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Medienfresser

Samstag, 27. Juli 2019

"They shall not grow old" Bewegende Dokumentation über den Ersten Weltkrieg


Mitte Juli 2019 kam ein besonderer Dokumentarfilm in deutsche Kinos: "They shall not grow old". (trailer link unten) Der neuseeländische Regisseur Peter Jackson (Herr der Ringe) hat darin Dokumentarfilme aus dem ersten Weltkrieg bearbeiten und kolorieren lassen und mit Interviews britscher Veteranen vertont. Aufsehen erregte die Qualität der nachbearbeiteten Filme aus den Beständen des Imperial War Museums in London. Mittels aufwändiger Technik ist es Jackson gelungen, dass die Filmausschnitt wirken, als wären sie aktuell. Fachleute für Lippenlesen sprachen die Stimmen der Soldaten in den Filmszenen nach.

Das eigentlich faszinierende an dem Film, das dem Geschehen die Nähe verleiht, sind für mich nicht so sehr die restaurierten Bilder. Jackson nutzte alte Tonaufnahmen mit britischen Veteranen aus dem Archiv des Kriegsmuseums in London. Sie geben dem Film das authentische und die emotionale Tiefe. Wahrscheinlich stammen die Interviews aus den 1960er Jahren, damals produzierte die BBC eine 26 Folgen umfassende Dokumentarserie: "The great war" Die 1964 ausgestrahlte Serie, die auch im deutschen Fernsehen lief - kann heute noch auf youtube abgerufen werden (link unten) - hier sieht man Interviews mit britischen Kriegsteilnehmern über die ersten Kriegsmonate. Letztlich dürfte die Serie Jackson ästhetisch wie dramaturgisch inspiriert haben. 

Inhaltlich schildert er die erste Begeisterung der britischen Freiwilligen, junge Männer von 16-19  Jahren, die im August 1914 die Rekrutierungsbüros der Army überrannten. Bis 1916 gab es keine Wehrpflicht in Großbritannien. Die Interviews mit den Veteranen spiegeln auch die Abenteuerlust der jungen Männer wider. Zuvor hatte die britische Berufsarmee nur Erfahrungen in Kolonialkriegen (Burenkrieg) gegen unterlegene Gegner gesammelt. Die Zerstörungskraft moderner Maschinengewehre und der Artillerie wurde bei allen Kriegsparteien sträflich unterschätzt - was zu den brutalen Verlusten in den ersten drei Kriegsmonate auf allen Seiten führte - demgegenüber waren die Opferzahlen in den späteren Materialschlachten zwar hoch, aber auf den Zeitraum bezogen geringer.   

Jacksons Film beschäftigt sich nicht mit dem zu Kriegsbeginn auf das Festland verschiffte britischen Expeditionskorps (BEF), das Mitte August 1914 an die Front in Belgien kam. Das BEF umfasste 5 Divisionen mit Berufssoldaten (4 Infanterie, 1 Kavallerie). In den blutigen Schlachten von Mons in Belgien und Le Cateau in Nordfrankreich, wurde die Truppe im August 1914 dezimiert. https://1913familienalbum.blogspot.com/2014/08/le-cateau-1914-der-krieg-kommt-zu.html Danach beteiligte sie sich am Vorstoß zur Kanalküste, um einen deutschen Umgehungsversuch abzuwehren. Ende 1914 war die BEF ausgebrannt, man konnte die Front nur durch die schnelle Herbeiführung indischer Truppen halten. Auf der anderen Seite standen dagegen mangelhaft ausgebildete und ausgerüstete deutsche Reservedivisionen, die bei den Angriffen in Flandern - Langemarck-Mythos - von den gut ausgebildeten BEF-Soldaten zusammengeschossen wurden. Über diese Vorgeschichte berichtet Jacksons Film nicht - was seinen Wert nicht mindert.

Man merkt es "They shall not grow old" an, dass Peter Jackson ein versierter Spielfilm-Regisseur ist (Herr der Ringe). Sein Dokumentarfilm startet mit schwarz-weiß Aufnahmen im kleinen Bildformat, erst später öffnet sich das Bild auf die volle Größe und wird farbig. Zu Beginn hört man aus dem Off eine gepfiffene Melodie. Erst beim Abspann - daher lohnt es sich den Film bis zum letzten Meter zu sehen - wird daraus der gesungene Text des britischen Soldatenliedes "Mademoiselles of Armentieres". (link unten) Die Dramaturgie des Films läuft auf einen großen Angriff hin und endet mit dem Waffenstillstand
Deutsches Bajonett 1. Weltkrieg
am 11. November 1918. Im Film bekommen die kolorierten Aufnahmen von Gefallenen und Verwundeten eine brutale Wirklichkeit gegenüber den alten schwarz-weiß Aufnahmen, man erkennt Blut, Dreck und Leichenteile - aber auch gefangene Deutsche, die sich von den Briten nur durch die Uniformen unterscheiden. Ein interessanter Aspekt ist die Aussage, es habe während des Krieges deutliche Abneigungen zwischen deutschen Soldaten aus Württemberg oder Bayern gegenüber denen aus Preußen gegeben. So hätten deutsche Soldaten aus dem Südwesten ihre englischen Gegner im Schützengraben vor der Ablösung durch preußische Regimenter gewarnt. 

Deutsches Kamerateam

Bekanntlich gibt es kaum dokumentarische Filmaufnahmen von Kampfhandlungen, das ließen die sperrigen Kameras nicht zu. Die Kampfszenen in Wochenschaufilmen dieser Zeit wurden nachgestellt - das weiß auch Jackson. Daher nutzt er hier Bilder, die Kriegszeichner vom Nahkampf angefertigt haben - propagandistisch voll heroischer Posen. Tief beeindruckende sind aber die Tonaufnahmen der Veteranen. Bei der Schilderung, wie er einen schwer verletzten Kameraden erschießen musste, um ihn von seinem Leid zu erlösen, beginnt der Veteran hörbar zu weinen. Die Erinnerungen lassen die Betroffenen nicht los und ihre Dämonen verfolgen sie ein Leben lang. 

Jacksons Film dürfte auf einer großen Leinwand sicherlich beeindruckend sein, aber die DVD-Version hat Vorteile. Einerseits ist eine britische Untertitelung abrufbar, was das Verständnis des Gesprochenen erleichtert. Dazu kommt das Interview mit dem Regisseur nach der Uraufführung im Londoner Kinosaal, indem er von den Arbeiten am Film und seiner Motivation erzählt. Die BBC hat den 95minütigen Film 2018 ausgestrahlt - in Kinos lief eine 3-D-Version. In Deutschland ist der Film nur wenige Tage im Juli 2019 gelaufen - ob er in das deutsche Fernsehen kommt, ist fraglich - wäre aber wünschenswert. Auf jeden Fall ist "They shall not grow old" ein fesselnder und berührender Dokumentarfilm, der auch zeigt, weshalb der 1. Weltkrieg in Großbritannien bis heute stärker im Gedächtnis ist als der 2. Weltkrieg.Zwischen 1914-1918 starben mehr Soldaten des britischen Empires als zwischen 1939-1945.


Filmtrailer Trailer auf Youtube:
https://www.youtube.com/watch?v=YPlXlshA0Zc
Song "Mademoiselles of Armentieres: 
https://www.youtube.com/watch?v=z9mCN9eeYXM
BBC Serie "the great war" 1964:  Youtube eingeben: The great war


Buchtipps: 
Frederic Manning: 1930 in England "Her privates We", Deutsch 1966 "Soldat Nr 19022" Wunderlich-Verlag
Ben Macintyre: "Ein Dorf in der Picardie" 
Timothy Findley "Der Krieg und die Kröte" Fischer Taschenbuch 1980
Pat Barker: "Niemandsland", Hanser Verlag 1997
Sebastian Faulks: "Gesang vom großen Feuer" Schöffling Verlag 1997
Joseph Boyden: "Der lange Weg" Knaus 2005
Ronald Skirth: "Soldat wider Willen" Rowohlt 
 

Eingestellt von Philippe Ressing um 13:14 Keine Kommentare:

Sonntag, 14. Juli 2019

DAB: Landtag Niedersachsen fordert einstimmig das Aus



Am 19. Juni 2019 hat der niedersächsische Landtag in Hannover einem Antrag zugestimmt, der die Landesregierung auffordert, die Finanzierung des digitalen Radiostandards DAB+ aus der Rundfunkabgabe zu beenden. Darüber hinaus solle sich die Landesregierung (SPD-CDU) gegen die Einstellung der UKW-Verbreitung aussprechen und gemeinsam mit den anderen Bundesländern ein abgestimmtes Konzept für die "digitale Radiozukunft" erarbeiten. Interessant an diesem Beschluss ist, dass alle Fraktionen des Landtages, also nicht nur die Opposition von AfD, Grünen und FDP dafür votierten, sondern auch die Regierungsfraktionen von SPD und CDU. Auslöser des Antrages war die vom Landesrechnungshof Niedersachsen im August 2018 in einem Bericht geforderte Beendigung des DAB+ Projektes. Die oppositionelle FDP hatte daraufhin einen Antrag im Landtag eingebracht, der im Ausschuss für Rechts- und Verfassungsfragen diskutiert und dann in geänderter Form einstimmig an den Landtag weitergeleitet worden war.

