Donnerstag, 13. Januar 2022

Film- und Kinostadt Hamburg

 
An meinen ersten Kinobesuch kann ich mich nicht genau erinnern, es muss Anfang der 1960er Jahre gewesen sein. Die ganze Familie schaute sich gemeinsam einen Disney-Film an, entweder war es 'Bambi' oder 'Susi und Strolch'. Damit begann jedenfalls meine Liebe zu dunklen Räumen, in denen auf einer großen Leinwand spannende Geschichten erzählt wurden. Ich verbrachte später als Jugendlicher viele Nachmittage in Lichtspielhäusern, oft alleine, denn  viele Freunde hatte ich nicht. Viele Filme sah ich mehrfach... 

Close UP - Ausstellung im Altonaer Museum


Anfang Januar 2022 las ich ein Interview in der 'taz' mit der Macherin der Ausstellung: "Close UP - Hamburger Film- und Kinogeschichte" im Altonaer Museum. Ein Kurzbesuch in meiner Heimatstadt machte es möglich; FFP2 Maske aufgesetzt, Formulare am Eingang ausgefüllt und hinein in die Filmgeschichte meiner Heimatstadt und meiner Jugend. *
 
Auf einer Etage des Museums werden alte Filmausschnitte gezeigt, Requisiten und Plakate sowie Fotografien der Lichtspielhäuser - die meisten gibt es heute nicht mehr. Man läuft durch dunkle Räume und betritt stilisierte kleine Kinosäle mit entsprechenden Sesseln, auf deren Leinwänden Filmausschnitt Hamburger Produktionen laufen.  
Am Eingang empfängt den Besucher die Kulisse des Spielfilms: "Der Goldene Handschuh" von Fatih Akin. Er hat 2019 die Geschichte des Frauenmörders Honka verfilmt, der in der Kiez-Kneipe auf der Reeperbahn seine Opfer einst gefunden hatte. Eine schon etwas unheimliche Umgebung für einen Museumsbesuch. Ich habe selbst in solchen Kneipen mit meinen langhaarigen Freunden in den 1970ern gesessen, da gab's ein kleines Bier für Eine Mark und 'Rundstück warm'. Die Kulisse erinnerte mich sofort an den  1968 gedrehten schwarz-weiß Dokumentarfilm Film des NDR: 'Heiligabend auf St. Pauli' von Klaus Wildenhahn.  (Auf Youtube abrufbar)

Fatih Akin, ein echt Hamburger Jung aus Ottensen, dem Stadtteil hinter dem Altonaer Museum, in dem ich selber acht Jahre gelebt habe. Damals ein heruntergekommenes Viertel, in dem sich eine lebendige Alternativ-Szene bildete. Gut möglich, dass er damals als Halbwüchsiger an unserem Büchterisch am Spritzenplatz vorbeigekommen ist. Bei Akins Lieblings-Griechen, dem 'Sotiris' - damals an der Reitbahn gelegen - habe ich so manchen Abend verbracht. Als Akin vor einigen Jahren in Stuttgart seinen Film 'Soul Kitchen' in einem Kino präsentierte, fragte ich ihn, ob er nicht eigentlich eine Art 'Heimatfilm' gedreht habe. Akin lachte und stimmte mir von der Bühne in breitem Hamburgisch zu. Sein Film 'Gegen die Wand', gedreht im Schanzenviertel, ist für mich ein Spiegel der 1990er Jahre - schon wegen der Leistung der DarstellerInnen immer noch sehenswert. Der Hauptdarsteller ist leider mittlerweile verstorben.
 

Hamburg Filmstadt seit 1895

 
Das Kaiser Wilhelm sich in Hamburg 1895 mit einem pompösen Aufmarsch feiern ließ, zeigen die wohl ersten Dokumentaraufnahmen Deutschlands. Vor allem Kinoproduktionen aus Hamburg, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in die Kinos kamen, gehören zur deutschen Filmgeschichte. Natürlich: 'Große Freiheit Nummer 7' - der Hamburg-Film par exellence - mit Hans Albers und Ilse Werner. Ein Film den Nazi-Propagandaminister Goebbels verbot, nur im Ausland durfte er noch 1944 gezeigt werden. In Deutschland kam er erst nach Kriegsende in die Kinos. Auch 'In jenen Tagen' war 1947 unter der Regie von Helmut Käutner entstanden. Er  schildert anhand der Geschichte eines Autowracks und seiner Besitzer Aufstieg und Fall des 'Dritten Reiches'. Käutner drehte später in Hamburg auch eine der besten deutschen Filmkomödien: 'Die Zürcher Verlobung'. Als Kulisse ließ er eine der neuen Wohnungen der Grindel-Hochhäuser nachbauen - unweit von der Hansastrasse, in der ich als Kind aufgewachsen bin. 
 
