Montag, 17. März 2014

Radio: Werbewellen verlieren erneut Hörer


Dem Werbefunk gehen seit einem Jahr vermehrt Hörer 'von der Fahne'. Diesen Schluss legen jedenfalls die aktuellen Ergebnisse der Hörerforschung (Radio Media Analyse 2014/I) nah (1). Vor allem die für die Werbewirtschaft wichtige Altersgruppe der 14-49-Jährigen ist betroffen. Pro durchschnittlicher Werbestunde (Mo-Fr. 6-18 Uhr) schalten demnach stündlich 12,63 Millionen Hörer eine Werbewelle ein. Das bedeutet einen Rückgang um 84 000 Hörer in dieser Altersgruppe innerhalb der letzten sechs Monate. Noch bedenklicher dürfte die Radiomacher stimmen, dass innerhalb eines Jahres über 380.000 Hörer dem Dudelfunk den Rücken gekehrt haben. (2) Vor einem Jahr schalteten noch über 13 Millionen Hörer zwischen 14- und 49 Jahren ein Werberadio ein. Dabei dürfte es die Radiomacher nicht beruhigen, dass die demographische Entwicklung für die Entwicklung mitverantwortlich sein dürfte. Die Zahl der 14- 49-Jährigen in Deutschland ist innerhalb eines Jahres um mehr als 400.000 auf 37,4 Millionen Einwohner gesunken.

Kein Grund zum Aufatmen bei den Privaten


Auch wenn also die Alters-Entwicklung wohl den Rückgang der Hörerreichweite bei den 14-49-Jährigen beeinflusst, dürften sich bei den Managern der Privaten die Sorgenfalten kaum glätten. Zwar liegen sie mit 7,5 Millionen stündlichen Hörern immer noch vor der ARD, deren Dudelwellen über 5,1 Millionen erreichen. Die Privaten verloren innerhalb von sechs Monaten mehr Hörer (-57 000) als die ARD (-27.000). Im Jahresvergleich verloren die Privaten 320 000 Hörer zwischen 14- 49 Jahren pro Werbestunde. Die ARD-Dudelwellen büßten dagegen 62.000 Hörer ein. (3)

Auf alle Hörer bezogen, ist die Reichweite der Radiosender pro Werbestunde (Mo-Fr.) mit 23,5 Millionen gegenüber der letzten MA konstant geblieben. Bei den Älteren (50+) legten die Werbewellen dagegen um mehr als 100 000 auf stündlich 10,37 Millionen Hörer zu. Dabei haben die ARD-Wellen mit 6,5 Millionen Hörern die Nase vorn, die Privaten erreichen knapp 4,3 Millionen in der älteren Zielgruppe. (4)  

Schlecht sieht es für die Dudelfunker insgesamt bei den Jüngsten (10-19 Jahre) aus. Während die Zahl der Jugendlichen mit über 7,9 Millionen gegenüber dem letzten Halbjahr konstant blieb, ging die Stundenreichweite der Werbewellen hier um mehr als 100 000 auf knapp 1,6 Millionen Hörer zurück. Dies trifft vor allem die Privaten, sie liegen aber in der Hörergunst der Jüngsten immer noch deutlich vor der ARD. (5)


Reichweite steigt wieder

 

Neben den Hörern pro Werbestunde - die für den Verkauf der Werbezeiten wichtig sind - ist die Reichweite aller Radioprogramme für die Sender ein weiteres Erfolgskriterium. Demnach schalten von den 73,36 Millionen Einwohnern über 10 Jahre (deutschsprachig) täglich 58,64 Millionen Radio - ein Plus von 423 000 gegenüber der letzten MA. (6) Nimmt man die Zahlen der letzten beiden MA-Erhebungen, fällt der Anstieg innerhalb eines Jahres (+170.000) etwas bescheidener aus. Während die ARD-Programme - bei denen auch die Werbefreien erfasst werden - im letzten Halbjahr 39,65 Millionen Hörer erreichten (+712 000), mussten die Privaten mit 32,27 Millionen (-205 000) erneut Verluste hinnehmen.  

Nimmt man die Ergebnisse eines Jahres, so bliebt die Reichweite aller Radioprogramme mit 58,47 zu 58,64 Millionen relativ konstant. Deutlich zeigen sich aber Unterschiede zwischen Öffentlich-Rechtlichen und Privaten Radiosendern. Während ARD und Deutschlandfunk/Deutschlandradio auf 39,65 Millionen Hörer kommen, konnten sie innerhalb eines Jahres 1,3 Millionen tägliche Hörer hinzugewinnen. Dagegen büßten die Privaten mit 32,27 Millionen rund 740 000 Hörer pro Tag ein. Dabei verlieren die Privaten auch bei den 14-49-Jährigen und den Jugendlichen (10-19), während die Öffentlich-Rechtlichen zulegen konnten.

MA - Die Stunde der PR-Poeten


Immer wenn MA-Zeit ist, schlägt die große Stunde der Pressesprecher und PR-Fachleute. Sie müssen vermeintliche Siege hochjubeln und Niederlagen verschweigen. Die Realität bleibt da manchmal auf der Strecke. So kümmert es die Radiozentrale - PR-Plattform der öffentlich-rechtlichen- wie privaten Radios - wenig, dass mittlerweile auch die Radionutzung der Einwohner mit ausländischen Wurzeln erhoben wird. In der Pressemitteilung heißt es nur: "Vier von fünf Deutschen schalten Tag für Tag das Radio ein."  Deutschen (!?)