Im jetzt einstimmig verabschiedeten Antrag wird darauf hingewiesen, dass seit mehr als 20 Jahren Mittel der öffentlich-rechtlichen Rundfunkgebühren in DAB+ geflossen seien: "ohne dass sich  das digital-terrestrische Radio bislang am Markt nachhaltig etablieren konnte." Dagegen würden Hörer zunehmend digitale Programme über das mobile oder stationäre Internet nutzen. "Dennoch sind durch das Festhalten an DAB+ alle Hörfunk-Anbieter gezwungen, in eine Technologie zu investieren, die nur für den Übergang dient."

Die Debatte am 19. Juni im Landtag zeigte Einigkeit der Fraktionen darin, dass DAB+ am Markt gescheitert und darüber hinaus nicht mehr zukunftsfähig sei.  Deshalb müsse man sich "von der Förderung von DAB+ über die Rundfunkbeiträge verabschieden", sagte für die FDP Stefan Birkner.* Für seine Fraktion ist DAB+ eine "teure Übergangstechnologie (...) die nicht zielführend ist." Die FDP plädiert daher für einen Aufbau "zukunftsoffener Technologien, wie z.B dem 5G Standard." 

Der SPD-Sprecher Alexander Saipa betonte: "dass hierzulande Radio von den Menschen überwiegend über UKW gehört wird." Außerdem habe sich DAB+ als nicht mehr ganz moderne Technik" bei den Verbrauchern nicht durchsetzen können. Nur 6% der Hörer würden vorwiegend über DAB Radioprogramme empfangen, 70% dagegen über UKW-Geräte."Ich finde, diese Zahlen können wir nicht ignorieren", meinte Saipa für seine Fraktion.

Der AfD-Vertreter, Christopher Emden, nutzte die Debatte, wie bei seiner Partei üblich, zum Generalangriff auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und seine Finanzierung. "Die Diskussion zeigt, wohin Rundfunkbeiträge führen können.(...) das zeigt wieder einmal, dass die Situation bei den Rundfunkbeiträgen heutzutage marktwirtschaftlich überhaupt nicht vertretbar (...) und für niemanden aufseiten der Zuhörer mehr akzeptabel sein kann." Er wandte sich gegen den "Rundfunkbeitragswahn". (zum Verhältnis AfD und öffentlich-rechtlicher Rundfunk siehe auch: https://medienfresser.blogspot.com/2017/05/afd-kulturzerstorer.html

Christian Meyer von den Grünen wies darauf hin, dass nach der Abstellung der UKW-Verbreitung in Norwegen die Radionortzung dort eingebrochen sei. Dort überlege man jetzt, zu UKW zurückzukehren. Die Gelder für DAB+ seien in Qualitätsjournalismus, Recherche und Vielfalt "deutlich besser angelegt." 

Für die CDU machte es Clemens Lammerskitten kurz, für seine Fraktion seien: "UKW und DAB+ (...) Übergangslösungen", dagegen brächten Internet und Mobilfunk mit G5-Technik ein "zukunftsträchtiges Radio."


...und was folgt aus dem Landtagsbeschluss?

 

Seltsamerweise blieb die öffentliche Resonanz auf den eintimmigen Beschluss der Landtagsfraktionen in Niedersachsen überschaubar. "Offen gestanden verstehe ich das auch nicht so ganz", sagte am 3. Juli in Hannover der für Medienfragen zuständige Chef der Staatskanzlei, Dr. Jörg Mielke auf Nachfrage. Er räumte allerdings ein: "Die unmittelbaren Folgen sind überschaubar", da letztlich die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) den Geldbedarf der Öffentlich-Rechtlichen prüfe und nicht der Landtag. "Zum Thema DAB+ wird die niedersächsische Landesregierung im Rahmen der nächsten Sitzungen von Rundfunkkommission und Minsterpräsidentekonferenz aktiv werden" kündigte Mielke weiter an - aber: "Von Niedersachsen ausgehend, wird es kein medienpolitisches Beben geben."  Die Kritik teilt Dr. Mielke: "DAB+ ist eine überholte Technik, die sich am Markt nicht durchgesetzt hat, eine Technik von Vorgestern, die mit Geldern von heute finanziert wird. Man darf aber schlechtem Geld nicht Gutes hinterherwerfen." Eine Abschaltung der UKW-Verbreitung sei nicht bürgerfreundlich, allerdings würden die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten  selbstständig über ihre technischen Investitionen entscheiden. Man werde jetzt mit dem Norddeutschen Rundfunk über die Sachlage sprechen. Vorrangig geht es der Landesregierung dabei um die anstehende Änderung des NDR-Staatsvertrages - DAB+ sei da nur ein Thema, betonte der Chef der Staatskanzlei. 

Ob die geplante Änderung des Rundfunkfinanzierungs-Staatsvertrages bis zum Jahresende unter Dach und Fach kommt, ist man sich anscheinend in Hannover nicht sicher. So ist man wohl beim geplanten Index-Modell zur Rundfunkabgabe weit gekommen, aber immer noch stellen sich die Bundesländer mit FDP-Regierungsbeteiligung noch quer. Faktisch wird es erst im Herbst, nach den Landtagswahlen in den Ost-Bundesländern, eine Entscheidung geben. Gelingt die Reform nicht bis Jahresende, dürfte das Thema Neuorganisation der Rundfunkabgabe insgesamt vom Tisch sein - angesichts dieser Probleme ist DAB+ für die Politiker nur ein Nebenschauplatz. 

....Krokodilstränen der Privaten - was will, die ARD?


Der Verband Privtater Medien VAUNET begrüßte den Beschluss des Landtages in Hannover als "richtungsweisend", so ihr Sprecher Klaus Schunk, Chef des Privatsenders Radio Regenbogen in Mannheim. Gegenüber dem Online-Dienst Meedia meinte Schunk optimistisch, der Beschluss werde über die Landesgrenzen hinaus Wirkung zeigen. Für ihn ist klar, DAB+ hat sich trotz langjähriger Werbekampagnen nicht durchgesetzt und liegt weit hinter den Möglichkeiten digitaler Verbreitung. Gegenüber dem Online-Mediendienst DWDL sagte Schunk, Radioprogramme müssten Individuell für einzelne Nutzer adressiert werden und unmittelbare Interaktivität sowie die Einbindung von Videos ermöglichen. Es geht also um die Vermarktung der Online-Radionutzung zu Werbezwecken. Mittels 'Targeting' wird jeder Onliner mit seiner individuellen Internetnutzung ausgewertet, um ihm dann speziell zugeschnittene Werbung auf der angeklickten Internetseite einzublenden. Das kann DAB+ nicht, denn die Technik verfügt über keinen Rückkanal. Die Privatradios setzen vermehrt auf die mobile Radionutzung per Smartphone und anderer Online-Empfangsgeräte, denn die Werbeindustrie sieht dort große Chancen. 