Viele der - heute mit Kultstatus versehenen - vor allem aber dilettantischen Edgar Wallace-Verfilmungen wurden in Hamburg gedreht - die Stadt diente damals als Ersatz für London und seinen Hafen. Filme die so schlecht waren, dass sie dadurch fast wieder gut sind. Vor allem kommt mir das Grinsen, wenn ich Hamburger Straßen oder Häuser erkenne. Im Wandsbeker Stadtteil Tonndorf befanden sich die Filmbetriebe von 'Studio Hamburg'. In den 1960ern nahm mich mein Vater einmal mit zu Dreharbeiten eines Krimis. dort stand ich in den Kulissen und verfolgte die Proben einer Szene mit dem Schauspieler Hans Lothar - damals ein 'Superstar' des deutschen Films (Buddenbrooks, Eins Zwei Drei). 
 
In den 1970er Jahren ging es mit dem deutschen Film bergab - so auch in Hamburg. Viele Kinos gingen Pleite und mussten schließen, die Konkurrenz durch das Fernsehen war einfach zu groß. Das bedeutete vor allem das Ende vieler Lichtspielhäuser in den Hamburger Stadtteilen. Damals verbrachten wir, eine Clique langhaariger Heranwachsender manchen Nachmittag in den 'Flohkinos', wie etwa am Steindamm, oder am Grindel. In manchen musste man nur einmal Eintritt zahlen und konnte dann Stundenlang die sich wiederholenden Schwarz-Weiß Western und andere C-Pictures ansehen. Manche dieser Kinos waren vor allem bei Obdachlosen beliebt - daher Floh-Kinos. 
 
Auch mit den großen Häusern, wie etwa dem Streits, dem Waterloo oder dem Cinerama ging es damals bergab. Letzteres mit seiner gigantischen Leinwand - 27 mal 10 Meter - war ein Erlebnis. Hier sah ich 'Lawrence von Arabien' und 'Doktor Schiwago' - und vor allem mein musikalisches Erweckungserlebnis 'Woodstock'. Mit dem Niedergang der großen Häuser entstand mit dem Abaton, in einer einstigen Autogarage an der Uni, eines der ersten Alternativ-Kinos mit entsprechem Filmprogramm. Das Repertoire ging von den Marx-Brothers, bis zu Alternativ-Porno bei 'Erotik im Untergrund'. Besonders beliebt die sogenannten 'Sachsenwald-Filme', angeblich von den Nazis zum Export gedrehten Hardcore-Streifen - heute weiß man, ein Fake. Aber es war immer Stimmung im Saal und spätabends ein vollbesetztes Kino - vorwiegend männlich. Da bebte die Sitzreihe: "Ey Alter bis Du endlich fertig?!" - schallendes Gelächter. Im angeschlossenen Buchshop gab es US-Alternativcomics Robert Crumb, Fat Freddys Kater und schräge Poster (Zappa auf dem Klo).

Die Ausstellung im Museum zeigt auch einen Ausschnitt des legendären TV-Films 'Rocker' von Klaus Lemke (1972). Der Clou, in der trübsinnigen Saga spielen keine Schauspieler, sondern Rocker und Zuhälter sich selbst. Höhepunkt die Straßenschlacht zum Schluss zwischen Bikern und Luden auf dem Kiez, man kann sehen, wie die Akteure zwischen wirklicher Prügelei und Lachanfall agieren. An einen der bekanntesten Filme: 'Nordsee ist Mordsee' von Hark Bohm wird erinnern wie eben auch an Fatih Akin.

Insgesamt ein für mich anrührender Besuch in einem Stück Film-Geschichte meiner Geburtsstadt....

Montag, 3. Januar 2022

Meine Deutsch-Französische Familie Teil III

 

 

Vorbemerkung:

Alles was ich hier schildere wurde mir von meinen Familenangehörigen erzählt. Natürlich sind solche Berichte nur bedingt dokumentarisch, vor allem, wenn diese Geschichten jahrzehnte später erzählt wurden und alle Gesprächspartner heute nicht mehr leben. Manches habe ich aus Dokumenten ergänzt, manches mit etwas Phantasie versucht, lebendiger zu illustrieren. Diese deutsch-französische Familiengeschichte ist auch ein Spiegel einer Epoche - von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. 