Da trötet der größte Radio-Werbevermarkter der Privaten, die Radio Marketing Service GmbH&Co KG in Hamburg, man liege "mit 7 Millionen Hörern in der Zielgruppe 14 bis 49 Jahre über 30 Prozent vor der AS&S". Unterwähnt bleibt, dass die von der RMS vermarkteten Stationen über 120 000 Hörer pro Werbestunde in einem halben Jahr verloren haben - in einem Jahr sogar 350 000 Hörer.

Aber auch die ARD-Sender gehen kreativ mit der Wahrheit um, nach dem Motto, was nicht passt, wird auch nicht gesagt. So meldete der Südwestrundfunk mit stolzgeschwellter Brust: "SWR erfolgreichster Radioanbieter im Südwesten". Dann werden akribisch die Zuwächse der Werbewellen SWR 1 und SWR 4 aufgezählt. Schweigsamer ist man bei Verlusten. So meldet die SWR-Pressestelle, dass Dudel-Flaggschiff SWR 3 erreiche Bundesweit 4,06 Millionen Hörer - den Verlust von über 100 000 Hörern (-2,5%) verschweigt man. Bei der Kulturwelle SWR 2 heißt es, sie würden bundesweit täglich 290 000 Hörer einschalten - das Minus von 6000 Hörern (-2%) verschweigt die Pressestelle.  



 



  1. Halbjährlich erfragen Forschungsinstitute telefonisch die Radionutzung - diesmal waren es 68 584 Interviews. Dabei wurden die Daten für 53 Öffentlich-Rechtliche und 70 Private Programme erfasst. Befragung: 06.01-21.04.2013 und 01.09.-15.12.13. Kein Wunder also, dass die Radiosender vor allem während der Befragung massiv mit Plakatwerbung und Gewinnspielen um Höreraufmerksamkeit buhlen...
  2. ARD Werbung AS&S, Durchschnittsstunde 6-18 Uhr, Mo -Fr.
  3. Radio Marketing Service GmbH, MA Trend, Deutschsprachig 14-49 Jahre
  4. AS&S
  5. Hier lagen mir nur die Angaben der AS&S  vor, dabei gilt zu bedenken, dass im Portfolio der Radiosender, die von der AS&S betreut werden, auch 8 Privatradios zählen.
  6. ARD Werbung, Tagesreichweite Mo-Fr.

Montag, 10. März 2014

KEF macht Druck beim DAB+ Digitalradio


Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) (1) , fordert einen Termin, zu dem die analogen UKW-Radioprogramme zugunsten des Digitalen Hörfunk (DAB+) abgeschaltet werden. In dem im Februar 2014 veröffentlichten 19.Bericht zur Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat die KEF gleichzeitig den Ausgaben von ARD und Deutschlandradio für das digitale Radio zugestimmt. Das geschah, obwohl die KEF kritisiert, dass in den Anträgen der Öffentlich-Rechtlichen "weder eine Aussage zur Gesamtlaufzeit des Entwicklungsprojektes, noch zur Gesamtsumme der benötigten Aufwendungen" getroffen wurde. (2) Jetzt erwartet man beim nächsten Bericht (2016) von ARD und Deutschlandradio "die Vorlage eines Gesamtprojekt-Antrages einschließlich der Nennung der Kosten für die Einführung von DAB+(...)und die Angabe eines Abschalttermins für die UKW-Sender." (3) Mal abwarten....

Über 91,8 Millionen Euro von ARD und Deutschlandradio für Digitalradio


Die ARD will laut aktuellem KEF-Bericht zwischen 2009 und 2016 mehr als 56,7 Millionen € in seine DAB+ Radioprojekte investieren. Weitere 35,1 Millionen € gibt das Deutschlandradio für seine digitalen Radioprogramme aus. Die KEF hat dies alles abgenickt, dabei hatte sie im 18. Bericht (2009-2012) noch ultimativ gefordert: "dass die Freigabe der Mittel für die Jahre ab 2015 von einem nachweisbaren Erfolg der Einführung abhängt." (4)  ARD und Deutschlandradio hoffen, durch den Wechsel von UKW zum DAB+ bis zu 25% der bisher für die analoge Verbreitung fälligen technischen Ausgaben einsparen zu können. Dabei ist aber völlig unklar, wie lange die Radioprogramme gleichzeitig noch über UKW und DAB+ (Simulcast) verbreitet werden müssen. Zu einem definitiven Abschalttermin für das UKW-Netz haben sich bis heute weder die Politik, noch private- wie öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten und die Rundfunkindustrie durchringen können. Forderungen, die analoge Verbreitung 2010 abzuschalten, ließen sich ebensowenig umsetzen, wie der Wunsch der EU-Kommission, beim analogen Radio in Deutschland 2012 endgültig den Stecker zu ziehen.

Wenig Nachfrage nach Digitalen Radiogeräten


Seit mittlerweile fast 20 Jahren versuchen Industrie und Radioveranstalter die Hörer dazu zu bewegen, sich digitale Radiogeräte anzuschaffen. (Siehe mein Post vom 15.9.2013) Aktuell hofft die KEF jetzt, dass Ende 2014 gerade einmal 3 Millionen Digitalradios in bundesdeutschen Haushalten stehen - gegenüber aktuell über 147 Millionen UKW-Empfängern schon grotesk. Aber dieses Desaster redet man sich bei der KEF schön und konstatiert eine Verbesserung gegenüber der "erfolglosen Einführung des Vorläufersystems DAB".

