanstalten zeigt aber auch, dass sozial Schwächere durch die Kosten für neue Empfangsgeräte von der digitalen Entwicklung ausgeschlossen werden. 


Satellit? Kabel? - Die Programme sind gleich mies...
Basis des Berichts ist eine Befragung von TV-Nutzern, die TNS-Infratest im Auftrag der Landesmedienanstalten telefonisch durchgeführt hat. Die rund 6000 bundesweiten Interviews repräsentieren 70,5 Millionen Einwohner Deutschlands über 14 Jahre (Deutsche, EU und andere Ausländer). Insgesamt gibt es bundesweit 40,072 Haushalte, von denen 38,89 Millionen (97%) ein Fernsehgerät besitzen.

Nimm man diese knapp 39 Millionen TV-Haushalte in der Republik als Basis, empfangen ihre Fernsehprogramme rund 33 Millionen (84,7%) digital, 4,5 Millionen (11,5%) analog und 1,5 Millionen Haushalte (3,8%) sowohl digital wie analog. Innerhalb von drei Jahren ist damit die Zahl der digitalen TV-Haushalte von 73,4 auf 84,7% gewachsen, während analoge Haushalte von 19,2% auf 11.5% zurückgingen. Analog wie digital mit TV-Programmen versorgte Haushalte reduzierten sich von 7,4% auf aktuell 3,8%.

Die meisten Haushalte (18,1 Mio) werden per Satellit mit Fernsehprogrammen versorgt (46,5%) während das Kabel (17,9 Mio) an zweiter Stelle liegt (46,1%). Real liegt die Satellitenversorgung noch höher, denn die Statistik zählt auch die Haushalte mit zur Kabelversorgung, die ihre Programme (ohne eigenen Receiver) über das Kabelnetz ihrer Wohnanlagen erhalten, die diese ihrerseits von einem Satelliten eingespeisen. 

Da seit 2012 TV-Programme per Satellit nur noch digital verbreitet werden, gibt es im Kabel noch 6 Millionen analog empfangende Haushalte. Diese müsse man für den Digitalempfang gewinnen, fordern die Medienanstalten, wolle man die analoge Abschaltung  - den "Switch Off" - bis 2018 erreichen. Derzeit nutzen aber nur rund 66% der Kabelhaushalte das digitale empfangbare Fernsehen. "Was es nun braucht, ist ein Schulterschluss von Kabelnetzbetreibern, Wohnungsgesellschaften und Fernsehsendern..." lautet die Forderung der Medienanstalten, um die Abschaltung 2018 realisieren zu können.

Armen und Alten fehlt das Geld für Digital-Empfänger 

 

Dabei ist man sich bei den Medienanstalten bewusst, das der sich verzögernde "Switch Off" auch eine soziale Komponente hat. Die Hälfte der Analog-Haushalte verfügen über keinen Fernseher, der digitale Programme empfangen kann. Darüber hinaus sind die meisten analogen Kabelnutzer über 50, ein Drittel sogar älter als 70 Jahre. Den Autoren ist schon klar, dass viele der analogen Haushalte das Geld für die Anschaffung eines digitalen TV-Gerätes nicht haben. Etwa 62% der Analog-TV-Haushalte verfügen netto über weniger als 2000 €, fast ein Viertel von ihnen haben nicht einmal 1000 € monatlich zur Verfügung. Kein Wunder also, wenn 70% der Analognutzer sagen, nicht zum digitalen Fernsehempfang wechseln zu wollen. Deshalb beschleicht die Medienanstalten ein ungutes Gefühl für 2018. Der anvisierte Ausstieg aus der analogen Verbreitung sei: "...kein Selbstläufer (...). Dabei dürften die Kosten des Umstiegs für viele Haushalte eine zentrale Rolle spielen." Mit Hartz IV, einer Durchschnittsrente unterhalb der 'Grundsischerung' von etwa 760 € monatlich macht für solche Haushalte der Wechsel zum digitalen Empfang kaum einen Sinn. 

Auch beim von allen so propagierten mobilen TV-Empfang räumen die Medienanstalten
Mehr direkte Kommunikation - die Alternative
erstmals sozial problematische Entwicklungen ein. Zwar nutzen über 12 Millionen Menschen mit mobilen Empfangsgeräten auch TV-Livestreams, sie machen es aber zu 80%

nur zu Hause. "Ein Grund dafür, dass TV Streams an mobilen Endgeräten von vielen zwar in der Küche oder im Bett genutzt werden, von nur wenigen jedoch auch in der Bahn oder dem Café, könnte in den hohen Datenmengen liegen. Gerade bei einer Nutzung über das Mobilfunknetz fallen dadurch schnell hohe Kosten an bzw. ist das gebuchte Datenvolumen schnell aufgebraucht."

Die Mobilfunkunternehmen forcieren seit Jahren das erhoffte große Geschäft mit Bewegtbildern per Smartphone und Tablet. Zunehmend merken viele Nutzer - vor allem wohl die über hohe Telefonrechnungen ihrer Sprösslinge geschockten Eltern - wie teuer das vermeintlich kostenlose TV- und Videoangebot sie wirklich kommt.   

Links: 
http://www.caritas.de/hilfeundberatung/ratgeber/schulden/jugendliche-haben-oft-handyschulden
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/handy-internet-smartphone-ist-oft-grund-fuer-schulden-junger-menschen-a-978251.html
http://www.medienfresser.blogspot.de/2009/10/digitalisierung-des-tv-empfangs-2009.html 


Siehe auch: http://medienfresser.blogspot.de/2014/01/tv-satellit-uberholt-kabel.html


Montag, 12. Oktober 2015

Unterbrecherwerbung nervt fast alle Fernsehzuschauer


Jeder Fernsehzuschauer kennt das, gerade spitzt sich die Situation in einem Film zu, da knallt einem ein nervender Werbeblock dazwischen. Das makaberste Beispiel für mich war "Schindlers Liste", da brachte es der Kommerzsender bei der Wiederholung fertig, den Film für grellbunte Werbespots zu unterbrechen. Dabei wissen die TV-Macher wie die Werbetreibenden genau, dass das mittlerweile erreichte Ausmaß der Unterbrecherwerbung die Zuschuer nur noch nervt. 