Copyright: Weder der Text, noch Textpassagen dürfen ohne meine Einwilligung verwendet werden, dies gilt auch für das hier verwendete Fotomaterial. Das Urheberrecht liegt alleine beim Autor.

 

 

Inferno 


Am 13. August 1914 erklärte die Republik Frankreich dem Kaiserreich Österreich-Ungarn den Krieg. Im beschaulichen Saint Benin interessierte das aber die Familie Gaspard weniger, als der Brief, den der Postbote brachte. An diesem Tag erhielt Vater Henri nämlich seinen Stellungsbefehl in das Korps der Territorialarmee im südlich gelegenen Saint Quentin. Mit seinen mittlerweile 40 Jahren gehörte er nicht mehr zu den aktiven Kampftruppen der Ersten Linie. Seit dem 2. August hatte die Invasion der Armeen des deutschen Kaiserreichs mit der Besetzung Luxemburgs und dem Einmarsch in Belgien begonnen. 

 

Henri Paul Gaspard 1930

 

 

 

weiter mit: https://1913familienalbum.blogspot.com/2022/01/meine-deutsch-franzosische-familie-teil.html

Montag, 29. November 2021

Meine Deutsch-Französische Familie Teil II

 


Vorbemerkung:

Alles was ich hier schildere wurde mir von meinen Familenangehörigen erzählt. Natürlich sind solche Berichte nur bedingt dokumentarisch, vor allem, wenn diese Geschichten jahrzehnte später erzählt wurden und alle Gesprächspartner heute nicht mehr leben. Manches habe ich aus Dokumenten ergänzt, manches mit etwas Phantasie versucht, lebendiger zu illustrieren. Diese deutsch-französische Familiengeschichte ist auch ein Spiegel einer Epoche - von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. 

Copyright: Weder der Text, noch Textpassagen dürfen ohne meine Einwilligung verwendet werden, dies gilt auch für das hier verwendete Fotomaterial. Das Urheberrecht liegt alleine beim Autor.



Das Dorf an der ‚Selle’

Wappen von Saint Benin

 


Am 16. Juni 1914 war Henri Paul Gaspard zufrieden, gerade hatten er mit Frau Marie, der 14-Jährigen Tochter Flore (meine spätere Großmutter) und dem 13-Jährigen Sohn Henri das eigene Haus im Dorf  Saint Benin bezogen. Mit seinen zwei Zimmern sowie einer Küche und kleinem Keller samt Vorratsraum war das, aus rötlichem Backstein gebaute Haus klein - aber es gehörte jetzt ihm. Der Umzug aus dem benachbarten Le Cateau bedeutete eine Verbesserung gegenüber der bisherigen Unterkunft in der Rue de L’Emaillerie. Henri Paul arbeitete dort als Facharbeiter in einer Fabrik, in der Badenwannen und andere emaillierte Produkte hergestellt wurden. Zwar war er jetzt jeden Tag einige Kilometer zur Arbeit nach Le Cateau unterwegs, aber nun hatte die Familie ein eigenes Haus mit Garten in der Rue Faidherbe von Saint Benin. 


Montag, 22. November 2021

Meine Deutsch-Französische Familie - Teil I

Vorbemerkung:

Alles was ich hier schildere wurde mir von meinen Familenangehörigen erzählt. Natürlich sind solche Berichte nur bedingt dokumentarisch, vor allem, wenn diese Geschichten jahrzehnte später erzählt wurden und alle Gesprächspartner heute nicht mehr leben. Manches habe ich aus Dokumenten ergänzt, manches mit etwas Phantasie versucht, lebendiger zu illustrieren. Diese deutsch-französische Familiengeschichte ist auch ein Spiegel einer Epoche - von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. 

Copyright: Weder der Text, noch Textpassagen dürfen ohne meine Einwilligung verwendet werden, dies gilt auch für das hier verwendete Fotomaterial. Das Urheberrecht liegt alleine beim Autor.



Wie alles begann....