Allerdings waren die kommerziellen Radioveranstalter nicht immer so Ablehnend gegenüber DAB+ hoffte man doch so zusätzliche Programme starten zu können. Die Begrenzung der UKW-Frequenzen setzt der Entwicklung des Kommerzfunks enge Grenzen, das versprach DAB und DAB+ zu beenden. Allerdings gefiel das nicht allen Privatfunkern, denn es drohte zunehmend Konkurrenz um den Hörer- und Werbemarkt. Mit der Entwicklung des schnellen Internets bot sich die Chance auf Online-Senderfamilien - Problem nur war der mobile Empfang. Durch den schnellen Ausbau des mobilen Internets scheinen diese Grenzen für Radio per mobilem Internet behoben. Jedoch noch im Oktober 2016 hatten die Privatfunker eine jährliche Subventionierung von 25 Mio Euro für die DAB-Verbreitung gefordert. Sie konnten und wollten die Kosten für die für auf Jahre nötige gleichzeitige Verbreitung ihrer Programme über UKW und DAB+ (multicast) nicht tragen. Daher forderte der VPRT - heute VAUNET - noch im Dezember 2016 eine DAB-Förderung in Höhe der Öffentlich-Rechtlichen Ausgaben -  500 Mio Euro für zehn Jahre. Jetzt scheint davon mehr die Rede zu sein - Online und 5 G lautet das Zauberwort. Dabei wissen die Radiomacher, der Ausbau des neuen Mobilfunknetzes wird lange dauern und vor allem Privatkunden werden 5 G wohl nur erst in Ballungsräumen nutzen können. Landesweite Radioprogramme werden auch weiterhin auf UKW und/oder DAB+ angewiesen sein. Sollten die Kommerziellen Veranstalter von den Kosten für die technische Verbreitung befreit werden - etwa durch Finanzierung aus der Rundfunkabgabe - dürfte das ihre Kritik am Digitalradiostandard wohl besänftigen.

...und nun? 


Es ist zu befürchten, dass es auf absehbare Zeit keine Einstellung des gescheiterten DAB+ geben wird. Die ARD will mit dem DAB+ Standard die Verbreitungskosten senken, das Sendernetz ist mittlerweile fast flächendeckend ausgebaut. https://medienfresser.blogspot.com/2017/03/dobrindts-digitalradio-roadmap-irgendwo.html Die ARD rechnet mit einer Kostensenkung beim Umstieg von UKW auf DAB+ von 20-40% für die technische Verbreitung. Bespiel Bayern: Die 40 UKW-Sender verbrauchen 116 Kilowatt Strom - bei 60 DAB+ Sendern wären es nur 22,4 KW. Würde man jetzt DAB+ einstellen, müsste in die UKW-Technik wieder investiert werden. Dazu kommt, dass in den Ost-Ländern die UKW-Anlagen privatisiert wurden, was vor allem dem Deutschlandradio und seinen Programmen, aber auch NDR und RBB Probleme machen dürfte. Dort werden ihre UKW-Programme über die Privatanbieter verbreitet. https://medienfresser.blogspot.com/2018/06/ab-juni-2018-ukw-freie-zone-im-osten.html 
Wahrscheinlich werden die ARD-Anstalten weiterhin auf DAB+ setzen, denn die meisten ihrer Radioprogramme sind werbefrei - Tendenz zunehmend, siehe WDR-Änderung. Die Privaten setzen zwar zunehmend auf die mobile Radionutzung per Mobilfunk, ermöglicht sie doch  zielgenaue Werbung und erreicht vor allem jüngere Hörer. Gleichzeitig bleibt für Komerzielle wie die ARD aber UKW auf absehbare Zeit unersetzbar. 

Siehe auch:
https://medienfresser.blogspot.com/2018/08/rechnungshof-dab-lieber-ein-ende-mit.html 
https://medienfresser.blogspot.com/2018/05/digitalradio-dab-mit-ruckenwind-in-den.html 
https://medienfresser.blogspot.com/2016/12/digitalradio-privatsender-wollen-500.html 
https://medienfresser.blogspot.com/2016/07/digitalradio-wird-dab-vom-internet.html 
https://medienfresser.blogspot.com/2016/03/digitalradio-muder-applaus.html 
https://medienfresser.blogspot.com/2015/11/dab-wachst-sich-tot.html 
https://medienfresser.blogspot.com/2014/03/kef-macht-druck-beim-dab-digitalradio.html 
https://medienfresser.blogspot.com/2013/09/digitalradio-dab-weitere-subventionen.html 









* Zitate der Debatt, Landtagsprotokoll 51. Plenarsitzung.
Eingestellt von Philippe Ressing um 10:54 Keine Kommentare:

Mittwoch, 10. Juli 2019

Griechenland Wahlen: Alles klar?



"Schlappe für Tsipras – Konservative gewinnen Parlamentswahl" (WELT), "Deutliche Niederlage für Tsipras" (FAZ), "Linke Abgewählt" (Focus), "Konservative Wende in Athen" (taz)



So titelten bundesdeutsche Zeitungen nach dem Wahlergebnis in Griechenland: "Die Berichterstattung in den deutschen Medien zur Wahl in Griechenland war nur peinlich", meint dazu der griechisch-schwäbische Professor Athanasios Marvakis. Der in Thessaloniki lehrende Psychologe war am 8. Juli - also einen Tag nach der Wahl - in Stuttgart und stellte auf einer Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung seine Sicht der Dinge dar. 
 
Professor Athanasios Marvakis Universität Thessaloniki (rechts)
Die Niederlage Tsirpas und Syrizas sei nicht so deutlich ausgefallen, wie es alle Medien - in Griechenland und Deutschland - prophezeit hätten. Zusammengerechnet erreichten die Nea Demokratia (ND) mit der neu im Parlament vertretenen rechtsnationalistischen Elliniki Lysi knapp 44% der Wählerstimmen, die Mitte-Links-Parteien (Syriza, Sozialdemokraten, Kommunisten und Diem 25) bekamen dagegen zusammen über 48%. Nur das spezielle Wahlsystem Griechenlands, das der Mehrheitspartei zusätzlich 50 Parlamentssitze überlässt, hat der ND zur absoluten Mehrheit verholfen - nicht die Mehrheit der Wähler. Außerdem, so Marvakis, hätten Jüngere und Arbeitslose mehrheitlich für Syriza gestimmt. Mit ihren Prognosen seien die Printmedien und der Privatfunk in Griechenland dem Wunschdenken als der Realität gefolgt. Deren Hass auf Tsipras rühre vor allem daher, dass Syriza die Besitzer der Kommerziellen Rundfunksender dazu verdonnert hatten, endlich Steuern zu zahlen. Jahrzehntelang hätten die Kommerzfunker in Griechenland ohne jegliche Lizenz gesendet, das wollte Tsipras ändern.  

Chios 2018


Erleichtert äußerte sich Marvakis, dass die Nazi Partei Chrysi Avghi (GoldeneMorgenröte) den Einzug in das Parlament - wenn auch nur knapp - verfehlt hat. Derzeit gehen die Prozesse gegen die Führung der Partei wegen diverser Verbrechen dem Ende entgegen. Da die angeklagten Parlamentarier nicht mehr über die Immunität verfügen könnten und auch die Mittel vom Parlament wegfallen, bringe die Neonazis und die ihrer Abgeordneten-Immunität verloren gegangenen Angeklagten jezt in Schwierigkeiten. Das Geld für die Prozessführung versiegt. Die Nea Demokratia habe mit ihren knapp 40% Wählerstimmen Konservative und Rechte wieder auf sich vereinen können. Das werde aber sicherlich noch interne Probleme zwischen den Flügeln mit sich bringen, meint der Professor aus Thessaloniki. Auf der anderen Seite hätten auch viele Autonome und Anarchisten Syriza gewählt - als kleineres Übel. Sie fürchten unter der neuen Regierung für die Polzie und Sicherheitskräfte einen Freibrief für Angriffe. "Das Bipolare System in Griechenland hat sich erneuert, Rechte gingen zur ND, Linke haben sich aber nicht der Pasok-Nachfolgepartei zugewandt, sondern sind bei Syriza geblieben", sagt Marvakis. Dabei sei die Pasok-Nachfolgepartei letzlich froh darüber, dass die ND keinen Koalitionspartner brauche, dass hätte für die Rest-Sozialisten sicherlich zu einer Zerreisprobe geführt. 

Was bedeutet das Ergebnis für die Linke in Griechenland? Trotz Wahlpflicht - die die Hellenen ignorieren - haben nur knapp 50% der Griechen gewählt. "Andere kandidierende linke Parteien waren absolut Chancenlos und landeten im Null-Komma-Bereich und die Kommunisten kamen auf ihr übliches Ergebnis um 5%", konstatiert Marvakis. Neu im Parlament sei die Gruppe Diem 25 mit dem ehemaligen Syriza-Finanzminister Yanis Varoufakis, um den sich Linke, Liberale, aber auch Antikommunisten geschart häten. 