Beleg gefällig? In der aktuellen Langzeitstudie von ARD und ZDF zur Massenkommunikation, wurde erstmals auch die Frage gestellt, ob Fernsesendungen durch zu viel Werbung unterbrochen würden. Antwort: Bei den Privaten bemängelten dies 86% der Befragten und 9% bei den Öffentlich-Rechtlichen. Die Werte für ARD und ZDF kann man alleine schon deshalb zur Seite legen, weil sie nur werktäglich im jeweiligen Vorabendprogramm Werbespots ausstrahlen. Da macht es nicht viel aus, wenn filmkünstlerische Werke wie der "Bergdoktor" oder "Großstadtrevier" durch Waschmittelwerbung unterbrochen werden. 


Es geht doch nichts über einen Blick, der nicht durch Werbung verstellt wird...

Interessant an den Ergebnissen der ARD/ZDF-Studie, die seit mittlerweile 50 Jahren regelmäßig erhoben wird, ist die Ablehnung der Werbeunterbrechungen quer durch alle Altersgruppen. Bei den 14-29-Jährigen kritisieren 85% zu viel Unterbrecherwerbung, bei den 30-49-Jährigen sind es 88% und bei den Älteren 85%. Auch der Bildungsgrad ändert an der Kritik kaum etwas. So bemängeln 81% der Zuschauer mit Hauptschulabschluss die Unterbrecherwerbung, bei Absolventen weiterführender Schulen und Abiturienten sind es 89%. 

Laut Rundfunkstaatsvertrag dürfen ARD und ZDF an Wochentagen insgesamt 20 Minuten Werbung ausstrahlen - aber nicht nach 20 Uhr. (Rundfunkstaatsvertrag Abschnitt III, § 16) Für die kommerziellen Programme gilt eine stündliche Höchstgrenze von 12 Minuten - und das täglich (Abschnitt III, § 45). Die Landesmedienanstalten haben festgelegt, dass ein Werbeblock "in der Regel" mindestens 2 Spots umfassen muss. (Werberichtlinie der Medienanstalten Ziffer 6). 

Den Werbetreibenden ist durchaus bewusst, dass die Zuschauer die Unterbrecherwerbung nervt und sie wegzappen oder etwas anderes tun, wenn einer läuft. Sie versuchen die Zuschauer auszutricksen. Sei es durch Split-Screen-Werbung etwa bei Sportübertragungen - der Bildschirm wird zwischen Ereignis und Werbespot geiteilt. Eine weiteres Mittel ist die Plazierung von Produkten direkt in Serien und Filmen - das sogenannte Product Placement. 

Dazu erreichte mich aus den USA folgender Lesertipp: http://www.newyorker.com/magazine/2015/10/12/the-price-is-right-emily-nussbaum

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Flüchtlinge 2015: Paranoia* in Deutschland - Realität in Griechenland


Tagtäglich wird die Stimmung in Deutschland beim Thema Flüchtlinge hysterischer. Das Hausblatt des deutschen Stammtischs: BILD, schürt Ängste mit Horrormeldungen von bis zu 7,4 Millionen Flüchtlingen. Die CSU begeht faktisch Verfassungsbruch durch die Forderung nach einer Obergrenze für Asylbwereber. Grundgesetzt und UNO-Flüchtlingskonvention - egal. Und die SPD jammert, bei einer Million Flüchtlingen komme Deutschland an seine Belastungsgrenzen.

Die Realtität: Derzeit befinden sich in Deutschland rund 577 000 Flüchtlinge (Tagesschau 7. Oktober 2015). Bei etwa 80 Millionen  Bundesbürgern sind das 0,7% der Gesamtbevölkerung. Selbst wenn die Panikzahlen der BILD Realität würden, stiege der Flüchtlingsanteil auf 9% an. Zum Vergleich: Im Libanon machen die Kriegsflüchtlinge mittlerweile 25% der Gesamtbevölkerung aus.

Chios - eine Insel versucht zu helfen


Von der Küstenwache gerettet
2015 kamen fast jeden Tag zwischen 150 und 200 Flüchtlinge auf die griechische Insel Chios in der Nordost-Ägäis. Sie liegt nur etwa 8 Kilometer von der türkischen Küste bei Cesme entfernt. Auf der fünftgrößten Insel Griechenlands leben rund 50 000 Einwohner. Alleine im laufenden Jahr kamen hier rund 30 000 Flüchtlinge an. Ein Großteil ist zwar jetzt auf dem Festland und dem Weg nach Nordeuropa, aber auch im September 2015 lebten noch viele im zentralen Flüchtlingscamp außerhalb und dem Stadtpark der Inselhauptstadt. Sie wohnen in Camping-Zelten - Ende September hat die UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR winterfeste Zelte aufgestellt. Man rechnet auf Chios damit, dass auch in der Schlechtwetterperiode zwischen Oktober und April der Flüchtlingsstrom kaum zurückgehen wird.
Stadtpark von Chios


In Deutschland und den meisten EU-Staaten in Mitteleuropa hat man dieser Entwicklung lange einfach nur zugeschaut. Das EU-Dublin-Abkommen 'schützte' uns ja vor den Flüchtlingsmassen. Jeder Asylbewerber muss ja in dem Staat Schutzt beantragen, in dem er erstmals die EU betreten hat. Damit waren wir fein raus. Jeder der es wissen wollte wusste aber schon lange, dass das nicht gutgehen kann. Griechenland und Italien waren damit überfordert und haben einfach die Grenzen nach Norden geöffnet. Anstatt aber bei uns Vorkehrungen zu treffen, beweist Deutschland als angeblicher 'Organsiations-Weltmeister' seine Unfähigkeit oder den Unwillen, Vorbereitungen zu treffen. Aber über die angeblich 'faulen Griechen' lästern - dazu reicht´s hier immer noch....

Bizarre Widersprüche


Hotel-Pool mit Blick auf die Türkische Küste
Während auch Chios die Touristen in schönen Hotelanlagen mit Pool den Blick auf das  türkischen Festland bei Cesme genießen, ist das Meer für Flüchtlinge lebensbedrohlich. Deshalb patroullieren Boote der griechischen Küstenwache und der Marine vor der Insel und bringen tagtäglich Menschen in den Hafen von Chios-Stadt. Bei meinem Besuch im Mai und September war die Situation an der Hafenpromenade ziemlich bizarr. Während am Fähranleger Flüchtlinge auf das Schiff
Rechts die Kreuzfahrer - Links die Flüchtlinge
nach Piräus oder Kavalla warteten, flanierten an ihnen Touristen vorbei, deren Kreuzfahrtschiff im Hafen lag.

