Mittwoch, 3. Dezember 2014

Chios - Vor 70 Jahren endete die deutsche Besatzung




Am 10. September 1944 verließen die letzten deutschen Soldaten die griechische Insel Chios. Wenige Kilometer vor dem türkischen Küstenort Cesme gelegen, war die fünftgrößte Insel Griechenlands über drei Jahre lang von deutschen Truppen besetzt gewesen. Am 4. Mai 1941 waren gegen 18 Uhr Einheiten der 164.Infanterie-Division im Hafen der Inselhauptstadt gelandet. (a) Dort hatten das Vorkommando der Präfekt, der Bürgermeister und der griechische Militärbefehlshaber der Insel empfangen und offiziell die Insel an den deutschen Bataillonskommandeur Winkler übergeben. Für die Wehrmacht war die Insel ein Etappenort, hier wurden Verwundete des Afrikakorps versorgt. Sie war aber auch ein wichtiger Kreuzungspunkt für die im Meer verlegten Unterseekabel. Diese dienten einerseits der militärische Kommunikation zwischen den nordägäischen Inseln, verbanden aber andererseits auch das griechische Festland mit der nahegelegenen Türkei. 

Chios unterstand militärisch der auf der Nachbarinsel Lesbos tätigen Ortskommandantur 982, die ab Sommer 1943 zur Heeresgruppe E gehörte. Völlig kontrollieren konnte die Wehrmacht Chios nie, dazu fehlten ihr die militärischen Kräfte. Zu Beginn waren etwa 500 Soldaten auf Chios stationiert, während des Krieges halbierte sich die Anzahl. Kampfkräftige Einheiten wurden ab 1942 an die Russlandfront geschickt, während auf Chios auch sogenannte 'Volksdeutsche' - Polen die oft zwangsweise 'eingedeutscht' worden waren, die Garnison bildeten. In mehreren Orten der Insel gab es kleine Militärposten, in denen bis zu 10 Soldaten stationiert wurden.


Griechenland wird ausgepresst





Mit dem Einzug der Wehrmacht am 27. April 1941 in Athen und dem Hissen der Hakenkreuzfahne auf der Akropolis, begann für die Zivilbevölkerung eine Zeit großer Not und Verfolgung. Vor allem im Winter 1941/42 mussten viele Menschen wegen der katastrophalen Versorgungslage hungern. Deutsche, italienische und bulgarische Truppen besetzten das Land und plüderten es systematisch aus. Sie beschlagnahmten große Mengen Nahrungsmittel, Rohstoffe und Waren. Dabei duldete die Wehrmacht durchaus Plünderungen ihrer Soldaten. So bedienten sich nach der am 20. April 1941 erfolgten Kapitulation Griechenlands deutsche Soldaten ungestraft in Geschäften der besetzten Hauptstadt.
Deutsche Soldaten Plündern in Athen
Der Führung im Reich war Ende 1941 das Elend der griechischen Zivilbevölkerung bekannt. Zeitungen aus der neutralen Schweiz hatten darüber berichtet. Dazu meinte Hermann Göring lakonisch: "Wir können uns nicht übertrieben um die hungernden Griechen kümmern. Das ist ein Unglück, das noch viele andere Völker treffen wird." (1) Deutsche Zeitungen schürten gleichzeitig rassistische Ressentiment gegen Griechen. So schrieb eine Zeitung, die Bevölkerung in den Städten bestehe "gegenwärtig nur aus Händlern, Schleichändlern, Dieben und Arbeitssscheuen." Aus diesem Grund sei fraglich: "Wie lange es sich die Achsenmächte in ihrem schweren Kampf leisten können, eine Bevökerung von Nichtstuern  zu ernähren (...)". (2) 

Juden wurden systematisch verfolgt



Die Verfolgung der Juden in Griechenland begann bereits kurz nach der Kapitulation im April 1941. An der wirtschaftlich Ausplünderung ihrer jüdischen Mitbürger bereicherten sich auch viele ihrer Nachbarn. Der Bürgermeister Thessalonikis, Jannis Boutaris, gab im Oktober 2014 ein Zeichen als er sagte, die Stadt "schämt sich für die Kollaborateure, die mit den Besatzern zusammengearbeitet haben, für die Nachbarn, die sich fremden Besitz angeeignet haben, für alle, die jene verraten haben, die davonzukommen suchten." (3) Thessaloniki hatte vor dem Krieg fast 50 000 Einwohner mit jüdischen Wurzeln. Von Ihnen überlebten weniger als 1000 die Deportation in die deutschen Vernichtungslager. (4) 

Während der deutschen Besetzung von Chios lebte eine jüdische Familie italienischer Nationalität noch auf der Insel, berichtet Philip Argenti in seinem Buch (siehe Anmerkung a). Die jüdische Gemeinde hatte demnach die Insel bereits 1912 verlassen, nachdem die Insel vom Osmanischen Reich an Griechenland übergeben worden war. Nach zwei Jahren deutscher Besatzung sollen 1943 die griechischen Inselbehörden diese jüdische Familie vor der Deportation gewarnt haben. Sie überlebten und wanderten später nach Afrika aus. Zwar existieren heute keine Listen der von Chios Verschleppten mehr, die zentrale deutsche Namenskartei in Bad Arolsen teilte auf Anfrag mit, dass 40 Personen nach Deutschland deportiert wurden, die als Geburtsort Chios angegeben hatten. Die meisten kamen zur Zwangsarbeit nach Deutschland. Bei zwei Personen konnte festgestellt werden, dass sie über das Konzentrationslager Chaidari bei Athen in ein deutsches KZ verschleppt wurden. (5)

Aktualisierung 12. Mai 2019:


1939: Ein Schiff mit jüdischen Auswanderern im Hafen von Chios 
Auf einer Facebook-Seite mit alten Fotos aus Chios fand sich im Mai 2019 folgendes Bild. Es zeigt demnach das Schiff "Utrato", das Juden aus Frankreich, Deutschland und den Niederlanden ins türkische Izmir bringen sollte und auf dem Weg im Hafen von Chios festmachte. Die Passagiere waren auf dem Weg in das von den Briten verwaltete Plästina. 

 Auf meine Nachfrage über das Schicksal der jüdischen Bewohner von Chios erhielt ich folgende Nachricht: 

"In the 1900 's there appear to have been about 250 Jewish people in Chios and a Jewish school with 40 students....There also were 8 shops, mainly selling glassware and fabrics, in the village of Aplotaria with Jewish owners.... In the corner of Aplotaria and Kalopleti streets there was a well known coffee shop belonging to a man called Abraham Ishahar (sp). .... 10 Jewish families used to live In the area of the Thymiana village, near by the football field and in 1935 there was a Jewish deputy Mayor of Chios!... In 1940 during the Italian invasion of Greece the Jewish community offered a large amount of money as a donation to the War Fund!... Most Jewish families lived in the areas of Fragomaha and Frourio where there was a Jewish Synagogue.... In 1914 during the first expulsion of Greeks from Turkey the Jewish community offered their school as a shelter to the refugees. ... In 1938-39 some of the Jewish families suspecting what was coming by the events from Germany fled for Turkey and then Palestine and some left for France (not yet occupied)!.. Only 60 people were left on Chios. Of these 60 only one family who managed to hide was able to survive the Germans. The rest were captured in November of 1941 and transported to the island of Lesvos and via Thessaloniki ended up in the Birkenau (sp) camp never to be seen again! In charge of this caprture and expulsion was an officer called Rosenburg (apparently renowned war criminal) who arrived in Chios in September of 1941 and who was, also, in charge of seisure of all Jewish properties.... One of the people who fled to France called Michel Dassen became a big name in the fashion world in the1960's. He kept returning to Chios to visit friends and relatives ( the family Desses) as Mr Fasoulakis remembers him in the years between 1965 -70..." https://www.facebook.com/groups/896961166993752/2345874942102360/?comment_id=2350015668354954&notif_id=1557652272572431&notif_t=group_comment_mention
Die Gedenkstätte Jad Vashem bietet auf ihrer Homepage eine Liste jüdischer Opfer des Holocausts, die von Chios stammten:  https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=en&s_lastName=&s_firstName=&s_place=Chios%20Greece&s_dateOfBirth=


Hungernde Zivilbevölkerung auf Chios


Auch den Menschen auf Chios brachte die deutsche Besatzung Not und Hunger. In seinen Erinnerungen an diese Zeit schreibt Demetrios Psaltakis: "Es gab kein Essen. Leute starben auf der Straße an Hunger." Im Seefahrtsmuseum auf Chios erzählte mir 2010 ein älterer Herr, der sich um das Museum kümmert: "Ich war damals ein kleines Kind und weiß noch, wie unsere Eltern mit den deutschen Soldaten Kleidung gegen Lebensmittel eintauschten. Der Hunger war so groß." Im August 1942 hieß es in einem Bericht des Internationalen Roten Kreuzes über die Zustände auf der Insel: "Auf Chios gab es praktisch kein Brot mehr, Kinder suchten am Ufer nach Fischresten" Geld war so gut wie nichts wert, eine Honorarliste der Inselärzte legte 1942 für Behandlungen eine Bezahlung in Nahrungsmitteln fest. (I) Das heutige Schifffahrts-Museum der Insel war einst Sitz einer reichen Reederfamilie. Die Villa  wurde während der Besatzung von der Wehrmacht beschlagnahmt und diente als Lazarett für Verwundete des Afrika-Korps