 

Heinrich und Frieda Ressing

 

 

Am Morgen des 7. April 1913 blieb die aktuelle Ausgabe der Lokalzeitung „Gronauer Nachrichten“ auf dem Frühstückstisch der Familie Ressing unbeachtet liegen. Heinrich Ressing war viel zu aufgeregt – er wurde zum ersten mal Vater. So entging ihm, dass am Tag zuvor im Reichstag in Berlin über die „Heeresvorlage“ heftig debattiert worden war. Dabei ging es immerhin um die Mittel für eine massive Aufstockung des stehenden Heeres auf insgesamt 660 000 Soldaten. Es ging um die größte Verstärkung der Landstreitkräfte seit Gründung des Deutschen Reichs im Jahr 1871. Aber die meisten Deutschen machten sich im Frühjahr 1913 keine Sorgen, denn ein Krieg erschien kaum vorstellbar. Immerhin hatten sich doch in den letzten Jahrzehnten die wirtschaftlichen und kulturellen Verflechtungen der Staaten Europas positiv entwickelt. Daran würde auch das aktuelle Säbelgerassel der Militärs und Nationalisten nicht viel ändern – glaubten viele Zeitgenossen. Dabei hatten auch in Europa mit dem neuen Jahrhundert die Konflikte an den Peripherien zugenommen.  Die Zeitungen brachten Berichte über die Greuel der Balkankriege, in denen Serben, Bulgaren und Griechen um die Reste des Osmanischen Reichs in Europa kämpften. Aber an diesem Tag war das für Heinrich Ressing genauso wenig von Interesse, wie die Meldung, dass sich in seiner Heimatstadt Gronau die Fußballabteilungen des TV Gronau und des FC Gronau zusammengeschlossen hatten. Er wartete nervös im Wohnzimmer des Hauses in der Schiefestrasse, denn seine Ehefrau Frieda lag in den Wehen – gerade war die Hebamme angekommen.

 

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Montag, 1. November 2021

Nürnberg 1946 - 2021

 

Ein ganz normaler Saal in einem ganz normalen Gerichtsgebäude in Deutschland. Raum Nummer 600 - Justizpalast Nürnberg. Seine Geschichte macht den Unterschied aus. Hier fanden 1946, vor 75 Jahren, die Prozesse gegen die Hauptangeklagten des NS-Regimes vor den Richtern aus Großbritannien, Frankreich, den USA und der Sowjetunion statt. Es hatte nach der Kapitulation des NS-Reiches am 8. Mai 1945 durchaus Meinungen bei den Alliierten gegeben, die gefassten NS-Täter einfach hinzurichten. Aber die Verbrechen waren so ungeheuerlich, dass man entschied, die NS-Größen vor ein internationales Gericht zu stellen. 

2021

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

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Mittwoch, 30. Juni 2021

Chios im Juni 2021 - nach acht Corona-Monaten wieder Zuhause.....

Sonenuntergang über der Ägäis in Avghonima

 

Wir hatten im Oktober 2020 nicht damit gerechnet, dass die Corona-Pandemie unsere Verbindung nach Chios derart 'stillegen' würde. Es hat acht lange Monate gedauert, bis wir wieder auf die Insel zurückkehren konnten. Dazwischen gab es nur den digitalen Kontakt zu unseren Freunden. Aber: Das Alter hat auch seine Vorzüge - so konnte ich Mitte Juni, nach meiner zweiten Impfung, problemlos wieder einreisen. 

Auf den ersten Blick war es wie immer, am Flughafen Homeros auf Chios wurden die zumeist griechischen Fluggäste meiner Olympic-Propellermaschine von Anghörigen und Freunden empfangen - aber Schutzmaske war Pflicht. Was uns und vor allem den Griechen schwerfällt - körperliche Distanz. Keine Umarmungen, kein Küsschen links und rechts, das schafft ungewollte Distanz. Aber: Chios ist gerade im Frühsommer (Mai-Juni) besonders schön. Überall grünt es, an
den Straßenrändern blühen Ginster und Rhododendren, in Gärten stehen Zitronen- und Mandarinenbäume voller Früchte. Die Luft ist um diese Jahreszeit angenehm mild, Abends wird es oft kühl - was das Schlafen erleichtert. An unserem Wohnort Volissos, im Nordwesten der Insel gelegen, begrüßten uns unsere Freunde und Nachbarn Georgios und Marianna. Um sie herum die Katzen-Großfamilie, um die sich beide seit Jahren kümmern.  


Nach acht Monaten 'Abstinenz' waren unsere Rendezvous schnell vergeben. Fast jeden Abend trafen wir Freunde in einer anderen Taverne, lernten so neue Restaurants kennen. Man erzählte sich, was auf Chios und in Deutschland in den letzten Monaten los gewesen war. Während auf Chios, wie den meisten Inseln, die Corona-Impfungen der Einwohner zügig umgesetzt wurden, wollten unsere Freunde das Impf-Chaos in Deutschland einfach nicht glauben. Auf Chios hatten schon vor Wochen alle Einwohner über 60 Jahre per SMS ein Impfangebot erhalten. Als wir erzählten, dass die Engpässe bei der Versorgung mit Impfstoff bei uns immer noch anhalten, burokratisches Chaos den Schutz behindert - da wollten das unsere griechischen Freunde einfach nicht glauben. Ach ja und dass unsere Bundeskanzlerin im September nicht mehr zur Wahl antritt, löste ungläubiges Erstaunen aus. Für die Griechen sind Merkel und Schäuble immer noch das Symbol für deutsche Politik. 