So mancher Inselbewohner reagiert auf die ankommenden Flüchtlinge irritiert: "Die haben alle Smartphones, woher haben die dafür das Geld?" Die Erklärung ist einfach, wer es auf bis nach Chios schafft, der hat mehrere Tausend Dollar/Euro für einen Fluchthelfer bezahlen können. Die Insel erreichen derzeit vor allem Syrer, die der Mittelschicht angehören. Sie haben für die Flucht vor Krieg und Verfolgung alles zu Geld gemacht, was sie hatten. Manch Wohlhabender kann es sich sogar leisten, in einem Hotel der Insel zu wohnen. Die meisten brauchen aber jeden Cent, um das Weiterkommen nach Nordeuropa bezahlen zu können.

"Die Armen aus Syrien oder Afghanistan stecken in der Türkei fest. Dort werden sie als billige Arbeitskräfte ausgebeutet und haben keine Chance, die Überfahrt zu bezahlen," erfuhr ich auf Chios von einer Türkin, die dort mit einem Griechen verheiratet ist. Es gibt aber auch Ablehnung: "Die bringen Drogen mit, die können einem nicht ins Gesicht schauen", meinte ein durchaus weitgereister und kultuvierter Freund zu uns. Dabei werden seit Jahren Drogen aus der Türkei über Chios in Richtung Nordeuropa geschmuggelt - und so mancher Grieche verdient gut daran. Trotz Kritik und Vorurteilen leisten aber viele Inselbewohner Hilfe und auch die Inselverwaltung tut, was sie kann. Privat werden Kleidung und Spielzeug für die vielen Flüchtlignskinder gesammelt. In einem überdachten Durchgang, der zum Rathaus gehört, dürfen Neuankömmlinge erst einmal kampieren.

Notdürftiger Schutz vor dem kalten Wind
In einem Bericht der ARD sieht man, wie ein alter Grieche wortlos einer Familie eine Tüte mit Essen gibt. Er will keinen Dank - winkt nur ab. Später erzählt uns ein Freund: "Den Mann kenne ich, der hat selber nichts und ist arm. Trotzdem bringt er immer wieder Essen zu den Flüchtlingen, wenn er ein paar Euro übrig hat."

Viele Bewohner der Orte an der Ostküste von Chios sind mit ihren Nerven am Ende, aber trotzdem ist die Lage nicht aggressiv. Woran liegt das? Ein befreundeter Ladenbesitzer klärte uns auf: "Weißt Du, meine Großeltern kamen 1923 vom Festland, das heute die Türkei ist. Sie lebten in der Gegend der Hafenstadt Smyrna, die heute Izmir heißt. Nach dem der Krieg zwischen Griechen und Türken 1919-1923 verloren gegangen war, mussten tausende Griechen das Festland verlassen. Sie kamen mit nichts, als dem was sie tragen konnten, auf Chios an. Davon lebt zwar heute kaum noch jemand, aber die Erinnerung haben sie an ihre Kinder und Enkel weitergegeben. Das ist der Grund, warum hier viele Inselbwohner den Flüchtlingen helfen."

Zurück in Deutschland - Feiern bis zum Umfallen...


Am 3. Oktober kamen wir wieder zurück nach Stuttgart - Tag der Deutschen Einheit. In Stuttgart zogen die Massen auf das Volksfest am Wasen. Für uns ein Kulturschock: In der S-Bahn haufenweise junge Leute in bayerischer Tracht - im tiefsten Schwaben! Vorher wurde kräftig getrunken - auf dem Was´n ist´s halt teuer. Am Bahnhof Bad Cannstatt angekommen, von wo es auf das Festgelände geht, drangvolle Enge auf dem Bahnsteig. Neben mir kniet ein Mädel im Dirndl und kotzt sich die Seele aus dem Leib. Wenige Meter später hat man eine Auffahrt zum Pissoir umgewidmet - es stinkt bestialisch.

Schön wieder im geordneten Deutschland zu sein, da wird auf Kommando gesoffen und das natürlich in 'Uniform'...


*Duden: Paranoia durch gesteigertes Misstrauen gekennzeichnete Persönlichkeitsstörung mit Wahnvorstellungen




Dienstag, 8. September 2015

KEK-Jahresbericht 2015: Wer Glotzt Wie und wie lange?


Wieviel TV-Programme sind in Deutschland auf Sendung? Wieviele Leute haben ein Pay-TV-Abo? Was 'glotzt' der Durchschnittsbürger?

Wer auf diese Fragen Antworten sucht, hat es nicht leicht, denn die Medienbranche lässt sich nicht gerne in die Karten schauen. Eine Quelle sind die alle zwei Jahre veröffentlichten Berichte der Kommission zur Ermittlung der Konzentration in den Medien (KEK). Diese Gemeinschaftseinrichtung der Landesmedienanstalten analysiert regelmäßig die deutsche TV-Landschaft. Der aktuell veröffentlichte 17. Jahresbericht umfasst den Zeitraum von 2013 bis zum Sommer 2015.

Wie bebildert man so einen Text? Tiere wirken immer!
Demnach hatten im Juni 2015 in Deutschland 178 (2013:178) private TV-Sender eine Lizenz einer Landesmedieanstalt. Davon 150 TV-Kanäle (141) in Betrieb. Neben 14 (20) Vollprogramme (Nachrichten, Information, Kultur und Unterhaltung) sendeten 54 (46) Spartensender (Shoppingkanäle, Comedy, Kinderprogramme usw.) und 82 (75) Pay-TV-Kanäle. Dazu kommen 13 Vollprogramme von ARD und ZDF.

Aber Vorsicht: diese Daten sind nur bedingt vergleichbar. So zählt der Bericht für 2015 zwar die 13 Vollprogramme von ARD und ZDF auf, die öffentlich-rechtlichen Spartenkanäle werden aber nicht einmal erwähnt. Das sind immerhin: Phoenix, 3sat, arte, Kinderkanal, ZDF info, ZDF Neo, ZDF Kultur, Eins Plus, Eins Festival, tagesschau 24, ARD-Alpha. Und dazu kommen noch das deutsch-französische Kulturprogramm Arte und der deutsch-österreichisch-schweizerische Sender 3sat.