Schiffahrtsmuseum Chios

Zu Beginn der Besatzung bezahlten die Soldaten mit erbeuteten griechischen Drachmen. Diese verloren aber so sehr an Wert, dass die Soldaten auf Chios zum Tauschhandel übergingen. Gleichzeitig requierierte die Wehrmacht im Juli 1941 auf Chios rund 500 Tonnen Olivenöl, Lederwaren, Felle, Seife und Südfrüchte sowie über 100.000 Zigaretten - die per Schiff aufs Festland gebracht wurden. Dies belegen Einträge in das Kriegstagebuch der 164. Division. (b) Das Raubgut diente dem Unterhalt der Besatzungsoldaten, oder wurde weiter ins Reich transportiert. "Auf Chios bereicherten sich die Beamten der Deutschen Wirtschaftskommission und einige wenige lokale Händler durch ihr Monopol auf den Handel mit Öl, Zitrusfrüchten und Mastix" (II)
 
Die schwierige Versorgungslage auf den griechischen Inseln, die schon in Friedenszeiten auf
Deutsche Marinesoldaten landen 1941 auf Chios
Nahrungsmittellieferungen vom Festland angewiesen waren, verschärften dort operierende U-Boote und Jagdbomber der Briten. Sie machten Jagd auf die Versorgungsschiffe und verschärften damit auch die Versorgungslage auf Chios. Während der Besatzung operierten auf der Insel britisch-griechische Spezialeinheiten - die sich auf den örtlichen Widerstand stützen konnten. Ihre Aktivitäten wurden dadurch begünstigt, dass die deutsche Garnison der Insel zu schwach war, um sie überwachen zu können. Die Wehrmacht kontrollierte hauptsächlich die Inselhauptstadt mit dem wichtigen Hafen sowie die umliegenden Orte an der Westküste. Trotzdem gelang es dort Fischern, Flüchtlinge mit ihren Booten auf das nahegelegene türkische Festland überzusetzen. Dabei gelang es sogar einmal, ein deutsches Patrouillenboot samt Besatzung zu kapern. 


Die katastrophale Versorgungslage überall in Griechenland veranlasste das neutrale Schweden, zur Lieferung von Nahrungsmitteln und anderen Gütern. Anfang 1944 sollte das Schiff "Virili" auch Chios mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgen.
Hafen von Chios heute


Gedenktafel
Am 7. Februar 1944 ging das Schiff im Hafen von Chios vor Anker und hier kam es  zur Katastrophe. Britische Flugzeuge griffen die "Virili" an, hielten sie es doch für einen deutschen Truppentransporter. Der Frachter brannte und 17 Besatzungsmitglieder kamen dabei ums Leben. Neben dem Busbahnhof am Hafen erinnert heute eine Gedenktafel an das tragische Ereignis. Dabei starben neben Griechen auch zwei
Schwedisches Schiff nach dem Angriff
Mitglieder des schwedischen Roten Kreuzes und einige Soldaten der Wehrmacht. Anfang 1944 hatten sich die deutschen Truppen bereits in das Hafengebiet mit der Kommandantur zurückgezogen. Das schwerbewachte Hauptquartier hatte man im Hotel KYMA eingerichtet, es existiert heute noch. Allerdings lag es nach 1945 in Trümmern und konnte erst 1963 wiedereröffnet werden. Den Abzug der deutschen Soldaten Anfang September 1944 störten die Alliierten nicht mehr.  
 

 

 

 

 

 

Das Denkmal - Der seltsame Gedenkstein des Jason Kalambokas 

 

 

 

Nur drei Tage vor dem Abzug der Deutschen, am 7. September 1944, wude in der Innenstadt der griechische Offizier Jason Kalambokas erschossen. Wenige hundert Meter vom Hafen entfernt - gegenüber der Nationalbank - befindet sich heute, inmitten einer kleinen Grünfläche, sein Denkmal. Unweit der heutigen Einkaufsstrasse Aplotarias geriet er in einen deutschen Hinterhalt. Kalambokas gehörte zu den griechischen Soldaten, die nach der Kapitulation im Mai 1941 auf Seiten der Alliierten weiterkämpften. Etwa 20.000 Soldaten der griechischen Armee konnten sich damals der Gefangenahme entziehen und wurden von britischen Schiffen nach Ägypten gebracht. Dort wurden viele für Sabotageaktionen im besetzten Griechenland geschult. Kalambokas, der nicht von Chios kam, führte auf der Insel mehrere Aktionen gemeinsam mit britischen Kommandos und dem örtlichen Widerstand durch.  Im Buch Philip Argentis heißt es, die Umstände des Todes Kalambokas am 7. September 1944 seien unklar. So werde behaupt, er sei in eine Falle der Deutschen gelaufen. Er habe sich mit einem deutschen Soldaten treffen wollen, der beabsichtigte zu desertieren. Dann sei dieser Mann aber in Begleitung von zwei anderen Soldaten erschienen, wohl um Kalambokas Festzunehmen. Kalambokas habe seinen Revolver ziehen wollen und sei erschossen woredn. Zuerst hätten die Deutschen nicht gewusst, welche wichtige Rolle Kalambokas im Widerstand der Insel spielte. Dies sei erst nach dem Fund von Schriftstücken in seiner Kleidung klar geworden. (f)   

 

 

Da die deutschen Besatzer nicht genügend Kräfte zur Kontrolle der Insel hatten, überließ man die Verwaltung den griechischen Behörden - ein Praxis die überall inbesetzten gebieten Europas von der Wehrmacht angewandt wurde. Außerdem warb man Kollaborateure für die Miliz an. Die Angst vieler Chioten vor Repressionen war groß. So saßen zwei Fischer der benachbarten Insel Ikaria auf Chios sechs Monate im Gefängnis. Ihr Fischerboot war in einem Sturm an ihre Küste getrieben und Dorfbewohner von Pyrgie hatten sie dann der örtlichen Polizeit gemeldet. Deutsche Soldaten erpressten Lösegelder: "Unteroffizier Herbert Petzchinski verhaftete einen Chioten, um ihn gegen ein größere Mewnge Olivenöl wieder freizulassen". (III)


Viele Kollaborateure und Milizionäre wechselten nach Abzug der Deutschen die Seite und kämpften im griechischen Bürgerkrieg (1946-1949) auf Seiten der Regierung gegen die Kommunisten. Keiner wurde wegen seiner Taten für die deutschen Besatzer jemals zur Rechenschaft gezogen. Auch auf Chios kam es während des Bürgerkriegs zu Gefechten mit kommunistischen Partisanen, so bei Volissos und im Kambos nahe der Hauptstadt. Einige der gefangenen Kämpfer wurden danach in Athen zum Tode verurteilt. (6)




Direkt neben der Statue Kalambokas befindet sich, unter Plexiglas, eine Marmorplatte. Auf der Vorderseite stehen auf Griechisch der Name und das Todesdatum Kalambokas. Auf der Rückseite entdeckt man, dass er zuvor als Grabstein eines Wehrmachtssoldaten gedient hatte. So kann man noch deutlich ein großes Eisernes Kreuz erkennen - aus dem nach Protesten, erst vor einigen Jahren das Hakenkreuz herausgemeißelt wurde. Darunter steht der Name: Dr. Hermann Westhauser. Der Unteroffzier der Wehrmacht kam beim britischen Luftangriff auf die "Virili" ums Leben. Unter dem eingemeißelten Namen steht auf dem Grabstein immer noch deutlich lesbar: "Für den Führer und Großdeutschland". Nach dem Krieg wurden seine sterblichen Überreste - wie die aller in Griechenland gefallenen Wehrmachtssoldaten - auf den zentralen deutschen Soldatenfriedhof Dyonnisos-Rapentosa, 30 Kilometer nordöstlich von Athen verbracht.  