Die Corona-Pandemie hat auch auf Chios massive Folgen für den Fremdenverkehr, obwohl er im Vergleich mit den anderen Inseln der Ägäis nur bescheidenen Ausmaße hat. Das Chios City Inn Hotel, in der Nähe der Hafenpromenade der Hauptstadt, hat derzeit höchstens ein bis zwei Gäste in der Woche, erzälte uns George Missetzis, dessen Sohn Nikos den Betrieb leitet. Hauptgrund: Der Fährverkehr für Personen zum nahegelegenen Cesme in der Türkei - acht Kilometer Luftline entfernt - wurde vor langer Zeit eingestellt. Nur noch Lastwagen landen von dort in Chios, viele werden von dort auf die Fähren zum griechischen Festland verladen. Menschen dürfen wegen Corona nicht reisen.
"Die Fahrer der Trucks aus der Türkei werden bei der Durchreise nicht getestet"
, schimpft George. Früher kamen viele Besucher aus der Türkei für ein Wochenende nach Chios - zum Feiern und Einkaufen. Auch die Kreuzfahrtschiffe bleiben aus, was wir nicht bedauern, denn diese 'Gäste' lassen bei ihrem kurzen Landgang nur wenig Geld auf Chios. Unser Freund George Missetzis versucht, aus der Lage das beste zu machen: "Ich nutze die Zeit für die Renovierung der alten Häuser im Dorf Avghonima, die ich an Touristen vermiete." Bei ihm mieten sich im Frühjahr Orchideen-Freunde aus aller Welt ein, denn George kennt die besten Stellen, an denen sie wachsen.

Die Situation mit den Flüchtingen und dem Streit mit der Regierung in Athen hat sich - zumindest derzeit - entschärft. Seit bekannt wurde, dass die Regierung in Athen auf Chios ein zweites Aufnahmelager plante, war es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Inselbewohnern und Spezialkräften der Polizei aus Athen gekommen. Nahe der Inselhauptstadt sollte auf dem karstigen Epos-Hochplateau das zweite Lager errichtet werden und Athen schickte im vergangenen Jahr eine berüchtigte Spezialeinheit der Polizei nach Chios. Sie hätten sich aufgeführt, wie in Feindesland: "Ich bin ein friedlicher Mann, aber das war zu viel", schimpft noch heute unser Freund Georg Chalatsis, der jahrelang in Deutschland als Lehrer gearbeitet hatte. Auf Youtoube und Facebook kann man Aufnahmen der prügelnden Polizei sehen. Die Inselbewohner ließen sich das nicht bieten, und demolierten das Hotel, in dem die Polizisten untergebracht waren. 

Wieviele Flüchtlinge aktuell auf Chios leben, ist unklar. Das Lager im Süden wurde hermetisch von der Armee abgeriegelt, Menschen auf das Festland gebracht - es sollen jetzt um die 1000 Flüchtlinge in Chios untergebracht sein. Die Regierung hat die Pläne für ein weiteres Lager im Nordosten der Insel aber nicht aufgegeben. Derzeit kommen aus der Türkei nur wenige Flüchtlingsboote, die Regierung in Ankara setzt auf finanzielle Unterstützung der Eruopäischen Union und hat daher die Kontrollen verschärft. Gleichzeitig wurden sogenannte push-back Aktionen der griechischen Küstenwache bekannt. Unter den Augen der EU-Polizeitruppe Frontex wurden Schlauchboote vor der Küste abgefangen und Richtung Türkei zurückgedrängt - ein absoluter Rechtsverstoß.