Blättert man weiter im KEK-Bericht, stellt man überrascht fest, das zwar die ZDF-Spartensender aufgeführt werden, die der ARD aber nicht. Das Zweite erreicht mit ZDF Neo, ZDF Kultur und ZDF Info immerhin durchschnittlich 2,5% Marktanteil bei allen Zuschauern. Die Spartenkanäle der Privaten ProSiebenSat1 (Sixx, Sat 1 Gold, Pro Sieben Maxx) erreichen 1,9% Marktanteil, RTL Nitro alleine 1,3%. Nachgefragt erklärt die KEK zu diesem Mangel: Es würden ihr die Daten der ARD-Spartensender nicht vorliegen.
Öffentlich-Rechtliche und Private: Wie Hund und Katz? Mitnichten!

Seltsam, seit 1988 misst die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) als Gemeinschaftsunternehmen privater- und öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten die Fernsehnutzung. Dazu werden elektronisch in mehr als 5000 Haushalten die Sehgewohnheit gemessen - und das kostet die Sender Millionen. Warum veröffentlicht die AGF aber keine Marktanteile für Eins Plus, tagesschau 24, Eins Festival und ARD-Alpha? Die KEK betont, die AGF weise nur Zuschaueranteile für die Programme auf, für die Lizenzen mit den Veranstaltern vereinbart worden seien. Weshalb die ARD für ihre Digitalkanäle bei der AGF keine Lizenz erworben habe, entziehe sich ihrer Kenntnis, so die Kommission.

Die KEK beklage seit Jahren den Umstand, dass nicht alle Programme ihre Zuschaueranteile zur Verfügung stellten würden. Im Bericht wird außerdem erneut bemängelt: "Mit jährlich etwa 1,5 Millionen Patienten in Vorsorge- oder Rehabilitationseinrichtungenm, 20 Millionen vollstationären Patienten in Krankenhäusern und 50 000 Strafgefangenen (...) wird (...) ein beachtlicher Teil der Fernsehnutzung (...) nicht erfasst".
  

Verwirrung bei Digital-TV-Daten


Mittlerweile bieten Kabelfirmen, Pay-Plattformen sowie die Telekom online TV-Programmpakete im Abo an. Ein Blick auf die von der KEK zusammengestellten Daten (S. 102) bietet aber eher verwirrende als informierende Angaben. Im Kapitel 'Digitale Programme- und
Wer bekommt was vom TV-Kuchen?
Vermarktungsplattformen'
werden nur schwer vergleichbare Zahlen aufgelistet. So hat die Pay-Plattform "Sky" von Rupert Murdoch in Deutschland insgesamt 4,2 Millionen "direkte Abonnenten". Wer sind die 'Indirekten' und wenn ja, wie viele und bei wem? Danach werden verschiedene Kabelanbieter mit ihren Programmpaketen aufgelistet: Kabel Deutschland hat demnach 15,8 Millionen Abonnenten. Aber was ist damit gemeint, Kabelkunden oder Abnehmer der speziellen Programmpakete? Beim Kabel Kiosk wird nur eine technische Reichweite von 3,8 Millionen Haushalten angegeben. Fröhlich durcheinander geht der Datensalat dann weiter -  Nützlich ist das nicht.

Fragt man bei der KEK nach, räumt die Kommission ein, die Angaben seien nicht vergleichbar. Zur Entschuldigung heißt es, die KEK müsse sich mit dem begnügen, wass die Plattformbetreiber selber veröffentlichen würden. Man sei sich des Problems bewusst und überlege, künftig eine andere Darstellungsform. Hoffen wir`s mal.

Ähnlich unübersichtlich sind die präsentierten Daten zur TV-Nutzung in Deutschland. Da wird eine tägliche "Sehdauer" von 221 Minuten dokmentiert, ein paar Seiten später findet sich aber die Zahl 237 Minuten. Dazu weist die KEK darauf hin, im ersten Fall beträfe dies das gesamte Jahr 2014, im anderen nur die ersten sechs Monate. Was soll das? Auch werden "Sehdauer" und "Verweildauer" dokumentiert, ohne im Text einen Erklärung zu den Unterschieden anzubieten. Auch hier gelobt die KEK Besserung, allerdings sei man leider auf veröffentlichte Studien angewiesen, deren Angaben voneinander abweichen könnten.

Es ist schon seltsam, dass die öffentlichen Kontrollinstanzen - Landesmedienanstalten und KEK - nur auf die von den Medien- und Telekommunkationskonzernen veröffentlichten Daten zurückgreifen können. Eigenständige Befugnisse zur Ermittlung hat die KEK nicht und so manche Landesmedienanstalt will das wohl auch nicht. Anders lässt sich etwa nicht erklären, dass die Besitzverhältnisse im privaten Hörfunk in Deutschland alles andere als Transparent sind. Schon bei Beginn des kommerziellen Rundfunks in Deutschland 1984 wurde deutlich, dass die Medienanstalten die Konzerne nicht kontrollieren wollten. Die Landesregierungen sahen die Medienanstalten vor allem als Mittel, Medienunternemen ins Land zu locken und da drückte man gerne mal ein Auge zu. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

KEK. Jahresbericht: http://www.kek-online.de/information/publikationen/jahresberichte.html?L=1%C3%AF%C2%BF%C2%BDs%3Dclass%3Dohnepfeil%2C2%2C3%2C4

Freitag, 21. August 2015

Siegmund Gottliebs journalistische Visionen


Die ungewollten Satiren sind ja immer die schönsten - frei nach dem Motto: Man muss sie einfach nur reden lassen!

Da berichtet der Online-Branchendienst "Newsroom" am 21. August über die Vorstellungen, die Siegmund Gottlieb, Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens , von der journalistischen Entwicklung seines Programms hat. 