Warum hat Syriza verloren? Nicht zuletzt auch weil sie keine einheitliche Partei sei und Strukturen entwickelt habe, kritisiert Marvakis. "Syriza ist entstanden als Sammelsurium aus 18 verschiedenen linken Sekten". Daher habe sie sich letztlich zumTsipras-Wahlverein entwickelt. Gleichzeitig habe die Regierung durchaus etwas für die Ärmsten getan, zwei Millionen Menschen hätten eine Gesundheitsversicherung erhalten. 

Zum Thema Flüchtlinge meinte Marvakis kritisch: "Griechenland verdient daran", mittlerweile gebe es Pushbacks an der Landgrenze zur Türkei, die von paramilitärischen Gruppen durchgeführt würden. Hier zeige sich auch in Griechenland der 'Tiefe Staat', damit bezeichnet man die Verquickung staatlicher Organe mit antidemokratischen rechten Organisationen, die geheim arbeiten. Gleichzeitig habe schon die Syriza Regierungen Flüchtlinge aus der Türkei unterschiedlich behandelt, Anhänger der Gülen-Bewegung seien deutlich besser behandelt worden, als etwa verfolgte Kurden oder Linke. (Man erinnere sich, Griechische Regierungen - Konservative wie Pasok - gewährten lange dem PKK-Chef Öcalan Asyl, bis man mit der Türkei auf Entspannungskurs ging).  

Syriza ein linker `'Mini Market'?! (Chios 2017)
Für Marvakis ist klar: In Griechenland herrschen immer noch die Familienclans - Mitsotakis (ND) oder Papandreu (Pasok). Es sei Tsipras in der kurzen Regierungszeit nur nicht gelungen, ein ähnliches System herauszubilden. Dabei habe sich Syriza zunehmend dem angenähert, im Gegensatz zu ND oder Pasok habe sie aber nicht genügend Posten zu verteilen gehabt. Hat Syriza die Protestbewebungen domestiziert? Marvakis meint nein, diese hätten sich bereits vor dem EU-Kniefall Tsipras weitgehend aufgelöst. Es habe während der Regierungszeit keinen Druck von der Staße auf Tsipras gegeben. Syriza ihrerseits sei durch die Bewegungen an die Macht gekommen, habe aber keinen Kontakt zu ihnen gewollt. Trotzdem seien Freiräume entstanden, etwa für die Flüchtlings-Initiativen: "Man überlege nur, was unter einer konservativen Regierung an den Grenzen und in den Camps passiert wäre", gab Marvakis zu bedenken. 

Griechenland sei ein sehr konservatives Land, das zeige die Macht, die die orthodoxe Kirche bis heute habe. Viele Griechen hofften auf einen starken Mann, der ihre Probleme löse. Parteiprogramme seien den Wählern egal - von ND bis Syriza. Die Selbstständigen hätten in der Schuldenkrise Syriza an die Macht gebracht, jetzt hätten diese traditionell wieder rechts gewählt. Tsipras habe den Fehler gemacht, mit einer Steuerreform die kleinen Unternehmen dazu zu zwingen, im Vorab für ein Jahr ihre Unternehmensteuern entrichten zu müssen - dass habe ihn Stimmen gekostet. 

Entgegen der Beschimpfungen der Medien, habe Tsipras beim Thema Nord-Mazedonien mehr herausgeholt, als alle Regierungen zuvor. "Der Deal ist aber ein Beispiel für griechischen Nationalismus - trotzdem ist diese Lösung besser als keine", betonte Marvakis. Griechenland geriere sich gegenüber den Nachbarländern als "lokaler Nationalist", zwinge ihnen seinen Willen auf. 

Ob es einen neuen Aufschwung der außerparlamentarischen Bewegungen unter der ND-Regierung geben wird? "Das kann niemand sagen, aber dass ohne Bewegung sich nichts positiv entwickelt ist klar!"

siehe auch: https://medienfresser.blogspot.com/2016/06/griechenland-ein-jahr-nach-dem-oxi-was.html 
und: https://medienfresser.blogspot.com/2015/03/griechenland-aufklarung-statt.html 
Radio Dreyeckland Freiburg Interview: https://rdl.de/beitrag/syriza-steht-auf-t-nernen-f-en?fbclid=IwAR2hKep1NqixIm5sD-ZApHI-IRCY18UK1d86NflAN1bTBtnJP3ETvXmPlrQ 
Linke abgewählt: In Griechenland kehrt eine alte Dynastie zurück an die Macht
Linke abgewählt: In Griechenland kehrt eine alte Dynastie zurück an die Macht
Linke abgewählt: In Griechenland kehrt eine alte Dynastie zurück an die Macht

Eingestellt von Philippe Ressing um 17:31 Keine Kommentare:

Mittwoch, 29. Mai 2019

SWR-Intendantenwahl 2019: 'It's a man's world'...




Kai Gniffke nach der Wahl
Erleichterung im Saal
Als am 23. Mai 2019 gegen 13 Uhr in Stuttgart das Ergebnis des zweiten Wahlgangs für den Intendantenposten beim Südwestrundfunk (SWR) bekannt gegeben wurde, reagierten viele im Saal überrascht und erleichtert. Die Rundfunk- und Verwaltungsräte hatten im zweiten Anlauf Kai Gniffke, Chefredakteur ARD-Aktuell (Tagesschau-Tagesthemen) gewählt. Immerhin hatten noch eine Stunde zuvor im ersten Wahlgang weder Gniffke, noch Stefanie Schneider, SWR-Landessenderdirektorin in Baden-Württemberg, die dazu nötige Mehrheit erreichen können. Das Wahlverfahren der Zweiländeranstalt SWR fordert für eine erfolgreiche Wahl nicht nur die Mehrheit aller Stimmberechtigten des gesamten Rundfunk- und Verwaltungsrates. Dazu ist auch die Stimmenmehrheit der
...zuvor Kopf an Kopf Rennen
Gremienmitglieder aus Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz erforderlich. Diese hatte aber im ersten Wahlgang keine Bewerber erreicht, Frau Schneider hatte aus Baden-Württemberg zwar die nötige Stimmenzahl erhalten, in Rheinland-Pfalz aber weit verfehlt. Umgekehrt hatte Gniffke dort breite Zustimmung erhalten, aber nicht genug Stimmen aus Baden-Württemberg bekommen. Sichtlich konsterniert hatten sich nach dem gescheiterten Wahlgang die Gremienmitglieder zu getrennten Beratungen zurückgezogen.
Das dauerte länger als gedacht, anstatt der geplanten 30 Minuten, brauchten sie mehr als eine Stunde, bevor der zweite Wahlgang erfolgen konnte. 

Erster Wahlgang gescheitert - Konfusion
Im Saal warteten derweil die Journalisten und einige SWR-Hierarchen und Redakteure und hatten Zeit zum Spekulieren. Auffällig war, das manche nicht überrascht waren. "Ich habe mir gestern Abend auf einen Zettel geschrieben, wie votiert wird und es ist jetzt genauso eingetroffen." kommentierte einer trocken. Nicht wenige rechneten sogar, dass auch der zweite Wahlgang scheitern würde. Ein Dritter wäre dann erst in sechs Wochen möglich gewesen - so schreibt es der Staatsvertrag vor. Mancher im Saal fragte sich, ob sich Gniffke das antun, oder das Handtuch werfen würde. 


Voll besetzte Pressebänke
 
Der SWR hatte für die Intendantenwahl groß aufgefahren, so wurde die Sitzung per life-stream im Internet übertragen. Erstmals waren auf der Pressebank die Plätze per Namensschild zugeteilt - sonst erscheinen höchstens ein bis zwei Medienvertreter zu den Sitzungen. Diesmal war rund ein Dutzend Berichterstatter im Saal, dazu Kamera- und Radioteams des SWR. Das Medieninteresse hatte eine einfache Ursache, hatte es doch im Vorfeld der Wahl öffentlich Auseinandersetzungen um das Verfahren und die Kandidatenkür gegeben. Nachdem der amtierende Intendant, Peter Boudgoust, im Dezember 2018 überraschend den vorzeitigen Rückzug vom Amt angekündigt hatte, war das Kandidatenkarussel medial in Schwung gekommen. Aus dem Haus hatten sich neben Schneider weitere Bewerber gemeldet, ein Findungsausschuss der SWR-Gremien hatte aber dem
Boudgoust und Büttner schauen zu

































Rundfunk- und Verwaltungsrat nur Gniffke und Schneider zur Wahl vorgeschlagen. Dagegen protestierte ein Gremienmitglied in der Presse, er verlangte ein Anhörung auch der anderen Bewerber. Der SWR-Verwaltungsdirektor Jan Büttner hatte dann seine Kandidatur schriftlich zurückgezogen und in einem Brief, aus dem in der Tagespresse zitiert wurde, die Zustände im SWR kritisiert. Demnach sei es auch 20 Jahre nach Gründung des SWR nicht gelungen, die Konflikte zwischen den verschiedenen Standorten zu lösen. 