Bei den Privaten bröckelt derzeit anscheinend die Bereitschaft, weiter Geld in DAB+ zu investieren. So meldet ein Online-Branchendienst am 27. Februar 2014 (5), der Berliner Sender KissFM werde seine bundesweite Verbreitung über DAB+ Ende März einstellen. Dort kritisiert man: "Einer der Geburtsfehler der DAB+ Einführung ist, dass der Aufbau der DAB+-Netzstruktur de facto alleinig von den Senderbetreibern finanziert werden muss." Dabei buttern die Landesmedienanstalten aus ihren Anteilen der Rundfunkbeitrags schon bei DAB+ zu.

FAZIT: Alles bleibt wie es ist: Digitales Radio interessiert kaum einen Hörer, bezahlen soll das die Allgemeinheit über ihren Rundfunkbeitrag und die KEF nickt alles ab.
  1. http://www.kef-online.de/inhalte/aufgaben.html 
  2. 19. Bericht, Kapitel S. 133/134
  3. Ebenda
  4. Ebenda, S. 133
  5. www.dwdl.de

Freitag, 14. Februar 2014

SWR 2014: Katzenberger - Schwätzen - Grillen


Zuerst ein Lob: Der Südwestrundfunk steuert 2014 Highlights zum ARD-Programm bei: 
  1. Waffen für die Welt - Export außer Kontrolle - Doku in Arte bereits gelaufen
  2. Hausbesuch vom Amtsgericht - ein Gerichtsvollzieher in Mannheim
  3. 14 Tagebücher des Ersten Weltkrieges - individuelle Geschichte vom Großen Krieg
  4. Clara Immerwahr - Spielfilm über die Frau, die als erste in Deutschland promovierte und sich 1915 aus Protest gegen die Giftgasforschung ihres Mannes, Fritz Haber, erschoss.
Das SWR-Fernsehprogramm für den Südwesten? Wie immer Altbacken!

  1. "Redde, babbele, schwätze" - am 21. Februar wird im SWR-Fernsehen den ganzen Tag Dialekt gesprochen. Immer noch tut man hier so, als wären die Schwabo-Badischen-Kurpfälzer alleine unter sich. Seit 1989 sind über 1 Million Zuwanderer aus anderen Bundesländern nach Ba-Wü gezogen. Von den 10,6 Millionen Baden-Württembergern hat etwa ein Viertel einen Migrationshintergrund. Beim SWR strickt man immer noch am Bollenhut- und Spätzleimage.
  2. Am 1. Mai wird endlich auch im SWR-Fernsehen sechs Stunden lang gegrillt - mit Johann Lafer am Besteck. Da bei der letzten Show laut Pressemitteilung 900 000 Zuhörer "live und synchron über das Radio gegrillt" haben, muss jetzt auch das SWR-Fernsehen mitbrutzeln... Dem medialen Kochlöffel entgeht man ja mittlerweile in keinem ARD-Dritten mehr - ist schließlich schön billig... 
  3. Gnadenlos wird das SWR-Fernsehen derzeit mit Karnevalssitzungen vollgestopft. Damit bloß jede Region vorkommt, wird noch jede untergründige Büttenrede aus 'Kuhdorflingen an der Grunz' über den Sender geschickt. 
  4. Und zu Ostern wird in drei 45minütigen Dokus "Der Südwesten von oben" gezeigt - demnächst dann aus dem All?
  5. Dem Ersten der ARD hat der SWR die aktuelle Ikone des Trash-TV angedient. Daniela Katzenberger spielt in "Frauchen oder die Deiwelsmilch" eine - laut Pressetext - "rasante Blondine" die im Pfälzer Wald ermittelt. Miss Marple wird derweil im Altenheim per Trachtenumzug - kommentiert von Sonja Faber-Schrecklein - sediert  ...

Nachrichten mit mehr Sendezeit


SWR-Intendant, Peter Boudgoust, betonte am 11. Februar auf der alljährlichen SWR-Programm-Pressekonferenz in Stuttgart, die Reform mache den SWR "noch relevanter für den Südwesten." Des Pudels Kern: Sparen, sparen, sparen. So wird der bisher weitgehend getrennt von beiden Landessendern bestückte halbstündige Doku-Platz (Mo-Fr. 18.15-18.45) künftig einheitlich bespielt. In täglichem Wechsel werden die Zuschauer aus Mainz oder Stuttgart bekocht, mit 'interessanten' Menschen konfrontiert oder von Spitzenleistungen regionaler Wissenschaftler und Unternehmen überzeugt. Dabei soll es "auch viele unterhaltende Anteile" geben, verkündete Boudgoust.

Danach wird die bisher 60minütige (18.45-19.45) für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz getrennte "Landesschau", um 15 Minuten verkürzt. Diese Sendezeit bekommen die danach platzierten Nachrichtensednungen "Landesschau aktuell". Sie beginnen ab Spätherbst schon um 19.30 Uhr. Laut Boudgoust sollen die Nachrichten noch Regionaler und Intensiver werden, Zielvorgabe vom Chef: "Eine Art 'Tagesthemen' für den Südwesten".