Der Unteroffizier Dr. Hermann Westhauser gehörte zur Geheimen Feldpolizei. (7) Er
Greuel in Griechenland
wurde am 4. März 1912 in Wien geboren, kam zu Kriegsbeginn zur Wehrmacht und gehörte ab Ende November 1943 zur Gruppe 621 und dann später zum Abwehrtrupp 383 der Geheimen Feldpolizei.
Bis Februar 1944 hatte diese dem militärischen Nachrichtendienst "Abwehr" unter Wilhelm Canaris unterstanden. Danach wurde sie direkt dem SS-Reichssicherheits Hauptamt unterstellt. "Die GFP ist eine bis heute eher undurchsichtige Organisation, die mit der Wehrmacht lose verbunden war und oft SS-Leute als Agenten beschäftigte." (IV) Die Aufgabe der Geheimen Feldpolizei bestand im Schutz der Truppe vor "Zersetzung", dem Kampf gegen Partisanen und Saboteure sowie der Spionage und Überwachung der Zivilbevölkerung. Dabei durften ihre Mitglieder im Dienst Zivilkleidung tragen. Auf das 'Konto' dieser Einheiten und der für sie arbeitenden griechischen Kollaborateure gingen Folter sowie die Liquidierung tausender Zivilisten. (8) Ein großer Teil der Mannschaften bestand aus Mitgliedern der deutschen Sicherheits- und Kriminalpolizei.

Auch auf Chios wurden bei Verhören Gefangene gefoltert, Dr. Hermann Westhauser Einheit sei wegen ihres brutalen Vorgehens auf der Insel gefürchtet gewesen (d). Ihr Auftrag umfasste dabei auch Gegenspionage und das Sammeln von Informationen über das türkische Festland. Argentis nennt Westhausers Einheit deshalb die "wahre Gestapo auf Chios". (e) Das könnte den Umstand erklären, warum die Wehrmacht auf seinem Grabstein nicht nur seinen Dienstgrad, sondern auch den Doktortitel einfügen lies. Auf Nachfrage erklärte mir eine deutsche Dienststelle, dass dies damals äußerst unüblich gewesen sei. (9) 



Während der deutschen Besatzung wurden auf Chios von den Deutschen insgesamt 19 Männer hingerichtet. Davon wurden zuvor 14 von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt, die anderen kamen bei Vorfällen ums Leben. So wurden zwei Männer während einer Razzia am Stadtpark erschossen, als sie fliehen wollten. (c) 



Der Tod des Jason Kalambokas

"Eigentlich bin ich daran Schuld, dass Kalambokas erschossen wurde", erzählte lächelnd im Sommer 2014 Georgios Zachariadis (1942- 2020). Er wurde 1942 auf Chios geboren und ging Mitte der 1960er Jahre nach Österreich. Im Winter leben er und seine Frau Maria in Graz. Jeden Sommer kommen sie auf die Insel und vermieten bei Karfas Appartments an Touristen. Georgios Zachariadis war zwei Jahre alt, als Kalambokas erschosossen wurde. "Später wurde mir erzählt, Jason habe kurz vor dem Abzug der Deutschen einen Bombenanschlag auf die Besatzer versuchen wollen. Er versteckte dazu den Sprengstoff in einem Korb voller Eier. Meine Mutter wollte seine Aktion verhindern und ihn - der in unserem Haus übernachtete - einfach weiterschlafen lassen. Aber ich habe dann am frühen Morgen angefangen laut zu Weinen und so wurde er doch wach. Die Deutschen hatten von seinem Vorhaben durch Verrat erfahren und stellten Kalambokas am Morgen eine Falle. " Sie lauerten ihm am Ende der heutigen Einkaufsstrasse - Aplotarias - auf: "Er wurde dort von vier deutschen Offizieren auf offener Straße - vielleicht 50 Meter von unserem Haus entfernt - gestellt und erschossen."




Georgios Vater war einst auch Offizier gewesen und arbeitete während der Besatzung beim Zoll im Hafen von Chios. Er hatte Verbindungen zum Widerstand und die Eltern entschlossen sich zu fliehen: "Erst nachdem wir gerettet waren, zeigte meine Mutter meinem Vater, dass sie unter ihrem Rock eine Pistole hatte. Er bekam einen ziemlichen Schreck, denn ihm war klar, dass meine Mutter zweifellos geschossen hätte," Viel später fand Georgios eine alte britische Munitionskiste seiners Vaters - voller Dokumente aus dieser Zeit . Dort tauchten auch die Namen griechischer Kollaborateure auf Chios auf. Georgios meint aber: "Heute macht die Veröffentlichung keinen Sinn mehr, die Verantwortlichen sind lange tot und die Nachkommen können nichts dafür.".


Und die Sache mit dem Grabstein? "Na ja, nach dem Krieg wollte man Kalambokas ein Denkmal setzen. Aber die Insel war nach dem Krieg arm und hatte für ein Denkmal kein Geld. So kam man auf die Idee, den deutschen Grabstein aus Marmor quasi 'umzuwidmen' ". Die Statue kam erst viel später hinzu. Zacharidis bemühte sich lange darum, dass das Hakenkreuz entfernt wird. Er ärgert sich auch darüber, dass es hier keine Information für Besucher der Insel über Kalambokas und den 'janusköpfigen' Grabstein gibt. 

Siehe auch die neue Info-Page über die deutsche Besatzung und Interviews mit Zeitzeugen
http://www.occupation-memories.org/de


(a) Philip P. Argenti, The occupation of Chios by the Germans and their administration of the island, Cambridge University Press 1966
(b). a.a. O. 
(c). a.a.O. Seite 26 und 31
(d) a.a. O. Seite 28
(e) a.a.O. S. 31
(f) a.a. O S. 74

(1) Götz Aly, Hitlers Volksstaat, Fischer-Verlag 2005, S. 278
(2) siehe Wikipedia: Große Hungersnot in Griechenland
(3) Griechenland-Zeitung, 14. Oktober 2014
(4) www.medienfresser.blogspot.de/2011/11/judisches-thessaloniki-die-mutter.html

(5) Mitteilung der Deutschen Dienststelle am 30. März 2011
(6) http://en.wikipedia.org/wiki/Chios#Modern_period 
(7) Schreiben des Militärischen Forschungsamtes in Potsdam
(8) https://de.wikipedia.org/wiki/Geheime_Feldpolizei_%28Zweiter_Weltkrieg%29


Obwohl diese Spezialeinheiten vermeintliche Partisanen liquidierten  - darunter auch Kinder und Jugendliche und an der Ostfront "Vergasungswagen" betrieb, wurde sie im Nürnberger Prozess nicht als verbrecherische Organisation eingestuft.



(9) Schreiben des Internationalen Suchdienstes (ITS) Bad Arolsen vom 10. November 2010

(I) Mark Mazower: "Griechenland unter Hitler", S. Fischer Verlag 2016 S. 81 und S. 94
(II) a.a.O. S.85 
(III) a.a.O. S. 207 und 260
(IV) a.a.O S. 269

Sonntag, 14. September 2014

Erster Weltkrieg - Medienkrieg - Teil VI - 'think tanks'


Politiker und Regierungen lassen sich nicht erst heute von Lobbygruppen und ihren Stiftungen beraten. So bestimmen die "Bertelsmann-Stiftung", oder die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" sowie die regierungsnahe "Stiftung Wissenschaft und Politik" mit ihren Analysen die öffentliche Diskussion. Vorläufer dieser Lobby-Organisationen waren schon im Ersten Weltrieg aktiv, so das "Büro für Sozialpolitik" oder die "Auskunftsstelle vereinigter Verbände". 

Friedrich Ebert, Bundesarchiv 146-1970-096-03
Der Erste Weltkrieg erfasste alle gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bereiche. Politik und Militär wollten die Öffentliche Meinung steuern. Dies wurde umso wichtiger, da der "Burgfrieden" mit dem SPD-Führer Friedrich Ebert und den Gewerkschaften fragil war. "1915 hielt der Burgfrieden einstweilen, aber die Stimmung in der Bevölkerung veränderte sich mit der Erkenntnis, das der Krieg militärisch stagnierte. Daß ließ die Bevölkerung zu einem umso wichtigeren Objekt der staatlichen Überwachung werden." (1) Aber das militärische System von Befehl und Gehorsam konnte in einem industriellen Krieg kein Ersatz für die Loyalität der Massen sein. Mit jedem Jahr, den der Krieg andauerte, wuchs bei den Eliten die Furcht vor der Revolution. Anfang Januar 1916 bildete sich in der SPD die "Spartakusgruppe", zu der der Reichstagsabgeordnete Karl Liebknecht gehörte, Er war der erste Abgeordnete, der im Dezember 1914 gegen die Kriegskredite stimmte. Am 12. Januar 1916 schloss ihn die SPD gemeinsam mit weiteren 19 Abgeordnete aus ihrer Fraktion aus. Ende März scheiterte die Offensive vor Verdun unter schrecklichen Verlusten, die Versorgungslage der Zivilbevölkerung verschlechterte sich rapide. Die Wut innerhalb der Arbeiterschaft nahm zu, das Vertrauen in die SPD-Frühung dagegen ab und am 1. Mai 1916 demontrierten Tausende in Berlin auf dem Potsdamer Platz gegen den Krieg. Liebknecht rief:
Karl Liebknecht, Bundesarchiv 183-H25212
"Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!" und wurde umgehend verhaftet und später wegen Hochverrat angeklagt. Zum Prozessbeginn zeigten in Berlin rund 50 000 Arbeiter mit einem Streikt ihre Solidarität. Liebknecht wurde Ende August 1916 zu vier Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilt. Die wachsende Radikalisierung innerhalb der Arbeiterschaft förderte die Furcht im bürgerlich-konservativen Lager vor der Revolution. Anfang Dezember 1916 tauchten im Reich Flugblätter auf, die zur Solidarität mit Liebknecht aufriefen. Dies wurde von den Zensurbehörden genau registriert und in Rundschreiben allen Militärbezirken im Reich mitgeteilt:
Vorlage Hauptstaatsarchiv Stuttgart M77/1 Bü 435


"Die Einführung, Verbreitung und Ausfuhr ist (...) verboten, die Beschlagnahme etwa vorgefundener Exemplare und die Fahndung auf Verbreiter angeordnet worden."  