Wir hatten also viel Gesprächsstoff mit unseren Freunden bei
Taverne Fita

den gemeinsamen Abendessen. Die grandiose Natur - vom Meer bis zum Gebirge, Mastix-Plantagen und grünen Waldgebeiten - nahm uns erneut gefangen. Unsere Freunde Georg und Filia führten uns in das kleine Bergdorf Fita, das am Fuß des Pelineo-Gebirges im Inselnorden liegt.Direkt am zentralen Plat des Dorfes lädt eine Taverne zum Besuch ein. Die Betreiber sind ein Paar, das in Athen ein gutgehendes Restaurant hatte. Aber sie wollten ein ruhigeres Leben, übergaben das Lokal an ihren Sohn und eröffneten in Fita ihre neue Taverne.
Im Winter leben sie hier alleine, da das Dorf so richtig nur im Sommer bewohnt ist. Aber die beiden stört das nicht, sie wollen dem Stress entgehen. Allerdings ist das Lokal mittlerweile so bekannt auf der Insel, dass man am Wochenende einen Tisch auf dem Dorfplatz reservieren muss. Die Küche bietet griechisches Essen mit Pfiff. Als wir mit Georg und seiner Frau Filia angkamen, brachte ein Bauer frisch gestochenen Salat - den servierte das Lokal mit Birnenschnitzen, Rocquefort und etwas Balsamico - ein Genuss. Dazu gab es einen würzigen Muskat-Wein aus dem nahegelegenen Ariousios-Weingut - dazu dieser Blick auf das Meer - was will man mehr?!   

Bei jedem Besuch auf Chios fahren wir in den Norden der Region Amani, hier ist es noch grün und die Wälder  erzeugen kühles Klima. Kurz vor Aghiasmatha führt eine kleine Straße in Kurven den Berg hinauf in das kleine  Dorf Leptopoda. Als wir dort ankamen, liefen wir in durch die kleinen Gassen und wurden von einer älteren Damen angesprochen:

"Wo kommt ihr her, ah aus Deutschland." Sie schien zu wissen, dass wir in Volissos wohnen - der Buschfunk funktioniert. In einer der verwinkelten Dorfgassen, steht ein kleines Kafenion. Hier können sich die Besucher selber Kaffee kochen und dann beim Abschied etwas Geld auf die Theke legen. Im Sommer belebt sich das Dorf, im Herbst fällt es dagegen in den Winterschlaf. 

Das schönste an der Region Amani sind die Bergwälder - überall sattes Grün. Zum Glück blieb die Region bisher von den gefürchteten Waldbränden verschont. Ein Grund dafür ist eine Bürger-Truppe von Feuerschützern (Omikron), die regelmäßig die Region überwacht, Übungen abhält und im Notfall zur Brandbekämpfung ausrückt. Sie beseitigen vertrocknetes Holz und räumen Schneisen in die Wälder um Brände einzudämmen. 

Es sind immer wieder Einzelne, die sich auf der Insel für Natur oder den Erhalt von Kulturgütern engagieren.

Sie verlassen sich nicht auf die vagen Versprechungen der
Politiker, die vor allem Wählerstimmen im Visier haben. Unser Freund Georg, der einstige Lehrer, restauriert seit Jahren alte Wanderpfade und Handelswege aus byzantinisch-osmanischer Zeit. Zusammen mit anderen Naturliebhabern ist er das ganze Jahr über unterwegs, um sie freizuräumen und Wegweiser für Wanderer aufzustellen. Er hat dafür kürzlich einen internationalen Preis erhalten. Beim Essen erzählt er uns: "Wir haben gerade bei Fita einen Weg in die Berge geräumt. Dazu gibt es eine spannende Geschichte, denn einst gab es hier eine Blutfehde zwischen zwei Familien. Ein Mann hatte aus Eifersucht seinen Freund getötet und musste sich jahrelang in Höhlen des Bergmassivs verstecken. Er wurde dort von seiner Famlie versorgt - während die Polizei ihn suchte. Gemeinsam mit einem Schriftsteller der Insel organisieren wir jetzt eine Wanderung zu der Höhle und erzählen die Geschichte". 
 

Am letzten Abend waren wir mit George und Marianna im kleinen Dorf Pitios, unterhalb des Pelineo-Gebirges. Hier steht ein alter Wehrturm aus der Zeit der Genuesen und die verwinkelten Gassen mit den kleinen Häusern wirken wie eine Theaterkulisse. Am großen Platz könnte man sofort ein Shakespeare-Stück aufführen - Romeo und Julia auf Chios.

In der alten Dorfschule wurde kürzlich die Taverne "Zur alten Schule" eröffnet, hier kann man auch zwei kleine Apartments mieten. Der Abend war wie aus dem Griechenland-Bilderbuch: Man betrachtet das Leben am Platz, geniesst das Essen und trinkt gemeinsam Wein - während der Mond aufgeht. Ach ja und dann war da noch der orthodoxe Priester, er kennt George und Marianna und spendierte uns den Wein. Dann kam noch der Chef des Finanzamtes in Chios vorbei und plauderte mit unserer Runde. Zum guten Schluss half uns der Tavernenwirt mit ein paar Litern Benzin aus - wir hatten vergessen zu tanken. Nach so einem Abend fiel uns der Abschied am nächsten Tag noch etwas schwerer als sonst..... 