Nachgefragt , ob damit die Landesschau-Magazinsendungen künftig noch mehr auf Unterhaltung getrimmt werden sollen, wich Boudgoust aus und übergab das Mikrophon an die Landessenderdirektorin für Baden-Württemberg, Ingrid Felgenträger. Zuerst verwahrte sie sich, im Charme eines "Drill Sergeant" gegen die Behauptung, die Landessschau bestehe bereits heute hauptsächlich aus Unterhaltung. Vielmehr bleibe die Landesschau auch künftig ein "journalistisches Angebot" mit politischen Themen, die aber anders präsentiert würden, als in den Nachrichten - betonte Felgenträger.

Nun ja, die Landessenderdirektorin zeigt unerwünschten Fragen und Fragern gerne mal die "Zähne" - sie ist noch bis April im Amt. Betrachtet man die Entwicklung der Landesschau während ihrer Ägide, so hat sich die Landesschau Baden-Württemberg zu einer TV-Wärmestube entwickelt. Eine Entwicklung, die bereits unter ihrem Vorgänger, Willi Steul, begann.

Die Moderatoren der Landesschau wirken oft bei anspruchsvollen Themen und Studiogästen überfordert, spulen mit einem Dauerlächeln ihren Fragenkatalog herunter. Erst wenn es so richtig heimelig wird, kommen sie in Fahrt. Highlight ist die tägliche Rubrik der "Regionews" - Fernsehen ohne Bilder! Die Moderatoren erzählen vor einer virtuellen Landkarte launige Geschichten aus der Provinz: Ein Marder verwüstet regelmäßig einen Vorgarten. Warum eigentlich nicht die Landesschau von Handpuppen in einem Kasperletheater präsentieren?

Hauptsache, man kann sich auch im Souterrain noch auf die Schulter klopfen - ist man doch dem Keller ein Stück entronnen. So klang es, als SWR-TV-Direktor Christoph Hauser stolz verkündete, das SWR-Fernsehen habe bei den Quoten "die rote Laterne endlich abgegeben." Lange Zeit hatte das SWR-Fernsehen in der Gunst des Publikum gegenüber anderen ARD-Dritten hinten gelegen. Jetzt will Hauser mit der Devise: "Mehr Regionalität und Aktualität" den SWR "spürbar machen". Wo soll´s denn weh tun?

Donnerstag, 30. Januar 2014

TV: Satellit überholt Kabel - Datenwirrwarr bei den Medienanstalten KORREKTUR


Eine Mitarbeiterin der KEK hat mich per Mail auf einen Rechenfehler bei den von mir genannten absoluten Zahlen der Kabel- und Satellitenhaushalte hingewiesen. Ich habe dies überprüft und korrigiert und entschuldige mich für den Fehler. (Mail und meine Antwort - im Anhang). 

Mein Fehler bestand darin, die absolute Zahl der Haushalte aus den Prozentangaben erst nach Abzug der DVBT- und Online-TV-Seher errechnet zu haben. Allerdings ergibt die Korrektur, dass die Zahlen der Kabel- und Satellitenhaushalte und das Ranking in den drei Studien der Medienanstalten weiterhin differieren. 

Es ist zu begrüßen, dass die KEK künftig nur noch die Daten des Digitalisierungsberichts verwenden wird.

  Erstmals haben 2013 mehr Haushalte in Deutschland ihre Fernsehprogramme über TV-Satelliten als per Kabelanschluss empfangen. Nach Angaben der Fachzeitschrift Media Perspektiven, wurden von 36,24 Millionen Fernsehhaushalten mehr als 16,8 Millionen (46,5%) durch Satelliten und knapp 16,5 Millionen (45,47%) durch Kabel versorgt. Über das Internet (IPTV) empfingen demnach 1,55 Millionen (4,2%) und per Digital-Antennne (DVBT) rund 1,34 Millionen Haushalte (3,7%) Fernsehprogramme (1)

Andere Zahlen nennt dagegen der Digitalisierungsbericht der Landesmedienanstalten. Demnach nutzten von den hier genannten 38,15 Millionen TV-Haushalten im vergangenen Jahr 17,66 Millionen (46,3%) das Kabel, und 17,62 Millionen (46,2%) den Satellitenempfang. Zwar findet man im Digitalisierungsbericht keine absoluten Zahlen, aber später findet man eine Angabe zur Grundgesamtheit (2) Daraus ergibt sich, dass 4,2 Millionen (11%) Haushalte digitale Antennen (DVBT) und 1,87 Millionen (4,9%) das Internet zum TV-Empfang nutzen. (3)

Hauptursache der differierenden Zahlen dürften unterschiedliche Datenquellen und deren Messmethoden sein. So verwenden die Media Perspektiven Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF/GfK) (4) Diese zählt alleine 'deutsche' Haushalte sowie Einwohner aus EU-Staaten. In der Bundesrepublik leben 6,9 Millionen ausländische Staatsbürger. Davon kommen aber 4,3 Millionen aus Ländern außerhalb der Europäischen Union. Der Digitalisierungsbericht der Medienanstalten lässt dagegen durch die TNS-Infratest auch Daten für Nicht-EU-Haushalte erfassen. Ein weiterer Unterschied dürfte darin liegen, dass die Media Perspektiven Zahlen vom Oktober 2013 veröffentlicht, während der Digitalisierungsbericht die Haushalte zwischen Mai und Juni 2013 befragen ließ.

Chaostage bei den Medienanstalten ?!