"Gottlieb sagte im Interview mit Maria Goblirsch und Michael Anger für den "BJV-Report" (...), dass in den Redaktionen auch zukünftig Fachleute gefragt sind. Aber: "Natürlich braucht es im aktuellen Geschäft auch eine eierlegende Wollmilchsau: Den Reporter, der redaktionell und technisch so gut ausgebildet ist, dass er heute nach Rom fährt und uns vom Hotelzimmer aus einen Beitrag ins Netz oder in die Rundschau einspielt.“
  
Genau, deshalb berichten seine Korrespondenten immer entweder vom Dach oder dem Syntagmaplatz in Athen - im Hintergrund das Athener Parlament. Sehr bequem, denn vom Dach des Luxushotels "Grande Bretagne" kann man schöne Aufsager ablassen, oder von dem vor der Tür des Hotels liegenden Syntagma Platz. Daher rührt die journalistische Tiefe der Berichterstattung über Griechenland - nun hab' ich es begriffen!

Das erinnert mich an die berühmten Kriegs-Korrespondenten aus dem Vietnam-Krieg in den 1960er und 70er Jahren. Da recherchierten die Journalisten oft direkt von der Hotelbar aus....

Warum überlässt Gottlieb eigentlich nicht gleich die Berichterstattung einer 'BR-Drohne', deren Bilder dann von München aus kommentiert werden?!

Nachtrag: Die von Gottlieb gepriesene "Eierlegende Wollmilchsau" war einst ein Riesenflopp. So bezeichete man in den 1970er Jahren den Kampfjet "Tornado". Er sollte gleichzeitig die Aufgaben eines Jägers und Bombers erledigen. In Wirklichkeit hat der Flieger nie die ihm zugeschriebenen Qualitäten erfüllen können. Er war vielmehr eines der teuersten Rüstungsprojekte der SPD/FDP-Regierung von Helmut Schmidt.

Donnerstag, 20. August 2015

SWR: Frischer Wind im neuen Rundfunkrat?


Die Landesregierungen von Baden-Württemberg (Grün-Rot) und Rheinland Pfalz (Rot-Grün) haben mit der 2013 erfolgten Novellierung des Staatsvertrages über den Südwestrundfunk (SWR) auch die Zusammensetzung seiner Kontrollgremien (Rundfunk- und Verwaltungsrat) verändert. So gehören dem Rundfunkrat des SWR (74 Personen) jetzt keine Vertreter der beiden Landesregierungen mehr an. Die Zahl der Frauen im Rundfunkrat wurde von 25 auf 35 deutlich erhöht.


Rundfunkräte in der Orientierungsphase...
Auch die im Rundfunkrat vertretenen gesellschaftlichen Gruppen wurden bei der Novellierung des Staatsvertrages den Realitäten angepasst. So verloren die Vertriebenen einen ihrer bisher zwei Sitze. Dagegen wurde die die 'Bank' der Migranten im Rundfunkrat gestärkt. Sie nehmen anstatt einem, nunmehr drei Sitze ein. Zwei Mitglieder vertreten die kommunalen Migrantenvertretungen aus Baden-Württemberg, ein Platz ging an die Vertreter der Muslime. Diese Änderung war längst überfällig, denn immerhin haben in Baden-Württemberg 3 Millionen Einwohner, also mehr als ein Viertel der 11 Millionen im Ländle Lebenden, einen Migrationshintergrund (2012). In Rheinland-Pfalz sind es mit gut 780 000 knapp ein Fünftel der 4 Millionen Einwohner (2011)

Jacques Delfeld Sen.
Argyri Paraschaki - Rino-Gennaro Iervolino
Bemerkenswert ist, dass im Rundfunkraft des SWR auch der Verband der Sinti und Roma vertreten ist. Damit verfügen sie erstmals in einem Gremium einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt über Sitz und Stimme. Noch 1998 hatte das Bundesverfassungsgericht eine Klage auf Berücksichtigung der Sinti und Roma in den Rundfunkgremien abgelehnt. Begründung: Der Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma könne nicht mit der einheitlichen Religionsgemeinschaft des Zentralrats der Juden in Deutschland verglichen werden. Erst die Änderung des SWR-Staatsvertrages hat hier jetzt für Abhilfe gesorgt.


Am 10. Juli 2015 traf sich der neue SWR-Rundfunkrat zu seiner konstitutierenden Sitzung in Stuttgart. Die 'Neuen' im Gremium mussten sich dabei erst einmal zurechtfinden. Diverse Abstimmungen über den Verwaltungsrat und die Leitung des Rundfunkrates mussten absolviert werden. Da die die Vertreter der gesellschaftlichen Gruppen aber in der Regel aus den Leitungskadern ihrer Organisationen entsandt wurden, ging dies ziemlich geräuschlos über dier Bühne.

Ach ja, einen der über 335 000 Arbeitslosen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sucht man in den SWR-Gremien weiterhin vergebens - daran hat Grün-Rot oder Rot-Grün  nichts geändert....

Künftig vielfältigere und offenere Debatten?


Wird der neu zusammen gesetzte Rundfunkrat für mehr öffentliche Debatte und Vielfalt
Öffentlicher Aushang: Sitzung des SWR-Rundfunkrates
sorgen? Betrachtet man die Realität, erscheint dies eher unwahrscheinlich. Schon am Eingang der SWR-Zentrale weist eine Tafel auf die der öffentlichen Versammlung des Rundfunkrates 'vorgeschalteten' Sitzungen sogenannter "Arbeitskreise" hin. Auf diesen nicht öffentlichen Sitzungen der 'Freundeskreise' treffen sich die den Parteien nahestehenden Mitglieder von SPD/Grünen sowie der CDU. Offiziell sind diese Arbeitskreise aber nicht parteilich gekennzeichnet, sondern nach bestimmten Mitgliedern des Rundfunkrates benannt. So trifft sich Rot/Grün im "Arbeitskreis Drexler" - Wolfgang Drexler ist SPD-Landtagsabgeordneter in Stuttgart und Mitglied des SWR-Verwaltungsrates. Die CDU-Nahen treffen sich im Arbeitskreis Krüger/Klöckner - Julia Klöckner ist die CDU-Fraktionschefin im Mainzer Landtag. Und dann gibt es noch die 'Grauen', die offiziell keine Parteipräferenz haben, sie treffen sich im Arbeitskreis Kälberer-Müller, Heinz Kälberer ist Vertreter der Freien Wählervereinigungen in Baden-Württemberg, Gottfried Müller sitzt für die Evangelische Kirche in Rheinland-Pfalz im SWR-Gremium. Allerdings trifft sich die Gruppe der 'Grauen' auch zu Sitzungen mit der CDU-Gruppe.