Innerhalb der SPD zeigten sich zunehmend die unberbrückbaren Gegensätze, Friedrich Ebert, verlor an Einfluss. Die Spaltungstendenzen innerhalb der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften waren nicht zu übersehen. Für Regierung und Militärs wurde es immer wichtiger, über die Entwicklung aussagekräftige Informationen zu erhalten. Dabei halfen die Analysen und Berichte unabhängiger Stiftungen und Institute - die Vorläufer heutiger "think-tanks".




Organisation


Ende 1914 erkannten einige politisch Verantwortliche in Berlin, dass nur mit einer zentrale gesteuerten Öffentlichen Meinung der angestrebte 'Siegfrieden' im Land verankert werden könnte. Dieser Erkenntnis standen allerdings die Interessen der Bürokraten und ihrer Strukturen im Reich und den Ländern entgegen. Sie wollten ihre Macht und Einfluss nicht an abgeben. (2)
Erhard Deutelmoser, Bundesarchiv, 183 R04 159
Dabei war diese Notwendigkeit auch einigen Militärs klar, etwa dem Berufsoffizier Erhard Deutelmoser. Bei Kriegsbeginn war er im Geheimdienst der Obersten Heeresleitung (Abteilung III B) für Presse und Zensur zuständig. (3) Ende 1915 übernahm er die Leitung des neuen Kriegspresseamtes innerhalb der OHL. Nachdem Ludendorff dort die Leitung übernommen hatte, musste Deutelmoser gehen. Anfang 1917 wurde er Leiter der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes und übernahm ab November 1917 das neu geschaffene Amt des Pressechefs beim Reichskanzler.


Unter Deutelmosers Leitung wurden Pläne für eine Propagandaabteilung ausgearbeitet, die im Reich die Bevölkerung für den Sieg mobilisieren sollte. Gegründet im März 1918 nannte sie sich zuerst: "Zentralstelle für Heimataufklärung (ZfH)", später wurde sie als: "Zentralstelle für den Heimatdienst" bekannt. In der Staatsbibliothek in Berlin kann man die Geschäftsordnung" vom 18. März 1918 online aufrufen. Dort steht: "Die Zentralstelle bearbeitet nach den Weisungen des Pressechefs alle den Aufklärungsdienst in der Heimat betreffende Sachen." (4) Auch private Verbände arbeiteten zu (5), sp der "Bund Deutscher Gelehrter und Künstler", der "Studienausschuß für Auslandsorganisation" sowie die "Auskunftsstelle Vereinigter Verbände" und das "Büro für Sozialpolitik". Während die "Auskunftsstelle" unter Regierungsrat Oskar Poensgen Propaganda für die Kriegspolitik machten, produzierte das "Büro für Sozialpolitik" Analysen über SPD und Gewerkschaften. 

Büro für Sozialpolitik 


Im Jahr 1890 gründeten liberale Industrielle in Frankfurt a.M. das "Institut für Gemeinwohl". (6) Für sie war die 'soziale Frage' das zentrale Zukunftsproblem. Deshalb forderte man im Reich die Einführung einer einheitlichen Sozial- und Armenfürsorge. Mit ihrer Zeitschrift "Soziale Praxis" bot das Institut ein Forum für eine sozialpolitische Debatte. Dazu richtete man 1904 in Berlin das "Büro für Sozialpolitik" ein. Während des Ersten Weltkrieges belieferte es, unter Leitung des Journalisten Ernst Francke, die Regierung und das Militär mit politischen Analysen. Im Dezember 1917 gründete Francke auch den "Volksbund für Freiheit und Vaterland", der sich gegen die ultranationalistischen Forderungen der "Vaterlandspartei" stellte. Der Volksbund trat parteiübergreifend auf und versuchte national gesinnte Teile der Arbeiterbewegung einzubinden. Dabei vertrat man gemäßigtere Kriegsziele und das allgemeine Wahlrecht bei einem Sieg Deutschlands. Allerdings forderte man auch eine Erweiterung des deutschen olonialreichs in Afrika. Eine Demokratie westlichen Stils lehnten viele im Volksbund ab. Deutschland sei dafür nicht geeignet, einige Unterstützer strebten einen 'nationalen Sozialismus' an. Damit konnte man keine Mehrheiten in der Arbeiterbewegung gewinnen.


SPD - Spaltung erscheint unausweichlich


Regelmäßig erhielten die staatlichen und miliärischen Stellen in Berlin Berichte des Büros für Sozialpolitik über die Entwicklungen innerhalb der SPD und der Gewerkschaften. Abschriften erhielten die für Zensur und politische Kontrolle der Länder zuständigen Armeebehörden vom Kriegsministerium in Berlin.
Vorlage Hauptstaatsarchiv Stuttgart M77/1 Bü 435
Eine Kopie des Berichts vom 9.Oktober 1916 liegt heute im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart. Er wurde unter "Ge
heim" eingestuft und neben dem Stellvertretenden Generalkommando der württembergischen Armee in Stuttgart auch an das Innenministerium sowie den Generaladjutanten des Königs geschickt. Der Bericht enthält eine Darstellung über die zuspitzende Situation in der Sozialdemokratie. Hauptthema: SPD-Parteikonferenz vom 21. bis 23. September in Berlin. Dort sei "die von Tag zu Tag wachsende Erkenntnis der meisten Teilnehmer von der Unüberbrückbarkeit der sachlichen Gegensätze" deutlich zu Tage getreten. Dabei kam es sogar zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen den Teilnehmern. Laut Bericht war der Ebert-Anhänger und bayerische Landtagsabgeordnete Johannes Timm über den Linken Arthur Stadthagen so erbost: "daß er ihn schüttelte und nur mit Mühe von weiteren Tätlichkeiten zurückgehalten werden konnte."
Hugo Haase, Bundesarchiv, 146-1970-096-05
Der Reichstagsabgeordnete Hugo Haase hielt für die Linke eine Rede, die das Büro für Sozialpolitik als "nicht ungeschickte, aber haßdurchglühte Verteidigung der Minderheit" bewertete. Dagegen stellte der maßgeblich für den 'Burgfrieden' verantwortliche Eduard David seinen Antrag für ein SPD-Friedensmanifest. Der Bericht bewertet ihn:  "In seinem entscheidenden Teil stellt es sich auf den Boden der Vaterlandsverteidigung bis zu einem Frieden, der die territoriale Unversehrtheit, politische Unabhängigkeit und wirtschaftliche Entwicklungsfreiheit des Reiches gewährleistet". Der Versuch Haases, per Geschäftsordnungsantrag diese Abstimmung zu verhindern, scheiterte aber, dafür stimmten nur 169 Teilnehmer, während 276 seinen Antrag ablehnten. 
Vorlage Hauptstaatsarchiv Stuttgart M77/1 Bü 435
Der zur rechten SPD-Mehrheit um Ebert gehörende Abgeordnete David sagte laut Bericht, sein Manifest "hätten nur Leute ablehnen können (...) die sich in diesem Völkerringen innerlich nicht in erster Linie als Sachwalter des deutschen Volkes fühlen." Damit erklärte er die Kriegsgegner innerhalb seiner Partei letztlich zu 'Vaterlandslosen Gesellen'. Die Analyse des Büros für Sozialpolitik wertete auch Artikel aus Parteizeitungen aus. Dort wird ein Münchner Delegierter zitiert, die Linken "seien als Leichen auf dem Kampfplatze geblieben." Laut Bericht des Büros für Sozialpolitik seien damit auf der SPD-Tagung "die Gegensätze (...) mit unerhörter Stärke hervorgetreten." Wäre dies ein regulärer Parteitag gewesen, hätte er unweigerlich "zur Spaltung geführt". Bei der Analyse berücksichtigte man auch die Veröffentlichungen der unterlegenen Linken. So habe Käte Duncker auf einer Versammlung in Steglitz gesagt: "die Grundlagen der Parteieinheit seien zerfressen, eine reinliche Scheidung notwendig." Ähnlich beurteilte auf der Gegenseite Wilhelm Kolb aus Karlsruhe, die Spaltung der Partei sei eine "politisch und geschichtliche Notwendigkeit geworden". Er forderte eine konsequent reformistische Politik der SPD: "ohne grundsätzliche Ablehnung des Budgets und der Heeres- und Kolonialforderungen." Die Autoren der Analyse des Büros für Sozialpolitik beurteilten die Resonanz der Konferenz differenzierter: "Ein großer Teil der Mehrheitspresse preist das Ergebnis der Konferenz als vollen Sieg der Mehrheit, ohne weitere Konsequenzen aus diesem Siege zu fordern. Aber auch ein Teil der Minderheitspresse glaubt gesiegt zu haben, und zwar 'moralisch'. So geht die Verwirrung in der Partei ungeschmälert 
weiter."