Der  Vergleich der verschiedenen Veröffentlichungen der Medienanstalten zeigt deutliche Unterschiede. Gemeinsam veröffentlichen sie jährlich drei Studien:
  1. Bericht der Kommission zur Ermittlung der Konzentration in den Medien (KEK) (5) 
  2. Digitalisierungsbericht der Landesmedianstalten (6)
  3. Jahrbuch der Landesmedienanstalten (7) 
(Basis für folgende Berechnungen sind die Angaben der Berichte für 2012). 



Die KEK kommt demnach auf mehr als 18 Millionen Satellitenhaushalte (47%) sowie 16,7 Millionen Kabelanschlüsse (44%). Dabei zählt die KEK rund 38,08 Millionen TV-Haushalte in Deutschland aus. (Quelle: TNS Infratest, ASTRA). (8)

Das Jahrbuch der Medienanstalten veröffentlicht keine absoluten Zahlen zu TV-Haushalten. Allerdings findet sich der Hinweis, Ende 1012 habe es in Deutschland 30,6 Millionen digitale- und 7,4 Millionen analoge TV Haushalte gegeben (9) Addiert man dies, kommt man auch hier auf 38 Millionen TV-Haushalte. Im Bericht zeigt ein Balkendiagramm nur Prozentangaben an. Demnach lagen Kabel und Satellit mit jeweils 48,8% gleichauf, DVBT und Online nutzen 10,9% und 4% der TV-Haushalte.

Was bietet dagegen der Digitalisierungsbericht der Medienanstalten? Auch hier geht man mit 37,799 Millionen TV-Haushalten von einem ähnlichen Niveau wie der KEK-Bericht und das Jahrbuch aus. Auch der Digitalisierungsbericht veröffentlicht ein Prozentverhältnis der Empfangstechniken. Demnach bevorzugten 47,9% der TV-Haushalte das Kabel und 45,6% den Satelliten, DVBT- und Online nutzen 12,5% und 4,3% der TV-Haushalte zum Empfang von TV-Programmen.    

Fazit: In den drei Publikationen der Landesmedienanstalten, werden unterschiedliche Zahlen und Rankings präsentiert.
  • KEK:          38,08 Mio TV-Haushalte - Satellit: 18,1 Mio (47%), Kabel: 16,7 Mio (44%)
  • Jahrbuch:  38,00 Mio  TV-Haushalte - Satellit: 17,8 Mio (46,8%), Kabel: 17,8 Mio (46,8%)
  • Digital        37,79 Mio TV-Haushalte - Satellit:  17,2 Mio (45,6%), Kabel 18,1 Mio (47,9%)
  Auf Nachfrage bei der KEK-Geschäftsstelle in Berlin wurde mitgeteilt, dass bei den Daten der AGF und Infratest nur einen Empfangsweg pro Haushalt gezählt werde, wahrend im Digitalisierungsbericht auch Mehrfachnennungen möglich seien. Darüber hinaus addiere ASTRA auch die Haushalte zum Satellitenempfang, die ihre Programme per Kabel in einer Gemeinschaftsanlage (SMATV CH) nutzen, die das Signal vom Satelliten einspeist. Diese "Zuordnung zur(...)Empfangsebene Satellit ist unstrittig", heißt es dazu in einem Papier der Medienanstalten aus dem Jahr 2012. Im aktuellen Digtialisierungsbericht für 2013 steht, dass mittlerweile Nutzer einer Gemeinschafts-Anlage (SMATV-CH-Haushalte) als Kabelhaushalte gezählt werden. (10)




  1. Fachzeitschrift der ARD-Anstalten, Basis-Daten zur Mediensituation in Deutschland 2013, Media Perspektiven, S. 4
  2. Digitalisierungsbericht der Landesmedienanstalten 2013, S.38
  3. Laut Digitalisierungsbericht haben von den insgesamt 39,676 Millionen Haushalten in der Bundesrepublik, 96,2% ein Fernsehgerät - also 38,157 Millionen TV-Haushalte.
  4. Die AGF ist ein Forschungszusammenschluss von ARD, ZDF, ProSiebenSat1 sowie der RTL-Gruppe. In Ihrem Auftrag erfasst die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) per Messgeräte die TV-Nutzung in 5000 Haushalten mit rund 10500 Personen. 
  5. Die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich ist ein Organ der Landesmedienanstalten. Sie legt jährlich einen Bericht über die Entwicklung im TV-Bereich vor.
  6. Digitalisierungsbericht August 2013, S. 38 und 56 
  7. Jahrbuch Landesmedienanstalten Mai 2013
  8. 16. KEK-Bericht, S. 50/51
  9. Jahrbuch 2012/2013, S. 22 ff
  10. Digitalisierungsbericht S. 56

 ANHANG:


Sehr geehrter Herr Ressing,

vielen Dank für den Link zu Ihrem Blog. Zunächst haben wir mit Interesse, dann mit wachsendem Erstaunen Ihre Ausführungen zu den unterschiedlichen Darstellungen bzgl. der TV-Empfangswege in den Veröffentlichungen der Medienanstalten zur Kenntnis genommen. Ihre Zwischenbilanz „Chaostage bei den Medienanstalten?!“ gipfelt schließlich in einem doch recht reißerisch formulierten Fazit, in welchem Sie von dem „nebeneinander Herumwursteln“ der Medienanstalten reden. Das haben wir nun unsererseits zum Anlass genommen, die Darstellungen zu den Übertragungswegen in den von Ihnen angesprochenen Publikationen gegenüberzustellen. Dabei ist uns aufgefallen, dass Ihnen mehrere Rechenfehler unterlaufen sind, die im Ergebnis in der Tat zu einem „Datenwirrwarr“ führen, für das allerdings wohl kaum die Medienanstalten verantwortlich sind.