Erstmals tauchte an der Infotafel im Foyer des SWR-Funkhauses auch eine Einladung des Arbeitskreises "Lila Frauen" auf. Eine der Organisatorinnen ist Ruth Weckenmann, einst SPD-Landtagsabgeordnete und heute für den Landesfrauenrat im SWR-Rundfunkrat. Auf Nachfrage erklärte sie, dieses überfraktionelle Treffen gebe es schon seit einigen Jahren, man habe sich jetzt nur erstmals 'geoutet'. An den Treffen nähmen etwa ein Dutzend Frauen teil und das unabhängig von ihrer sonstigen politischen Zuordnung. Man wolle aus Sicht der Frauen die größtenteils männlichen SWR-Leitungsebenen problematisieren. Außerdem wolle man beobachten, ob und wie im Programm für Frauen wichtige Themen behandelt würden. Was wurde bisher erreicht? "Der Intendant antwortet jetzt immerhin auf unsere Schreiben," meint Frau Weckenmann und lächelt.

Die Praxis der politischen Freundeskreise gibt es in allen Gremien öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten - dabei gibt es sie offiziell überhaupt nicht. In diesen nichtöffentlich Sitzungen der Arbeitskreise fallen die wirklich wichtigen Entscheidungen. So ist es selbstverständlich, dass bei der Wahl des Intendanten die Kandidaten vor der dem Rundfunkrat zustehenden Wahl durch die Arbeitskreise 'tingeln'. Auch die Zustimmung zur Besetzung der SWR-Direktoren sowie der Verwaltungräte wird hier 'abgekaspert'. Kein Wunder also, dass es dann im Rundfunkrat bei den Wahlen kaum Debatten und nie Überraschungen gibt. Da aber alle Beteiligten dieses fragwürdige System akzeptiert haben, gibt es keinen Widerspruch - auch nicht bei den neuen Mitgliedern.




Mit den beiden Vertretern der Migrantenvertretungen aus Baden-Württemberg, Argyri Paraschaki und Rino Gennaro Iervolino sowie dem Vertreter der Sinti und Roma aus Rheinland-Pfalz, Jacques Delfeld, sprach ich am 10 Juli in Stuttgart über ihre Arbeit im Rundfunkrat: 
 

Jacques Delfeld Sen.



  
Sie sind der erste Vertreter der Sinti und Roma in einem Rundfunkgremium einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt in Deutschland. Wo sehen Sie ihre Hauptaufgabe als Mitglied des SWR-Rundfunkrates?



Delfeld: Erst einmal geht es mir darum, im SWR-Rundfunkrat zu zeigen, dass hier jetzt ein Vertreter der Sinti und Roma Sitz und Stimme hat. Wir sind damit als eine gesellschaftlich wichtige Gruppe in diesem Gremium vertreten. In der konkreten Arbeit als Mitglied im Rundfunkrat werde ich versuchen, über meine persönliche Meinung auch Einfluss zu nehmen für die Sinti und Roma. Wir werden ja oft immer noch in den Medien sehr kritisch behandelt – um es vorsichtig zu formulieren. Erinnern Sie sich, vor gut 20 Jahren mussten der Landesverband und der Zentralrat der Sinti und Roma einen Prozess gegen den Südwestfunk führen. Damals ging es um eine Sendung „Kinder des Windes“, in der Stereotype und Klischees über Sinti und Roma verbreitet wurden. Durch meine Arbeit im SWR-Rundfunkrat möchte ich positiv darauf einwirken, wie mit dem Thema Sinti und Roma in der Öffentlichkeit umgangen wird. 


SWR-Intendant Peter Boudgoust sagte bei der Sitzung, die Gremienmitglieder hätten auch die Aufgabe eines ‚Botschafters’ für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in die Gesellschaft. Stimmen Sie dem zu und wie wollen Sie ihre Arbeit an ihre Verbände vermitteln?

Delfeld:  Da hat Herr Bodugoust vollkommen Recht. Es ist für uns als in Deutschland anerkannte Minderheit sehr wichtig, das ich unseren Verbänden vermitteln kann, dass wir im Rundfunkrat mitarbeiten - Sitz und Stimme haben. Wir sind nicht mehr ausgestoßen, sondern als Minderheit der Gesellschaft anerkannt und gestalten mit – das wird positiv bei unseren Verbänden aufgenommen werden. Meine Stimme im Rundfunkrat hat genauso viel Gewicht, wie die anderer gesellschaftlicher Gruppen, das ist ein starkes und positives Signal für unsere Gemeinschaft.

Der SWR ist ein riesiger Apparat, den man als normaler Zuschauer oder Hörer kaum durchblickt. Wie wollen Sie sich jetzt für ihre Aufgabe Fit machen?

Delfeld: Viel viel lesen, wir bekommen ja eine Unmenge Post vom Sender. Darüber hinaus bin ja neben der Arbeit als Rundfunkrat auch Vorsitzender unseres Landesverbandes und damit auch stellvertretender Vorsitzender des Zentralrates der Sinti und Roma. Andererseits kann ich auf die Erfahrung als Mitglied der Landesmedienanstalt LMK für Rheinland-Pfalz aufbauen. Vor diesem Hintergrund weiß ich schon, was da auf mich zukommt. Jetzt schon bin ich positiv überrascht über die gute Organisation des Rundfunkrates. Auch die durchaus auch kontrovers geführte Debatte im Gremium gefällt mir sehr gut.

Auch sie wurden ja hier mit dem ‚Phänomen’ der ‚Freundeskreise’ konfrontiert – eine Einrichtung, die es offiziell für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gar nicht gibt. Auf diese Treffen weist der SWR sogar per Aushang hin. Waren Sie bei einem dieser Treffen?

Delfeld: Ja ich war bei dem Kreis der Rot-Grünen. Ich wurde dorthin nominiert, wehre mich auch nicht dagegen. Da ich aber von meiner Einstellung her eher parteilos bin, könnte ich eigentlich in jede Gruppe gehen – abgesehen vielleicht von den ‚lila Frauen’.