Auch die Entwicklung innerhalb der Gewerkschaftsbewegung wurde vom Büro für Sozialpolitik aufmerksam verfolgt. So habe "der angesehendste Führer der freien Gewerkschaften (...) in kleinem Kreise" über die Linken in der SPD gesagt: "Mit Idioten könne man keine Politik machen."
Vorlage Hauptstaatsarchiv Stuttgart M77/1 Bü 435

Dabei kritisierte das Büro in seinem Bericht auch die Reichsregierung. Über die Reaktionen der SPD-Presse zu einer Rede Reichskanzler Bethmann-Hollwegs wird resümiert: "Die Mehrheitspresse wäre mit ihr im wesentlichen einverstanden, wenn sie sich über die Zukunft der inneren Politik deutlicher ausgesprochen hätte. Es ist nicht zu bestreiten, daß die früheren Reden in den sozialdemokratischen Massen große Erwartungen in dieser Hinsicht geweckt haben". Die SPD verlange "jetzt dringend Taten der Neuorientierung, und es machen sich Zweifel bemerkbar, ob der Kanzler die Kraft, ja ob er den unbeugsamen Willen zu solchen Taten habe." Dabei konstatiert das Büro für Sozialpolitik, die Arbeiterschaft habe "nicht ohne Genugtuung beobachtet", wie der Kanzler auch von rechter Seite unter Druck gesetzt worden sei. 

Die Sozialdemokraten wurden auch gelobt - etwa wenn sie Treue zur Monarchie bekundeten: "Ungewöhnlich beachtenswert sind die Ausführungen des Stuttgarter Sozialdemokratischen Blattes zum Regierungsjubiläum König Wilhlems II" (König von Württemberg). Demnach sahen die Redakteure der SPD-Postille in Stuttgart auch keinen
Vorlage Hauptstaatsarchiv Stuttgart M77/1 Bü 435

Unterschied zwischen Monarchie und Demokratie. Genüsslich zitiert das Büro für Sozialpolitik einen Artikel: "Nehmen wir alles in allem, so will uns scheinen, daß unter den gegebenen Verhältnissen garnichts geändert würde, wenn morgen in Württemberg an die Stelle der Monarchie die Republik treten würde." Beruhigt konnte das Büro für Sozialpolitik mitteilen: "Diese Äußerung des führenden württembergischen Arbeiterblattes gibt die innere Haltung offenherzig wieder, die in Deutschland ziemlich die ganze sozialdemokratische Arbeiterschaft der Monarchie gegenüber hat." 



Starben rechte Sozialdemokraten an der Front den 'Heldentod' vermeldete das Büro dies unter der Überschrift: "Verluste der Mehrheit"Zeichneten sich Sozialdemokraten oder Gewerkschaftern an der Front aus, so wurde dies ebenso für berichtenswert erachtet...: 

Vorlage Hauptstaatsarchiv Stuttgart M77/1 Bü 435



(1) Jörn Leonhard, Die Büchse der Pandora, Beck 2014, S. 383
(2) Rezensionsjournal für die Geschichtswissenschaften: http://www.sehepunkte.de/2006/11/10070.html
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Erhard_Deutelmoser
(4) http://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht/?PPN=PPN71981930X 
(5) http://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht/?PPN=PPN71981930X&PHYSID=PHYS_0007&USE=800
(6) https://de.wikipedia.org/wiki/Institut_f%C3%BCr_Gemeinwohl

 


Mittwoch, 27. August 2014

Le Cateau 1914: Der Krieg kommt zu meiner Großmutter


Am 26. August 1914 kam es rund um das nordfranzösische Städtchen Le Cateau zu erbitterten Kämpfen zwischen britischen und deutschen Einheiten. Etwa 25 000 Soldaten fielen, wurden verwundet oder vermisst. Meine Großmutter war damals ein 14-jähriges Mädchen und lebte im kleinen Dorf St. Benin, nur wenige Kilometer von Le Cateau entfernt. Sie erlebte diesen schrecklichen Tag in ihrem Dorf. 

mehr unter: www.1913familienalbum.blogspot.de

Montag, 25. August 2014

Erster Weltkrieg – Medienkrieg Teil V - ‚Neue Medien’



Die rasante technische Entwicklung im 19. Jahrhundert veränderte auch die Kriegsführung. So war der Amerikanischer Bürgerkrieg (1861-1865) ein Konflikt zwischen den industrialisierten Nord- und agrarischen Südstaaten. Die Fronten erstreckten sich über tausende von Meilen und die Befehlsketten waren lang und zeitraubend. Nur durch das ausgedehnte Eisenbahnnetz und den Einsatz des Telegraphen war die Leitung umfassender Operationen möglich. Zwar hatte es schon zu Napoleons Zeiten Methoden zur optischen Nachrichtenübermittlung gegeben, aber erst neue Kommunikationstechnologien revolutionierten im Ersten Weltkrieg die Kriegsführung. Die Epoche des Feldherrnhügels war endgültg Vergangenheit.  

Funk

 

Zwar benutzten alle Armeen im Ersten Weltkrieg immer noch klassische Mittel zur Übermittlung von Nachrichten: Brieftauben, Hunde, Meldegänger oder Leuchtraketen. Der Stellungskrieg änderte dies aber, das Feldtelefon wurde entscheidend: "1917 soll das deutsche Feld-Fernsprechnetz eine Ausdehnung von 920 000 Kilometern besessen haben." (1) Die Sprachübertragung per Funk steckte im Reich noch in den militärischen Kinderschuhen.  
Telefonzentrale, Bundesarchiv, Bild 146-1987-079-03
Zur Aufklärung eingesetzte Flugzeuge, Fesselballons und Luftschiffe wurden mit Kameras, und Morse-Funkanlagen ausgestattet. (2) Sie machten die Kavallerie als klassisches Mittel militärischer Aufklärung überflüssig. Kolonialreiche und auf den Weltmeeren operierende Kriegsschiffe waren nur per Funk zu dirigieren. Rückblickend betonte der Rundfunkpionier Hans Bredow, ein so verstreutes Weltreich wie Wilhelms Kaiserreich sei „auf die Dauer nur durch ein schnelles Nachrichtennetz möglich“ gewesen. (3)

Bereits 1899 gründete die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft (AEG) eine eigene Funkabteilung, gefördert durch Aufträge der kaiserlichen Marine. Auf Druck der Militärs beschlossen AEG und Siemens die Gründung der gemeinsamen Telefunken AG. Damit wollte man den technischen Vorsprung anglo-amerikanischer Unternehmen, wie der Marconi Company aufholen. Ihr war es 1902 gelungen, erstmals eine Funkverbindung zwischen den USA und Großbritannien herzustellen. Fünf Jahre später nahm dann Telefunken ihren internationalen Funkbetrieb für die Seeschifffahrt auf. 

„Industrie und Militär waren bereits im Ersten Weltkrieg im Bereich der Funkentwicklung eine enge Verbindung eingegangen“ schreibt Bredow. (4) Nach Kriegsbeginn übernahmen im Sommer 1914 die Militärs die privaten Funkstellen. Bei der Telefunken waren das mehr als 500 in- und ausländische Seefunkstationen sowie etwa 300 Sendeanlagen für die Verbreitung über Land. Die deutschen Kolonien hatten Funkstationen, über die die Kriegsschiffe ihre Befehle aus Berlin erhielten. Deshalb bemühte sich die Entente umgehend, die deutschen Kolonien in Afrika und im Pazifik zu erobern. Neben der Nachrichtenübermittlung per Funk mittels Morsezeichen, hatte man in Deutschland bereits vor dem Krieg Versuche mit Sprachübertragung gemacht. 