Nachfolgend unsere Übersicht zur Verteilung der Übertragungswege Kabel und Satellit im Jahr 2012.

2012

Basis
Mio. TVHH in Deutschland
Satellit
Kabel
Mio.
Prozent
Mio.
Prozent
Jahresbericht KEK1)
38,08
18,1
47,0
16,7
44,0
ALM-Jahrbuch2)
38,00
17,8
46,8
17,8
46,8
Digitalisierungsbericht3)
37,80
17,2
45,6
18,1
47,9
Quellen:
1) Sechzehnter Jahresbericht der KEK 2012/2013, S. 50 f. (Astra TV-Monitor 2012; Stand Jahresende 2012).
2) Jahrbuch der Medienanstalten 2012/2013, S. 22 ff. (Stand Jahresende 2012).
3) Digitalisierungsbericht der Medienanstalten 2012, S. 49 (Stand Jahresmitte 2012).
Dort jeweils angegebene Quelle: TNS Infratest.

Sämtliche Angaben in der vorstehenden Tabelle basieren auf den Messungen und Auswertungen von TNS Infratest. Sowohl die Medienanstalten (Digitalisierungsbericht und ALM-Jahrbuch) als auch SES Astra (TV-Monitor) beauftragen Infratest mit den Erhebungen zum Stand des digitalen Fernsehens in Deutschland. Allerdings gibt es Unterschiede in den Auswertungen der Daten. Während die Medienanstalten alle TV-Geräte in den Haushalten einbeziehen, also der Mehrfachempfang berücksichtigt wird, nimmt SES Astra dagegen eine Priorisierung der Geräte zugunsten Satellitenempfang vor. Außerdem rechnen die Medienanstalten die Haushalte mit Gemeinschafts-Sat-Anlage und Kabelumsetzer (SMATV-CH-Haushalte) dem Kabel zu, da hier individuell kein Sat-Receiver vorgehalten werden muss. SES Astra betrachtet hingegen diese Haushalte als Satellitenempfänger (vgl. ALM-Jahrbuch, S. 22, sowie unser E-Mail-Schreiben vom 24.01.2014). Weitere Ausführungen zur Methodik der Datenerhebung finden Sie im Digitalisierungsbericht 2012 auf Seite 44.

Wie Sie sehen können, liegt hier eine weitgehende Konsistenz der Zahlen vor. Lediglich im Jahresbericht der KEK wurde eine leicht abweichende Auswertung genutzt. Für die künftigen KEK-Berichte haben wir bereits vorgesehen, die Zahlen des Digitalisierungsberichts einheitlich zu verwenden. Insoweit ist Ihr Hinweis bereits aufgegriffen.

Mit freundlichen Grüßen


Sehr geehrte Frau ...
danke, dass Sie sich die Mühe der Überprüfung gemacht haben.Meinen Rechenfehler gebe ich unumwunden zu. Ich habe bei der Berechnung der realen Zahlen, wie auch im Text vermerkt, zuvor die DVBT und Onliner abgezogen. Das war natürlich ein Fehler.
Unverständlich bleibt für mich aber trotzdem, weshalb niemandem in der KEK oder den Medienanststalten die Differenzen zwischen den Zahlen der KEK und des Digitalisierungsberichts (+900 000 Satellitenanschlüsse bzw. -1,4 Million Kabelanschlüsse) bisher nicht aufgefallen sind.
Trotz meines Rechenfehlers bleibt es bei den veröffentlichten Prozentangaben der drei Berichte bei den Differenzen und den daraus resultierenden verschiedenen Rankings. Auch das hätte eigentlich auffallen müssen.
Das es im Interesse von ASTRA liegt, den Satelliten besser dastehen zu lassen, als das Kabel, kann niemanden so richtig verwundern.
Nun gut, am Ende gibt es dann doch das Happy End und wir können uns demnächst auf einheitliche Zahlen aus den Medienanstalten bzw. von der KEK freuen.
Mit freundlichen Grüßen
Philippe Ressing




Dienstag, 14. Januar 2014

Tagesschau: "Nazis" ermordeten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht



Erstaunliche Geschichtskenntnisse hat man anscheinend in der Redaktion der Tagesschau in Hamburg. Anlässlich des jährlichen Gedenkmarsches linker Gruppen an die im Januar 1919 ermordeten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, gab es am 12. Januar 2014 eine Bericht in der Hauptausgabe der Tagesschau (20.00 Uhr). ARD-Hauptstadt-Korrespondenten, Norbert Carius, sagte dieser: Luxemburg und Liebknecht seien damals von "Nazis ermordet" worden.
Bundesarchiv Plak 102-067-002

Zutreffend ist: die Mörder waren Mitglieder der Freikorps, die sich vor allem aus Offizieren und niederen Chargen der einstigen Kaiserlichen Wehrmacht rekrutierten. Sie standen weit rechts und viele Mitglieder waren antisemitisch eingestellt.