'Einzug der Gladiatoren'.....


Auf der öffentlichen Sitzung des Rundfunk- und Verwaltungsrates erhielten beide Kandidaten die Gelegenheit, in fünfzehminütigen Statements ihre Bewerbung zu begründen. Kai Gniffke verzichtete auf das Stehpult, nahm sich ein Mikrophon und präsentierte sich als lockerer Anchorman. Dabei geht ihm durchaus der Ruf voran, im Umgang mit Mitarbeitern oftmals den "Harten Hund" und machtbewussten Macho zu geben. Zumindest war dies in zuvor in Presseberichten kolportiert worden. So kam mir bei seinem Vortrag der Verdacht, er habe zuvor beim Frühstück viel Kreide verdrückt, denn umgehend kündigte er an, als Intendant viel mit den SWR-Mitarbeitern reden und eine "gute Veränderungskultur" im Sender erreichen zu wollen. So müsse man auch mal Mitarbeiter in den Arm nehmen können, außerdem wolle er Führungspositionen im Sender paritätisch mit Frauen besetzen. Spannend - sind doch beim SWR beide Landessender-Direktorenposten mit Frauen besetzt. Gniffke kündigte weiter an, in Baden-Baden ein programmliches Kreativ-Center einrichten zu wollen: "eine Hexenküche für neue Formate", mit dort entwickelten Fiction Formaten wolle er auch Netflix Paroli bieten können. Gleichzeitig müsse die bisherige Aufgabenverteilung im Sender und zwischen den Standorten einer Prüfung unterzogen werden. Gniffke betonte, beim SWR-Fernsehen werde künftig effizienter gearbeitet werden, um Kosten zu sparen. Sein Credo: der SWR müsse mehr mit den Menschen reden, auch mit denen "die uns weghaben wollen." 

Stefanie Schneider - öffentlich immer etwas steif und trocken - stellte sich hinter das Stehpult und referierte. Sie konzentrierte sich in ihrem Vortrag auf ihre langjährige Kompetenz und ihre Verdienste: "Ich kennen den SWR, seine Stärken, seine Schwächen, seine Untiefen". Sie betonte, der SWR erreiche täglich mit seinen Radioangeboten sieben Millionen Hörer und mit dem Dritten Fernsehen drei Millionen Zuschauer. Deshalb sei der SWR ein starker Sender "und keine Klitsche!" Auch sie möchte ein Entwicklungslabor für neue Formate einrichten und die Kompetenzverteilung zwischen den Standorten diskutieren. Künftig müssten die permanenten Abstimmungsprozesse reduziert werden, dabei dürfe aber kein Standort "unter die Räder kommen" betonte die Landessenderdirektorin. Ihr Wunsch: Mehr Querdenker im SWR, um so die verschiedenen Kulturen im Sendegebiet erreichen zu können. Schneiders Credo: "Ich möchte in den nächsten Jahren mehr über Journalismus reden im Sender!" 


In - oder auf den Arm nehmen...?!

Wer nach den Bewerbungsreden mit einer lebhaften Diskussion gerechnet hatte, wurde enttäuscht, es gab nur wenige Nachfragen. Dabei hätte es genug Themen gegeben: Sparzwang, Arbeitsverdichung, Outsourcing, heimattümelnde Programmangebote im Fernsehen, keine Moderatoren mit Migrationshintergrund beim Südwestfernsehen. Der Grund für das vermeintliche Desinteresse der Gremienmitglieder lässt sich leicht erklären. Wie in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten üblich, gibt es politisch zugeordnete  "Freundeskreise". Sie tagen immer vor den Gremiensitzungen und hier werden Themen wie Postenvergaben diskutiert. Beim SWR gibt es davon Vier: Die Schwarzen (CDU-Nah), die Roten (SPD-Nah), Lila (Frauen) und Graue (Unabhänge). Darauf angesprochen meinte ein Gremienmitglied, die Kandiaten hätten dort zuvor ihre Vorstellungen präzisiert. Für diese - nichtöffentlichen - Sitzungen, stellt der SWR Räume zur Verfügung. Schon bemerkenswert, denn diese 'Freudeskreise' sind in keinem Staatsvertrag als Gremien vorgesehen.

Was lernen wir?


Schon bezeichnend, wenn beide Kandidaten einerseits eine offenere Diskussionskultur forderten, faktisch aber alles nichtöffentlich hinter verschlossenen Türen stattfindet. Transparenz sieht anders aus. Auf Nachfrage erklärte man mir, es sei nach der Wahl keine Pressekonferenz mit dem neuen Intendanten geplant. Darauf angesprochen meinte ein Mitglied der Geschäftsführung trocken: "Fordern Sie das doch ein!" 


Äffle und Pferdle - vom  Markenzeichen zum Garderobenständer...
Andererseits: Früher wäre eine Wahl noch geräuschloser über die Bühne gegangen, eine Konfusion, wie nach dem ersten Wahlgang, hätte es nicht gegeben. Ein Grund dafür ist, dass sich die Zusammensetzung der Gremien geändert hat, der staatliche Einfluss musste, aufgrund des ZDF-Urteils des Bundesverfassungsgerichtes, reduziert werden. Zu einer offenen Gesprächskultur nach außen hat das bisher nicht geführt. 

Erneut ist beim SWR ein Mann zum Zuge gekommen. Bezeichnenderweise hatte es zuvor Medienberichte gegeben, die über ein persönliches Zerwürfniss zwischen den beiden Landessenderdirektorinnen spekuliert hatten. Ja ja, typischer Zickenkrieg also, dass lässt sich medial gut verkaufen - so arm....Nie hat man bei der Wahl von Boudgoust oder seines Vorgängers Peter Voß - bekannt für seine herrische Art - in der Presse ähnliches lesen können.

Intendant Gniffke wird es nicht einfach haben, denn die SWR-Landessenderdirektoren haben viel Macht, ihnen unterstehen die Redaktionen für die getrennten Landesprogramme (Radio SWR 1, SWR 4 - Südwestfernsehen, Landesschau, Zur Sache). Die beiden Direktorinnen dürften Gniffke schnell klarmachen, dass er seine Pläne nicht ohne Kooperation mit ihnen umsetzen kann.


Und wo bleibt das Positive? Zumindest beim Catering hatte der SWR - diesmal wenigstens - von alten Traditionen Abstand genommen. Servierte man früher neben belegten Häppchen den bekannten schwäbischen Eintopf "Gaisburger Marsch", bekamen die Gremienmitglieder diesmal nach getaner Arbeit ein Multi-Kulti-Buffet - sogar an die Veganer unter ihnen hatte man gedacht...... 


Zm Nachlesen
SWR 2019: ...time to say goodbye 
Eingestellt von Philippe Ressing um 14:35 Keine Kommentare:

Sonntag, 21. April 2019

Chios 2019 - Frühling in Amani


Mitten in der trubeligen Innenstadt von Chios

Der Nordwesten von Chios - das Gebiet um den Berg Amani - gehört zu den schönsten
Grünes Volissos im April 2019
Regionen der Insel. Da hier nur etwa 800 Menschen leben, davon etwa 300 in der einstigen Kleinstadt Volissos, findet der Besucher noch viel unberührte Natur. Vor allem an der Nordküste gibt es ausgedehnte Waldgebiete und Buschlandschaften. Die Westküste der Region wird dagegen von einer kargen und sandigen Hügellandschaft geprägt. Im Sommer und Herbst ist es dort trocken, Braun- und Ockertöne beherrschen die Farbpalette. Kommt man aber im Winter und Frühling, überrascht Amani die Besucher mit frischem Grün und einer vielfältigen Blütenpracht. 