Funkwagen, Bundesarchiv, Bild 146-1987-019-27


Die für den Empfang nötigen Radioröhren standen aber erst im zweiten Kriegsjahr zur Verfügung. Auf Seiten der Entente konnten ab 1917 die britischen Bataillone auch per Sprechfunk Befehle erhalten, was ihre Aktionsfähigkeit erhöhte. (5)

Neben militärischen Gründen verfolgte Regierung und Militärs mit dem Funk auch propagandistische Absichten. Sofort nach Kriegsbeginn hatte die britische Marine die deutschen Interkontinental-Kabel nach Amerika gekappt. 


Man konnte nur noch über Radiosender wie Nauen, Eilvese und Norddeich etwa die neutralen USA erreichen. Dies nutzte das Auswärtigen Amt für seinen Pressedienst und auch „Wolff´s Telegraphenbureau“ vesendete per Funk seinen "drahtlosen Kriegsnachrichtendienst“. (6) 

In der „Hauptfunkstelle Königswusterhausen“ bei Berlin experimentierte während des Krieges Hans Bredow mit Radiosendungen. So wurde täglich der Heeresbericht der OHL an die Frontfunkstellen gesendet, es gab 1917 dann versuchweise Musikprogramme und Lesungen. (7) Privatleute konnten die Sendungen nicht hören, es gab noch keine geeigneten Empfangsgeräte auf dem Markt. Um auch die Heimat mit ‚Hörerlebnissen’ vom Krieg zu versorgen, produzierten Plattenfirmen ab August 1914 'Hörspiele', so über die Eroberung der belgischen Stadt Lüttich. (8)  

Wie rasant die Entwicklung der militärischen Funktechnik verlief zeigt das Wachstum des dafür zuständigen Truppenteils: Im August 1914 gehörten etwa 26 000 Soldaten und Offiziere der „Telegraphentruppe“ an. 

Bundesarchiv, Bild 156-1970-009-59
Bei Kriegsende waren mehr als 190 000 Mann bei der „Nachrichtentruppe“. (9) Ihre Aufgabe bestand dabei auch in der Überwachung des feindlichen Funkverkehrs. Darauf basierte etwa der deutsche Sieg Ende August 1914 bei Tannenberg. DIe russichen Funker sendeten mangels ausreichender Ausbildung ihre Funksprüche unverschlüsselt. Überall versuchten Militärs feindliche Telefonleitungen anzuzapfen oder deren Artilleriestellungen über Richtmikrofone zu orten. 





 

 

Fotografie

 

Die Mitte des 19. Jahrhunderts erfundene Fotografie, hatte sich bis 1914 zu einem Massenphänomen entwickelt. Zwar waren bei Kriegsbeginn viele Fotoapparate unförmige große Kästen, die  bis zu 15 Kilo wogen und damit an der Front im Schützengraben kaum eingesetzt werden konnten. Außerdem waren die Belichtungszeiten von mindestens einer Sekunde für die Aufnahme schneller Bewegungen zu lang. Allerdings besaßen damals schon viele Privatleute kleine Fotoapparate, mit dem Kriegsbeginn stiegen die Verkaufszahlen sprunghaft an. (9a) Viele Soldaten nahmen sie 1914 mit an die Front. (10) In den USA gab es seit 1888 die ersten Rollfilm-Kameras von Kodak, in Deutschland hatte die AGFA um die Jahrhundertwende mit der Produktion von Rollfilmen begonnen. (10 a) Viele der kleinen Fotoapparate benutzten aber noch kleine Belichtungsplatten. Dieses teure Hobby konnten sich aber nur Wohlhabende leisten – also hauptsächlich Offiziere. Aus diesem Grund zeigen viele Aufnahmen das Leben in der Etappe. So sieht man auf einigen Fotos im französischen Hinterland den Meldegänger Adolf Hitler gemeinsam mit Kameraden. (11) Auch gelangen historisch wertvolle Aufnahmen, wie etwa Weihnachten 1914 von der britisch-deutschen Verbrüderung im Niemandsland zwischen den Schützengräben. Einige dieser Fotos erschienen später sogar in britischen Zeitungen, auch deutsche Blätter berichteten darüber - bis die Zensur einschritt. (12) Im Jahr 1915 machte ein im osmanischen Reich eingesetzter deutscher Sanitätssoldat Aufnahmen von den Todesmärschen armenischer Frauen und Kinder, die zur Vernichtung in die syrische Wüste getrieben wurden. Sie waren im Kaiserreich tabu und wurden erst nach Kriegsende bekannt.  

In der Obersten Heeresleitung erkannte man frühzeitig, wie wichtig professionelle Fotografen für die Propaganda waren. Oberst Walter Nicolai, Chef des Geheimdienstes schrieb nach dem Krieg: „Die Heimat wollte (...) vom Leben und Erleben der Truppe im Felde wissen. Dies zu schildern war Aufgabe der Kriegsberichterstatter.“ (13) Zwar produzierten immer noch Kriegsmaler ihre Heldenbilder, aber „der Umfang der Schlachthandlung schloß (...) eine Darstellung ganzer Schlachten durch das Bild aus und beschränkte sich auf die Wiedergabe einzelner Szenen.“ Deshalb ließ Nicolai an der Ost- und Westfront „Kriegsberichterstatter-Quartiere“ einrichten. Auf deutscher Seite arbeiteten während des Krieges etwa 40 Frontfotografen. (14) Dabei unterlag das militärische Bildmaterial der Vorzensur, die durch die „Leitsätze für die Bildzensur“ geregelt wurden. Der Stuttgarter Fotograf Hans Hildenband war der einzige, der auf deutscher Seite in Farbe fotografierte. Er nutzte dazu dass, von den französischen Brüdern Lumière vor dem Krieg erfundene Verfahren mit autochromen Fotoplatten. (14 a)

Die Geschichte der Fotografie und des Films im Ersten Weltkrieg ist auch und gerade eine Geschichte der Fälschung und der Manipulation. Fachleute gehen heute davon aus, dass fast alle der angeblich authentischen Frontaufnahmen gestellt wurden. (15) 

Reproduktion von Mikroform. Original: Württembergische Landesbibliothek, Signatur: I 55
Für die Tageszeitungen bestand ein anderes Problem. Aufgrund der schlechten Papier- und Druckqualität konnten sie nicht mit Fotos arbeiten  Dies war nur den technisch besser ausgestatteten Wochenzeitungen und Illustrierten möglich. Zu Kriegsbeginn erschienen im Deutschen Reich zwanzig Illustrierte und zwölf illustrierte Beilagen von Tageszeitungen. (15a) Deshalb bestanden die Tageszeitungen zumeist aus Bleiwüsten’ und man behalf sich mit Zeichnungen.


Während des Krieges wurden erste Versuche mit Farbfotografie gemacht, allerdings benötigten sie lange Belichtungszeiten und die Objekte durften sich nicht bewegen. Momentaufnahmen vom Kriegsgeschehen waren somit nicht möglich, sie geben aber heute dem Ersten Weltkrieg wieder die Dimension Farbe zurück. Vor allem auf Seiten der Entente experimentierte man damit (16), aber auch deutsche Fotografen machten erste Versuche. (17)

Film


Die Erfindung, bewegte Bilder auf Rollfilm zu bannen, revolutionierte zur Jahrhundertwende das Sehen. Überall entstanden Kinos und es gibt die Geschichte von dem Kinopublikum, das panisch den Saal verließ, als ein Zug auf der Leinwand auf sie zuraste. Die suggestiven Möglichkeiten des neuen Mediums waren damals durchaus bekannt. In den Kinos liefen Wochenschauen, Propagandastreifen und Trickfilme, die zum Kauf von Kriegsanleihen aufriefen. Vor dem Krieg gingen wöchentlich etwa 1,5 Millionen Besucher in die rund 7500 Kinos im Deutschen Reich. Der Marktanteil deutscher Filme in den Spielstätten hatte vor dem Krieg bei weniger als einem Drittel gelegen, den Löwenanteil machten französische Produktionen aus. „Nach Ausbruch des Krieges wurden alle ausländischen (auch die amerikanischen) Filme verboten und das Kriegsministerium erlaubte nur patriotische und moralisch aufbauende Streifen.“ (18) Bereits zu Kriegsbeginn gab es erste Wochenschauen in den Kinos zu sehen: http://www.filmothek.bundesarchiv.de/search?q=&x=1&xf[]=Keywords&xo[]=EQUALS&xv[]=Erster+Weltkrieg Das Einfuhrverbot betraf zuerst Filme aus den Entente-Staaten, ab 1916 wurden alle ausländischen Filme in Deutschland verboten. (19) In den ersten Kriegsmonaten kam eine Flut ‚patriotischer’ Filme in die Lichtspielhäuser: „Auf dem Feld der Ehre“ oder „Wie Max das Eiserne Kreuz erwarb“. Bald sank aber das Publikumsinteresse, man wollte Ablenkung und die private Filmindustrie verlegte sich auf Unterhaltungsfilme. Es ging schließlich auch darum, mit Film an der Kinokasse weiterhin gutes Geld zu verdienen, was Nicolai noch nach dem Krieg ärgerte: “Störend waren die oft vorwiegend geschäftlichen Interessen.“ (20) 

Nachdem Hindenburg und Ludendorff im Sommer 1916 mit der dritten Obersten Heeresleitung (OHL) die Macht im Reich übernommen hatten, versuchte man die Filmproduktion zu zentralisieren. Im November 1916 gründete die Nachrichtenabteilung des Auswärtigen Amtes die „Militärische Film- und Fotostelle“. (21) Ende Januar 1917 vereinigte man dann im Bild- und Filmamt (Bufa) alle militärischen Film- und Presseabteilungen. Ihm unterstanden die Filmpropaganda, die Zensur sowie der nationale und internationale Filmvertrieb

Frontkino, Bundesarchiv, Bild 183-S35293

Von hier aus wurden die 900 Soldatenkinos versorgt und die BUFA ließ von eigenen Kamerateams Propagandafilme drehen und Kopien für die Kinos in einer eigenen Kopieranstalt herstellen.