"Nazis" aber konnten sie damals aus einem einfachen Grund gar nicht sein: Die NSDAP wurde erst im Jahr 1920 gegründet.
Beerdigung Liebknechts und Luxemburgs, Bundesarchiv 146-1976-067-25A



Als historisch interessierter Zuschauer wandte ich mich per e-mail an die Redaktion der Tagesschau und fragte nach. Daraufhin bekam ich folgende Antwort:



Sehr geehrter User/Internetnutzer/Zuschauer,

haben Sie vielen Dank für Ihre E-Mail.
Wir bitten um Verständnis, wenn nicht jede einzelne Zuschrift ausführlich
und individuell beantwortet werden kann. Aber die Redaktion von ARD-aktuell
erreichen täglich viele Hunderte Rückmeldungen der Zuschauer.

Sie können jedoch versichert sein, dass alle Reaktionen der Zuschauer
aufmerksam gelesen, ausgewertet und in den Redaktionssitzungen diskutiert
werden.
So wollte ich mich dann aber nicht Abwimmeln lassen. Also rief ich die Zuschauerredaktion des NDR an und brachte dort mein Anliegen vor. Ich schaute mir in der Mediathek die Tagesschau-Sendung erneut an und bemerkte erstaunt, das der von mir beanstandete Satz mit den Nazis fehlte. Jetzt sagte Carius nur, Luxemburg und Liebknecht seien ermordet worden. Hatte ich mich verhört? Nach einem erneuten Anruf bei dem freundlichen NDR-Zuschauer-Berater, stellte er mich zur Tagesschau-Redaktion durch. Von dort erhielt ich nach einigen Stunden folgende mail:

Sie haben Recht, hier die Stellungnahme der Chefredakteure von ARD-aktuell: "Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden von rechten Freikorpssoldaten ermordet. Eine unkorrekte Formulierung in der gestrigen Tagesschau bedauern wir. Wie in solchen Fällen üblich, haben wir das korrigiert und auf der Website kenntlich gemacht. Diese Korrektur ist heute morgen erfolgt."

Alles in Ordnung, Fehler erkannt, Fehler beseitigt? Auf der Homepage stand aber nur der nichtssagende Satz:

"Der Beitrag zur Europapolitik der Linken wurde aus redaktionellen Gründen nachträglich bearbeitet."
Wie und warum? Fehlanzeige! Anstatt den Fehler zu erläutern, hat man einfach im Film die Szene und den gesprochenen Text gekürzt. Jetzt sagte Carius nur noch: Luxemburg und Liebknecht seien "ermordet" worden.

Da kommt man dann doch ins Grübeln:

Jeder Bericht eines Korrespondenten wird vor Ausstrahlung in der Tagesschau von einem Redakteur bzw. einer Redakteurin "abgenommen". Weder Herrn Carius, noch der Redaktion in Hamburg ist am Text anscheinend etwas aufgefallen.


Dafür bieten sich einige Erklärungen an:

  1. Zeitdruck und permanente Aktualität führen dazu, dass mittlerweile Berichte mit der ganz heißen Nadel gestrickt und kaum noch kontrolliert auf Sendung gehen.
  2. Die aktuell für die Hauptnachrichtensendung der ARD arbeitenden Journalistinnen und Journalisten haben ein historisches Wissen, dass Karl Marx nicht von Karl May unterscheiden kann.
  3. Den Machern in Hamburg ist alles Wurst - 'das versendet sich!' Und wenn man dann erwischt wird, schnippelt man sich einfach den Film zurecht. 

Ich erinnerte mich an einen Auftritt eines ZDF-Korrespondeten vor einigen Jahren im Mittagsmagazin von ARD und ZDF. Anlässlich eines Events in Nürnberg, meldete sich der Korrespondent live vor einem großen Gebäude. Dieses riesige Gebäude, im Stil des römischen Kolosseum war Bestandteil des NS-Reichsparteitagsgeländes - heute dient es als Lagerhalle. Vor diesem Gebäude stand also der ZDF-Mann und sprach von einer "altehrwürdigen Halle". Alt und Ehrwürdig?

Ach ja und dann gab es da noch den ARD-Sportreporter, der anlässlich der Sommer-Olympiade 2012 sich sprachlich bei Adolf Hitler bediente http://www.medienfresser.blogspot.de/2012/07/seit-2008-wird-zuruckgeritten-ard.html




Dienstag, 31. Dezember 2013

Product Placement auch bei Koproduktionen von ARD und ZDF?


Wer erinnert sich nicht gerne an den Schimanski-Tatort aus den 1980ern, in dem der Kommissar "Paroli" Hustenbonbons lutschte und während einer Verfolgungsjagd über Kartons mit dem gut sichtbaren Logo stolperte. Damals war "Schleichwerbung" noch verboten und der WDR bekam öffentlich ziemlich Zunder. Gute alte Zeit...