Blühende Oliven in sattem Grün
Inmitten der pulsierenden Inselhauptstadt blühen am Stadtpark Mandarinenbäume und verbreiten dort ihren betörenden Duft. Die meisten Touristen kennen vor allem den Süden von Chios. Sie besuchen im Kambos die Zitrus-Plantagen und alten Herrenhäuser. Die Region um die Dörfer Mesta und Pirgi ist von tausenden Mastixbäumen geprägt. Im 17.Jahrhundert schrieb der französische Reisende Pierre Augustin Guys über Chios: "Sogar ihr Name klingt aromatisch".  Er muss wohl während der Blüte der Zitrusbäume die Insel besucht haben.

Ob der Besucher aus dem fernen Frankreich damals auch den abgelegenen Nordwesten der Insel bereiste, ist nicht überliefert. Der Frühling beginnt hier oft schon im Dezember, die Regenfälle lassen überall frisches Grün aus dem Boden sprießen und im Februrar blühen die ersten Büsche und Blumen. Besucher sollten sich wetterfest anziehen, denn es kann immer mal empfindlich kalt werden mitsamt heftiger Regenstürme - das Klischee vom immer sonnigen Griechenland stimmt eben nicht so ganz. Das rauhere Klima liegt auch daran, dass der Inselnorden von zwei Berggebieten beherrscht wird, die zwischen 800 und über 1200 Metern hoch sind. Im Winter sieht man den höchsten Berg der Insel, den Pelineo, oft mit einer Schneehaube.

Der Natur im Nordwesten helfen aber die starken Regen im Winter, sie füllen die Wasserspeicher im porösen Vulkangestein für die trockenen und heißen Sommermonate. Wanderer profitieren im Frühling davon, dass die Sonnenstrahlen schon wärmen, aber der Wind oft noch kühl ist, was die Touren in den Bergregionen erleichtert. Seit Jahren bemühen sich hier rührige Initiativen um den Schutz gegen Waldbrände. Dazu beseitigen sie im Winter und Frühling das wuchernde Unterholz, das bei Feuer wie ein Brandbeschleuniger wirken kann. Andere Naturfreunde haben in den letzten Jahren alte Pfade und kleine Handelswege für Wanderer wieder begehbar gemacht. Seit kurzem weisen dazu auch in Amani kleine Schilder den Weg durch die Berglandschaft. Im Norden der Region hat man beim Wandern oft einen wunderbaren Blick auf die Nordägäis, die Nachbarinsel Psara und an klaren Tagen sogar bis nach Mytilini (Lesbos).

Das Geisterdorf im Frühling
Der Frühling 2019 war aber nicht nur beschaulich, an einem Morgen ankerten in der Bucht große Landungsschiffe der griechischen Marine, es war mal wieder Manöverzeit - am Straßenrand parkten Panzer aus deutscher Produktion. Zum Glück war das Spektakel nach einem Tag wieder vorbei und die Natur hatte wieder ihre Ruhe. Demnächst sind auf Chios Wahlen, es geht um den Insel-Bürgermeister. Unsere Freunde gaben sich einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen hin - dem Schimpfen über die Politiker. Vor allem in abgelegenen Regionen wie Amani fühlt man sich abgehängt. Manche sehnen sich zurück, als es vor einigen Jahren noch dezentrale Bürgermeister in den Orten und Regionen gab. Ob es damals besser war, ist aber mehr als fraglich. So findet man um Volissos herum überdimensionierte Straßenkreuzungen, die von großen Straßenlampen grell beleuchtet werden. Aus der Ferne denkt man, dass sich dort ein Dorf befindet. Diese luxuriös beleuchteten Kreuzungen verdankt der Nordwesten dem einstigen Ortsvorsteher von Volissos - nun ja. Die seit vielen Jahren schwierige wirtschaftliche Lage im Nordwesten von Chios macht ein Besuch im
Abendstimmung in Volissos
Geisterdorf Palia Potamia deutlich. Ungesundes Klima und mangelnde Arbeit ließen in den 1960er Jahren viele Menschen die Region verlassen. Manche leben heute in dem an der Hauptstraße gelegenen Dorf Nea Potamia. Zu besonderen Festtagen treffen sich die Bewohner in der Kirche des verlassenen Dorfes, die sie pflegen und restaurieren. 


In den letzten Jahren tut sich etwas im Nordwesten von Chios. Vor Ort versucht man Arbeitsplätze zu sichern oder neue zu schaffen - auch um Touristen anzulocken. So hat eine rührige Initiative das Thermalbad in Aghiasmata wiederbelebt. Hier können Besucher im mineralisierten Wasser liegen, das warm aus den Tiefen des Vulkangesteins kommt. An Wochenenden kommen Inselbewohner, aber auch Touristen aus der benachbarten Türkei, um ein Bad im Mineralwasser zu nehmen. Es gibt vieles zu entdecken in der Region Amani: Reste einer Siedlung der Bergleute, die einst hier Antimon abbauten; die Weingüter Arousios und Kefalas; die Höhlen von Aghio Ghalas, der kilometerlange Managros-Strand oder die byzantinische Festungsruine von Volissos. Vor allem aber bietet Amani viel Natur - gerade im Frühling. Wer nach Chios kommt, sollte auf keinen Fall den Besuch des Nordwestens versäumen - wenn die Natur mit ihrer Farbenpracht zum Besuch einlädt!





Alle Fotos Copyright beim Autor - Verwendung nur mit Genehmigung zulässig


Eingestellt von Philippe Ressing um 11:27 Keine Kommentare:

Mittwoch, 13. Februar 2019

SWR 2019: ...time to say goodbye



Intendant Boudgoust, Stefanie Schneider (r) Anja Görzel (PR), Simone Schelberg (l)
"So gut hatten wir es noch selten" sagte am 1. Februar in Stuttgart Peter Boudgoust, Intendant des Südwestrundfunks (SWR). Es war seine letzte Programm-Pressekonferenz, denn im Juni scheidet er vorzeitig aus dem Amt. Eigentlich dient die Jahrespressekonfernz des SWR dazu, die Programmangebote für die nächste Saison zu präsentieren. Diesmal fokussierte man aber darauf, wer wo saß, wer da war und wer fehlte. Seitdem Boudgoust im Dezember 2018 überraschend seinen Rücktritt für den Juni 2019  verkündet hatte, brodelt die Gerüchteküche. Spekulationen der Tagespresse haben die beiden Landessenderdirektorinnen des SWR ins Gespräch gebracht, Simone Schelberg in Rheinland-Pfalz und Stefanie Schneider in Baden-Württemberg. Die politischen Machtverhältnisse in den Landesregierungen von Rheinland-Pfalz (SPD, FDP, Grüne) und Baden-Württemberg (Grüne, CDU) könnten erstmals die jahrzehntelange Dominanz der CDU bei der Intendantenwahl zurechtstutzen. Eine einmalige Chance, die sich so schnell für Grüne und SPD nicht wieder bieten dürfte.  

Aktuell: Am 11.März teilte der SWR mit, dass zwei Kanidaten zur Wahl stehen: Stefanie Schneider und der ARD-Aktuell (Tageschau-Tagesthemen) Chefredakteur Kai Gniffke.

Interessenten können sich bis zum 1. März 2019 bewerben, gesucht wird laut Stellenausschreibung "eine starke, authentische Persönlichkeit mit Entscheidungskraft, Führungserfahrung, sozialer Kompetenz und stark ausgeprägten analytischen, strategischen und kommunkativen Fähigkeiten" die außerdem "mit der Arbeitsweise öffentlich rechtlicher Rundfunkanstalten vertraut" sein solle. Das lässt dann doch eher auf eine 'Inhouse-Lösung' schließen und so fixierte ich mich bei der Pressekonferenz weniger auf die Programminhalt als auf die Sitzordnung auf dem Podium. 

Im Visier.....
Hatte im Vorjahr Frau Schelberg gefehlt, rahmte sie diesmal mit ihrer Kollegin Schneider den scheidenden Intendant ein. Dafür waren die beiden Direktoren, Christoph Hauser (Information-TV) und Gerold Hug (Kultur-Hörfunk) an den Rand gerückt - sie dürften bei der Intendantenwahl auch keine Rolle spielen. Die Situation erinnerte mich an die Kaffeesatzleserei bei den Kundgebungen auf dem Roten Platz zu Sowjetzeiten:  Wer stand auf dem Lenin-Mausoleum neben dem ZK-Chef und wer fehlte? Was bedeutete das für die Machtverhältnisse? Aber gemach, der SWR ist ja nicht nicht das ZK der KPdSU, sondern eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt. 