Anfang Juli 1917 schrieb Ludendorff einen Brief an das Berliner Kriegsministerium, verfasst vom BUFA-Chef, Major Alexander Grau und dem Chef der Militärabteilung des Auswärtigen Amtes, Oberstleutnant Hans von Haeften. Darin wiesen sie auf die „überragende Macht des Bildes und des Films als Aufklärungs- und Beeinflussungsmittel“ hin. Der Feind habe hier bereits einen deutlichen Vorsprung erreicht, lautet ihre Warnung. Das bezog sich auch auf den internationalen Publikumserfolg des im Sommer 1916 gedrehten britischen Dokumentarfilms über die Somme-Offensive. Erst 1917 'antwortete' die deutsche Propaganda mit: „Bei unseren Helden an der Somme“. Beide Filme zeigen Beispiele der Manipultion und einige Aufnahmen tauchen heute noch als vermeintlich dokumentarisch in Fernsehsehndungen auf. Eine der bekanntesten Filmszenen zeigt etwa britische Soldaten, die aus einem Schützengraben zum Angriff steigen. Zwei Soldaten rutschen, anscheinend getroffen zurück, die anderen verschwinden im Nebel. Sehr beeindruckend - aber gestellt! 
Propagandabild, Bundesarchiv, Bild 104-0379

Im Brief an das Kriegsministerium verliehen Ludendorff uns seine Untergebenen dem Medium entscheidenden Einfluss: „Für die fernere Kriegsdauer wird der Film seine gewaltige Bedeutung als politisches wie militärisches Beeinflussungsmittel nicht verlieren.“ (22) Dabei hatte man vor allem die Arbeiter und 'kleinen Leute' im Visier: „Sie galt es von den Beschwernissen des Kriegsalltags abzulenken und zugleich zur weiteren Unterstützung des Krieges zu mobilisieren." (23) So wurden immer mehr Unterhaltungsfilme mit bekannten Leinwandstars gedreht, wie Henny Porten, Asta Nielsen, Paul Wegener und Ernst Lubitsch
Kino im besetzten Charleville, Bundesarchiv, N 1275 Bild 330

Bei Kriegsbeginn gab es im Reich eine Reihe unabhängiger Filmgesellschaften. Im April 1916 gründete sich die Deutsche Lichtbild Gesellschaft e. V. (DLG). Dahinter standen Teile der rheinischen Schwerindustrie, repräsentiert durch den Krupp-Manager Alfred Hugenberg. Die DLG wollte international für „Deutschlands Kultur, Wirtschaft und Fremdenverkehr“ werben. Intern sprach man aber imperailistischen Klartext, so Ludwig Klitzsch, später Geschäftsführer der DLG: „Es muß für uns gelten (...) die Waffen zu schmieden, die uns die Benutzung eines Platzes an der Sonne und Besitzergreifung von Neuland gestatten.“ (24) Die DLG hatte allerdings in Ludendorff einen mächtigen Gegner, er wollte dei verstaatlichte Filmindustrie. Die OHL reagierte verärgert auf die DLG-Gründung einer Balkan-Orient-Film-GmbH mit Büros in Sofia und Istanbul. 

Auch die Deutsche Bank und die mit ihr verbundenen Unternehmen beobachteten die Aktivitäten der DLG mit Misstrauen. Am 18.Dezember1917 wurde im Gebäude des Generalstabs in Berlin die Universum Film AG (UFA) gegründet. Die Deutsche Bank hielt dabei für das Reich Anteile und so wahrte die UFA den Schein eines nichtstaatlichen Unternehmens. Neben der Deutschen Bank beteiligten sich die AEG, die Reedereien Norddeutscher Lloyd und HAPAG sowie Robert Bosch und Henkel von Donnersmarck an den 25 Millionen Mark Gründungskapital. Insgeheim kamen davon 8 Millionen Goldmark vom Staat. Damit konnte sich die UFA zügig ihrer Konkkurrenten entledigen, indem sie sie aufkaufte (Nordisk-Film, Messter-Film, Maxim-, Gloria-, Meinert- und Oliver-Film). Ganz so einfach ließ sich die UFA aber durch die Militärs nicht steuern. Im letzten Kriegsjahr verlegte sich das Unternehmen immer mehr auf Unterhaltungsfilme, während weniger Propagandastreifen gedreht wurden. Ludendorff soll getobt haben, als ihm diese Pläne bekannt wurden. 

Bei der DLG kämpfte man weiter um die Autonomie, doch im Frühjahr 1918 übernahm die UFA den Vertrieb aller DLG-Filme. Für den internationalen Verleih wurde die gemeinsame Auslandsfilm GmbH gegründet. Faktisch entstand damit das angestrebte staatliche Filmmonopol, Die UFA rettete sich vom Kaiserreich in die Weimarer Republik. Als sie 1927 vor dem Bankrott stand - die Kosten für Fritz Langs "Metropolis" hatten sie ruiniert, witterte Hugenberg seine Chance zur Genugtuung. Er übernahm die UFA und gliederte sie seinem Medienkonzern ein. Lange konnte sich der Hitler-Förderer aber nicht freuen, kaum war dieser an der Macht, musste Hugenberg sein Medienimperium an Joseph Goebbels übergeben. 

Fernsehfilme zum Thema Propaganda im Ersten Weltkrieg:

www.youtube.com/watch?v=EBa2urYavi4  Französische Produktion ARTE
  www.youtube.com/watch?v=KyMb6etT5E8 ORF-Film in 3sat 

(1) Gewalt und Präzision, Technik und Wissenschaft im Krieg, Stefan Kaufmann - Neue Züricher Zeitung, 28.6.2014
(2) Jörn Leonhard, Die Büchse der Pandora, Beck Verlag 2014, S. 582
(3) Knut Hickethier, Geschichte des Deutschen Fernsehens, Metzler-Verlag, 1998, S. 16 ff
(4) ebenda
(6) Rundfunk in Deutschland, Band I, dtv, 1980, S. 34 f
(7) Peter Dahl: Radio – Sozialgeschichte des Rundfunks, rororo, 1983, S. 13 sowie Dahl: Arbeitersender und Volksempfänger, Syndikat, 1978, S. 14
(8) „Fastnacht der Hölle – der Erste Weltkrieg und die Sinne“ Ausstellung Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart
(9) Siehe Anmerkung 6
(9a) Ernst Pieper, Nacht über Europa, Propyläen, 2013, Seite 209 ff
(10) Die Zeit, Sonderheft Geschichte Erster Weltkrieg, „Bilder als Waffe“, 2014,  S. 63 ff.
(10 a) Siehe Anmerkung 9 a
(11) Thomas Weber, Hitlers erster Krieg, List, 2012, 
(12) Michael Jürgs, Der kleine Frieden im großen Krieg, Goldmann 2005
(13) Walter Nicolai: „Nachrichtenwesen und Aufklärung“ in: „Der Weltkampf um Ehre und Recht“, Hrsg. Generalleutnant Max Schwarte, 1921
(14) siehe Anmerkung 10
(14 a) Stuttgarter Zeitung, 11. Dezember 2014: "Der Weltenbrand in Farbe"
(15) siehe Anmerkung 10
(15a) Pieper, a.a.O. S. 210
(16) Aufnahmen siehe Hew Strachan, Der Erste Weltkrieg, C. Bertelsmann, 2003
(17) Siehe Anmerkung 8
(18) David Stevenson, Der Erste Weltkrieg, 2006 Artemis Verlag, S. 335
(19) http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt00/0004prok.htm, Luisenstädtischer Bildungsverein e.V. Berlin; 1991; Kurt Laser: Zentrum der Filmpropaganda
(20) siehe Anmerkung 13
(21) https://de.wikipedia.org/wiki/Bild-_und_Filmamt
(23) Oliver Janz, Der große Krieg, Campus, 2013, S. 229
(24) siehe Anmerkung 19

Sonntag, 17. August 2014

"Downton Abbey" - "Parade´s End" - Daily Soap gegen TV-Ereignis



Kürzlich vermeldete ein Online-Mediendienst, das ZDF werde die dritte Staffel von "Downton Abbey" während der Weihnachtszeit nur am Nachmittag ausstrahlen. Die Serie über eine britische Adelsfamilie und ihre Bediensteten zu Beginn des 20. Jahrhunderts soll dann nur Sonnabends um 13.35 Uhr laufen. Der Grund für diese Entscheidung habe an der schwachen Zuschauerresonanz der ersten beiden Staffeln gelegen, die Abends ausgestrahlt wurden. 