Seit Januar 2013 haben die Ministerpräsidenten die Regeln im Rundfunkstaatsvertrag gelockert. Schleichwerbung bleibt zwar verboten, aber Product-Placement wird unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Das gilt für die Öffentlich-Rechtlichen allerdings nur in Grenzen. So legt § 7 Absatz 7 des Rundfunkstaatsvertrages fest: "Schleichwerbung, Produkt- und Themenplatzierung (...) sind unzulässig." Produktplatzierung sei aber erlaubt, wenn "das Produkt (...) nicht zu stark herausgestellt" werde. Dies gilt für: "Kinofilme, Filme und Serien, Sportsendungen und Sendungen der leichten Unterhaltung, die nicht vom Veranstalter selbst oder von einem mit dem Veranstalter verbundenen Unternehmen produziert oder in Auftrag gegeben wurde" heißt es in § 15 des Rundfunkstaatsvertrages.  Privatsender dürfen dagegen Product Placement auch in Eigen- und Auftragsproduktionen zulassen. (§ 44, Abs.1)
 
Schon bisher mussten ARD und ZDF bei gekauften Programmen - etwa James-Bond Filmen - das dort eingebaute Produkt Placement dulden. So gab es in "Im Angesicht des Todes" sogar Verbal-Placement. Da fragt Roger Moore - Alias James Bond - seine Gespielin, ob sie ihre Katze mit "Whiskas" füttere. Bei einer Eigen- oder Auftragsproduktion müssten ARD und ZDF solche Praktiken unterbinden. Genau das passt aber dem Product Placement Verband und seinem Vorsitzenden, Otto Kettmann, überhaupt nicht. In der offiziellen Pressemitteilung des 11. Product-Placement Kongresses (Stuttgart 23.-24. 10. 2013) findet sich folgende Passage: "Kein Verständnis zeigt Kettmann für die Strategie der öffentlich-rechtlichen Sender, bei Koproduktionen für das Kino die Produzenten 'zu knebeln' und ihnen zu verbieten, Product Placement zu akquirieren." 

Faktisch fordert der Verbandschef der Produktplatzierer, dass künftig ARD und ZDF - zumindest bei Koproduktionen - beide Augen zudrücken sollen. Versüßen wollen sie das mit dem Hinweis, durch Product Placement könnten die Produktionskosten sinken. Es bleibt aber die spannende Frage, ob das im Rundfunkstaatsvertrag festgelegte Verbot des Product Placement bei den Öffentlich-Rechtlichen auch für Koproduktionen gilt.


Der Zuschauer muss sich damit abfinden, zunehmend mit versteckter Produktwerbung in Filmen und Serien traktiert zu werden. Am Ende stehen Filme und Serien, die um Produkte herum entwickelt werden, die man in die Handlung integriert... Na dann: Prost 2014!

Montag, 30. Dezember 2013

Werbeschnüffler contra Pokerfaces


Das Geheimdienste und andere Schnüfflerbehörden mit Computerprogrammen zur automatischen Gesichtserkennung arbeiten, ist seit längerem bekannt. Aber auch Werber, Medien und die Konsumgüterindustrie zeigen daran verstärktes Interesse. So will in Großbritannien die weltweit drittgrößte Supermarktkette Tesco künftig die Gesichter aller Kunden vor den Kassen scannen, dies meldete die Stuttgarter Zeitung am 6. November 2013. Dabei sollen Alter und Geschlecht registriert werden, um innerhalb von Millisekunden auf den Flachbildschirmen speziell für die Zielgruppe produzierte Werbespots abzuspielen. Dabei wird auch registriert, wie lange jemand zuschaut, denn so will Tesco herausbekommen, wie gut der einzelne Spots bei der Zielgruppe wirkt.

In Deutschland versucht aktuell die öffentlich-rechtliche Werbetochter der ARD, Sales & Services GmbH (AS&S) mit ähnlichen Methoden Erkenntnisse über die Wirkung von Radio- und TV-Werbespots zu erhalten.* Für Online-Interviews der Marktforscher wird eine "EmotiCam" benutzt. Der Befragte wird so während des Interviews auf seinem Computer per Web-Cam beobachtet. Während das bei der Wirkungsforschung von TV-Spots bereits seit längerem gang und gäbe ist, wird so jetzt auch die Reaktion auf Radiowerbung erforscht. Dazu wird auf das Computerbild des Gesichts ein Netz aus 143 Punkten gelegt, um so die Mimik der Probanden speichern und auswerten zu können. So sollen die sogenannten "Basis-Emotionen" erfasst werden: Freude, Überraschung, Trauer, Angst, Ekel, Wut. Dabei bediene sich die AS&S des "Facial Action Coding System (FACS)", das in den USA von zwei Psychologen entwickelt wurde. In einer Pilotstudie wurden von der ARD-Werbetochter dazu im Sommer 2013 die Reaktionen von über 480 Versuchspersonen gescannt, denen sechs Radiospots an ihren PCs vorgespielt wurden. Das Ziel der ARD-Werber ist dabei klar: "Der Gesichtsausdruck gibt Reaktionen preis, die rationalisierte Antworten im klassischen Interview nicht liefern können." 

Seit längerem steigt die Kritik bei Werbetreibenden an der schwer messbaren Wirkung ihrer Werbespots beim Publikum. Diese setzen die Medienunternehmen deshalb unter Druck, die im Gegenzug versuchen mittels Ausspäh-Techniken den Unternehmen brauchbare Ergebnisse anzubieten. Groß ist nämlich bei Radio- und TV-Managern die Furcht davor, dass zunehmend Werbeausgaben verstärkt in das Internet abwandern. Dort lässt sich lückenlos speichern, wer, wann, welches Werbebanner oder welchen Werbefilm, wie lange online anklickt oder anschaut. http://medienfresser.blogspot.de/2013/05/onlinewerbung-knackt-milliardengrenze.html

Tja und wer künftig beim Besuch des Supermarktes seine Träume und Gefühle für sich behalten möchte? Am besten einen Kurs für Pokerfaces besuchen - oder vielleicht doch eine Burka?


Siehe AS&S-Beilage der Fachzeitschrift Werben und Verkaufen, November 2013