Bedeutet das, dass Sie beim nächsten Rundfunkrat vielleicht auch zu einer anderen Gruppe gehen?

Delfeld: Die Möglichkeit zumindest besteht, dort darf man ja als nicht stimmberechtigter teilnehmen. Da werde ich bestimmt einmal in eine andere Gruppe hineinschauen.

Wenn Sie aber ein Stimmrecht nutzen wollen, müssen Sie sich schon einer Gruppe fest zuordnen?

Delfeld: Ja.

Hat Ihr Verband beschlossen, dass sie zu den rot-grünen gehen?

Delfeld: Eigentlich nicht, es war aber die rot-grüne Landesregierung die uns erstmals ermöglicht hat, einen Sitz im Rundfunkrat einnehmen zu können – was wir ja viele Jahre lang politisch gefordert haben.


Argyri Paraschaki
  
Sie vertreten zusammen mit ihrem Kollegen Herrn Iervolino im SWR-Rundfunkrat die Migranten in Baden-Württemberg – wo liegen ihre Wurzeln?

Paraschaki: In Griechenland – Ich hoffe wir führen das Interview jetzt zum Thema SWR und nicht zum Thema Griechenland (lacht). Ich bin auf Rhodos geboren und in Esslingen aufgewachsen. Ich wurde vom Landesverband der Kommunalen Migrantenvertretungen in Baden-Württemberg in den Rundfunkrat entsandt. Wir sind ja seit mehreren Jahren durch Herrn Iervolino bereits im Rundfunkrat vertreten, durch die Änderung des SWR-Staatsvertrages dürfen wir jetzt zwei Personen entsenden.
 

Was motiviert sie für die Arbeit im SWR-Rundfunkrat?

Paraschaki: Zum einen ist für mich das Thema Stärkung der Integration, die Vertretung integrationspolitischer Positionen im Rundfunkrat wichtig. Zum anderen will ich die Menschen vertreten, die hier zwar schon lange leben, aber kein Wahlrecht haben. Außerdem geht es mir darum, in unseren regelmäßig stattfindenden Versammlungen Informationsarbeit über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu leisten. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ich über meine Arbeit in den SWR-Gremien Referenten gewinnen kann, von deren Input wir bei unserer politische Arbeit profitieren könnten.
 

Rundfunk ist eine komplexe Materie – Gesetze, Organistation, Technik und Politik. Wie wollen sie sich da fit machen?
 
Paraschaki: Natürlich vor allem durch Einlesen in die Materie – das steht mir jetzt bevor. Außerdem will ich viele Gespräche führen, ich kenne ja einige Vertreter anderer gesellschaftlicher Organisation und Politiker im Rundfunkrat. Da hole ich mir Input. Darüber hinaus verfolge ich natürlich die aktuelle öffentliche Diskussion über Medien in den Medien.
 

Es gibt im SWR-Rundfukrat die sogenannten 'Freundeskreise'. Einen ‚schwarzen’ für die CDU-Nahen, einen ‚roten’ für SPD-Anhänger, sowie einen für die ‚grauen’, die sich keinem politischen Lager zuordnen wollen. Außerdem hat sich jetzt erstmals mit den ‚lila Frauen’ ein parteiübergreifender Freundinnenkreis geoutet. In keinem Rundfunkstaatsvertrag sind diese Gruppen vorgesehen – wie sehen Sie das und sind Sie Mitglied eines Kreises?

Paraschaki: In der Tat war ich auf der Sitzung des Freundeskreises von Herrn Drexler (Rot-Grün). Wir haben dort Dinge besprochen, die ich heute in der großen Sitzung des Rundfunkrates nicht erfragen konnte. Ob diese Freundeskreise legitimiert sind oder nicht, kann ich nicht sagen – ich muss das für mich selber herausfinden. Ich fand das Treffen gestern jedenfalls nicht schlecht, konnte da ein paar Dinge ‚mitnehmen’.

Immerhin wird kritisiert, dass in solchen, rundfunkrechtlich nicht vorgesehenen 'Vorgremien' oft Personalentscheidungen fallen, bevor sie der Rundfunkrat offiziell beschließt?

Paraschaki: Also ich war im Freundeskreis von Herrn Drexler, weil ich dazu eingeladen wurde. Wie ich das künftig handhaben werde, das fragen sie mich bitte in einem halben Jahr wieder. Ich bin ja lange in der Politik mit dabei deshalb ist mir nicht unbekannt, das Diskussionen und Absprachen oft vor offiziellen Sitzungen stattfinden.  


Rino-Gennaro Iervolino

Sie sind ja schon seit 2008 Vertreter der Migranten im SWR-Rundfunkrat - mittlerweile auch stellvertretender Vorsitzender des Gremiums – welche Erfahrungen haben sie gemacht?



Iervolino: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist ein sehr komplexes Thema, da muss man sich reinarbeiten. Für jeden Newcomer im Rundfunkrat bedeutet das viel Arbeit, um in die Tiefe gehen zu können. Heute habe ich natürlich eine entsprechende Routine zu den Themen und entsprechenden Ausschüssen des Gremiums.


Gibt es etwas, wo sie heute sagen würden, das habe ich mir ganz anders vorgestellt?

Iervolino: Also über die Bandbreite bei Themen und Tiefgang der Diskussion des Rundfunkrates, das habe ich mir zu Beginn meiner Arbeit so nicht vorgestellt.

Wie versuchen sie das, was sie hier erleben den Verbänden die sie entsandt haben zu vermitteln?

Iervolino: Auf den zweimal im Jahr stattfindenden Treffen unserer Verbände berichte ich über die Arbeit im Rundfunkrat. In der letzten Legislaturperiode des Rundfunkrates gab es darüber hinaus viel Aktuelles zu berichten – etwa die Änderung des SWR-Staatsvertrages mit den daraus folgenden Konsequenzen. Dazu gehört, dass wir mit jetzt zwei Mitgliedern im Rundfunkrat uns jetzt besser vertreten fühlen als vorher. Das wurde natürlich sofort in unseren Verbänden besprochen. Auch die Frage, wie werden Migranten im Programm abgebildet hat uns beschäftigt, wir stellen ja mittlerweile fast 30 Prozent der Bevölkerung in Baden-Württemberg.