Die Chioten lassen sich auch 2021 nicht unterkriegen, was haben die Einwohner nicht alles erlebt. Vor zweihundert Jahren das Massaker der Osmanen an der Inselbevölkerung; die verheerenden Erdbeben in den 1880er Jahren; die Kämpfe um die Befreiung der Insel von den Osmanen 1912; die deutsche Besatzung während des zweiten Weltkrieges 1941-1944 mit Hunger und Elend; den Bürgerkrieg 1946/47 und die Diktatur 1967-74. Aktuell blickt man sorgenvoll  Richtung Türkei, der Streit um die Seegrenzen mit Erdoghan spielt sich vor der eigenen Haustür ab. Regelmäßig hält das griechische Militär hier Manöver ab - als ich ankam hörte ich tagsüber im Norden den 'Kriegslärm'. Aber dann beruhigt es sich wieder und unsere Freunde arbeiten wieder an ihren Plänen für die Zukunft - das macht Chios für uns so liebenswert.....

Uns bleibt die Hoffnung, sofern es Corona zulässt, im Herbst wieder heimzukommen.....bis bald!


PS: Die Griechen lieben Enten und Gänse, folgendes Warnschild fanden wir nahe Volissos im Küstenort Limnia: Vorsicht Enten kreuzen...



Sonntag, 23. Mai 2021

SWR 4 - Schlagerradio: Regionale Nachrichten bald nur noch Online?

Bald nur noch Einheits-Infogemüse auf UKW?!

 

 

Vor kurzem sorgte eine Mitteilung des Deutschen Journalisten Verbandes (DJV) in Baden-Württemberg für Unruhe im Südwestrundfunk (SWR). In dem Schreiben, das der Redaktion vorliegt, wird die geplante Reduzierung der regionalen Nachrichten im linearen Radioprogramm SWR 4 kritisiert. Das Schreiben richtet sich an den SWR-Intendanten, Kai Gniffke, und die Landessenderdirektorin Baden-Württemberg, Stefanie Schneider. "Mit großem Bedauern nehmen wir zur Kenntnis, dass die reichweitenstarke regionale MIttagssendung im Hörfunkprogramm SWR 4 wegfallen soll, um Kapazitäten für die Online-Berichterstattung zu schaffen." Zwar unterstütze auch der DJV das Ziel, das Onlineangebote im SWR auszubauen: "Aber dafür jetzt ausgerechnet ein Angebot zu streichen, das mit Regionalität und Aktualität gerade die Kernkompetenz des Südwestrundfunks mit großer Akzeptanz bei den Menschen verbindet, leuchtet uns nicht ein." Dies sei umso bedenklicher, da bereits die regionalen Fenster in der Frühsendung bei SWR 4 eingestellt worden seien. Jetzt strebe man "offenbar einen weiteren Wegfall von linearen Angeboten bei SWR 4 an" und damit werde die "journalistische Vielfalt in ganzen Regionen (...) in Frage" gestellt. 'Online first' dürfe nicht 'Online Only' bedeuten, kritisieren in dem Schreiben der DJV-Landesvorsitzende, Markus Pfalzgraf und die Vorsitzenden des Fachausschusses Rundfunk, Anke Vetter. 

SWR: Alles Online oder was?!

Seit dem Kai Gniffke als Intendant die Geschicke des SWR im September 2019 übernommen hatte, positioniert sich sein Sender bei jeder Gelegenheit als Online-Vorreiter. So wurde bei der jährlichen Programm-Pressekonferenz im Februar - coronabedingt online - fast nur das Online-Angebot beworben. Das lineare Programmangebot - insbesonders im Hörfunk - bekam nur eine Statistenrolle zugewiesen. https://medienfresser.blogspot.com/2021/02/swr-2021-digitaler-vollrausch.html