Aber Spekuliert wird auch beim SWR, denn bisher hat niemand offiziell seinen Hut in den Ring geworfen. Frau Schelberg könnte als neue Intendantin einen Teil der Arbeit am Abendbrottisch mit ihrem Ehemann erledigen, ist sie doch mit dem Personalchef des SWR verheiratet. Andererseits kann Frau Schneider darauf hoffen, dass die machtbewussten Baden-Württemberger die Nachfolge aus dem Ländle wollen. Ob der eher blass wirkende Verwaltungsdirektor Jan Büttner eine Chance hätte - unbekannt. Immerhin war Boudgoust ja auch einst Chef der SWR-Verwaltung, bevor er Peter Voß als Intendant ablöste.

Und der SWR, geht es ihm wirklich so gut wie selten? Das TV-Landesprogramm für Baden-Württemberg (18-20 Uhr) litt im letzten Jahr unter schlechten Zuschauerzahlen, das hatte sogar Auswirkungen auf die zentrale Nachrichtensendung "Baden-Württemberg Aktuell" (19.30). In der unterhaltend ausgerichteten abendlichen Magazinsendung der Landesschau Baden-Württemberg (18.45-19.30) werden nicht nur zur Sommerzeit bereits gesendete Filme wiederholt. Weiteres Sorgenkind ist die gemeinsame mit Rheinland-Pfalz bestückte TV-Sendestrecke am Vorabend (18.15-18.45). Allüberall herrscht der Rotstift, daher werden auf allen Kanälen oft dieselben News verbreitet, im Radio werden Beiträge mit O-Tönen gesendet, die aus TV-Berichten stammen - für mich ein Anlass zum Ab- oder Umschalten. Vielfalt sieht anders aus, aber beim SWR scheint man vor allem die Ressourcen in den Online-Sektor zu stecken.

Auch der Versuch eines "ARD-Tatorts" mit improvisierten Dialogen ("Babbeldasch" mit Ulrike Folkerts) war nicht erfolgreich, denn SWR-Programmdirektor Christoph Hauser meinte, dieses "Experiment" werde es beim SWR so schnell nicht wieder geben. Dagegen bleibe die Schwarzwald-Familienserie "Die Fallers" das bei den Zuschauern im Sendegebiet erfolgreichste Programm des SWR-Fernsehens. Im Ferbruar feierte man das 25-jährige Jubiläum der Soap - mit der 1000. Folge. Auf das Ende der "Lindenstrasse" angesprochen, meinte Hauser, die Serie habe sich überlebt und an gesellschaftlicher Relevanz verloren und fügte hinzu, auch das britische Vorbild "Coronation Street" gebe es nicht mehr. Da irrt Hauser: Die seit 1960  vom Privatsender ITV ausgestrahlte Serie ist immer noch auf Sendung.  

Aber beim SWR hat man ja auch ganz anderes im Visier, Multimediale Verbreitung heißt die Devise. "Bei immer mehr Angeboten wird deutlich, wie sich  der SWR für seine Nutzerinnen und Nutzer umbaut" heißt es dazu vollmundig im Pressetext. Frau Schelberg präsentierte das webbasierte Online-Angebot "SWR Heimat", in dem Menschen in einminütigen TV-Clips über ihren Alltag berichten. Man wolle so weg vom Terminjournalismus, hin zu den Menschen, erläuterte die Landessenderdirektorin aus Mainz. Das Angebot richtet sich an jüngere Menschen und wird daher über das Internet verbreitet, dazu biete man Online-Plattformen für Städte und Tourismus der Region eine Kooperation an. Nachgefragt, ob das nicht eher auf eine 'Heile-Welt-PR' hinauslaufe, betonte Boudgoust, es gebe keine Zusammenarbeit mit Städten und Tourismus. Sie hätten keinen Einfluss auf die Inhalte und könnten das SWR-Angebot nur auf ihren Sites verlinken. Nun ja....

Der SWR will jünger und smarter werden, daher wurde auch der neue Anchorman der Nachrichtensendung "Baden-Württemberg-Landesschau-Aktuell", Georg Bruder vorgestellt. Er löst den im Sommer in Ruhestand gehenden Moderator Dieter Fritz ab, der ein Präsenter der 'alten Schule' war. Seriös aber auch immer etwas trocken, war er jahrzehntelang 'das Gesich' der Nachrichtensendung im Ländle. Mittlerweile sind Moderatoren gefragt, die lockerer wirken und Politikern im Studio beim Interview auch mal auf die Zehen treten können. Zu seinem Selbstverständnis gefragt, meinte Georg Bruder jedenfalls, er sehe sich als Stellvertreter einer starken journalistischen Redaktion und wolle sich authentisch präsentieren.  Abwarten.

Boudgoust wollte bei der letzten Programmpressekonfernz den Eindruck hinterlassen, er überlasse dem/der Nachfolger/Nachfolgerin ein bestelltes Haus. Er zeigte sich überzeugt davon, dass der SWR den organisatorischen- und multimedialen Umbau erfolgreich umgesetzt habe.
Eingestellt von Philippe Ressing um 12:10 Keine Kommentare:

Freitag, 4. Januar 2019

Chios 2018 - Weihnachten: Weiß, Grün, Orange

Der Pelineo (1297m)


"Es ist nie kalt in Griechenland", so heißt es in einem Song der auch bei uns bekannten Athener Band Locomondo. Nun ja, so ganz stimmt das nicht, Weihnachten 2018 wurde es im Norden der Insel Chios jedenfalls wieder mal ganz schön frostig. Der höchste Berg der Insel, der Pelineo mit fast 1300 Metern, begrüßte uns mit einer weißen Schneehaube unter Wolken. Näher zur Küste wurde es dann deutlich milder und bei Sonne konnte man windgeschützt ein kleines Sonnenbad nehmen. 

Direkt vor dem Balkon unserer Unterkunft, im nordwestlich der Insel gelegenen Dorf Volissos, entdeckten wir eine Staude mit grünenden Bananen. Im Dorf gaben sich die Einwohner wieder alle Mühe, den Ort weihnachtlich zu schmücken. Nach Einbruch der Dunkelheit erstrahlten überall die Lichter - vorneweg das Fischerboot, das am Platz vor der zentralen Kirche stand.

Kleine und große Schiffe sind auf Chios ein Symbol für das neue Jahr. Erst am 1. Januar gibt es in Griechenland die Geschenke. Den Nachbarn wird am Neujahrstag ein Schiffchen als Symbol für ein glückliches Jahr überreicht. So feiern die Chioten, denn die Insel lebt ja seit Jahrhunderten von der Seefahrt. Der bei uns in Nordeuropa so wichtige Heilige Abend am 24. Dezember spielt in Griechenland dagegen keine besondere Rolle.  Erst einen Tag später wird gefeiert - daheim und auch außerhalb. Marianna erzählte uns beim Essen, wie sie einst über Weihnachten mit Freunden nach Wien gereist sei. Sie sei völlig überrascht gewesen, dass sie nirgendwo am späteren Abend noch ein offenes Restaurant finden konnten. Dazu muss man wissen, dass Griechen eigentlich erst so gegen 22 Uhr  Essen gehen - während dann bei uns die meisten Küchen bereits geschlossen sind.

Ach ja und eine traurige Neuigkeit gibt es zu vermelden. Unsere Freundin Despina hat ihre Taverne in Mesta aufgegeben und ist mit ihrem Sohn nach New York ausgewandert. Es macht traurig und zornig zugleich, dass nach zehn Jahren Krise so viele Menschen Griechenland verlassen müssen, um überleben zu können. Despina, Marianthi und  Evghenia bleiben tief in unserem Herzen.



Auf jeden Fall lassen sich die Menschen auf der Insel während der Feiertage bis ins neue Jahr gut gehen. Überall wird gekocht und weihnachtlich gebacken - nicht zu süß aber heavy! Als wir am Heilig Abend zu unseren Freunden Georgios und Marianna fahren wollten, klopfte es an die Tür unseres Apartments. Vor der Tür stand Michalis, unser Vermieter (Lydia Lithos Homes), in der Hand hielt er zwei Teller mit Weihnachtsleckereien. Ich war so gerührt und bedankte mich mit Händen, Lachen und Gesten - man verstand sich. So fühlten wir uns für die Feiertage mit Süßem gut versorgt.