In den SWR-Programmen dominiert doch immer noch ein Bild vom Ländle, das die große Zahl der Einwohner mit ausländischen Wurzeln ausblendet. Gibt es da nicht Kritik an dieser medialen Darstellung des Landes durch den SWR?

Iervolino: Die Realität ist natürlich heute eine andere, als ländliche Idylle mit Schwarzwald-Bollenhut. Das spielt in meiner Programmbeobachtung, sei es Radio, Fernsehen oder Internet, eine Rolle. So gab es auch aus den Reihen der Migranten Kritik an der Berichterstattung bei Kriminalfällen, in denen die Herkunft der Täter oder Verdächtigten benannt wurde. Dabei hatte dies nichts mit der Tat zu tun und das wird von den Migranten schon wahrgenommen und Kritik geäußert.

Spiegelt für Sie das Programm des SWR insgesamt die Vielfalt im Zusammenhang der unterschiedlichen Kulturen die hier leben wieder?

Iervolino: Aus dem Bauch heraus gesagt: Nein. Das müsste sich im Programm schon deutlich anders abbilden. Aber das kann man nicht schematisch beurteilen, das wird dann dem Programm im Einzelnen nicht gerecht. Die Informationsangebote des SWR sind für Migranten genauso wichtig, wie für alle anderen Bewohner.

Satelliten und Internet ermöglichen es vielen Menschen mit ausländischen Wurzeln, heute Programme aus der Heimat zu sehen oder zu hören. Bringt das auch Änderungen bei der Nutzung etwa des SWR mit sich?

Iervolino: Sicher ist, durch die Möglichkeit, Satellitenprogramme zu empfangen, hat man sich die Heimat hierher nach Hause geholt. Ich schaue beispielsweise Nachrichten im italienischen Fernsehen und beim SWR, da habe ich die Möglichkeit zu vergleichen. So geht es heute vielen Migranten in Deutschland.

Könnte der SWR da nicht mehr für Migranten tun, die mit der deutschen Sprache Schwierigkeiten haben?

Iervolino: Ja. Das würde in den Bereich Abbau von Barrieren gehen. Allerdings halte ich das aus der Perspektive Integration für problematisch. Wer hier lebt, aber schlecht Deutsch spricht, schaut schon aus Bequemlichkeit eher Heimatsender. Die bekommen sie auch mit Untertitelungen nicht in das SWR-Programm und es besteht die Gefahr, dass sie sich nicht darum bemühen, besser Deutsch zu lernen.
Wichtig ist, die Migranten betreffen alle Themen in den Medien - wie die deutschen Bewohner im Ländle. Sie sind alle davon betroffen und deshalb interessiert. Deshalb wollen wir ja auch Mitreden und Mitentscheiden – etwa im Rundfunkrat. Das tun wir auch und gerade in der Programmbeobachtung beim SWR – aber das weniger aus der Perspektive eines Migranten, sondern als ganz normaler Bürger.  Nur wenn wir mit Klischees konfrontiert werden, beobachten wir das aus unserer speziellen Sicht eines Migranten.

Befindet sich der SWR durch die geänderte Zusammensetzung des Rundfunkrates da auf einem besseren Weg?

Iervolino: Auf dem Weg zu einer Normalität, er berücksichtigt insgesamt ja deutlich mehr Verbände als früher. Von der Einwohnerzahl sind die Migranten allerdings immer noch nicht entsprechen ihrem Anteil abgebildet. Aber wir gehören jetzt dazu.

Hat man im SWR mitbekommen, dass es jetzt auch Vertreter der Migranten im Rundfunkrat gibt?

Iervolino: Der SWR hatte einen Integrationsbeauftragten ja bereits, bevor es eine Vertretung der Migranten im Rundfunkrat gab.

Wie stehen Sie zu den politischen ‚Freundeskreisen’ die sich um den Rundfunkrat gebildet haben?

Iervolino: Zu Beginn meiner Tätigkeit im Rundfunkrat, habe ich die verschiedenen „Freundes- oder Arbeitskreise“  besucht um mich inhaltlich und in Bezug auf die Arbeitsweise zu orientieren, wobei diese keine konkrete politische Abbildung darstellen. Zwischenzeitlich arbeite ich in dem Freundeskreis mit, mit welchem ich inhaltlich die größte Schnittmenge teile. Aber sind die „Freundes- oder Arbeitskreise“ sind ausnahmslos sehr offen, so dass einige Rundfunkräte auch in mehreren dieser Kreise tätig sind. Das ist aber tatsächlich eine Frage der zeitlichen Möglichkeiten, weshalb ich persönlich an dieser Stelle kürzer getreten bin. Loyalitätskonflikte gibt es hierbei nicht, zumal an keiner Stelle und von niemanden Vorgaben gemacht werden, auch wenn ein solches gerne kolportiert wird. Inhalt der Arbeit sind die Themen, die den Rundfunkrat und die Programmausschüsse  beschäftigen, also im Wesentlichen der Haushalt und das Programm des SWR.J

Dienstag, 4. August 2015

2015 Fc St.Pauli - KSC: Animateure in der Fankurve


Einmal im Jahr freue ich mich in meiner südwestdeutschen Diaspora als St.Pauli-Fan auf den
Jubel nach dem Sieg...
Besuch des Auswärtsspiels in Karlsruhe. Das beginnt bereits mit der Bahnfahrt von Stuttgart nach Karlsruhe, denn schon in der 'Schwabenmetropole' oder an so 'unmöglichen' Orten wie Pforzheim oder Mühlacker steigen Fans im St.Pauli outfit zu. Kein Wunder also, wenn man dann in der Fankurve viele Leute schwäbisch oder badisch schwätzen hört.

Beim KSC ist man jetzt voll modern, denn als Auswärtsfan zahlt man beim Kauf des Tickets am Stadion einen Euro "Kassenzuschlag" - wie die Verkäuferin lächelnd erklärt. Nun ja, die Bahn kassiert ja auch zwei Euro zusätzlich, wenn man das Baden-Württemberg-Ticket am Schalter und nicht am Automaten kauft.

Wer mehr erfahren will, wechselt zu meinem zweiten Blog: 

http://1913familienalbum.blogspot.de/2015/08/2015-fc-stpauli-ksc-animateure-in-der.html