Da scheint es angebracht, einen Blick auf die Radionutzung - Linear und Online - Bundesweit und in Baden-Württemberg zu werfen. Bundesweit erreichen alle Hörfunkwellen in Deutschland an einem Werktag (Tagesreichweite Mo-Fr) gut 52,8 Millionen deutschsprachige Einwohner über 14 Jahre. ARD-Programme werden dabei täglich von etwa 36 Millionen HörerInnen eingeschaltet. Online nutzen dabei  rund 6,5 Millionen Menschen insgesamt in der Republik Radioangebote - auf die ARD-Wellen entfallen dabei 2,7 MiIlionen. In Baden-Württemberg erreicht die Schlagerwelle SWR 4 pro Werktag rund 1,23 Millionen HörerInnen - die Nummer Zwei im Ländle - aber nur 48.000 Menschen nutzen es online. Zum Vergleich: die landesbezogene Pop-Oldiewelle SWR 1 kommt täglich auf rund 1,38 Millionen NutzerInnen und mehr als 100.000 Online-HörerInnen. (1)

Arbeitsverdichtung entzerren?

Die Fusion von Süddeutschem Rundfunk (SDR) und Südwestfunk (SWF) im Jahr 1998 zum Südwestrundfunk (SWR) sollte gerade den Landesbezug der Programmangebote für Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg stärken. Im Ländle hat der SWR sieben regionale Funkhäuser (Heilbronn, Mannheim, Karlsruhe, Stuttgart, Ulm, Freiburg und Friedrichshafen). Sie beliefern die Landesprogramme im Radio und Fernsehen sowie die Online-Plattformen mit Beiträgen. Zunehmend klagen MitarbeiterInnen über Arbeitsverdichtung, da sie immer mehr und schneller Inhalte produzieren müssen. "Recherche wird hier mittlerweile zum Luxus", hört man aus dem Sender - Einen Film für die Landesschau machen, dann noch vielleicht einen Radiobeitrag - passend für SWR 2 (Kulturwelle) bis Das Ding (Jugendradio), dazu noch Online für das Internet texten und Fotos anbieten.

Schon vor einiger Zeit wurde bei SWR 4 die Früh-Informationssendung mit regionalen Programmfenstern abgeschafft. Nunmehr steht die einstündige Sendung BW-Aktuell am Mittag auf der Kippe - Zumindest die halbstündigen Programmfenster aus den Regionalstudios. Übrig bliebe dann noch die einstündige Sendung um 16 Uhr - aber wie lange noch? Dazu habe ich die Landessenderdirektorin Baden-Württemberg, Stefanie Schreiber, befragt. Sie Antwortete am 21. Mai in einer Mail: "Selbstverständlich wird es weiter ein Mittagsmagazin in SWR 4 geben" aber dann eben nur "eine Sendung statt acht Sendungen." Das Programm um 16 Uhr bleibe bestehen, wie bisher und dazu werde es weiterhin die 12mal täglich ausgestrahlten regionalen Nachrichten auf SWR 4 geben. Ziel der Verlagerung in das Internet sei: "regionale Themen (...) besser in digitalen und linearen Ausspielwegen zu verbreiten." Damit wolle man künftig eben nicht nur SWR 4 HörerInnen, sondern "auch andere Zielgruppen, auch jüngere Menschen" erreichen. 

Wachsende Arbeitsbelastung durch zusätzliche Anfordergungen räumte Schneider ein: "dass wir nicht immer nur 'draufsatteln' sondern auch mal auf etwas verzichten. (...) Das tun wir nun", erklärt die Landessenderdirektorin. Derzeit arbeite eine Arbeitsgruppe an einem neuen Konzept daran "wie sich Studios künftig neu aufstellen sollen, damit sie den Anforderungen besser gerecht werden. Das wird nun eine Weile dauern, Wann genau wir so weit sind (...) weiß ich noch nicht." Ihr Resümee: "Es geht also nicht um Online only, es geht auch nicht um weniger Regionales, sondern darum Regionales besser und auch auf neuen Ausspielwegen zu verbreiten, damit so viele Menschen wie möglich erreicht werden." Darauf angesprochen, dass der Bayerische Rundfunk bereits seit 2015 sein Volksmusikradio "BR Heimat" nur noch digital verbreitet (DAB+) und ob dies auch SWR 4 drohen könnte, meinte Frau Schneider: "Ausgerechnet SWR 4 rein digital zu verbreiten, halte ich persönlich für Unsinn". Warten wir ab, ob die Intendanz das auch so sieht... 

 

 (1) Alle Daten ARD-Werbung Radio-Mediaanalyse (halbjährlich) 2020/II. Dazu werden regelmäßig HörerInnen über ihr Einschaltverhalten befragt. https://www.ard-werbung.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Forschung/Radioforschung/ma_2020_Audio_II_-_agma_Pressetabellen.pdf