Volissos ist für uns der ideale Ort um der Weihnachtshektik und dem grellen Geschenkerummel bei uns zu entkommen. Kurz vor unserer Abreise sah ich in Stuttgart eine Plakatwerbung, die alles auf den Punkt brachte: Das Wort 'Sale' bildete die Form eines Weihnachtsbaumes - Konsum, das ist von Weihnachten geblieben... In unserem kleinen Dorf konnten wir die Feiertage ohne großen Spektakel verbringen, mit Freunden, Lachen und gutem Essen. Die Dorfbewohner schmückten Plätze und Häuser zwar mit vielen Lichterketten, aber insgesamt ging es sehr ruhig zu. Dagegen zeigte unser Besuch der Inselhauptstadt, dass es den bei uns üblichen Vorweihnachtsstress auch hier gibt. 

Bald neues Leben im Kinopalast?!
Diejenigen, denen es auf der wohlhabenden Insel gut geht, stürzten sich in den weihnachtlichen Konsumrummel, die Geschäfte waren voll. "Die kaufen wie verrückt", sagte unsere Freundin Natalia, die in einem Spielzeugladen arbeitet. Allerdings bemerkten wir beim Bummel durch die weihnachtlichen Gassen der Hauptstadt an vielen Stellen leerstehende Geschäfte. Viele Besitzer haben den Kampf gegen die zehn Jahre dauernde Krise verloren und aufgeben müssen. Dagegen verbreiten sich in der Fußgängerzone, der Aplotarias, immer mehr Boutiquen und Ladenketten mit ihrer Einheitsware.

Weihnachtlicher Straßenschmuck
Auch unser Freund George musste nach langen Jahren  letztes Jahr sein Geschäft für Haushaltswaren schließen. Seine Freude ist das neue Hotel 'Chios City Inn', das sein Sohn im Sommer nahe am Hafen eröffnet hat. Genau das bewundern wir bei vielen Freunden hier, sie lassen sich nicht unterkriegen und haben immer neue Ideen! Allerdings breitet sich mit den Ladenketten und Boutiquen von der Stange die Eintönigkeit in der City aus, die wir in Deutschland schon lange kennen. Gleichzeitig bemüht sich die Stadt allerdings, ihre Sehenswürdigkeiten  herauszuputzen. So wird in der alten Zitadelle eifrig an der Restauration der venezianischen Mauern gearbeitet, zur Meereseite sind sie bereits fertig und bieten einen Blick auf die nahegelegene türkischen Küste bei Cesme. Über eine Nachricht haben wir uns sehr gefreut: Das seit Jahren leerstehende alte Kino am Hafen, erbaut in den 1930er Jahren im Art-Deco-Stil, soll renoviert werden. Der Inselbürgermeister hat erreicht, dass das verfallene Gebäude saniert und später als Kulturzentrum mit Ladengeschäften wiedereröffnet werden kann. Dafür wurden jetzt die Mittel bereitgestellt, bleibt abzuwarten, wann und wie das gelingen wird. 



Mai 2015
Die provisorischen Zeltlager für Flüchtlinge sind verschwunden, wo noch 2015 Menschen im Stadtzentrum am Stadtpark kampierten, wurde jetzt Weihnachtsstimmung geboten - für mich hatte das auch einen etwas bitteren Beigeschmack. Die Flüchtlinge sind ja nicht weg, man hat sie nur in ein Camp im Südosten der Insel transportiert. Per Bus-Shuttle können sie in die Inselhauptstadt fahren, müssen dann aber wieder zurückkehren. Mich deprimierte der Anblick heimatloser Familien,
Dezember 2018
die mit ihren Kindern im Stadtzentrum durch das nasskalte Wetter liefen - es ist beschämend für ganz Europa! Auf Chios leben heute immer noch rund 2500 Flüchtlinge und fast jeden Tag erreichen Boote vom türkischen Festland die Insel. (Stuttgart beherrbergt weniger als 7000 Flüchtlinge, gemessen an der Einwohnerzahl von Chios, müssten es 25 000 sein). 


Zwar werden mittlerweile Frauen und Kinder von Chios auf das griechische Festland gebracht, die Zustände im Lager sollen aber weiterhin unerträglich sein. Zurück bleiben vor allem diejenigen, die keine Chance auf Asyl haben, sie dürfen die Insel nicht verlassen. Kein Wunder, wenn sich da bei Inselbewohnern und Asylsuchenden zunehmend Aggression ansammelt. Aber weder die Regierung in Athen, noch in Deutschland interessiert das. Auf der Insel sieht es aktuell optisch nett und aufgeräumt aus und immer noch bemühen sich Freiwilige von Nichtregierungsorganisationen (NGO) um die Flüchtlinge. Das Lager im Süden ist hermetisch abgeriegelt - kein Zutritt. Im Hafen ankern derzeit noch Schiffe der griechischen Küstenwache und der Marine, die ausländischen Boote waren nicht zu sehen - anscheinend wohl auf 'Weihnachtsurlaub'... Ich kann mittlerweile nicht mehr ungetrübt die Faszination des wildbewegten Meeres zwischen Chios und der türkischen Küste genießen. Sofort muss ich an die Schlauchboote denken, die versuchen, bei jedem Wetter das europäische Festland zu erreichen. Aktuell meldeten die Vereinten Nationen, dass 2018 fast 2300 Menschen die versuchte Überfahrt über das Mittelmeer nach Europa mit dem Leben bezahlt habe. Und das verkauft man dann noch als Erfolg! Im Jahr davor hatte man fast 3250 Opfer gezählt. Weihnachtliche Freude konnte da bei mir nur begrenzt aufkommen. Aber Schönheit und Tragik liegen eben nah beieinander....

One member of the NGO Pro Asyl in Germany visited the camp in Chios - terrible!
https://www.proasyl.de/news/chios-wenn-man-da-reingeht-und-die-situation-mit-eigenen-augen-sieht-dann-ist-das-so-krass/?fbclid=IwAR1agWnmyGAcVrus7gPSYIiHM-Vmjzd_5t7Nyf7SN9vQIqxmjcOWPt9b0_c 


Da wir dem urbanen Weihnachtsrummel entgehen wollten, fuhren wir wieder mal in den Kambos. Das Plantagengebiet für Zitrusfrüchte im Süden der Inselhauptstadt ist immer ein Erlebnis. Inmitten der alten Herrenhäuser und hinter den Mauern aus rötlichem Sandstein von Thimiana standen überall Bäume an denen Orangen, Mandarinen und Zitronen hingen. Der Regen der letzten Tage hatte überall auf der Insel frisches Grün aus dem Boden sprießen lassen, Für uns Nordeuropäer, die im Winter an kahle Bäume und schmutziges Braungrau gewöhnt sind, war das einfach schön. Dabei sind auch Sommer und Herbst attraktiv, mit ihren Braun- und Ockertönen, die in dieser Zeit die Inselfarben prägen. 



Wir fühlten uns in der Cafeteria des kleinen Zitrusmuseums im Kambos wohl, aber bald zog es uns wieder in die ruhige Einsamkeit des Insel-Nordwestens zurück. Zwar blieb das Wetter kalt, aber es war trocken und so konnte man durch die Natur wandern und die Schönheit des Inselnordens voll genießen. Wenn die Sonne herauskam, wurde es angenehm warm und wir konnten bis zur Nachbarinsel Psara blicken, in der Ferne erkannte man sogar Mytilini. 

Körperliche Bewegung war mehr als angebracht, denn wir ahnten schon, was unsere Freunde George und Marianna für kulinarische Überraschungen für uns vorbereitet hatten - sie sind wahrlich maitres des cuisines und es macht Spaß zuzuhören, wenn sie die Zubereitung erklären. Am schönsten an den abendlichen Vergnügen am Kamin, war die unkomplizierte Art und Weise. Da gab es keine weihnachtlichen Kleiderordnung, man vergnügte sich beim Essen, tauschte deutsch/griechischen Tratsch und Klatsch aus und ließ es sich einfach gut gehen. Und deshalb gibt es zum Schluss nur Bilder ohne Worte mit den Köstlichkeiten, die uns aufgetischt wurden. (Ziege, Spanferkel, Stallhase, Risotto, Zuppa Inglese, Gebäck).  

Vielen Dank George und Marianna!  

Σας ευχαριστούμε πολύ






 

Siehe auch: https://medienfresser.blogspot.com/2018/01/chios-2017-weihnachts-impressionen.html
Eingestellt von Philippe Ressing um 17:50 Keine Kommentare:
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