Die erste Staffel von "Downton Abbey" wurde 2010 für den britischen Privatsender ITV produziert und man merkt das der Serie leider auch an. An der Ausstattung wurde nicht gespart und die Schauspieler mühen sich, ihren blassen Figuren eigene Persönlichkeit zu geben. Die Qualität der Drehbücher kommt jedoch über eine genormten Soap-Opera nicht hinaus. Jede der knapp einstündigen Folgen versucht mit kurzen Spannungsbögen, mehreren Erzählsträngen und genormter Charaktere die Zuschauer zu halten. Mit dieser Methode arbeiten alle TV-Serien und das hat aus "Downton Abbey" nicht das erhoffte Fernsehereignis gemacht. Die Drehbücher wirken, wie mit der 'heißen Nadel' gestrickt. Beispiel: Kaum ist die Braut des gelähmt von der Front heimgekehrten Helden an der spanischen Grippe gestorben, kann er bald wieder laufen. Eben noch vom Verlust am Boden zerstört, wendet er sich bald wieder seiner alten Liebe zu. Die britische Geschichte zwischen 1912 und 1920 liefert nur die Kulisse für das altbekannte Soap-Genre. Differenzierte Figuren und abgründige Persönlichkeiten sucht man vergebens - Gute sind Gut und alle irgendwie tolerant. Sogar Maggie Smith bleibt mit ihrer Rolle als verschrobene Anhängerin des alten Adels letzlich immer liebenswert. Vielleicht sind diese Mängel eine Grund dafür, dass die Serie bei den Zuschauern nicht so besonders ankam. 

Allerdings muss ich zugeben, mit "Downton Abbey" ist es wie mit Fast-Food, man wird zwar nicht gut ernährt - fühlt sich aber für kurze Zeit gesättigt. Die Serie ist kurzweilig, berührt aber nicht...


"Upstairs-Downstairs" - "Das Haus am Eaton Place"


Die Macher von "Downton Abbey" haben sich ziemlich schamlos bei einem berühmten Vorgänger bedient, der Mitte der 1970er Jahre von der BBC produzierten Serie "Upstairs-Downstairs" ("Das Haus am Eaton Place"). Das ZDF zeigte 52 der 68 Folgen über das Leben der Adeligen und ihrer Bediensteten im Londoner Nobelviertel zwischen 1903-1930. Die Ehefrau des Hauptdarstellers geht mit der 'Titanic' unter und die Frau seines Sohnes stirbt an der spanischen Grippe. Bei "Downton Abbey" geht der Erbe des Adelsstitels in der ersten Folge auch mit diesem Schiff unter und die Braut des Kriegshelden stirbt an der Grippe. Die BBC-Serie nahm sich viel Zeit für Milieusschilderung und die brillianten Dialoge bieten Einblicke in die Denkvorstellungen dieser Epoche. Der in Ritualen und Stilfragen erstarrte britischen Adel hatte sein Gegenstück in den durch ihre Etikette verkrampften Dienstboten im Keller. "Das Haus am Eaton-Place" war bester Unterricht in Sozialgeschichte, daran haben die Macher von "Downton Abbey" aber kein Interesse.


"Parade´s end" - "Der letzte Gentleman"

Vielleicht könnte man heute mit der langatmigen Erzählweise des "Eaton Place" keinen Zuschauer mehr hinter dem PC hervorlocken - wirkt schon manchmal etwas betulich und statisch. Die BBC präsentierte aber 2012 in Koproduktion mit dem US-Abokanal HBO (Home Box Office), wie man das Thema modern inszenieren kann. "Parade´s End" lief bei BBC One und wurde letztes Jahr auf ARTE gezeigt. Die sechsteilige Miniserie hat Tom Stoppard geschrieben, er war für das Drehbuch von "Shakespeare in love" verantwortlich. Benedict Cumberbatch gelingt die grandiose Verkörperung des zwischen Dünkel und Trauer über den Niedergang der britischen Oberschicht lavierenden Christopher Tietjens. Er lässt sich von einer Lebedame ein Kind anhängen, verstößt sich zwar nicht, straft sie aber durch seinen Dünkel des britischen Gentleman. Er nervt sie darüber hinaus unendlich mit seinen Marotten - Wer will schon mit einem Mann frühstücken, der dabei die 'Encyclopaedia Britannica' auf Fehler durchsucht? Die Serie ist bei aller Ernsthaftigkeit voll schräger Enfälle und Gags und erinnert manchmal an Monty Python.

Nicht nur die vielschichtigen Charaktere und die geschliffenen Dialoge überzeugen. Die bizarren Persönlichkeiten berühren durch ihre gleichzeitige Einsamkeit. Die anspruchsvolle Regie, sowie Kamera und Schnitt geben der sechsteiligen Mini-Serie Spannung und Eleganz. Und sogar das Happy-End gelingt Stoppard auf eine ganz besondere Art. Er lässt den Helden nicht etwa desillusioniert im Schützengraben den Tod suchen. Christopher kehrt geläutert zurück und weiß jetzt, wie anachronistisch die Rituale seiner Klasse sind. Symbolisch verbrennt er das Holz des Baums, der Jahrhunderte lang vor dem Familienbesitz stand, im Kamin seiner Londoner Wohnung. Er beginnt ein neues Leben mit seiner wahren Liebe. Und seine Ex-Frau? Beim Ausritt mit dem einstigen Vorgesetzen und Onkel ihres Mannes fragt sie: "Wenn ich mich von Christopher scheiden lasse - Heiraten sie mich?" Der alte Mann fällt fast vom Pferd...shocking! 

Leider gilt für alle drei Serien: Deutsche Produktionen dieser Qualität gab und gibt es bei uns nicht - weder bei ARD und ZDF und schon gar nicht bei den Kommerzsendern.

Einspruch! "Rote Erde" , "Die Unverbesserlichen", "Theodor Chindler"  "Tadellöser und Wolff", "Die Bertinis" und: "Heimat" - Aber leider alles so lange her...  

 

Mittwoch, 13. August 2014

"A hard days night" - Danke Bayerischer Rundfunk!


Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen: Ich lobe den Bayerischen Rundfunk für sein Programm! Am 12. August strahlte das "Bayerische Fernsehen" um 22 Uhr den Beatles-Film: "A hard days night" aus. Diese 1964 in schwarz-weiß gedrehte Produktion des Regisseurs Richard Lester hat auch ein halbes Jahrhundert nach der Premiere nichts an Dynamik, Witz und Schwung verloren. Anno 1964 - dem Gründungsjahr des BR-Dritten hätten sich die Verantwortlichen allerdings eher entleibt und wären in die Isar gegangen, als so etwas 'Kulturoses' zu senden - So ändern sich die Zeiten....

Lesters Film begleitet die Beatles - vermeintlich dokumentarisch - auf einer Tournee. Neben ungestellten Aufnahmen der kreischenden Fans, gibt es viel Platz für skurrile Gags und Situationskomik. Der Film brilliert heute noch mit seiner Geschwindigkeit, rasanten Schnitten und Montagen sowie überraschenden Perspektiven. Niemals ist es einem deutschen Regisseur nach 1945 gelungen, eine ähnlichen Film bei uns auf eine Leinwand zu bringen. Und musikalisch reichte das 'Spektrum' in der Adenauer-Ära nur von Goebbels Alt-Ufa-Stars wie Marika Rökk über Schnulzensänger wie Freddy Quinn und Ronny bis zum Rock and Roll-Imitator Peter Kraus....

In "A hard days night" ließ Lester viel Platz für schräge Einfälle: In der Fernsehkantine warten die Beatles auf ihren Auftritt, neben ihnen sitzt ein Komparse in der Uniform der Nazi-Wehrmacht, den Arm in einer Schlinge voller Kunstblut. Er nimmt die Ketchup-Flasche, um sein Essen zu würzen, stutzt, schaut auf seinen Verband und kippt dann Tomatensauce darauf - einfach Genial! Man fühlt sich an Monty-Python erinnert - aber diese Truppe gründete sich erst 1969.

Und was bedeutet der Film für mich? Weiter www.1913familienalbum.blogspot.de